Ich sitze auf dem Wohnzimmerteppich und schüttele meinen Kopf im Takt zu Child in Time von Deep Purple, bis mir ganz anders wird und ich nicht mehr unterscheiden kann, wo oben und unten ist. Mein Vater fragt mich, ob da ein Eunuch singt, und das verzeihe ich ihm nie. Ich gehe auf mein erstes Konzert, Pink Floyd in der Stadthalle. Eine Hummel brummt im Sensurround rings um den ganzen Raum, und alle sind überwältigt von diesem neuartigen Hörerlebnis. Ich bin es nicht, aber rede von nun an auch nur noch davon. Ich kaufe mir meine erste LP, Atom Heart Mother von Pink Floyd, das Albumcover zeigt eine schwarzweiße Kuh auf grüner Wiese. Jeden Morgen stehe ich auf, setze noch im Halbschlaf den Tonarm auf die LP, putze mir die Zähne zu dem legendären Intro, dem Geräusch eines Spiegeleis, das in der Pfanne brutzelt.
LPs sind teuer, ich kann mir nur wenige leisten. Besitze die Rolling Stones, Jimi Hendrix, Allman Brothers, Janis Joplin, John Mayall und Crosby, Stills, Nash and Young. Eine einzige Single, I am free, die ich von morgens bis abends spiele und singe und summe, als Antwort auf alles, auf jede Frage, womit ich meine Eltern in den Wahnsinn treibe. Ich sitze vor einem Transistorradio und nehme die Hitparade auf einem Kassettenrekorder auf, den Jahrzehnte später nur noch Hellseher und Medien benutzen, um mit dem Jenseits Kontakt aufzunehmen. Ich führe Gespräche mit ihnen für einen Artikel, den ich schreibe, allesamt schwören sie auf dieses alte Modell. Keiner von ihnen wird imstande sein, mich mit den Toten in Verbindung zu setzen oder mir die nur wenige Monate entfernte Tragödie in meinem Leben vorherzusagen. Sie schieben den Schalter nach rechts und nach links, halten an, spulen wieder zurück, lauschen aufmerksam den statischen Entladungen auf den uralten Tonbändern und behaupten, da melde sich gerade ihre eigene Mama, die Tante, der Großvater. Von meinen Verwandten kein Ton. Sie schweigen stur, weil ich nicht dran glaube.
Mit Herzklopfen sitze ich vor dem Radio und zittere, dass eine der Schwestern dazwischenruft und die Aufnahme ruiniert. Elvis Presley singt In The Ghetto. Er klingt altmodisch, er ist schon zu alt, wir hören seine Musik nicht mehr. Wer in und out ist, wird nicht diskutiert, das atmet man ein, weiß es ohne jede Begründung. Zwischen den Beatles- und Stones-Fans gibt es offene Feindschaft. Heimlich höre ich auch die Beatles, aber vor den Jungens gebe ich vor, dass Jimi Hendrix für mich auch der Größte ist. Wir liegen knutschend paarweise auf Matratzen im schummrigen Hinterraum einer Kneipe, an die Wände werden Dias projiziert, auf denen sich Farbschlieren in Öl träge bewegen, Jimi Hendrix singt Are You Experienced? Ich weiß, dass ich es nicht bin. Andere wissen immer mehr als ich. Auf der Matratze neben mir knutscht das schönste Mädchen der Klasse, sie weiß mehr und kann es einfach besser. Sie hat immer schlechte Noten, aber sie hat Erfahrung. Wenn ihr Freund sie von der Schule abholt, rennt sie auf ihn los, springt an ihm hoch und schlingt ihre Beine um seine Hüften. Das muss Liebe sein. Das ist das, was wir alle wollen. Atemlos auf jemanden zulaufen, der uns auffängt und besinnungslos küsst.
Ich finde meinen Mann, und er findet mich. Pilgere mit ihm zum Grab von Jimi Hendrix in Seattle, wir stellen ihm eine Dose Budweiser aufs Grab. Mein Mann ist auf dem Land aufgewachsen, es gibt Fotos von jungen Frauen in kurzen Röcken, die scheu hinter langen Haaren zu ihm aufblicken. Hinter ihnen steht ein Plattenspieler, daneben liegt das Cover von Are You Experienced.
