Ich erinnere mich an N, die für mich so Schöne. Andere finden sie zu groß, zu direkt, zu seltsam. Ich bewundere sie, ihre ganze Art, ihren Individualismus, ihre Erfahrenheit in Dingen, von denen ich keine Ahnung habe. N kennt Drogen, von denen ich noch nie gehört habe. Quaaludes, Speed, Pilze, Acid und Opium. Sie bringt mir bei, was ein roach clip ist und wie man ihn hält, ohne dass man sich die Finger am letzten Ende eines Joints verbrennt. Sie lacht darüber, dass ich aus Hannover nur shit kenne, wie wir Haschisch nennen. Ich bin eine Drogenhochstaplerin. Ich nehme alles, aber von allem nur ein kleines bisschen. Ich bin unter dem Stab des Äskulaps und der Schlange aufgewachsen und weiß, dass alles Gift ist, wenn man zu viel davon nimmt. Aber wahrscheinlich habe ich einfach keine Suchtpersönlichkeit. Ich finde einen veränderten Geisteszustand nicht interessanter als einen unveränderten. Ich bin nicht gern betrunken und genauso wenig high, denn ich habe genug damit zu tun, meine überwältigende Gegenwart zu begreifen, ich bin auch ohne Drogen die ganze Zeit wie im Rausch. Es gibt auf dem Campus fast nur große, blonde, absurd gutaussehende junge Männer mit blendend weißen Zähnen. Manche haben verrückt viel Geld und eigene Autos, einer sogar einen goldenen Mercedes. Sie tragen in den Hosentaschen jede Art von Drogen mit sich herum, die sie großzügig teilen. Sie finden es verrückt und exotisch, dass ich sie in unser Küchenwohnzimmer einlade und Spaghetti koche. N warnt mich, dass das in Amerika einem Heiratsantrag gleichkommt. Ich kapiere die Regeln des dating nicht, die korrekte Reihenfolge von Kino, Essen, Sex, ich verliebe mich in alle. N verknallt sich nur in einen, der aber kein commitment zeigt. Dieses Wort spielt eine große Rolle, und ich verstehe seine Bedeutung nicht. In Hannover ging man miteinander ins Bett, war dann irgendwie zusammen, und dann war man es nicht mehr. Es wurde nicht diskutiert, und es gab weder für das eine noch für das andere erklärbare Gründe. Hier aber wird sehr, sehr viel geredet, und N weint bittere Tränen, weil sie kein commitment von dem Angebeteten bekommt. Aber wozu soll man sich bekennen? Wir sind noch nicht einmal zwanzig, alles ist in Bewegung und verändert sich von Tag zu Tag, ich habe keinen Plan. Ich wandere über den gepflegten Campus wie durch ein Traumland, in dem jeden Tag die Sonne scheint und das keinen Pfifferling auf die ganze bürgerliche Bildung gibt, die ich aus Deutschland mitgebracht habe. Mein Professor lässt uns Antigone von Sophokles lesen und fragt, ob es eine gute story sei oder nicht. Ich bin schockiert und begeistert. A good story! Für diese profane Frage wäre man in meinem humanistischen Gymnasium in den Keller gesperrt worden und hätte mit einem Radiergummi die Wände säubern müssen. Hier sind alle so gut gelaunt, so much fun, und es ist nur schlimm, wenn man no fun ist, also gebe ich mich sehr viel lustiger, als ich bin. Wie ein Chamäleon auf Speed versuche ich mich ganz schnell an alles anzupassen, aber es fällt mir schwer, immer gute Laune zu haben.
Es gibt Vietnamveteranen, kaum älter als ich, die in Rollstühlen auf Rampen in die Unterrichtsräume rollen. Ihnen fehlen Beine und Arme, manche haben einen wilden Blick und reden wirr. In Hannover war ich auf Demos durch die Straßen gezogen und hatte »Ho Ho Ho Chi Minh« gerufen, an das Portal unserer Schule hatte jemand Stop the war in Vietnam gepinselt, im Zug war ich einer Gruppe junger schwarzer GIs begegnet, die mich fragten, wohin ich denn fahre. »Munich«, sagte ich und fragte sie, und lakonisch antworteten sie: »Vietnam.«
Die Beach Boys spielen auf dem Campus, die sind bereits alt und so out, dass man ihnen nur noch ironisch zuhören darf.
N singt ständig vor sich hin. Sie hat eine tolle Stimme und kennt die Texte aller Popsongs auswendig. Zum ersten Mal verstehe ich, was Bob Dylan singt. N hat bereits in Bars gesungen, bevor sie aufs College kam, was ich beneidenswert anrüchig finde. Sie dagegen findet es wie Gwendolyn besorgniserregend, dass ich nackt durch die Flure in die Dusche spaziere und mir nichts dabei denke. Was soll ich mir denn unter lauter Frauen denken, frage ich sie, und laden unsere Professoren uns nicht dauernd ein, mit ihnen kiffend in hot tubs zu sitzen? Das mache allerdings nur ich mit, N nie. Und nie, nie sehe ich sie nackt, obwohl wir doch zusammen in einem Zimmer wohnen.
