N nimmt mich zur Seite. Es ist ihr ernst. Du darfst ihn nicht heiraten, sagt sie. Er ist Alkoholiker. Ich lache. Das ist er nicht. Er trinkt ein bisschen viel, das ist alles. Viele Bayern trinken viel. Nein, sagt sie, er ist Alkoholiker. Ich erkenne das, ich war selbst Alkoholikerin. Ich stöhne. Jetzt fängt sie wieder an, mir von ihrer Sucht und den Anonymen Alkoholikern zu erzählen und wie sie ihr das Leben gerettet haben. Du hast nie regelmäßig getrunken, sage ich. Doch, sagt sie, hab ich. Ich war süchtig. Und ich erkenne andere Süchtige.
Als sie noch trank, besuchte sie mich einmal in München. Parkte gleich eine Flasche Wodka im Kühlschrank. Aß nur Fett und trank dazu. Die sogenannte Atkins-Diät, ein weiterer Versuch, ihren Hintern zu verkleinern. Gebratener Speck, Eier und Wodka. Ich lachte sie aus, aber sie schwor drauf und war erstaunlich willensstark. Nichts anderes rührte sie an. Sie hatte ein Tape von Jane Fonda mitgebracht, das erste Aerobic-Audiotape der Welt. Wir hüpften und keuchten im Zimmer herum, und immer wenn Jane Fonda fragte: Do you feel the burn?, brachen wir vor Lachen zusammen. Wann immer später etwas sehr anstrengend wurde, flüsterte N »Do you feel the burn?« in mein Ohr und brachte mich zum Kichern.
Wir joggten um die Häuser und waren sehr kurzatmig, weil wir beide rauchten wie die Teufel. Wir ließen das Joggen wieder bleiben und rauchten weiter. Warum rauchten wir so viel? Wir kamen uns cool vor und wollten keine spießigen Nichtraucherinnen sein.
Ohne N rauchte ich fast ein ganzes Jahr nicht, aber dann besuchte ich sie in New York, betrat ihre winzige Wohnung, und schon hatte ich wieder eine Zigarette in der Hand, ohne es selbst bemerkt zu haben. Wir quatschten und rauchten stundenlang. Ich rauchte erst Lucky Strike ohne Filter, weil sie sonst kaum eine Frau rauchte, dann Camel, später Marlboro. Mein Vater hatte Reval geraucht, und es gab kaum etwas Schöneres, wenn ich als Teenager spät von einer Party nach Hause kam, als mit meinem Vater, der auf mich gewartet hatte, ohne das je zuzugeben, noch stumm eine Reval zu rauchen. Siehst du die Toten dort im Tal, das sind die Raucher von Reval, sagte er manchmal grinsend. Montags rauchte er nie, um zu testen, ob er süchtig war. Wer sich abhängig macht, ist charakterschwach, versuchte er mir beizubringen.
Ns Wodkaflasche im Kühlschrank leerte sich, aber ihr Hintern wurde nicht kleiner, und wir wurden trotz Jane Fonda kein bisschen fitter. Sie war unglücklich und einsam in New York. Jede ihrer Liebesgeschichten endete traurig. Immer waren es die Falschen, Männer, denen sie mit Haut und Haar verfiel und die nicht annähernd so verliebt waren wie sie. Fast jede Woche schrieb sie mir einen dünnen blauen Luftpostbrief, den man vorsichtig auf der richtigen Seite aufschlitzen musste, denn wenn man die falsche Seite erwischte, zerfiel der Brief in drei Teile, und man musste ihn zusammensetzen wie ein Puzzle. Das war aber bei diesen Briefen nicht weiter schlimm, denn sie enthielten immer das gleiche Lamento: Keiner liebt mich. Keiner will mich. Ich bin so deprimiert. So depressed. Auf Deutsch sagte man das noch nicht zu der Zeit. Man sprach überhaupt wenig über sich selbst. Wenn wir unglücklich und verzweifelt waren, hatten wir nicht das richtige Vokabular dafür. Man betrank sich wortlos und wartete, bis es wieder vorbei war.
Ns Briefe waren geschrieben wie im Rausch, ohne Punkt und Komma. Ich las sie manchmal gar nicht mehr zu Ende, sie waren zu traurig. Ab und an rief ich sie an. Oft konnte ich mir das nicht leisten, weil es so teuer war. Wenn ich allein in irgendeinem Filmbüro saß und warten musste, griff ich sofort zum Telefonhörer und wählte ihre Nummer in New York. In Fernsehanstalten waren Auslandsgespräche gesperrt, wie ich schnell rausfand. Wenn es klappte, erzählten wir uns atemlos von unserem Leben. Es ging fast ausschließlich um Männer und die Unmöglichkeit der Liebe. Warum war alles so kompliziert? Warum bekamen wir nicht, was wir wollten? I miss you, I miss you, riefen wir uns über den Atlantik zu, und in der Leitung rauschte es, und wir lauschten unseren Worten, wie sie über den Meeresgrund rasten. Wann sehen wir uns? Wann sehen wir uns? Dass ich inzwischen in meinem Beruf arbeiten konnte, machte sie neidisch, und das sagte sie auch. Wie ich dich beneide! Niemand will meine Musik hören. Niemand will mich.
