An einem heißen Sommertag hält ein Kind seinen nackten Fuß aus dem Autofenster. Meine Schwester verlor so eine Sandale. Meine Mutter hielt an, wir suchten die ganze Straße ab, aber fanden sie nicht. Meine Schwester schrie wie am Spieß, und es nützte nichts, ihr immer wieder zu sagen, es sei doch nur eine billige Plastiksandale gewesen.
Mein Neffe verlor einen Milchzahn in Tel Aviv am Flughafen und war untröstlich. Er jammerte, das sei sein schönster Zahn gewesen, und weigerte sich, ohne diesen Zahn ins Flugzeug einzusteigen. Sicherheitskräfte suchten auf den Knien den Boden ab, ihre MGs schleiften sie dabei hinter sich her. Der Zahn blieb verschwunden.
Meine Mutter verlor ihren Ehering in der Küche, und Jahrzehnte später tauchte er beim Umgraben eines Beetes im Garten wieder auf.
Ich verlor meinen Mann. Und meine beste Freundin. Meinen Vater. Alles andere, was ich verloren habe, habe ich vergessen.
Nein, das ist nicht wahr. Ich habe Kleider verloren in all den Wohnungen, aus denen ich Hals über Kopf, nur mit einer Plastiktüte in der Hand, ausgezogen bin. Einen gelben Rock mit kleinen weißen Booten. Einen roten Seidenrock mit schwarzen Punkten. Einen Fuchspelz, aber der war schon ziemlich zerzaust. Eine geliehene und nie zurückgegebene schwarze Lederhose. Ein blaues, besticktes Kleid von meiner besten Freundin. Erst habe ich das Kleid und dann meine Freundin verloren. Ich habe Zuversicht und Optimismus verloren.
Leichtigkeit und Mut.
Heiterkeit.
Ich habe ein Geschenk eines Mannes verloren, das er mir in San Francisco gekauft hatte, einen kleinen Affen, der in die Hände klatschte, wenn man ihn aufzog. Ich wartete vor dem Geschäft, in dem er es kaufte, eine Frau mit wirren Haaren kam auf mich zu, griff meine Hand, hielt sie fest und las in ihr: Du wirst privat immer verlieren und beruflich immer gewinnen. Ich wollte es nicht hören, ich glaube nicht an Wahrsager, aber ich konnte es nie wieder vergessen.
Ich habe meinen Hausschlüssel verloren. Immer wieder habe ich die Straße abgesucht, wo ich zuletzt gewesen war, in allen Geschäften, in denen ich eingekauft hatte, habe ich nachgefragt, jeden Zentimeter Asphalt durchkämmt. Nichts. Kopflos habe ich nach meinem Schlüssel gesucht, am Ende ohne einen Funken Logik oder Wahrscheinlichkeit. Schließlich habe ich aufgegeben, als es dunkel wurde. Ich saß in einer Kneipe vor einem Glas Leitungswasser, weil ich kein Geld dabeihatte. Und niemand war zu Hause. Niemand ging ans Telefon. Warum bin ich dann doch noch einmal an die Stelle zurückgegangen, wo ich den Schlüssel verloren hatte? Natürlich war der Schlüssel dort nicht zu finden, ich hatte die Stelle ja schon etliche Male weiträumig und gründlich abgesucht. Ich habe mich auf den Bordstein gesetzt und in den Himmel gesehen. Ganz weit nach oben zum Mond. Und da hing mein Schlüssel. Direkt über mir an einem Verkehrsschild. Dieses Glücksgefühl, das einen überflutet, wenn man etwas Verlorengeglaubtes wiederfindet. Die Dankbarkeit dem rücksichtsvollen Finder gegenüber, der den Schlüssel dort hingehängt hatte, wo ihn, wie er dachte, doch jeder sofort sehen müsste. Ich schwöre mir, öfter irrational optimistisch zu sein. Und verliere diesen Schwur gleich wieder.
Schreib über VerlorenesSchreiben über schmerzliche ErinnerungenSchreib über Verlorenes. Wann ist etwas wirklich verloren? Was hast du verloren und wiedergefunden? Was für immer verloren? Was vermisst du? Verlust ist unser aller Thema. ErinnerungenWenn wir uns daran erinnern, bekommen wir das Verlorene zwar nicht in der realen Welt zurück, aber wir bekommen uns zurück. Mit allem Schmerz, aber der Schmerz ist Vergangenheit. Es geht nicht darum, ihn wiederzubeleben, sondern ihn zu erobern und etwas Neues aus ihm entstehen zu lassen.