Ich dagegen sitze nackt mit anderen in dampfenden Waschzubern und diskutiere Filme von Alain Resnais und Jean-Luc Godard, lerne als Rausch- Beschleunigung im heißen Wasserdampf zu kiffen, höre mir von den Männern an, man dürfe Liebe und Sex niemals vermischen. Siehst du, sagt N, no fucking commitment.
Und was machst du, wenn sich jemand commited?, frage ich sie. Ziehst du dann mit ihm in einen Bungalow in der Vorstadt?
Sie zeigt mir ein Foto von ihrer Mutter auf der Terrasse eines solchen Bungalows mit giftgrünem Rasen und Doppelgarage, in der einen Hand einen Highball, in der anderen eine Zigarette. Sie habe sich von ihrer Mutter nie gesehen gefühlt, beklagt sie sich, und ich halte das eher für einen erstrebenswerten Zustand. Ich verstehe nicht, was sie meint, denn ich wurde sehr genau von meinen Eltern wahrgenommen, ohne dass sie mir je Vorschriften machten. Ich werde lange brauchen, um zu verstehen, wie besonders das ist.
Als Dreijährige ist N splitterfasernackt auf ihrem Dreirad davongefahren, und als sie von einem Nachbarn aufgegriffen und nach Hause gebracht wurde, hatte niemand ihre Abwesenheit überhaupt bemerkt. Sie schreibt ihren Eltern nicht, telefoniert auch nicht mit ihnen. Immer hat sie eine kleine Plastiktüte mit Gras bei sich, und immer hat sie genug Geld, um Nachschub zu kaufen. Sie lebt von den Dividenden ihres Trustfunds, ich habe keine Ahnung, was genau ein Trustfund ist, aber ich finde es unmoralisch, von der Akkumulation des Kapitals zu leben. Meinen erlernten Politjargon beherrsche ich leider nur auf Deutsch, wenn ich ihn holprig ins Englische übersetze, ernte ich bloß Heiterkeit. Natürlich akzeptiere ich großmütig, dass meine Eltern mich das ganze Studium über unterstützen.
Am Wochenende fahren wir in Gruppen in den Yosemite Park zum Pilzesuchen, was ich erst nicht verstehe. Ich erzähle von den Pfifferlingen und Steinpilzen der heimischen Wälder und von Pilzrezepten, aber hier geht es um ganz andere Pilze, um magic mushrooms und ihre richtige Einnahme, um amazing, good oder bad trips. Manche kommen von bad trips aus eigener Kraft nicht mehr runter und brauchen psychologische Hilfe. Die wird ganz selbstverständlich von der Uni angeboten und ebenso selbstverständlich in Anspruch genommen. Immer wieder liegen auf dem Campus Studenten auf dem Rasen und schreien und heulen, bis jemand einen shrink holt. Ich frage mich, wen der Therapeut zum Einlaufen bringen soll wie ein zu heiß gewaschenes T-Shirt. Das Gehirn? Die Seele? Und warum will man das? Alle sind so gut gelaunt und gleichzeitig so unglücklich. Die Frauen wegen der Männer, und die Männer wegen der Gesamtsituation. Ich halte das Unglücklichsein ganz europäisch für einen normalen Zustand, der nicht geschrumpft werden muss und auch gar nicht geschrumpft werden darf, besonders dann nicht, wenn man Künstler sein will, und das wollen wir alle sein, wenigstens ein bisschen. N will singen, und ich will good stories erzählen. Noch stehe ich als Schauspielerin auf der Bühne, aber man besetzt mich immer nur als Nutte, weil ich einen Akzent habe, als Nutte ist das anscheinend akzeptabel. Erstaunlich, in wie vielen Theaterstücken eine Nutte vorkommt, meistens hat sie ein goldenes Herz. Der Kostümbildner stopft mir den BH mit Watte aus, denn ein großes Dekolleté ist für meine Rolle unerlässlich. Ich lerne das Wort cleavage, was N oft erwähnt vor ihren späteren Bühnenauftritten als Sängerin. Auch dort braucht man ihrer Meinung nach ein großes Dekolleté. Sie hebt Waschmittelflaschen als Gewichte und singt dazu: I must, I must exercise the bust.
Ich bin plötzlich unglücklich. Ich will keine Schauspielerin werden. Ich will auch nicht mehr in Kalifornien sein, denn ich habe mich unsterblich in einen jungen Mann aus New York verliebt, der aussieht wie Che Guevara. Er ist Jude, und auf dem Campus lacht man über uns, nennt mich Nazischlampe und ihn Masochist. Wir sitzen in der heißen Badewanne und sind beide so schrecklich unglücklich, dass wir uns zusammen die Pulsadern aufschlitzen wollen, was sich als Idee sehr romantisch anfühlt. Wir weinen und sind verzweifelt. Dann bekommen wir Hunger.
Schreib über eine Freundin, einen FreundSchreib über eine Freundin. Einen Freund. Darüber, wie ihr euch kennengelernt habt. Was du an ihr oder ihm bewundert hast. Was euch zusammengebracht hat und was euch getrennt hat. Ohne Pause schreibenImmer wieder zehn Minuten am Stück. Und dann noch mal und noch mal …