Ein Mann, in den ich ganz und gar nicht verliebt bin, aber den ich darüber doch zumindest ein wenig im Zweifel lasse, führt mich in ein teures Restaurant. Er redet zu viel und wirkt nervös. Gelangweilt trinke ich mein Glas Wein aus und finde am Boden einen Ring. Ich glaube tatsächlich, dass es sich um ein Versehen des Restaurants handelt, lachend winke ich den Kellner heran und erkenne erst an seiner verschwörerischen Miene meinen Fehler. Ich fühle mich überrumpelt, ich möchte den Ring nicht annehmen, auf gar keinen Fall, ich bin doch noch nicht mal ein kleines bisschen verliebt, aber der Mann will ihn auch nicht zurücknehmen. Du kannst ihn ja verkaufen, sagt er bitter. Auf dem Weg aus dem Lokal lasse ich ihn ungesehen in eine Schale Himbeeren fallen.

Als ich meinen Mann heirate, suchen wir gemeinsam in einem Schmuckladen in Gallup, New Mexico, unsere Eheringe aus. Wir können uns einfach nicht entscheiden, wir brauchen eine Bedenkpause

Als Kind war ich Nscho-tschi, die Schwester von Winnetou. Ich besaß eine schwarze Wollperücke mit langen Zöpfen, einen bunten Federkopfschmuck, ein Kostüm mit braunem, perlenbesticktem Rock und Hemd, ein Tipi und ein Tabakbeutelchen von meinem Vater, in dem ich Birkenrinde und andere für Indianer wichtige Dinge sammelte. Barfuß schlich ich durch den Garten und machte kein einziges Geräusch. In meinen Träumen ritt ich auf Iltschi, dem Pferd von Winnetou, durch die

Mir zuliebe las mein Vater alle Winnetou-Bände noch einmal, und wir führten lange Fachgespräche über Old Wabble und Old Surehand, über Greenhorns und SamHawkenswennichmichnichtirrehihihihi. Niemand sonst hatte Zugang zu unserer gemeinsamen Welt, meine Mutter fand Winnetou albern, und meine Schwestern konnten noch nicht richtig lesen. Wie sehr ich diese Zeit allein mit meinem Vater genoss, ich schleckte sie auf wie eine

Ich sitze in meinem Tipi, ganz allein, keiner hat Zutritt außer mir, die Sonne fällt durch die hellbraune Zeltwand, draußen spielen meine Schwestern und kichern und gackern. Ich bin getrennt von ihnen, wie ich es doch gerne möchte, und gleichzeitig will ich Teil ihres Gegackers und ihrer guten Laune sein und weiß nicht, wie.

Mein Mann spricht nur wenig, er ist ein bayerischer Schweiger, wir sitzen im Auto in der Wüste von New Mexico, rauchen und betrachten den Sonnenuntergang. Wie viel wir zusammen rauchen und schweigen. Für mich ist Schweigen schwierig, es macht mich atemlos, immer wieder drängen sich Wörter und Sätze auf meine Zunge, die ich mühsam zurückhalten und herunterschlucken muss, sie könnten sonst alles verderben.

Mein Lieblingsfoto von meinem Vater zeigt ihn als kleinen Jungen mit einem Federschmuck auf dem Kopf, in Indianerhemd und mit Glasperlenkette um den Hals. Stolz grinst er von einem Ohr bis zum anderen. Bereit fürs Abenteuer.

Schreib über deinen VaterSchreib über deinen Vater. Über die Zeit, die du mit ihm verbracht hast. Oder gern verbracht hättest. Oder das Gegenteil. Wie hat er dich beeinflusst? Wer war er für dich?