Immer wieder kehrt sie zurück zu diesem Moment, dem Moment davor und dem danach. Davor steht sie auf dem Marktplatz der kleinen Stadt. Es gibt die ersten Erdbeeren, wie angemalt leuchten sie rot auf den Marktständen zwischen Salat und Mohrrüben. Sie sitzt mit dem Kind auf einer Bank in der Sonne, sie essen Erdbeeren. Das Kind ist vergnügt. Sie ist vergnügt. Und dann. Das, wovor sie sich ihr Leben lang am meisten gefürchtet hat, tritt ein. Oder tritt auf wie der rabenschwarze Bösewicht auf der heiteren Bühne. Als habe er nur darauf gelauert und Anlauf genommen, um sie in einem sonnenbeschienenen Augenblick anzuspringen, seine Krallen in ihr Fleisch zu schlagen, sie zu beuteln und zu zerfetzen. Aber noch ahnt sie nichts. Sie isst Erdbeeren mit ihrem Kind.
Gestern sind sie alle drei baden gewesen an einem verwunschenen See mit gelben Seerosen. Er trägt eine schwarz-weiß gestreifte Badehose, er hat einen schönen glatten Körper, einen Jungenkörper. Er ist noch jung, gerade noch jung, aber er hat Angst, dass er mit seinen grauen Haaren für den Großvater des Kindes gehalten wird. So ein Quatsch. Sie lacht ihn aus. Sie ist jünger als er, noch richtig jung, aber seit der Geburt des Kindes fühlt sie sich weder jung noch alt. Sie bekommt sich nicht zurück, so wie sie war, aber sie weiß auch nicht mehr, wer sie gern wäre. Sie ist erfolgreicher als er, verdient mehr Geld, sie ernährt die Familie, aber tut so, als sei das nicht wahr, weil sie weiß, dass er das nicht gut verkraftet. Versagensängste quälen ihn, deshalb arbeitet sie fast heimlich, ganz schnell. Keiner soll darunter leiden, dass sie arbeitet, weder das Kind noch er.
Sie sitzt neben dem Kind im Gras, er springt von einem Steg ins Wasser, macht einen Bauchklatscher, sie lacht. Sieht ihm beim Schwimmen zu. Er schwimmt weit hinaus. Wenn sie schwimmt, weint das Kind am Ufer bitterlich, und nichts kann es trösten. Es ist überzeugt, dass sie niemals zurückkehren wird. Deshalb schwimmt sie nicht. Sie winkt ihrem Mann zu, aber er winkt nicht zurück, er lacht auch nicht, das weiß sie noch, als er aus dem Wasser kommt. Er beschwert sich über Bauchschmerzen. Das war der Bauchklatscher, sagt sie. Das Kind und sie kichern.
Am Abend sind die Bauchschmerzen immer noch nicht vergangen. Jetzt nennt er es Sodbrennen. Das hatte sie während der Schwangerschaft. Sie gibt ihm Nüsse zu knabbern. Er jammert weiter. Meine Güte. Wegen eines bevorstehenden Feiertags und langen Wochenendes rät sie, gleich morgen zum Arzt zu gehen und sich ein Medikament gegen Sodbrennen zu holen, denn sonst hat er womöglich vier Tage hintereinander Sodbrennen und schlechte Laune. Wenn er schlechte Laune hat, zieht er sich zurück wie eine Schildkröte in ihren Panzer. Davor fürchtet sie sich.
Sie sitzt immer noch auf der Bank mit der Erdbeertüte in der Hand, als sie ihn von weitem sieht. Er geht anders. Er sieht anders aus. Sie weiß es, bevor sie es von ihm erfährt.
Fußballgroß, habe der Arzt gesagt.
Sie versucht, sich einen Fußball in seinem Bauch vorzustellen. Den müsste sie doch bemerkt haben. Warum hat sie nichts bemerkt?
Wann fing es an? Er wirkte schon seit einiger Zeit niedergeschlagen, die Arbeit lief nicht so, wie er wollte, er sollte Filme drehen, die er nicht mochte, also drehte er sie nicht und war dann unglücklich, dass er sie nicht drehte. Er wollte sich nicht verkaufen und litt unter den Verkäuferseelen der anderen. Er wurde unruhig und unleidlich. Sie schlug Ferien vor, richtige Ferien, so wie andere sie machen. Wegfahren in sein geliebtes Amerika, dorthin, wo Hemingway gelebt hatte, wo Filme gedreht worden waren mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall, in ein mythisches Amerika, nach Key West! Ja, wir fahren nach Key West! Ein Ort aus dem Kino. Sie finden eine bezahlbare Wohnung, sogar mit Pool, von Miami fahren sie mit dem Auto hinunter. In Miami ist gerade ein deutsches Ehepaar in einem Leihwagen umgebracht worden, das in ein falsches Viertel geraten war, aber sie haben keine Angst, denn das ist ihre Verabredung miteinander: keine Angst zu haben. Vor nichts und niemand. Sie hat dennoch Angst, aber sagt es nicht. Ihr werden Nerven wie Drahtseile nachgesagt, die sie nie hatte, aber sie kann gut so tun, als hätte sie keine Angst.
