Ich bin Mutter. In meinen Träumen bin ich es nicht, da bin ich weiterhin allein und cool in der Welt unterwegs und rauche Kette. Wenn ich aufwache, bin ich Mutter und Nichtraucherin, und so müde, so furchtbar müde. Mein Kind schläft besser als andere, aber es wacht früh auf, und das habe ich schon immer gehasst. Ich mag es nicht, wenn alle anderen noch schlafen, da fühle ich mich allein und verloren. Nur wir zwei sind am frühen Morgen auf der Welt, mein Kind und ich. Die Sonne fällt durch die dunkelroten Vorhänge, die ich aus Futterseide genäht habe, damit die Farbe besonders intensiv ist. Wenn ich auf die roten Vorhänge schaue und danach auf die weiße Wand, färbt sich die Wand grün. Ich habe den Stoff nur deshalb so ausgesucht. Mein Mann ist Fotograf und Kameramann, von ihm habe ich gelernt, was Licht und Farbtemperatur bedeuten. Er trägt bei der Arbeit ein rundes Dunkelglas um den Hals, um die Wolken zu beobachten und abschätzen zu können, wann die Sonne wieder zum

In New Mexico sitzen wir stunden- und tagelang in der Wüste auf den Felsen und betrachten das Licht. Ich würde gern ein bisschen quatschen und traue mich nicht. Wir rauchen und schweigen. Er fotografiert das Licht. Blitzschnell wie einen Revolver holt er seine Kamera hervor und macht ein einziges Foto, wenn das Licht perfekt ist.

Er leidet, wenn das Licht schlecht ist.

Ihm fällt nichts ein, wenn das Licht schlecht ist.

Er wird melancholisch, wenn das Licht schlecht ist.

Das Licht ist schlecht, wenn es mau ist. Matschig. Dann fühlt nicht nur er sich mau und matschig, sondern ich mich auch. Ich weiß nicht, wie ich ihn aufheitern kann. Er versinkt vor meinen Augen in einem schwarzen Loch, das Licht geht aus. Davor hatte er mich gewarnt: Bei mir geht manchmal das Licht aus, sagt er. Das macht mir nichts aus,

Wir wohnen im Chateau Marmont in Los Angeles und trauen uns nicht aus dem Hotel, jederzeit könnte Columbia Pictures anrufen und mich zu einem Treffen herbeipfeifen. Wir beobachten das Licht und den Schatten auf der Wand. Wir essen Reuben Sandwiches, mit Corned Beef, Sauerkraut und Käse. Er fotografiert unsere abgegessenen Teller in der Küche, den Vorhang, der im Wind weht, eine halbe Ananas, das Badezimmer, die Palmen vor unserem Fenster, den glitzernden Swimmingpool. Dort sitzen haufenweise Regisseure und Drehbuchautoren mit dicken Drehbüchern auf dem Schoß, alle lauern wie wir darauf, dass das schneeweiße Telefon an der Wand klingelt. Und es klingelt oft, alarmiert schauen dann alle auf, einer springt betont locker herbei und nimmt ab, ruft dann meist enttäuscht einen Namen in die Runde, woraufhin der Glückliche sich betont langsam erhebt und zum Telefon schlendert, fast widerstrebend den Hörer entgegennimmt, als habe er es nun wirklich nicht nötig, und alle anderen wieder so tun, als warteten sie auf gar keinen Fall auf den einen erlösenden Anruf. Ich nenne es das Telefonballett. Wir warten und warten. Das Licht ist phantastisch, aber wir sind unglücklich, Gefangene in Hollywood, wir dürfen

Wir fühlen uns mies und mau und klein.

Wir beschließen, nach Deutschland zurückzukehren.

Wir bekommen ein Kind und staunen, wie zum Platzen glücklich es uns macht.

Ich sitze mit unserem Kind im Bett. Es entdeckt einen Lichtfleck auf der Wand und versucht, ihn zu fangen. Der Lichtfleck bewegt sich, wenn ich mich bewege, er stammt von meiner Uhr, das Glas wirft einen Reflex. Das Kind kreischt vor Vergnügen, wir taufen den Reflex Wiwi. Es kann nicht genug davon bekommen, den Wiwi zu fangen, und erkennt den Zusammenhang zwischen meiner Uhr und dem Lichtfleck nie. An grauen Tagen kommt der Wiwi nicht, und die Enttäuschung ist groß. Aber morgen, morgen vielleicht. Jeden Morgen die Frage: Kommt

Der Wiwi reist, und wir reisen mit. In die USA, nach Spanien, in die Berge, ans Meer. Aber oft ist es schwierig, den Wiwi hervorzulocken. Der Einfallswinkel des Lichts stimmt nicht, die Sonne scheint nicht, die Wände sind zu dunkel, der Wiwi mag nicht. Irgendwann gerät er in Vergessenheit. Bis er zu Hause, wieder in unseren eigenen vier Wänden, plötzlich über die Wand huscht. Unverhofft hat das Sonnenlicht meine Uhr erwischt. Ungläubiges Staunen. Da, da, da, ruft das Kind fast ehrfürchtig. Etwas verschwindet und taucht wieder auf. Nichts geht verloren. Ich hoffe, dass es das denkt.

Schreib über eine Begegnung mit einem Kind, ein SpielNicht nachdenkenDas Glück des SchreibensEs gibt ihn auch beim Schreiben, wenn man nicht zu viel nachdenkt, sich nicht selbst über die Schulter schaut und kritisiert. Dazu gehört eine Portion Mut. Wie zum Spielen auch – kannst du dich erinnern, wie es sich angefühlt hat, wenn man die Regeln nicht verstand oder die anderen die Regeln einfach geändert haben? Wenn sie die tolle Sandburg, die man gebaut hatte, nicht toll gefunden haben? Da half auch immer nur: weiterspielen. Also weiterschreiben. Sich immer von neuem hineinstürzen in die Welt der eigenen Erinnerungen und Phantasie, wie Alice in das schwarze Loch, das ins Wunderland führt.