Eine weiße Winkekatze aus Japan, solarbetrieben. Ich war besessen von diesen Katzen, als sie sonst noch keiner in Deutschland hatte. Hab sie in großer Stückzahl mit zurückgebracht und verschenkt. Die Katze steht bei mir im Fenster und lockt andere Katzen an. Skeptisch betrachten sie sie mit schiefgelegtem Kopf. Was sehen sie?
Eine Solarlampe auf dem Fensterbrett. Bei dem Film Grüße aus Fukushima haben wir unseren Drehort mit Solarstrom beleuchtet, und lange, lange leuchtete in dieser kleinen Lampe noch die Sonne von Fukushima nach.
Am Fenster klebt ein Zettel: nichi nichi kore koujitsu. Darunter die englische Übersetzung eines japanischen Freundes: Whatever come happen, I will carry out my steady life. Was? Wie? Was soll das heißen? Es gibt eine andere Übersetzung für diesen Satz: Jeder Tag ist ein guter Tag. Nein, nein, nein, will ich schreien. Nicht jeder Tag! Ganz und gar nicht! Es gibt hundsmiserable Tage. Doch, doch, doch, sagt der Satz zurück, jeder Tag, guter Tag – das ist ja gerade der Witz daran.
Auf dem Sofa ein Schlafsack, warm bis minus 15 Grad Außentemperatur. So kalt wird es zum Glück nie in meinem Zimmer, aber ich liebe diesen Schlafsack und fühle mich in ihm wie auf einer Expedition. Ein Kissen aus Guatemala. Der alte Ofen. Oben auf der Ofenplatte liegen runde, große Steine, die ich vor J ahren in Hamburg bei einer Wochenendausbildung zur »Hot-Stone-Therapeutin« erworben und in den Süden geschleppt habe. Warum habe ich das gemacht? Aus purer Neugier. Nicht wegen der Ausbildung, sondern wegen der Teilnehmer. Das Seminar fand in einem Einfamilienhaus in einem Vorort statt. Der Vampir in mir bekam reichlich Material. Schriftsteller sind Diebe und Vampire. Ein paar Freunde kamen später in den Genuss meiner Ausbildung. Jetzt liegen die Steine auf dem Ofen, und wenn es sehr kalt ist, nehme ich einen Stein mit ins Bett. Eine Stehlampe von Ikea. Auf dem Tisch steht eine Vase mit einer Magnolie, die nicht aufblüht. Gerade bin ich zu der Magnolie meiner Kindheit gepilgert. Sie steht in einem Vorgarten, an dem mich mein Schulweg vorbeiführte. Damals ein kleines Bäumchen, jetzt ein riesiger Baum in überwältigender Blüte. Schon als Kind war ich von der Schönheit der Magnolie hingerissen. Gleich daneben begann der Hundeweg, so benannt, weil alle Hunde der Nachbarschaft dort ihr Geschäft verrichteten. Einmal, schon fast zu spät für die Schule, rannte ich den Weg entlang, rutschte aus und fiel der Länge nach in die Hundescheiße. Die Schönheit und die Scheiße, manchmal so nah beieinander. Ein anderes Mal ging ich mit Klassenkameraden durch den Hundeweg in die Schule, und ich kann den Punkt noch genau benennen, an dem ein Kind mich fragte: Wo ist eigentlich dein Schulranzen? Ich war der festen Überzeugung, er sei auf meinem Rücken, aber da war nichts. Vergessen. Ich erinnere mich an das Erschrecken, die Scham, das Staunen darüber, dass etwas, das ich doch auf meinem Rücken fühlte, gar nicht da war.
Vor dem Fenster steht ein Glas mit Vogelfutter. Ein kleines Fernglas, ein Vogelbestimmungsbuch. Man ist alt, wenn man anfängt, sich für Vögel zu interessieren. Aber dann war ich schon vor zwanzig Jahren alt. Eine Hängematte. Mein Glück ist eine Hängematte. Nichts Schöneres, als in die Baumwipfel zu schauen und leicht hin und her zu schwingen. Ich kenne den idealen Hängemattenabstand von fast allen Bäumen im Englischen Garten. Unter dem Sofa eine Yogamatte und Yogablöcke. Ein riesiger chinesischer Pinsel, über einen Meter lang. Ich habe ihn in Peking gekauft, dort beobachtete ich alte Männer, die in einer Art Schönschreibwettbewerb mit riesigen Pinseln Schriftzeichen auf die Straße pinselten, mit Wasser. Eine Weile lernte ich eifrig chinesische Schriftzeichen. Schrieb sie mit Wasser ein einziges Mal auf die Straße vors Haus, gab es wieder auf. So viele Pläne, die ich aufgegeben habe.
Jeder Gegenstand hat das Potential, dich in eine Geschichte zu tragen. Geh in die Küche. Setz dich an den Küchentisch. Schreib über BrotSchreib über Brot.
Ich erinnere mich an Gersterbrot. An den Kampf um den Knust. Vier Kinder und ein Knust. Heimlich gehe ich nachts in die Küche und nage den Knust vom frischen Brot. Kann nicht aufhören. So knusprig, so lecker ist der Knust. Ich knabbere die ganze Rinde ab. Morgens ist das Brot nackt. Wie kann man nur so unsozial sein?, wird mir vorgeworfen. Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber kann es einfach nicht lassen.
Ich erinnere mich an die Haut auf der Milch, vor der uns graust. Meine Großmutter behauptet, sie sei wunderbare Sahne, und schmiert sie uns aufs Brot. Ich erinnere mich an die weiße Milchkanne, mit der ich zum Lebensmittelladen geschickt werde, an die Milch, die in einem großen Strahl in die Kanne schießt, das Spiel auf dem Heimweg, die Kanne so schnell wie möglich im Kreis herumzuschwenken, ohne dass Milch herausfließt. Geht oft schief.
Ich erinnere mich an mein Leben auf dem Land, an die Kühe gegenüber, an den Milchwagen, der morgens um fünf kommt, und wie ich mich wohlig in meinem Bett wieder umdrehe, froh, keine Bäuerin zu sein.
Tomaten, Gurken, Butter. Bier, Schokolade, Suppe, Nudeln, Reis. Erinnere dich, erinnere dich … Alles beschreibt dich, deine Zeit, deine Generation, deine Welt.