Die Stones singen I Can’t Get No Satisfaction, und ich weiß nicht, was zum Teufel sie meinen. Ich frage meine Mutter, sie räumt gerade den Kühlschrank ein. Sie zögert so lange, dass ich weiß, dass es etwas Ungeheures sein muss, dann sagt sie: Dafür bist du noch zu jung. Also muss es etwas ungeheuer Tolles sein.
Ich bin sechzehn und versehentlich auf eine Party mit alten Leuten um die dreißig geraten. Das Album Sticky Fingers von den Stones ist gerade herausgekommen. Jahre später lerne ich einen Mann kennen, der behauptet, er habe die Idee mit dem Reißverschluss auf dem Cover gehabt. Jeden Song auf der LP kann ich auswendig singen. Ich finde es unmöglich, dass so alte Leute meine Musik hören. Ein Dreißigjähriger will mit mir tanzen, ich bemitleide ihn für sein Alter, seine desillusionierten Augen. So alt möchte ich nie werden.
Und dann werde ich selbst bald dreißig. Ich höre jetzt Bob Dylan, Bruce Springsteen und Van Morrison. Immer wieder Van Morrison. Ich fahre von München nach Berlin durch die Nacht, die Fenster offen, die Musik so laut aufgedreht, dass das ganze Auto scheppert. Das Herz möchte mir aus der Brust springen vor Lebenslust und Freiheitsdrang. Dieses Gefühl bestimmt alle meine Bewegungen. Die Kassetten verwickeln und verheddern sich, die Lieblingsmusik wird Bandsalat. Geduldig spulen wir mit einem Kuli die schmalen braunen Tonbänder wieder auf, an den Knickstellen gibt es für immer Knackser und Aussetzer. Entsetzliche Vorstellung, die Basement Tapes von Dylan zu verlieren, die verrauschten Mitschnitte und Bootleg-Tapes der Ramones, Clash und Sex Pistols. Manchmal muss ich schnell auf den Seitenstreifen fahren, auf einen Autobahnparkplatz, aus dem Auto springen und tanzen, sonst würde ich platzen. Ich halte auf der Durchfahrt nach Berlin in der DDR neben der Autobahn an, um zu tanzen, ich weiß, dass das streng verboten ist, aber ich kann nicht anders.
Ich tanze im Schnee in Berlin auf der Straße vor dem Kino, in dem gerade mein erster Film läuft, und höre auf dem Walkman Into The Music. Van Morrison übertönt mein Herzklopfen, ich tanze die 89 Minuten, die mein Film lang ist, durch und weiß, dass es niemals schöner sein kann als jetzt, in diesem Augenblick.
Ich sehe Patti Smith auf kleinen Konzerten, sie trägt weiße Bänder an den Handgelenken, als habe sie versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Jeden Morgen tanze ich zu Horses, ich bin unglücklich verliebt und schüttele mir den Liebeskummer aus dem Körper. Jesus died for somebody’s sins, but not mine, brülle ich, so laut ich kann. Ich wohne in München in den komplett orange gestrichenen Wohnungen von Bekannten, die nach Poona gegangen sind oder um die Welt schippern, ziehe von einer zur anderen. Ich wohne zu zweit, zu viert, zu zehnt, überall herrscht eine Art konspiratives Unglück. Überall packe ich meine Platten von Patti Smith aus, tanze wie verrückt und singe und träume von einem Zustand, in dem ich mich nicht mehr schütteln muss.
Fast vierzig Jahre später sehe ich Patti Smith in Los Angeles wieder. Sie hat silbergraues Haar, ansonsten ist sie noch ganz die alte. Ihr Sohn spielt in ihrer Band. Sie nuschelt etwas von Rimbaud vor sich hin, was bei ihr immer wie »Rambo« klingt. All die alten Fans sind aus ihren Löchern gekommen, alte Hippies, Punks und der ganze Rest. Wir sehen ein wenig derangiert und verknittert aus, als hätten wir zu lange in einer Schublade ganz weit hinten gelegen. Wir schütteln uns den Staub aus Klamotten und Gelenken und staunen, dass wir immer noch da sind.