Es gibt einen Film von John Huston, der in Stockton, Kalifornien, spielt. Der Titel dieses Films von 1972 ist Fat City. Er handelt von einem Boxer, der am Ende ist und durch eine von Armut verwüstete Stadt torkelt. Ich kenne diesen Film und halte ihn für Fiktion. Ich weiß noch nicht, dass Stockton die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate von ganz Amerika ist. Hierher komme ich direkt aus Hannover, weil in dieser Stadt meine Uni liegt. Als ich aus dem Greyhound-Bus aussteige, ist es brütend heiß. Zusammen mit ein paar abgerissenen Gestalten, die anscheinend nirgendwo hinmüssen, stehe ich auf einem riesigen, leeren Parkplatz ohne Schatten weit und breit. Sie beäugen mich. Nicht feindselig, nur neugierig. Ein weißes Mädchen mit einem großen Koffer in der Hand und der Persiflage eines Afros auf dem Kopf. Auf meinen Afro bin ich sehr stolz, ich weiß nicht genau, wer mich mehr dazu inspiriert hat, Angela Davies oder die Werbung von Bluna. Mein dünnes norddeutsches

Ich setze mich neben meinen Koffer auf den Rasen. Das Gras ist hart und fremd. Überall liegen Studenten herum, sie tragen wehende, weite Gewänder und Hemden, ich komme mir blöd vor in meinen hautengen Jeans, die ich mit der Nähmaschine abgenäht habe. Hi, sagen wildfremde Menschen lächelnd zu mir.

Die nächsten Wochen bewege ich mich wie durch einen Traum, in dem ich ständig versuche, die Bedeutung der aufscheinenden Sätze und Bilder zu dekodieren, während sie sich unaufhörlich verändern und Verbindungen knüpfen, die völlig unbegreif‌lich sind. Ich haste ihnen hinterher und verstehe nicht. Auch mich selbst nicht mehr, denn nichts an mir stimmt mehr. Ich sehe falsch aus, kann nicht richtig sprechen, weil mein Englisch zu schlecht und zu langsam ist, ich verstehe immer nur die Hälfte, kann noch nicht einmal richtig grüßen. Die Frage How are you? beantworte ich gewissenhaft und ehrlich: Heute nicht so gut, gestern ging es mir besser. Heute bin ich mit Kopfschmerzen aufgewacht und zu spät zum Frühstück gekommen. Man amüsiert sich über mich. Ich komme mir dumm und nackt vor, schwanke zwischen Panik und Begeisterung. Nie weiß ich, was als Nächstes geschehen wird, und

Die Welt um sich herum wahrnehmenSchreib über eine ReiseSchreib über eine Reise, einen Ort. Jede Reise ist eine Transformation. Der Ort verändert sich, aber auch man selbst und der eigene Blick. Er wird schärfer, genauer, fast wie unter Schock. Alle Sinne sind auf Empfang geschaltet. Soll man flüchten oder standhalten? Angst oder Verzückung? Auf jeden Fall Neugier.

Nicht nachdenkenDas Glück des SchreibensSchreib zehn Minuten über deine nächste UmgebungDen schärferen Blick kann man auch auf die nächste Umgebung anwenden. Schreiben, als wäre man auf Reisen. Eine Übung: sich irgendwo hinsetzen und einfach notieren. Herrlich. Nicht nachdenken, nicht ausdenken, sich an nichts erinnern, nur mitschreiben. Zehn Minuten lang.