Ich sitze auf dem Wohnzimmerteppich und schüttele meinen Kopf im Takt zu Child in Time von Deep Purple, bis mir ganz anders wird und ich nicht mehr unterscheiden kann, wo oben und unten ist. Mein Vater fragt mich, ob da ein Eunuch singt, und das verzeihe ich ihm nie. Ich gehe auf mein erstes Konzert, Pink Floyd in der Stadthalle. Eine Hummel brummt im Sensurround rings um den ganzen Raum, und alle sind überwältigt von diesem neuartigen Hörerlebnis. Ich bin es nicht, aber rede von nun an auch nur noch davon. Ich kaufe mir meine erste LP, Atom Heart Mother von Pink Floyd, das Albumcover zeigt eine schwarzweiße Kuh auf grüner Wiese. Jeden Morgen stehe ich auf, setze noch im Halbschlaf den Tonarm auf die LP, putze mir die Zähne zu dem legendären Intro, dem Geräusch eines Spiegeleis, das in der Pfanne brutzelt.

LPs sind teuer, ich kann mir nur wenige leisten. Besitze die Rolling Stones, Jimi Hendrix, Allman Brothers, Janis Joplin, John Mayall und Crosby,

Mit Herzklopfen sitze ich vor dem Radio und zittere, dass eine der Schwestern dazwischenruft und die Aufnahme ruiniert. Elvis Presley singt In The Ghetto. Er klingt altmodisch, er ist schon zu alt, wir hören seine Musik nicht mehr. Wer in und out ist, wird nicht diskutiert, das atmet man

Ich finde meinen Mann, und er findet mich. Pilgere mit ihm zum Grab von Jimi Hendrix in Seattle, wir stellen ihm eine Dose Budweiser aufs Grab. Mein Mann ist auf dem Land aufgewachsen, es gibt Fotos von jungen Frauen in kurzen Röcken, die scheu hinter langen Haaren zu ihm aufblicken. Hinter ihnen steht ein Plattenspieler, daneben liegt das Cover von Are You Experienced.

Ich bin sechzehn und versehentlich auf eine Party mit alten Leuten um die dreißig geraten. Das Album Sticky Fingers von den Stones ist gerade herausgekommen. Jahre später lerne ich einen Mann kennen, der behauptet, er habe die Idee mit dem Reißverschluss auf dem Cover gehabt. Jeden Song auf der LP kann ich auswendig singen. Ich finde es unmöglich, dass so alte Leute meine Musik hören. Ein Dreißigjähriger will mit mir tanzen, ich bemitleide ihn für sein Alter, seine desillusionierten Augen. So alt möchte ich nie werden.

Und dann werde ich selbst bald dreißig. Ich höre jetzt Bob Dylan, Bruce Springsteen und Van Morrison. Immer wieder Van Morrison. Ich fahre von München nach Berlin durch die Nacht, die Fenster offen, die Musik so laut aufgedreht, dass das ganze Auto scheppert. Das Herz möchte mir aus der Brust springen vor Lebenslust und Freiheitsdrang. Dieses Gefühl bestimmt alle meine Bewegungen. Die Kassetten verwickeln und verheddern sich, die

Ich tanze im Schnee in Berlin auf der Straße vor dem Kino, in dem gerade mein erster Film läuft, und höre auf dem Walkman Into The Music. Van Morrison übertönt mein Herzklopfen, ich tanze die 89 Minuten, die mein Film lang ist, durch und weiß, dass es niemals schöner sein kann als jetzt, in diesem Augenblick.

Ich sehe Patti Smith auf kleinen Konzerten, sie trägt weiße Bänder an den Handgelenken, als habe sie versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Jeden Morgen tanze ich zu Horses, ich bin unglücklich verliebt und schüttele mir den Liebeskummer aus dem Körper. Jesus died for somebody’s sins, but not mine, brülle ich, so laut ich kann. Ich wohne in

Fast vierzig Jahre später sehe ich Patti Smith in Los Angeles wieder. Sie hat silbergraues Haar, ansonsten ist sie noch ganz die alte. Ihr Sohn spielt in ihrer Band. Sie nuschelt etwas von Rimbaud vor sich hin, was bei ihr immer wie »Rambo« klingt. All die alten Fans sind aus ihren Löchern gekommen, alte Hippies, Punks und der ganze Rest. Wir sehen ein wenig derangiert und verknittert aus, als hätten wir zu lange in einer Schublade ganz weit hinten gelegen. Wir schütteln uns den Staub aus Klamotten und Gelenken und staunen, dass wir immer noch da sind.

Schreib über MusikSchreib über Musik. Wann hast du was gehört? Welche Musik hat dich begleitet? Welche Musik bringt dich jetzt noch zurück in andere Zeiten? Wer bist du, wenn du die Musik von früher hörst? Wo bist du?

Schreib übers TanzenSchreib übers Tanzen.