Ich drehte einen ganzen Film in New York, nur um sie zu sehen. Der Film wurde schlecht, aber ich verliebte mich in meinen ersten Mann und heiratete ihn sechs Wochen später.
Unser Hochzeitsfest fand in der Spring Lounge statt, einer von allen Freunden geliebten Spelunke. Über der Bar hing ein riesiger Schwertfisch. Die Besitzerin, hieß es, habe zwei Ehemänner an die Mafia verloren, sie seien um die Ecke von der Bar erschossen worden. Es war das Milieu des Films Mean Streets von Scorsese, den wir alle bewunderten. N hatte in der Spring Lounge gearbeitet wie fast alle unserer gemeinsamen Freunde. Jahre zuvor hatte ich mich mit einem Liebhaber dort geprügelt und in meiner Wut auf Deutsch auf ihn eingeschrien, was alle sehr beeindruckt hatte. So hatte N mich nie zuvor gesehen. Immer wieder redete sie davon. Und auch die Besitzerin, die inzwischen selbst eine Knarre unter der Theke hatte.
Die speckigen, rot-weiß gewürfelten Tischdecken waren aus Plastik, auf den Barhockern hingen beinharte Alkoholiker aus dem Viertel, in der Ecke stand ein Pac-Man, den niemand so gut spielen konnte wie mein Mann. Ein paar schicke Bekannte und meine Agentin waren von Uptown nach Downtown zu unserem Fest gekommen wie in ein fremdes Land. Sie trauten sich nicht, ihre Hände auf die verklebten Tischdecken zu legen, und betrachteten unsere seltsame Feier ungläubig, aber höflich. Wir tranken Bier aus der Flasche und aßen unseren Hochzeitskuchen dazu, wir tanzten in unseren neuen Cowboyboots, die wir uns in New Mexico gekauft hatten. Ich tanzte mit einem alten Penner ohne Zähne, der mir unter Tränen alles Glück der Welt wünschte. N stand an der Bar und trank nur noch Mineralwasser. Skeptisch beäugte sie den Alkoholkonsum meines Mannes. Sie mochte ihn, aber verstand ihn nicht. Er kam aus der Oberpfalz und wollte sein ganzes Leben weg aus der Enge, den Vorstellungen und Normen der anderen, dem vorgefertigten Leben. Er fühlte sich frei in diesem Amerika, freier als jeder Amerikaner. Er verstand nicht, warum so wenig über die Stränge geschlagen wurde, so wenig gefeiert und getrunken. Es gab fast niemanden unter meinen männlichen Freunden in Deutschland, der nicht jeden Tag trank. Keinen von ihnen hätte ich als Alkoholiker bezeichnet.
In New Mexico, wo wir geheiratet hatten, weil wir den Namen Albuquerque lustig fanden, gab es am Sonntag keinen Alkohol zu kaufen, und alle Kneipen waren geschlossen. Ich spürte, wie mein zukünftiger Mann nervös wurde. Wir hielten an Tankstellen und Supermärkten, aber Alkohol gab es nirgends. Ich beobachtete ihn ängstlich, aber nichts geschah. Er blieb ruhig, also beruhigte ich mich auch. Am nächsten Tag gab es überall wieder was zu trinken.
Unseren Hochzeitsabend verbrachten wir in einer Kneipe mit ein paar betrunkenen Indianern. Auch dort stand ein Pac-Man. Wir spielten Pac-Man und tranken Bier, und ich wusste nicht genau, ob ich es romantisch oder traurig fand, und entschied mich für interessant: das orange Licht über der Bar, der alte Indianer, der bewegungslos an der Theke saß, die torkelnden Gestalten im Gegenlicht, die zerzauste alte Frau allein an einem Tisch, die Musik von Lenny Kravitz, der kaputte Holzboden unter meinen Füßen, der Wüstensand und die Kakteen vor der Tür. Es war kinematographisch, und das hieß, dass es besser aussah, als es sich anfühlte. Unsere Liebe war so unerträglich groß, dass sie schmerzte. Die Heirat sollte den Schmerz besänftigen, und tatsächlich wurde er ein wenig milder, aber er war da von Anfang an. Ich wusste damals nicht, woher der Schmerz kam und warum er so stark war. Die Angst vor Verlust, weiß ich jetzt, schmerzt mehr als eine offene Wunde.
