Es gibt einen Film von John Huston, der in Stockton, Kalifornien, spielt. Der Titel dieses Films von 1972 ist Fat City. Er handelt von einem Boxer, der am Ende ist und durch eine von Armut verwüstete Stadt torkelt. Ich kenne diesen Film und halte ihn für Fiktion. Ich weiß noch nicht, dass Stockton die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate von ganz Amerika ist. Hierher komme ich direkt aus Hannover, weil in dieser Stadt meine Uni liegt. Als ich aus dem Greyhound-Bus aussteige, ist es brütend heiß. Zusammen mit ein paar abgerissenen Gestalten, die anscheinend nirgendwo hinmüssen, stehe ich auf einem riesigen, leeren Parkplatz ohne Schatten weit und breit. Sie beäugen mich. Nicht feindselig, nur neugierig. Ein weißes Mädchen mit einem großen Koffer in der Hand und der Persiflage eines Afros auf dem Kopf. Auf meinen Afro bin ich sehr stolz, ich weiß nicht genau, wer mich mehr dazu inspiriert hat, Angela Davies oder die Werbung von Bluna. Mein dünnes norddeutsches Maushaar hat die Tortur einer Dauerwelle nur knapp überlebt. Diese Dauerwelle wird mich sehr bald komplett ruinieren, ich werde einen Nebenjob annehmen müssen, nur um sie zu erhalten. Hilflos stehe ich eine Weile herum, mit meinem großen braunen Koffer aus Lederimitat, und glaube im Ernst, ich könne bis zur Uni laufen. Ich weiß gar nicht genau, wo sie überhaupt liegt, die University of the Pacific, mit Sicherheit nicht am Pazifik, der ist weit weg. Schließlich nehme ich ein Taxi und zähle ängstlich meine Dollar. Die Taxifahrt zur Uni beschreibt die Struktur amerikanischer Städte besser als jedes Proseminar. Durch fast vollkommen verarmte schwarze Viertel geht es, dann durch Latino-Viertel und ein schäbiges Chinatown in die Innenstadt, genau zwei Straßen, in denen sich das Rathaus befindet, ein paar billige Geschäfte und Kettenrestaurants, die Bank of America. Wie stolz ich später auf mein Bank-of-America-Scheckheft in den Farben des Sonnenuntergangs bin, kein Vergleich zu den öden deutschen Schecks. Niemand ist auf der Straße, als sei es Sonntag. Habe ich mich im Datum geirrt? Ich fahre weiter durch Straßen mit kleinen Vorgärten, die langsam größer und sauberer werden, genau wie die Autos und die Garagen. Pools glitzern neben den Auffahrten, Bäume säumen die Straßen. Bis plötzlich der Campus vor mir liegt mit altertümlichen Gebäuden in einem sorgfältig angelegten Park wie in England.
Ich setze mich neben meinen Koffer auf den Rasen. Das Gras ist hart und fremd. Überall liegen Studenten herum, sie tragen wehende, weite Gewänder und Hemden, ich komme mir blöd vor in meinen hautengen Jeans, die ich mit der Nähmaschine abgenäht habe. Hi, sagen wildfremde Menschen lächelnd zu mir.
Die nächsten Wochen bewege ich mich wie durch einen Traum, in dem ich ständig versuche, die Bedeutung der aufscheinenden Sätze und Bilder zu dekodieren, während sie sich unaufhörlich verändern und Verbindungen knüpfen, die völlig unbegreiflich sind. Ich haste ihnen hinterher und verstehe nicht. Auch mich selbst nicht mehr, denn nichts an mir stimmt mehr. Ich sehe falsch aus, kann nicht richtig sprechen, weil mein Englisch zu schlecht und zu langsam ist, ich verstehe immer nur die Hälfte, kann noch nicht einmal richtig grüßen. Die Frage How are you? beantworte ich gewissenhaft und ehrlich: Heute nicht so gut, gestern ging es mir besser. Heute bin ich mit Kopfschmerzen aufgewacht und zu spät zum Frühstück gekommen. Man amüsiert sich über mich. Ich komme mir dumm und nackt vor, schwanke zwischen Panik und Begeisterung. Nie weiß ich, was als Nächstes geschehen wird, und deshalb weiß ich auch nicht, wie ich reagieren werde und wer ich in der nächsten Minute sein werde. Alles ist in Bewegung, und wenn ich stehen bleibe, wirft es mich um. Dieses Gefühl prägt sich mir tief ein. Es macht mich ängstlich und tapfer zugleich, schüchtern und draufgängerisch, introvertiert und exhibitionistisch. Also eigentlich bis auf die Knochen amerikanisch.
Die Welt um sich herum wahrnehmenSchreib über eine ReiseSchreib über eine Reise, einen Ort. Jede Reise ist eine Transformation. Der Ort verändert sich, aber auch man selbst und der eigene Blick. Er wird schärfer, genauer, fast wie unter Schock. Alle Sinne sind auf Empfang geschaltet. Soll man flüchten oder standhalten? Angst oder Verzückung? Auf jeden Fall Neugier.
Nicht nachdenkenDas Glück des SchreibensSchreib zehn Minuten über deine nächste UmgebungDen schärferen Blick kann man auch auf die nächste Umgebung anwenden. Schreiben, als wäre man auf Reisen. Eine Übung: sich irgendwo hinsetzen und einfach notieren. Herrlich. Nicht nachdenken, nicht ausdenken, sich an nichts erinnern, nur mitschreiben. Zehn Minuten lang.