Es ist so dunkel, dass ich wirklich meine Hand nicht vor Augen sehen kann. Alles um mich herum ist schwarz, und es macht keinen Unterschied, ob ich die Augen offen oder geschlossen halte. Noch nie zuvor war ich in völliger Dunkelheit. Draußen ist der Dschungel. Als ich vor wenigen Stunden in dieses Zimmerchen einzog, sah ich im schwachen Schein einer Glühbirne ein Bett, eine Kommode, einen Stuhl und ein paar fremde Insekten, die über den Boden huschten. Eine grün gestrichene Tür ohne Schloss, was mich beunruhigte. Aber immerhin gab es Licht, und von fern summte der Generator. Pünktlich zu Sonnenuntergang wurde er jedoch abgeschaltet. Darauf war ich nicht gefasst. Als wäre ich über einen unverhofften Rand ins Leere gestolpert, versinke ich in der Dunkelheit. Halte ich meinen Arm weit ausgestreckt oder näher am Körper? Berührt mein Fuß gleich den Boden oder nicht? Kriecht bereits ein widerliches Insekt an mich heran, um mich zu beißen oder zu stechen? Ich schwimme durch Schwarz, diffuse Angst strömt aus mir heraus oder in mich herein, drinnen und draußen sind nicht mehr zu unterscheiden. Panik flackert auf, und ich frage mich, warum. Weil ich nicht mehr trennen kann zwischen mir selbst und der übrigen Welt? Ich will rauslaufen aus der Dunkelheit, aus dem Zimmer. Vorsichtig setze ich einen Fuß auf den warmen Boden, aufgeheizt von der glühenden Hitze des Tages, dann den anderen, tapse durch die Dunkelheit zur nächsten Wand, die viel weiter weg ist als angenommen. Stoße mich an der Kommode, an die ich mich gar nicht mehr erinnere. Mit den Fingerspitzen fahre ich die rissige Wand entlang bis zur Tür, sie ist grün, sehr grün, das hat sich in mein Gehirn eingebrannt, ich öffne sie, heiße Luft wie aus einem Fön bläst mir ins Gesicht. Ich schaue in ein noch viel größeres Schwarz, ein endloses Schwarz, ich lege den Kopf in den Nacken, auch über mir ist alles nur schwarz. Kein einziger Stern ist zu sehen, kein Licht weit und breit. Töne bewegen sich von allen Seiten auf mich zu, Geraschel, Gekraspel, Mückensurren, Grunzen, Vogelschreie. Ängstlich schlage ich die Tür wieder zu. Wie lange werde ich in diesem schwarzen Loch ausharren müssen? Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals so verloren gefühlt zu haben, so ohne jede Orientierung. Wer bin ich, wenn ich nichts mehr sehe? Gibt es mich noch? Oder erinnere ich mich nur noch an mich, bin aber in diesem Schwarz schon gar nicht mehr wirklich vorhanden? Meine Gedanken befinden sich nicht mehr in meinem Kopf, sondern schlängeln sich durch die Dunkelheit, wie es ihnen gerade passt. Sie verlassen mich, und ich kann sie nicht zurückholen. Ist es so, wenn man blind ist? Wird das Nichts so sein? Irgendwo in diesem Schwarz schlägt noch mein Herz, wie losgelöst von mir, aber es schlägt, pochpochpoch. Ich harre so aus, schlafe keine Sekunde. Erst als es hell wird, kehrt mein Herz zurück in meinen Körper, in meine Brust. Wie durch ein Wunder ist alles wieder an seinem Platz. Apfelsinengelbes Sonnenlicht wird ins Zimmer geschüttet, ich sehe meine Arme, meine Beine, meine Füße, das Bett, die Kommode, und da ist die grüne, grüne Tür. Ich öffne sie und blicke auf ein paar Bäume, ein paar Hütten in der Entfernung, auf die rote Erde und fette Ameisen, die kleine Blattstückchen davontragen. Eine hat ganz allein ein riesiges Blatt geschultert. Ganz allein. Warum? Hat sie die ganze dunkle Nacht lang gearbeitet?