Ein Mann, in den ich ganz und gar nicht verliebt bin, aber den ich darüber doch zumindest ein wenig im Zweifel lasse, führt mich in ein teures Restaurant. Er redet zu viel und wirkt nervös. Gelangweilt trinke ich mein Glas Wein aus und finde am Boden einen Ring. Ich glaube tatsächlich, dass es sich um ein Versehen des Restaurants handelt, lachend winke ich den Kellner heran und erkenne erst an seiner verschwörerischen Miene meinen Fehler. Ich fühle mich überrumpelt, ich möchte den Ring nicht annehmen, auf gar keinen Fall, ich bin doch noch nicht mal ein kleines bisschen verliebt, aber der Mann will ihn auch nicht zurücknehmen. Du kannst ihn ja verkaufen, sagt er bitter. Auf dem Weg aus dem Lokal lasse ich ihn ungesehen in eine Schale Himbeeren fallen.
Als ich meinen Mann heirate, suchen wir gemeinsam in einem Schmuckladen in Gallup, New Mexico, unsere Eheringe aus. Wir können uns einfach nicht entscheiden, wir brauchen eine Bedenkpause und gehen vor die Tür, um zu rauchen. Nebenan befindet sich ein Pfandleiher, zu dem die Leute ihre Gewehre, Uhren und schweren Türkisketten tragen, um sich Alkohol leisten zu können. Oft sind es native americans, auf Deutsch nennen wir sie immer noch Indianer. Im Autoradio hören wir Ansagen auf Navajo, aus denen englische Wörter wie radiation damage und hospital check-up herausstechen wie scharfe Messer. Noch weiß kaum jemand außerhalb der Reservate von der schweren radioaktiven Verseuchung des Bodens durch die Atombombenexperimente von Los Alamos. Wir gehen wieder in den Laden und entscheiden uns: Unsere Eheringe sind hübsch, traditioneller Schmuck der Zuñi-Indianer, türkisblaue und korallenrote Steine auf einem schmalen Silberband, aber nach wenigen Wochen fallen die ersten Steine heraus.
Als Kind war ich Nscho-tschi, die Schwester von Winnetou. Ich besaß eine schwarze Wollperücke mit langen Zöpfen, einen bunten Federkopfschmuck, ein Kostüm mit braunem, perlenbesticktem Rock und Hemd, ein Tipi und ein Tabakbeutelchen von meinem Vater, in dem ich Birkenrinde und andere für Indianer wichtige Dinge sammelte. Barfuß schlich ich durch den Garten und machte kein einziges Geräusch. In meinen Träumen ritt ich auf Iltschi, dem Pferd von Winnetou, durch die Prärie, und manchmal auch von der Wohnung direkt in die Schule. Ich konnte das warme zuckende Pferdefell unter meinen Beinen spüren, die Zügel in meiner Hand, den Wind in den Haaren. Ich ritt an der Schule vorbei, ging gar nicht zum Unterricht, ritt weiter und immer weiter aus Hannover hinaus. Jeden Abend stieg ich auf einen Stuhl und küsste Pierre Brice, in seiner Rolle als Winnetou auf einem lebensgroßen Bravo-Starschnitt. Ich konnte mir selbst keine Bravo leisten, und um die einzelnen Teile des Starschnitts zu ergattern, musste ich den Jungen von gegenüber küssen, was mir eklig war. Als ich nicht mehr wollte, verweigerte er mir Winnetous rechten Fuß, was mir Winnetou mit seinem traurig umflorten Blick permanent vorzuwerfen schien. Ich konnte ihn von meinem Bett aus sehen, wie er sich melancholisch auf seine Silberbüchse stützte.
Mir zuliebe las mein Vater alle Winnetou-Bände noch einmal, und wir führten lange Fachgespräche über Old Wabble und Old Surehand, über Greenhorns und SamHawkenswennichmichnichtirrehihihihi. Niemand sonst hatte Zugang zu unserer gemeinsamen Welt, meine Mutter fand Winnetou albern, und meine Schwestern konnten noch nicht richtig lesen. Wie sehr ich diese Zeit allein mit meinem Vater genoss, ich schleckte sie auf wie eine Katze die Milch. Ich sprach alle englischen Namen aus den Büchern aus, wie sie geschrieben wurden, und mein Vater aus Solidarität auch. Immer hatte ich Angst, die Zeit mit meinem Vater könnte unverhofft enden, also las ich weiter und weiter, aber er ging sogar mit mir ins Kino, in alle Winnetou-Filme. In dem dunklen Kinosaal gab es nur noch Winnetou, Iltschi, meinen Vater und mich. Und manchmal auch noch Nscho-tschi, die ich nur mäßig interessant fand, aber sie war die einzig mögliche Figur, als die sich ein Mädchen verkleiden konnte.
Ich sitze in meinem Tipi, ganz allein, keiner hat Zutritt außer mir, die Sonne fällt durch die hellbraune Zeltwand, draußen spielen meine Schwestern und kichern und gackern. Ich bin getrennt von ihnen, wie ich es doch gerne möchte, und gleichzeitig will ich Teil ihres Gegackers und ihrer guten Laune sein und weiß nicht, wie.
Mein Mann spricht nur wenig, er ist ein bayerischer Schweiger, wir sitzen im Auto in der Wüste von New Mexico, rauchen und betrachten den Sonnenuntergang. Wie viel wir zusammen rauchen und schweigen. Für mich ist Schweigen schwierig, es macht mich atemlos, immer wieder drängen sich Wörter und Sätze auf meine Zunge, die ich mühsam zurückhalten und herunterschlucken muss, sie könnten sonst alles verderben.
Er bringt seine Karl-May-Bände mit in die Ehe, die grünen mit den bunten Tiefdrucktiteln, ich erkenne sie wieder und weiß, ohne ihn zu fragen, dass er als Kind ebenso wie ich alle Namen falsch ausgesprochen hat und dass auch er nie verstanden hat, warum es immer hieß, wenn jemand gestorben war: Nehmt die Hüte ab, Mesch’schurs. Wer waren diese Mesch’schurs?
Mein Lieblingsfoto von meinem Vater zeigt ihn als kleinen Jungen mit einem Federschmuck auf dem Kopf, in Indianerhemd und mit Glasperlenkette um den Hals. Stolz grinst er von einem Ohr bis zum anderen. Bereit fürs Abenteuer.