Drei Jungs liegen auf dem Bauch im Gras, ein Bier in der Hand, alle drei tragen dunkle Brillen, in denen sie sich gegenseitig spiegeln. Drei vielleicht vierzehnjährige Mädchen treiben in regenbogenfarbenen Einhornschwimmreifen auf dem Eisbach vorbei, sie kreischen, und die drei Spiegelbrillen wenden langsam die Köpfe. Ein Vater hält im Wasser sein kleines Kind an der einen Hand, mit der anderen telefoniert er. Hochgekrempelte gute Hosen und ein weißes Oberhemd. Neben ihm stehen ältere Damen in schlottrigen Badeanzügen im Wasser und kühlen sich die Beine. Eine Gruppe junger Spanier schleppt Bierkästen vorbei. Eine Eisverkäuferin in einem blauen Dirndl sitzt im Schatten hinter ihrem Eismobil und schaut mürrisch. Ein weißer Spitz kläfft sie an. Auf dem Rasen übt eine Capoeiragruppe mit seltsamen bogenförmigen Instrumenten komplizierte Bewegungen. Drei ältere afrikanische Herren in Anzügen schlendern vorbei, alle tragen Herrenhandtaschen. Ein Vater wirft immer wieder ein Frisbee ins Wasser und springt ihm hinterher, am Ufer ruft sein Kind aufgeregt, es hat Angst, dass der Vater das Frisbee nicht mehr erwischt, aber er schafft es jedes Mal. Zwei Frauen lassen kichernd ein zu schlapp aufgeblasenes Schlauchboot ins Wasser. Ein wenig weiter warten ihre Freunde, sie haben das Bier im Bach geparkt. Die Frauen steigen ins wacklige Boot und gehen fast unter. Ein junges Paar vermietet grüne Sonnenstühle mit dem Aufdruck »Sonnendiebe«. Die drei Einhornmädchen schleppen ihre Schwimmreifen zurück zur Einstiegsstelle. Vorsichtig setzen sie einen Fuß vor den anderen über die spitzen Kieselsteine. Eine Ente schwimmt rasend schnell vorbei, verfolgt von zwei Erpeln. Eine arabische Familie auf Fahrrädern fährt schwankend in Zickzacklinien, sie halten vor der Eisverkäuferin, hantieren mit Eis, Geld und Fahrradlenkern und kommen dabei gefährlich ins Wanken. Eine Waffel fällt zu Boden, ein zottiger weißer Hund kommt angerannt und schleckt das Eis auf. Ein nacktes Baby kriecht durchs Gras und wird von seiner Mutter wieder eingefangen. Ein schwarzer Hund kommt aus dem Wasser und schüttelt sich. Die Mutter des Babys beschwert sich bei der Hundebesitzerin, die so tut, als verstünde sie kein Wort. Ein Inder steht auf der Wiese, schreit laut in sein Handy und bewegt sich nicht vom Fleck. Dem Tonfall nach scheint er in einen komplizierten Streit verwickelt zu sein. Die drei Einhornmädchen lassen ihre Schwimmreifen abermals ins Wasser, die Jungs mit den Spiegelbrillen wenden sich ihnen synchron zu und wieder ab. In einer Sonnenliege der Sonnendiebe liegt ein Mann in Badehose mit silbernem MacBook auf dem Schoß. Der Inder schreit weiter in sein Telefon. Ein Mann in Bermudas, an der Leine einen Dackel, sagt zu seiner Freundin: Ich werde einfach keine Steuern mehr zahlen.
Schreiben ohne ErwartungenDie Welt um sich herum wahrnehmenSchreib zehn Minuten über deine nächste UmgebungSchreiben ohne Ehrgeiz, ohne Ziel. Nur notieren und sich so des eigenen Lebens vergewissern. Mehr ist es oft nicht. Das Glück des SchreibensDurch das Schreiben fühlt man sich wieder in der Welt zu Hause. Man nimmt Kontakt mit ihr auf, fliegt nicht melancholisch davon, sondern sitzt mit dem Hintern im Rasen unter allen anderen. Mit oder ohne Einhornschwimmreifen.
FlanierenFlaniere und schreibe darüberDie zweite Übung: flanieren und notieren. Von einem Ort zum anderen wandern, anhalten, zehn Minuten schreiben, weitergehen. Ich bezeichne mich als Flaneuse. Nicht Fritteuse, sondern Flaneuse. Das war immer eine Männerbeschäftigung: die Welt durchstreifen, sie betrachten und über sie berichten, während die Frauen zu Hause die Unterhosen der Flaneure wuschen, Socken stopften und auf sie warteten. Aber nicht alles muss man umdrehen. Ich stopfe meine Socken selbst. Stimmt gar nicht. Ich stopfe nur Mottenlöcher in meinem Lieblingspullover.
Schreib über deine WohnungWenn das Wetter zu schlecht ist, um draußen zu flanieren, flaniere durch deine Wohnung. Schreib über jeden Gegenstand, der dir begegnet.