Das erste Kleid meiner Tochter habe ich in einer »lost and found«-Kiste in Telluride in Colorado gefunden. Ein erdbeerrotes, winziges Samtkleid, das doch keiner verloren haben konnte? Es war anscheinend in die Kiste gelegt worden, damit jemand anders es findet. Es fand uns, angereist aus einem fernen Land, nur für wenige Stunden in dieser Stadt. Jetzt oder nie hatte das Kleidchen die Chance, meine kleine Tochter zu finden. Es war ihr erstes Kleid, es erinnerte mich an meinen roten Samtrock, an mein unerschütterliches Selbstvertrauen als Kind, bis der große schwarze Hund kam.

Oft denke ich, mein Kind hat mich gefunden. Die Panik, die jeder, der ein Kind bekommt, von der ersten Sekunde an verspürt: Was ist, wenn ich verliere, was mich gerade erst gefunden hat? In meiner ersten Nacht als Mutter, mein Kind gut versorgt in seinem Bettchen neben mir, war ich hellwach, wie man zu sein hat, damit man die wilden Tiere abwehren kann, die bereits durchs Gebüsch streifen und

Im Augenblick der Geburt werde ich mit einem Mal verbunden mit der ganzen Welt, mit allen Eltern durch alle Zeiten hindurch, mit ihrer Freude und ihrem Horror: Was ist, wenn, wenn dir dieses Wesen wieder entrissen wird?

Wie viel Zeit wir verlieren mit Sorgen und schwarzen Gedanken.

Zuversicht ist ein schönes Wort.

Als Teenager, als es überall in Europa noch Grenzen gibt, verliere ich in Avignon meinen Pass. Ich bin hier, um Französisch zu lernen, aber gleich am zweiten Tag werde ich als Nazi und boche beschimpft, ich bin die kleine Tochter der deutschen Feinde, der man die Verbrechen nicht verzeihen

Ja, genau! Das möchte ich! Des extravagances! Möglichst viel davon! Wir liegen in einer Wiese, mein Kopf auf seiner Brust, stundenlang betrachte ich sein markantes, männliches, bärtiges Kinn von unten. Traue mich nicht, mich zu bewegen, aus Angst, dann nie wieder auf seiner Brust liegen zu dürfen. Wir essen Baguette und Käse und Orangen. Die Landschaft um uns herum hat Cézanne gemalt. Der Amerikaner weiß alles. Er ist Vegetarier und meditiert, beides berückend exotisch für mich. Nie wieder will ich von ihm lassen, aber er fährt zurück in die USA, wo seine Freundin, die als dental hygienist arbeitet, auf ihn wartet. Von diesem Beruf habe ich noch nie gehört. Am Vorabend seiner Abreise zieht er mich auf die Stadtmauer, was streng verboten ist, und wir wandern um die ganze Stadt herum. Nur ein Amerikaner macht so etwas. Extravagances. Ohne ihn wird Avignon wieder grau und feindselig, ich möchte heim. Meine französische Schulklasse geht ins Kino, in den Film Love Story. Er ist französisch synchronisiert, ich verstehe

Erinnerungen

Wenn ich über Verlorenes schreibe, erinnerst du dich an Verlorenes. Wenn ich über Gewonnenes schreibe, erinnerst du dich an Gewonnenes.

Warum sind persönliche Geschichten erzählenswert?Die Erinnerungen verändern sich und wandern. Sie werden zu Geschichten, zu unseren gemeinsamen Geschichten, unserem Kosmos der menschlichen Erfahrungen, den es immer neu zu füllen gilt mit ihrer Einzigartigkeit. Deshalb ist persönliche Geschichte erzählenswert. Die genaue Beschreibung der Einzigartigkeit jedes Einzelnen von uns bewahrt uns vor der Vorstellung, dass die Dinge klar und einfach sind. Sind sie nicht. Sie in all ihrer Widersprüchlichkeit zu beschreiben ist Waffe gegen Dogmatismus und Ausgrenzung. Allein deshalb sollten wir uns erinnern. Und schreiben.