Ich erinnere mich an N, die für mich so Schöne. Andere finden sie zu groß, zu direkt, zu seltsam. Ich bewundere sie, ihre ganze Art, ihren Individualismus, ihre Erfahrenheit in Dingen, von denen ich keine Ahnung habe. N kennt Drogen, von denen ich noch nie gehört habe. Quaaludes, Speed, Pilze, Acid und Opium. Sie bringt mir bei, was ein roach clip ist und wie man ihn hält, ohne dass man sich die Finger am letzten Ende eines Joints verbrennt. Sie lacht darüber, dass ich aus Hannover nur shit kenne, wie wir Haschisch nennen. Ich bin eine Drogenhochstaplerin. Ich nehme alles, aber von allem nur ein kleines bisschen. Ich bin unter dem Stab des Äskulaps und der Schlange aufgewachsen und weiß, dass alles Gift ist, wenn man zu viel davon nimmt. Aber wahrscheinlich habe ich einfach keine Suchtpersönlichkeit. Ich finde einen veränderten Geisteszustand nicht interessanter als einen unveränderten. Ich bin nicht gern betrunken und genauso wenig high, denn ich habe genug damit zu

Es gibt Vietnamveteranen, kaum älter als ich, die in Rollstühlen auf Rampen in die Unterrichtsräume rollen. Ihnen fehlen Beine und Arme, manche haben einen wilden Blick und reden wirr. In Hannover war ich auf Demos durch die Straßen gezogen und hatte »Ho Ho Ho Chi Minh« gerufen, an das Portal unserer Schule hatte jemand Stop the war in Vietnam gepinselt, im Zug war ich einer Gruppe junger schwarzer GIs begegnet, die mich fragten, wohin ich denn fahre. »Munich«, sagte ich und fragte sie, und lakonisch antworteten sie: »Vietnam.«

N singt ständig vor sich hin. Sie hat eine tolle Stimme und kennt die Texte aller Popsongs auswendig. Zum ersten Mal verstehe ich, was Bob Dylan singt. N hat bereits in Bars gesungen, bevor sie aufs College kam, was ich beneidenswert anrüchig finde. Sie dagegen findet es wie Gwendolyn besorgniserregend, dass ich nackt durch die Flure in die Dusche spaziere und mir nichts dabei denke. Was soll ich mir denn unter lauter Frauen denken, frage ich sie, und laden unsere Professoren uns nicht dauernd ein, mit ihnen kiffend in hot tubs zu sitzen? Das mache allerdings nur ich mit, N nie. Und nie, nie sehe ich sie nackt, obwohl wir doch zusammen in einem Zimmer wohnen.

Ich dagegen sitze nackt mit anderen in dampfenden Waschzubern und diskutiere Filme von Alain Resnais und Jean-Luc Godard, lerne als Rausch- Beschleunigung im heißen Wasserdampf zu kiffen, höre mir von den Männern an, man dürfe Liebe und Sex niemals vermischen. Siehst du, sagt N, no fucking commitment.

Und was machst du, wenn sich jemand commited?, frage ich sie. Ziehst du dann mit ihm in einen Bungalow in der Vorstadt?

Als Dreijährige ist N splitterfasernackt auf ihrem Dreirad davongefahren, und als sie von einem Nachbarn aufgegriffen und nach Hause gebracht wurde, hatte niemand ihre Abwesenheit überhaupt bemerkt. Sie schreibt ihren Eltern nicht, telefoniert auch nicht mit ihnen. Immer hat sie eine kleine Plastiktüte mit Gras bei sich, und immer hat sie genug Geld, um Nachschub zu kaufen. Sie lebt von den Dividenden ihres Trustfunds, ich habe keine Ahnung, was genau ein Trustfund ist, aber ich finde es unmoralisch, von der Akkumulation des Kapitals zu leben. Meinen erlernten Politjargon beherrsche ich leider nur auf Deutsch, wenn ich ihn holprig ins Englische übersetze, ernte ich bloß Heiterkeit. Natürlich akzeptiere ich großmütig, dass meine Eltern mich das ganze Studium über unterstützen.

Ich bin plötzlich unglücklich. Ich will keine Schauspielerin werden. Ich will auch nicht mehr in Kalifornien sein, denn ich habe mich unsterblich in einen jungen Mann aus New York verliebt, der aussieht wie Che Guevara. Er ist Jude, und auf dem Campus lacht man über uns, nennt mich Nazischlampe und ihn Masochist. Wir sitzen in der heißen Badewanne und sind beide so schrecklich unglücklich, dass wir uns zusammen die Pulsadern aufschlitzen wollen, was sich als Idee sehr romantisch anfühlt. Wir weinen und sind verzweifelt. Dann bekommen wir Hunger.

Schreib über eine Freundin, einen FreundSchreib über eine Freundin. Einen Freund. Darüber, wie ihr euch kennengelernt habt. Was du an ihr oder ihm bewundert hast. Was euch zusammengebracht Ohne Pause schreibenImmer wieder zehn Minuten am Stück. Und dann noch mal und noch mal …