Es ist Winter in New York, und sie ist ganz allein. Noch nie war sie ganz allein in ihrem Leben. Sie würde gern N in Kalifornien anrufen, aber sie hat kein Geld. Ihr Freund wohnt weit weg bei seinen Eltern, in einem anderen Staat. Sie dachte, er wohnt in New York, das hatte er doch immer gesagt, aber das stimmt nicht. Er wohnt bei seinen Eltern, die er trösten muss, weil sie außer sich sind. Wegen ihr. Er hat ihr vieles nicht gesagt. Für dreißig Dollar Miete in der Woche zieht sie in ein Hotel in der 33. Straße. Dirtydirt Street, sagt ihr Freund wie ein Italoamerikaner. Er kann jeden Akzent nachmachen. Er bringt sie zum Lachen. In dem Hotel wohnen Arme, Verzweifelte, Drogenabhängige, Alkoholiker. Keine einzige Frau außer ihr. Das Zimmer ist dunkel, so sieht man die Flecken auf dem Teppich und dem Bettlaken weniger. In der Badewanne bewegt sich etwas. Als sie das Licht anmacht, erkennt sie Hunderte von Küchenschaben. Sie bemüht sich mit aller Kraft, ruhig zu bleiben. Sie starrt sich in dem fleckigen Badezimmerspiegel an und beschwört sich, nicht zu heulen. Sie ist schließlich kein Baby mehr, sie ist achtzehn. Nachts hämmern Menschen an ihre Tür. Brüllen. Schreien. Der alte Heizungskörper keucht und faucht. Es ist brütend heiß, aber das Fenster kann man nicht öffnen, und sie traut sich nicht, die Tür aufzumachen. Um sich abzulenken, lässt sie sich von ihrem letzten Geld in einem kleinen Schmuckladen ein Ohrloch stechen. Zwei wären zu teuer. Brav dreht sie jede Stunde den kleinen goldenen Stecker in ihrem Ohr, damit das Loch nicht zuwächst. Sie zittert vor Furcht und wünscht sich nichts mehr, als dass ihr Freund zurückkommt. Als ihr Geld alle ist, nimmt er sie schließlich mit nach New Jersey in ein kleines Haus in einer Vorortsiedlung. Seine Eltern sprechen Englisch mit starkem Akzent. Sie sind Überlebende. Mit ihr sprechen sie Jiddisch. Wenn sie sich Mühe gibt und seine Eltern ganz langsam sprechen, versteht sie es. Ihr Freund nicht. Es hat nichts mit dir persönlich zu tun, sagt seine Mutter zu ihr, aber du musst verstehen, dass wir eine Deutsche nicht als die Freundin unseres Sohnes akzeptieren können.
Ja, sagt sie. Das verstehe ich.
Es gibt Kartoffelpuffer und Apfelmus. Es ist Hannukah. Davon hatte sie noch nie gehört. Sie kannte bis jetzt keine Juden. Es gab keine Juden mehr in Hannover. Sie sitzt am Esstisch und hört ihn nebenan mit seinem Vater streiten. Der Vater möchte, dass er zur Vernunft kommt. Was denn für eine Vernunft?, schreit ihr Freund. Deine Vernunft ist nicht meine Vernunft! Dein Leben ist nicht mein Leben! Ich will mein eigenes Leben!
Seine Mutter gibt ihr gehackte Hühnchenleber auf einem getoasteten Bagel zu essen, setzt sich zu ihr an den Tisch und sieht schweigend zu, wie sie isst. Sie isst alles auf. Sie isst immer alles auf. Das ist alles, was sie tun kann. Seine Mutter seufzt und streicht das Tischtuch glatt. Es ist ein mit Wiesenblumen besticktes Tischtuch, wie sie es aus Deutschland kennt, roter Mohn, blaue Kornblumen, gelber Löwenzahn. Der Geruch im Haus ist nicht wie in Amerika. Dort riecht es überall nach einem ganz bestimmten Putzmittel, das es in Deutschland nicht gibt. Die Flughäfen riechen so, die Klassenräume, die Büros.
Ich ersticke hier, sagt ihr Freund.
Sie schlafen im Bett des Bruders, der in einer anderen Stadt studiert. Über dem Bett hängt ein handgemaltes Schild: Mein Ziel für dieses Jahr: 20000 Dollar verdienen. Darüber lachen sie. Ansonsten weinen sie viel, weil sie nicht weiterwissen. Sein Vater bedrängt den Sohn, Jura zu studieren. Etwas Vernünftiges. Aber er will nicht vernünftig sein, in keiner Beziehung. Was willst du denn dann?, fragt sein Vater.
Wir sind nach Amerika ausgewandert, als unser erster Sohn geboren wurde, sagt seine Mutter zu ihr. Wir wollten nicht, dass er vielleicht eines Tages eine Deutsche heiratet. Verstehst du das?
Ja, sagt sie, das verstehe ich.
Komm, sagt ihr Freund zu ihr, mitten in der Nacht. Wir gehen. Ich halte es hier nicht aus.
Sie ziehen in Manhattan in ein acht Quadratmeter großes Zimmer. Sie sucht sich einen Job. Ihr Freund bleibt im Bett. Er kann nicht mehr aufstehen. Er weint den ganzen Tag. Sie weiß, warum, aber sie können nicht darüber sprechen. Es fehlen ihnen die Worte. Sie vermisst ihre Freundin N. Sie ist auch seine Freundin, aber er kritisiert sie ständig. Er findet, dass sie eine Hochstaplerin ist und nichts wirklich kann. Er verzeiht ihr nicht, dass sie ihren Nachnamen ändert, weil sie meint, dass sie mit ihrem jüdischen Nachnamen im Musikgeschäft keine Chancen hat.
Er geht nach Israel.
Er kommt zurück.
Er arbeitet als Schauspieler.
Er arbeitet als Fotograf.
Er arbeitet in einem Zigarrenladen. Sie sieht ihn dort Jahre später noch ein einziges Mal. Sie hat ihr kleines Kind an der Hand. Schüchtern lächeln sie sich an. Sie erkennt ihn kaum. Er hat seine schönen schwarzen Haare verloren. Er ist so klein und schmal. Er lacht noch wie früher.
N spricht noch manchmal mit ihm am Telefon.
Zu ihrer Beerdigung kommt er nicht.
Schreiben über schmerzliche ErinnerungenSchreiben in der ersten und dritten PersonDer alte Trick: In der dritten Person schreiben, wenn es zu kompliziert oder zu traurig wird. Das macht es oft leichter, manchmal kann man sogar ehrlicher sein als in der ersten Person.
Wahrheit und FiktionSchreib etwas, was dir wirklich nahe geht, in der ersten Person und dann noch einmal in der dritten PersonSchreib etwas, was dir wirklich nahegeht, in der ersten Person, und dann noch einmal in der dritten Person. Was ist einfacher? Was ist wahrer? Was geht tiefer?