In München sehne ich mich so sehr nach Amerika, dass ich meine blau-weiß gestreifte Oshkosh anziehe, mir ein Bandana um den Kopf binde und zur McGraw-Kaserne fahre. Ich hoffe, ohne Überprüfung eingelassen zu werden, denn eigentlich dürfen nur Armeeangehörige auf die Basis, aber in meiner Verkleidung werde ich einfach durchgewinkt und laufe geradewegs in einen riesigen Waschsalon, wo ich lange herumsitze und die anderen Frauen beobachte, ihrem lauten amerikanischen Gezwitscher lausche, den Geruch von amerikanischem Waschmittel einatme, Tide und Bleach und Dr. Bronner’s Magic Soap. Der vertraute Pfefferminzduft überwältigt mich, fast fange ich an zu heulen.
N empfiehlt mir diese Seife, gleich als wir im College zusammenziehen. Man kann alles mir ihr waschen, Haare, Geschirr, Wäsche, man kann sich sogar die Zähne mit ihr putzen. Sie gibt mir eine große Flasche, von da an rieche ich von Kopf bis Fuß nach Pfefferminze und lese unter der Dusche die seltsamen Texte, die auf die Flasche gedruckt sind. Eine Art religiöses Pamphlet von Dr. Emanuel Bronner, einem deutschen Juden, geflohen vor den Nazis. Seine Eltern, Seifenhersteller in Heilbronn, kann er nicht überzeugen, mit ihm zu gehen, sie zögern, bleiben zu lange und werden umgebracht. Das Letzte, was Emanuel Bronner von ihnen hört, ist eine Postkarte: Du hattest recht. Dein Dich liebender Vater.
Nach dieser Tragödie kämpft Dr. Bronner für die Versöhnung der Menschheit, aber da er seine religiösen Pamphlete nicht recht unters Volk bringen kann, druckt er sie auf die Seife, die er nach einem Rezept seines Vaters herstellt: »Absolute Sauberkeit ist göttlich! Ausgeglichene Nahrung für Körper-Geist-Seele ist unsere Medizin! Was immer die Menschheit vereint, ist besser als das, was uns trennt! Die ganze Wahrheit ist unser Gott, die halbe unser Feind! Wir sind alle eins oder nichts! Unite, unite, all one!« Unmöglich, den ganzen Text während einer einzigen Dusche zu lesen. Nie komme ich bis zum Ende. N wird nicht müde, die Seife als Wunder zu preisen. Sie tupft sie auf Insektenstiche, wäscht den Salat mit ihr, weil sie meint, es gäbe kein besseres Desinfizierungsmittel. Alles riecht nach Dr. Bronner’s Magic Soap, wir selbst, unsere Wäsche, einfach alles. Wenn man sie nicht stark verdünnt, brennt sie auf der Haut wie Feuer, deshalb reicht sie ewig und ist allein deshalb ein Wunder. Sie wird schon damals ökologisch korrekt hergestellt, kein Hippie kommt aus ohne diese Seife. Tief atme ich ihren Geruch ein, und sofort sind sie wieder da, die langen, verkicherten und verquatschten Tage und Nächte mit N. In unserem Küchenwohnzimmer im College, später in ihrem winzigen Apartment in New York, eine von uns beiden sitzt meistens in der Badewanne mit Blick aufs World Trade Center, während die andere direkt daneben kocht. Man kann aus der Badewanne in die Töpfe langen und naschen. Oder Dr. Bronner über sich selbst und dann das Geschirr in der Spüle gießen. Es gibt kein Leben für uns ohne Dr. Bronner. Später importiere ich die Seife nach Deutschland, bringe immer eine Flasche mit zurück, ganz Amerika steckt in dieser Flasche, ich selbst und mein Leben dort – und N. Vierzig Jahre Freundschaft. Als sie nicht mehr am Leben ist, gehe ich manchmal ins Bad, nach wie vor habe ich eine Flasche Dr. Bronner’s Magic Soap im Schrank, ich öffne sie und schnuppere. Und da ist N. Da ist sie ja! Hey, how is it going?, fragt sie. Hang in there, okay?
Okay. I will. I will try.
Schreib über einen GeruchErinnere dich an einen Geruch. Wohin bringt er dich? Schnuppere an einem Gummibärchen und schreib über Kino und Knutschen und Kindheit und die Tante, die immer Gummibärchen mitbrachte. Riech an einem bestimmten Parfüm, erinnere dich an den Menschen, der es trug, oder an eine bestimmte Situation, in der du es getragen hast. Riech an einem Feigenblatt, an Mottenkugeln, an Kaffee, Tee, Nivea-Creme, leg dich auf die Erde und drück die Nase ins Moos. Lass dich von dem Geruch hinwegtragen und schreib drüber.