Wir dürfen als Teenager kaum telefonieren. Die Leitung darf nicht zu lange besetzt sein. Hebammen rufen an, Frauen mit Beschwerden, Blutungen, Notfälle. Die Leitung muss unter allen Umständen frei bleiben.
In Amerika kann ich nicht telefonieren, weil es zu teuer ist. Einmal ruft meine Mutter im College an. Ich stehe im Flur, den Hörer am Ohr, und spreche leise eine andere Sprache. Ich habe das Gefühl, dass die anderen Studentinnen mich im Vorbeigehen seltsam anschauen.
Geht es dir gut?
Ja, geht schon.
Ich bin einsilbig und schäme mich später dafür.
Die amerikanischen Telefone klingeln anders als die deutschen, sehr viel melodischer, sie haben lange Strippen, mit denen man weit herumlaufen kann. Es gibt sogar in der Küche Telefone, und mit der langen Strippe kann man am Herd stehen, zum Kühlschrank gehen, zum Geschirrschrank und gleichzeitig telefonieren. Als ich später mit Familie in Virginia in einem weißen Holzhaus wohne und telefonierend in der Küche herumwandere, komme ich mir so lässig amerikanisch vor, so beweglich, modern. Ich sehe mir selbst dabei zu, und mein Bild entspricht den Bildern, die ich aus amerikanischen Filmen kenne.
In Deutschland sitze ich mit dem Telefon festgenagelt auf dem Sofa und kann mich nicht von der Stelle rühren. Ein kleiner mexikanischer Spiegel hängt neben dem Sofa, und ich sehe mir zu, wenn ich mit N telefoniere. Sie an ihrer langen amerikanischen Strippe, und ich an meiner kurzen deutschen. Wir telefonieren viel miteinander, seit es in den USA flat rates gibt.
Um N zu sehen und wieder in New York zu sein, akzeptiere ich einen Filmauftrag, den ich mir sonst nicht ausgesucht hätte. Bin ich verrückt? Während der Dreharbeiten wohne ich monatelang in einem Hotel in Midtown, weit weg von Soho, aber jeden Tag ruft N an. Sie beklagt sich, dass ich zu wenig Zeit für sie habe. Ich werde schneller, und sie langsamer. Ich arbeite und bin erfolgreich, sie hat kaum Arbeit, kämpft um Auftritte in kleinen Clubs. Ich wohne im Hotel und sie immer noch in ihrem schäbigen Apartment. Ich werde ungeduldig mit ihr. Zweimal in der Woche geht sie jetzt zu einer Therapeutin. Und zu ihrer AA-Gruppe. Und zum Yoga. Aber das Unglück bleibt. Lässt sich nicht vertreiben.
Jeden Morgen ruft sie mich an. Ich trinke kannenweise Nescafé, bis ich zittere, rauche viele Zigaretten, während wir telefonieren, die Beine auf dem Tisch, was ich in Deutschland nie tun würde. Ich klinge anders, bin anders. Wann sehen wir uns?, fragt sie, und ich mache Ausflüchte, habe keine Zeit. Ich drehe einen Film. Aber das ist nicht der Grund. Ich bin verliebt, ich habe keinen Platz für sie.
In demselben Hotelzimmer liege ich ein paar Jahre später windpockenkrank, und keiner will mich aus Angst vor Ansteckung besuchen, nur noch mit mir telefonieren. Mein Gesicht ist so zugeschwollen, dass ich mich selbst kaum im Spiegel erkenne. Das Zimmermädchen läuft schreiend vor mir davon. Aber N kommt und lacht und nennt mich lovely monster. Sie legt sich neben mich ins Bett und erzählt mir Geschichten von all ihren Freundinnen. Sie ist die treueste Freundin, die man sich vorstellen kann.
Wir telefonieren quer über den Erdball. Von überall rufe ich sie an. Später sprechen wir oft am Handy, während sie gerade auf dem Fahrrad durch New York fährt. Ich höre amerikanische Polizeisirenen, Hupen, Stimmen, Verkehr, das Rauschen der großen Stadt, die ich so vermisse.
Fast jeden Tag ruft sie mich an, als es nur noch schlechte Nachrichten gibt. Es geht meinem Mann schlecht. Es geht ihm schlechter. Und noch schlechter. Sie erträgt die schlechten Nachrichten. Oh, Doris, sagt sie. I am so so sorry. Don’t be scared.
Als mein Mann gestorben ist, ich das tiefste Tal der Trauer durchwandert habe und es mir gerade wieder ein wenig besser ging, bricht sie den Kontakt ab.
Zwei Jahre lang sprechen wir kein Wort miteinander, und ich verstehe nicht, warum. Ich leide. Wüte. Tobe. Verfluche sie. Vermisse sie. Trauere um sie. Ich telefoniere mit ihr nur noch im Traum. Schreibe ihr Briefe, auf die sie nicht antwortet. Höre nicht auf, von ihr zu träumen.
Ich stehe in München im Supermarkt in der Schlange an der Kasse. Jemand schreit: Ein Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen! Ich renne nach Hause. Sehe die Bilder im Fernsehen und gehe wie eine Schlafwandlerin zum Telefon. Rufe sie an, die Nummer immer noch auswendig im Kopf. Sie geht sofort dran. Are you okay?, frage ich. Yes, sagt sie, I’m okay. Und wir sprechen miteinander, als sei nichts gewesen.
Ich frage nicht, warum sie zwei Jahre lang nicht mit mir gesprochen hat. Ich fürchte mich, sie könnte es wieder tun.
Wir telefonieren wieder jede Woche. Jetzt gibt es Skype. Wir vergleichen unsere älter werdenden Gesichter, unsere Brillen. Wir klemmen das Kinn auf die Brust und zählen unsere Doppel-, Dreifach-, Vierfachkinne. Sie möchte mich so gern besuchen. Sie reist so gern, aber ihr Mann nicht. Ich vermisse das Reisen, seufzt sie, wie sehr ich das vermisse.
Das letzte Mal telefoniere ich mit ihr hoch auf einem Berg in der Schweiz, auf der Rigi, einem weiblichen Berg. Dort gibt es ein Hotel, einen verwunschenen Ort, an den man nur durch ein Tor aus Stein, ein Felsentor, gelangt. Es gibt bloß einen kleinen Bereich mit Telefonsignal. Ich warte lange, bis ich ihre Stimme höre. Sie ist zu schwach, das Telefon selbst zu halten. Ich höre sie atmen. Unter mir liegt wie ein tiefblaues Auge der Vierwaldstättersee. Die Luft schimmert. Die Blätter zittern. I am so scared, sagt sie. Don’t be scared. Hab keine Angst, sage ich und habe Angst.