»Die Kindheit ist das Königreich, in dem niemand stirbt«, heißt es in einem Gedicht von Edna St. Vincent, und tatsächlich starb niemand, als ich ein kleines Kind war. Aber es gab Männer mit Händen aus schwarzem Leder, die etwas Schlimmes überlebt hatten, andere hatten Granatsplitter im Bein oder waren verschüttet gewesen, Frauen trugen schwarze Strümpfe und schwarze Hutschleier vor dem Gesicht, sie waren Witwen, das wusste ich. Die Menschen, die starben, waren alt oder krank oder gefallen, was wie hinfallen klang, aber wenn man gefallen war, konnte man offenbar nicht mehr aufstehen. Für viele war das Sterben anscheinend eine »Erlösung«, von der in einem seltsam tiefen Flüsterton geredet wurde. Oder auf Latein, wie meine Eltern, wenn sie über kritische Situationen von Patienten sprachen. Dann wusste ich, dass das etwas mit Tod und Sterben zu tun hatte, aber von anderen, nicht mit uns, nicht mit der eigenen Familie. Wir befanden uns alle miteinander unter einer Schutzglocke, so muss ich mir das vorgestellt haben. Was für andere galt, galt nicht für uns. Bis ich eines Nachmittags von einem Nachmittagsschlaf aufwachte, ich muss ungefähr vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, und wie von einem Blitz von der Erkenntnis getroffen wurde, dass alle Menschen sterben müssen, auch meine Eltern und meine Geschwister, einfach alle. Ich fing an zu weinen, und bis heute erinnere ich mich an den tiefen Schmerz in der Brust, der sich ganz anders anfühlte als normales Heulen oder Plärren. Ich sah mich ganz allein auf der Welt, die rund und kahl aussah wie beim kleinen Prinzen. Niemand war mehr da. Ich blieb als einziger Mensch übrig, nur ich, ganz allein, und diese Erkenntnis brachte mich noch mehr zum Schluchzen. So weine ich bis heute im Traum. Ich wache auf, mein Kissen ist tränennass, Brust und Kehle brennen wie Feuer. Auf den Begräbnissen geliebter Menschen weine ich so, genau wie als Kind. Ganz genau so.
Schreiben über schmerzliche ErinnerungenSchreib übers SterbenSchreib übers Sterben. Den Tod. Den Verlust. Heul dir die Augen aus dem Kopf beim Schreiben. Es bringt dich nicht um.
Schreib über etwas HübschesWenn du danach eine Pause brauchst, hör nicht auf zu schreiben, sondern schreib über etwas Hübsches. Zum Beispiel über Schokolade.