Es ist Winter in New York, und sie ist ganz allein. Noch nie war sie ganz allein in ihrem Leben. Sie würde gern N in Kalifornien anrufen, aber sie hat kein Geld. Ihr Freund wohnt weit weg bei seinen Eltern, in einem anderen Staat. Sie dachte, er wohnt in New York, das hatte er doch immer gesagt, aber das stimmt nicht. Er wohnt bei seinen Eltern, die er trösten muss, weil sie außer sich sind. Wegen ihr. Er hat ihr vieles nicht gesagt. Für dreißig Dollar Miete in der Woche zieht sie in ein Hotel in der 33. Straße. Dirtydirt Street, sagt ihr Freund wie ein Italoamerikaner. Er kann jeden Akzent nachmachen. Er bringt sie zum Lachen. In dem Hotel wohnen Arme, Verzweifelte, Drogenabhängige, Alkoholiker. Keine einzige Frau außer ihr. Das Zimmer ist dunkel, so sieht man die Flecken auf dem Teppich und dem Bettlaken weniger. In der Badewanne bewegt sich etwas. Als sie das Licht anmacht, erkennt sie Hunderte von Küchenschaben. Sie bemüht sich mit aller Kraft, ruhig zu bleiben. Sie starrt sich

Ja, sagt sie. Das verstehe ich.

Es gibt Kartoffelpuffer und Apfelmus. Es ist Hannukah. Davon hatte sie noch nie gehört. Sie kannte bis jetzt keine Juden. Es gab keine Juden

Seine Mutter gibt ihr gehackte Hühnchenleber auf einem getoasteten Bagel zu essen, setzt sich zu ihr an den Tisch und sieht schweigend zu, wie sie isst. Sie isst alles auf. Sie isst immer alles auf. Das ist alles, was sie tun kann. Seine Mutter seufzt und streicht das Tischtuch glatt. Es ist ein mit Wiesenblumen besticktes Tischtuch, wie sie es aus Deutschland kennt, roter Mohn, blaue Kornblumen, gelber Löwenzahn. Der Geruch im Haus ist nicht wie in Amerika. Dort riecht es überall nach einem ganz bestimmten Putzmittel, das es in Deutschland nicht gibt. Die Flughäfen riechen so, die Klassenräume, die Büros.

Ich ersticke hier, sagt ihr Freund.

Sie schlafen im Bett des Bruders, der in einer anderen Stadt studiert. Über dem Bett hängt ein handgemaltes Schild: Mein Ziel für dieses Jahr: 20000 Dollar verdienen. Darüber lachen sie. Ansonsten weinen sie viel, weil sie nicht weiterwissen. Sein Vater bedrängt den Sohn, Jura zu studieren. Etwas Vernünftiges. Aber er will nicht vernünftig sein, in

Wir sind nach Amerika ausgewandert, als unser erster Sohn geboren wurde, sagt seine Mutter zu ihr. Wir wollten nicht, dass er vielleicht eines Tages eine Deutsche heiratet. Verstehst du das?

Ja, sagt sie, das verstehe ich.

Komm, sagt ihr Freund zu ihr, mitten in der Nacht. Wir gehen. Ich halte es hier nicht aus.

Sie ziehen in Manhattan in ein acht Quadratmeter großes Zimmer. Sie sucht sich einen Job. Ihr Freund bleibt im Bett. Er kann nicht mehr aufstehen. Er weint den ganzen Tag. Sie weiß, warum, aber sie können nicht darüber sprechen. Es fehlen ihnen die Worte. Sie vermisst ihre Freundin N. Sie ist auch seine Freundin, aber er kritisiert sie ständig. Er findet, dass sie eine Hochstaplerin ist und nichts wirklich kann. Er verzeiht ihr nicht, dass sie ihren Nachnamen ändert, weil sie meint, dass sie mit ihrem jüdischen Nachnamen im Musikgeschäft keine Chancen hat.

Er geht nach Israel.

Er kommt zurück.

Er arbeitet als Schauspieler.

Er arbeitet als Fotograf.

Er arbeitet in einem Zigarrenladen. Sie sieht ihn dort Jahre später noch ein einziges Mal. Sie hat ihr

N spricht noch manchmal mit ihm am Telefon.

Zu ihrer Beerdigung kommt er nicht.

Schreiben über schmerzliche ErinnerungenSchreiben in der ersten und dritten PersonDer alte Trick: In der dritten Person schreiben, wenn es zu kompliziert oder zu traurig wird. Das macht es oft leichter, manchmal kann man sogar ehrlicher sein als in der ersten Person.

Wahrheit und FiktionSchreib etwas, was dir wirklich nahe geht, in der ersten Person und dann noch einmal in der dritten PersonSchreib etwas, was dir wirklich nahegeht, in der ersten Person, und dann noch einmal in der dritten Person. Was ist einfacher? Was ist wahrer? Was geht tiefer?