Auch wenn du Angst hast, ihn zu verlieren, sagte N, du hast ihn! Und ich?
N ging zu den Anonymen Alkoholikern, weil sie einsam war, dachte ich. Sie lebte allein und hielt sich mit Jobs über Wasser. Ab und zu ergatterte sie einen Gig in einem kleinen Club als Sängerin. Ich bewunderte sie, wenn sie auf der Bühne stand, da war sie so selbstsicher, so lustig und sang so teuflisch gut. Aber es führte nicht weiter. Die AA-Gruppe war ihre Ersatzfamilie, gab ihr Halt und eine Aufgabe, sie wurde Sponsor von neuen Mitgliedern. Mehrmals in der Woche ging sie zu den Treffen. Neugierig bequatschte ich sie, mich doch mal mitzunehmen. Widerwillig ging sie mit mir nicht zu ihren Alkohol-, sondern zu den Sexsüchtigen, die dieselben Regeln befolgen. Sie trafen sich in einer Kirche, ausgerechnet. Fassungslos hörte ich bizarre Geschichten von ganz harmlos aussehenden Männern und Frauen. Good stories. N ahnte meinen Vampirismus. Ich bin süchtig nach guten Geschichten. Sie wand sich auf ihrem Stuhl wie unter Schmerzen, denn strenggenommen beging sie Verrat an den Prinzipien von AA. Mit einem Mal rief man mich auf. Ich sei doch neu. Ob ich mich nicht vorstellen und von mir erzählen wolle? Das Blut schoss mir in den Kopf, aber gehorsam stand ich auf, murmelte einen falschen, deutsch klingenden Namen, und alle sagten freundlich hi. Ich brauchte nur ein paar Sekunden, und schon begann ich mit extra hartem Akzent von meinem Leben als Stewardess und meiner Sucht zu erzählen. Alles setzte ich daran, glaubwürdig zu erscheinen, und fing deshalb an zu stottern, leise von Scham und Schuld zu sprechen, meiner strengen religiösen Erziehung in einem deutschen Dorf. Ich log das Blaue vom Himmel herunter. Zum ersten Mal spielte ich überzeugend eine Rolle, wie ich fand. Nicht so verklemmt und falsch wie im Studium, sondern wirklich authentisch. Befriedigt sah ich mir dabei zu, wie ich mit Mühe meine Geheimnisse preisgab, nach den richtigen Worten suchte, von Sex mit den Kapitänen vorm Boarding erzählte und mit Passagieren auf den Langstreckenflügen zwischen New York und Frankfurt. Es sei für mich schwierig, die Treffen hier mit meinem Flugplan zu koordinieren, sagte ich noch, bevor ich mich setzte, aber ich wolle gern wiederkommen, und alle riefen: Thanks for sharing, wie man es immer tut, doch es fühlte sich an wie Applaus. Mein Herz klopfte, ganz ergriffen war ich von meinem Auftritt. N schämte sich in Grund und Boden. Konnte sich nie verzeihen, mich mitgenommen zu haben. Und gleichzeitig lachte sie. Holy fuck, sagte sie, what a damn liar you are!
N, sagte ich, du bist nicht süchtig. Du warst es nie und bist es nicht. Du lügst, wenn du sagst, dass du süchtig bist.
Du hast keine Ahnung, sagte sie, du hast so überhaupt keine Ahnung.
Als sie unerträgliche Schmerzen bekam und ihr Tod nicht mehr abzuwenden war, scheute sie sich lange, Morphium zu nehmen, um nicht rückfällig zu werden. Ich bekniete sie, bequatschte sie, vielleicht weil ich ihre Schmerzen nicht mehr ertrug. Noch nie konnte ich die Schmerzen anderer gut ertragen. Ich sagte nicht, es spielt doch keine Rolle mehr, ob du jetzt noch abhängig wirst. Ich faselte irgendetwas von medizinischen Opiaten, die ganz anders funktionieren. Sie glaubte mir kein Wort, aber rief ein Taxi. Wir fuhren quer durch die ganze Stadt, ihr Kopf lag in meinem Schoß, im Liegen konnte sie die Schmerzen besser ertragen. Ganze Tage lagen wir nebeneinander im Bett und redeten. Ich liebe diese Tage mit dir im Bett, sagte ich. Der Taxifahrer warf uns einen kurzen Blick im Rückspiegel zu, der N kichern ließ. Sie brachte es immer noch fertig, zu kichern. Beim Arzt warteten wir auf das Rezept, und im Wartezimmer scherzte sie mit den anderen Patienten, sie hole sich jetzt Drogen auf Rezept, darauf habe sie ihr ganzes Leben gewartet. Alle lachten. Bis ganz zuletzt brachte sie mit ihrem Humor ein wenig Licht ins eigene Dunkel und das der anderen.