Wie stolz wir sind, wenn wir im Sommer dunkelbraun werden und der Unterschied zu unserer schneeweißen Haut unter der Badehose täglich wächst. Zeig mir deinen Unterschied, sagen wir Kinder zueinander. Ich liege auf einem Handtuch im Sand und halte mir den Arm vor die Augen, beuge ihn langsam, bis die Haut in meiner Armbeuge fast schwarz wird. Ich kann meine weiße Winterhaut nicht leiden, mag sie, wenn sie gebräunt, gesund und frisch aussieht. Im Winter versuche ich, stinkenden Selbstbräuner aufzutragen, was zu orangefarbenen Streifen auf den Beinen und Flecken auf den Handtüchern führt. Um den Mund nimmt die Haut die Farbe nicht an, und wenn man die Augenlider vergisst, sieht man aus wie ein umgedrehter Pandabär. Als Teenager sitzen wir im Winter vor einer gleißend hellen Höhensonne, die Pickel, Winterblues und Nebenhöhlenentzündungen heilen soll. Mein Gesicht brät in der künstlichen Sonne wie ein Spiegelei in der Pfanne, und wenn das Gerät sich mit einem Ping abschaltet, glüht die Haut nach, und man sieht noch lange einen orangeroten Fleck wie eine ferne Erinnerung an Sommersonne.
Gegen Pickel hilft die Höhensonne tatsächlich, aber sie wird nicht oft erlaubt, zu viel sei gefährlich, heißt es. Jeden Morgen stehe ich extra früher auf, um diesen einen Pickel zu überschminken, der auf meiner Nase blüht. Ich verfluche den Pickel, verwünsche ihn, bin überzeugt, dass die ganze Welt nur auf diesen Pickel schaut und nicht auf mich. Geduldig betupfe ich ihn jeden Morgen minutenlang wie eine Restaurateurin mit einer nach Schwefel riechenden hellbraunen Creme und bilde mir ein, dass ich ihn so kunstvoll kaschiere, dass man ihn nicht sehen kann. Eine Bekannte meiner Mutter mit sehr schlechter Haut spachtelt ihr Gesicht mit dickem rosa Make-up zu, und ich frage mich, ob ich in Wirklichkeit vielleicht ähnlich verunstaltet aussehe. Jeden Morgen bete ich, dass der Pickel verschwunden ist, aber immer wieder blüht er auf, und ich werde ihn einfach nicht los.
Wie eine weiße Made in einer Blechbüchse liege ich in Solarien, die nach Desinfektionsmittel und Schweiß stinken, Radiomusik plärrt aus einem kleinen Lautsprecher ins Ohr, während die Heizstäbe surren und zischen und ein Ventilator schlechte Luft ins Gesicht bläst. Mit geschlossenen Augen träume ich exakt zehn Minuten davon, Winterblässe und schlechte Laune einzutauschen gegen bronzene Sommerhaut und Fröhlichkeit ohne Grund. Die ganze Familie vergöttert die Sonne, ein Tag ohne Sonne ist ein verlorener Tag. Ich wachse auf mit der Sehnsucht nach Sommer und der Furcht vor endlosen grauen Tagen.
Als Kind bin ich Sarotti-Mohr. Wer ist auf die Idee gekommen? Ich kenne den Sarotti-Mohr von der Schokoladentafel. Will ich so aussehen? Wirklich? Meine Mutter näht mir eine weiße Bluse und grüne Pluderhosen aus Faschingsseide, ich trage einen riesigen Turban, in dem ein Schmuckstück mit einem rubinroten Stein steckt, ganz wie der Sarotti-Mohr, an den Ohren große goldene Ringe, mein Gesicht unter dem schneeweißen Turban ist tiefbraun geschminkt. Blackfacing. Keiner denkt sich etwas dabei. Ich komme mir schön und fremd vor und trage meine Verkleidung mit heiligem Ernst, kein Lächeln kommt über meine Lippen. Unter quietschenden kleinen Elfen und Bienen und Fliegenpilzen sitze ich stumm und schüchtern da und sage kein einziges Wort. Ich nehme mich selbst als Bild wahr, auf den Fotos schaue ich tiefernst, was alle erstaunt, nur mich nicht. So bin ich wirklich.
In der Zeitung lese ich, dass erst 2004 der Sarotti-Mohr umbenannt wird in »Sarotti-Magier der Sinne« und eine goldene Hautfarbe bekommt. Wenn am sechsten Januar die Sternsingerkinder und die Heiligen Drei Könige an unsere Tür klopfen, ist Caspar immer noch schwarz geschminkt. Er schnurrt sein Sprüchlein herunter: Mein Gesicht ist schwarz, mein Herz ist rein … Es schneit, die Kinder frieren in ihren dünnen Umhängen, eilig schwenken sie den Weihrauch und malen mit Kreide C+M+B und die neue Jahreszahl an die Tür. Was denken die Flüchtlinge aus Nigeria, wenn sie ihnen begegnen? Sie wurden in einem Jugendheim auf einem Berg in der Nähe untergebracht, keiner hatte ihnen vom strengen Winter und den Bergen von Schnee erzählt. An Silvester bringen wir ihnen Sekt und schießen Raketen miteinander ab. Ich erkläre ihnen die Mülltrennung, sie lachen und stöhnen über das schneckenlangsame WLAN, das jede Unterhaltung mit ihren Familien so mühsam macht. Wird es immer so weiterschneien?, fragen sie mich. Wird irgendwann wieder die Sonne scheinen?