N kommt blass und dünn aus Indien zurück. Apathisch liegt sie auf meiner Matratze und rührt sich tagelang nicht. Ich schleppe sie zum Arzt, der Parasiten diagnostiziert, die sie von da an my lovely parasites nennt. Sie liebt sie, weil sie durch sie so abgenommen hat. Selbst mein Hintern ist geschrumpft, sagt sie stolz. Stimmt nicht, aber ich nicke.
Als ihre Parasiten bekämpft sind und sie sich zunehmend erholt, bekommt sie unbändigen Hunger. Wir essen Brot, sehr viel Brot, wir lieben beide Brot über alles. Brot mit Butter und Schnittlauch, in den USA mit watercress. Immer hat sie Brunnenkresse im Kühlschrank. Wir verschlingen ganze Sonnen, so heißt das Sonnenblumenbrot der Hofpfisterei, was N als »Huffister« ausspricht. Let’s go to Huffister and get another sun.
In New York stöhnen wir über das miese amerikanische Weißbrot und gehen zu Fuß bis zur Grand Street zu Kossar’s, um dort Bagels und Bialys zu kaufen. Die Bialys haben in der Mitte eine saftige Vertiefung, die mit Zwiebeln, Knoblauch oder Mohn gefüllt ist. Nur echte New Yorker kennen Bialys und Kossar’s. Bin so stolz, bin jetzt New Yorkerin. Wir wandern durch die halbe Stadt, noch warme Bialys in den Taschen, wir sitzen auf Parkbänken und schauen dem Leben der anderen zu, wir selbst wissen immer noch nicht recht, wohin unseres gehen soll. Ich will Filme machen. N fährt Brot aus für eine italienische Bäckerei gleich um die Ecke. Sie trägt blaue Overalls und fährt einen Truck quer durch Manhattan, tagsüber ist sie ein working girl, und abends singt sie in Kneipen Jazz, was in dieser Kombination etwas umwerfend Glamouröses für mich hat. Ich dagegen stehe während meines Filmstudiums in München bei McDonald’s hinter der Theke und versuche, die bayerischen Jugendlichen zu verstehen, die versuchen, mich aus dem Takt zu bringen, um eine Extraportion Pommes frites zu ergattern.
N beneidet mich, und ich beneide sie, und lange wissen wir nichts davon. Sie ist so cool, so weltgewandt, so exotisch. Ich bewundere ihren indischen Nasenring, einen winzigen Diamanten, den sie sich in ihre zierliche Nase hat stechen lassen. Niemand sonst trägt zu der Zeit einen Nasenring. Das Wort piercing ist den meisten unbekannt. Ich möchte unbedingt einen Nasenring haben wie N, aber es gibt niemanden, der mir ein Loch in die Nase stechen will. Bitte, bitte, flehe ich N an. Sie weigert sich standhaft, aber nach einer Woche habe ich sie so weit, sie kann mein Gebettel nicht mehr hören. Wir kaufen eine Flasche Bommerlunder, desinfizieren damit meine Nase und trinken uns gleichzeitig Mut an. Kochen eine Nähnadel aus. Ns Finger zittern. Sie bringt es einfach nicht fertig, sosehr ich sie auch ermuntere. Erst als die Flasche leer ist und wir beide schon ziemlich betrunken sind, sticht sie endlich zu. Ich spüre, wie die Nadel auf Knorpel trifft, dann aber mit einem kleinen Quietschlaut glatt hindurchgeht. N ist einer Ohnmacht nahe. Ich lege ihr einen nassen Waschlappen auf die Stirn. Sie schenkt mir ihren Ersatznasenring, den ich mit großem Stolz trage, aber er macht ständig Probleme. Der Nasenflügel ist gerötet und tut weh. Das Hinausnehmen und Hineinschrauben gestaltet sich schwierig, und wenn ich Schnupfen habe, kann ich ihn nicht tragen, und dann droht das Loch wieder zuzuwachsen. Immer wieder verliere ich den winzigen Stecker und krieche auf Badezimmerböden herum, um ihn zu suchen. Finde ihn auch immer wieder. Ich trage ihn viele Jahre lang, aber nie sieht er an meiner Nase so gut aus wie an N. Sie hat eine elegante Nase, ich nicht. Aber er ist für mich ein Zeichen der Zusammengehörigkeit, fast wie ein Ehering. Irgendwann verliere ich ihn dann doch, vielleicht war es in der Zeit, als wir nicht mehr miteinander sprachen.
Schreib über ein SchmuckstückSchreib über ein Schmuckstück. Eines, das du geerbt hast, dir selbst gekauft, geschenkt bekommen hast. Hast du dich geschmückt gefühlt? Bedrängt? Ausgezeichnet?
ErinnerungenWahrheit und FiktionErinnerungen aufschreiben ist wie Perlen auf eine Kette aufziehen. Eine nach der anderen. Nichts ist verloren. Eine Kette von Momenten. Diese Kette ist die Struktur, du kannst die Perlen immer wieder anders aufziehen, eine zeitliche oder thematische Abfolge hineinbringen oder darauf vertrauen, dass es eine Schnur der inneren Wahrheit gibt, die von einer Perle zur nächsten führt.
Zu schreiben bedeutet, nicht vor der Wahrheit zu fliehen, sondern in sie zurückzufinden. Jede Erinnerung, die ich wiederfinde, verbindet sich in dem Augenblick, in dem ich sie teile, mit den Erinnerungen der anderen. Woran erinnere ich dich?