Sie fahren durch dampfige Sümpfe und über endlose Highways, es ist heiß, das Kind hat eine Meerjungfrauenbarbie mit blauglitzerndem Fischschwanz im Arm und singt Meerjungfrauenlieder aus einem Disney-Film. Sie zerbricht sich den Kopf, warum er so anders wirkt. Sie kann nicht sagen, was es ist. Irgendetwas stimmt nicht. Er wirkt gedämpft. Sein Lächeln bemüht. Er ist oft müde. Sie beschäftigt sich mit dem Kind. Spielt Meerjungfrau im Pool, bis beiden langweilig wird. Er sieht ihnen von der Sonnenliege aus zu. Er schwimmt nicht, liest nicht, möchte nur schlafen. Sie langweilt sich und geht mit dem Kind zu Hausbesichtigungen in teure Häuser, gibt vor, sie sei an einem Hauskauf interessiert. Erfindet Geschichten für die Makler, andere Biographien, andere Leben. Wir möchten uns verändern, sagt sie immer wieder. Dieser Satz kommt gut an in Amerika. Alles ist Veränderung. Ah, ja, nicken die Makler und Maklerinnen freundlich, und dann sagt sie den Satz: Das Haus gefällt mir gut, aber das muss ich mit meinem Mann besprechen. Und wieder nicken die Makler verständnisvoll.
Vielleicht könnten sie wirklich hier leben? Am Meer. In der Sonne. Immer wieder diese Vorstellung, dass in der Sonne alles besser ist. Sie trägt ein buntes Kleid, einen türkisfarbenen Baumwollmantel, eine große Sonnenbrille, Turban. Sie sieht nicht aus wie zu Hause, beinahe schon so, als würde sie bereits hier leben.
Wenn sie zurück in die Ferienwohnung kommen, ist er manchmal wieder fast wie früher. Zärtlich, freundlich, lustig mit ihr und dem Kind. Aber auch etwas schwammig, nicht so klar für sie zu erkennen, als wäre er leicht unscharf. Vielleicht liegt es an ihr. Sie weiß nicht, wo und wie sie leben möchte. Ständig träumt sie von anderen Orten. Von was genau? Sie kann es nicht sagen. Ein anderes Leben halt. Aber wie soll das aussehen? Sie weiß es doch auch nicht, sie möchte einfach die Grenzen auflösen, spielen, Dinge in Bewegung bringen. Dass alles wieder möglich ist.
Er sitzt ganz ruhig da und hört ihr zu. Das Kind spielt am Pool. Das Wasser im Pool türkisblau, der Himmel hellblau, ihre Fußnägel dunkelblau lackiert. Sie lacht zu laut und zu viel. Sie möchte ihn so gern aufheitern, alles leichter und unbeschwerter machen. Woher kommt das Gewicht, das mit einem Mal auf ihnen lastet? Wenn sie ihn fragt, sagt er regelmäßig, es sei alles in Ordnung, aber er weicht ihrem Blick aus, wie immer, wenn er unglücklich ist. Ist sie schuld? Ist das Problem jetzt doch, dass sie erfolgreicher ist als er, mehr Geld verdient? Darüber sprechen sie nie.
Sie sieht nicht, wie das Kind in den Pool fällt, sieht ihn nur plötzlich über sich in der Luft, er fliegt über sie hinweg ins Wasser, zieht das Kind mit einem Griff raus. Das Kind klammert sich an ihn, hängt an seinem Hals, lacht, es hat gar nicht begriffen, dass es hätte ertrinken können. Sie erschrickt bis ins Mark. Das hätte der Moment sein können, der alles verändert. Aber er ist es nicht. Noch nicht. Noch sind sie doch glücklich. Eigentlich.
Schreiben über schmerzliche ErinnerungenSchreib über einen »und dann«-Moment, eine KatastropheSchreib über einen »und dann«-Moment. Wer warst du vor diesem Augenblick und wer danach? Wie genau kannst du dich an das Davor und Danach erinnern? Im Schockzustand werden alle fünf Sinne aktiviert, jedes einzelne Bild, jeder Ton wird abgespeichert und lässt sich immer wieder abrufen.
Wir erleben alle irgendwann einen Schock. Nichts ist mehr wie vorher.
Katastrophe. Wir verlieren den Boden unter den Füßen.
Über Katastrophen zu schreiben macht die Katastrophe nicht kleiner, im besten Fall beginnen wir, sie zu besitzen und nicht sie uns.
DetailsSchreiben als Schockzustand: Um die fünf Sinne in der Erinnerung wiederzubeleben, ist es hilfreich, sich auf sie zu konzentrieren und auf abstrakte Ausführungen zu verzichten. Die Welt um sich herum wahrnehmenUns von unseren Sinnen leiten zu lassen, nicht von klugen Gedanken. Vergleiche die Sätze: »Es roch nach Sommer« und »Es roch nach frischgemähtem Gras«: Der Sommer ist allgemein, das frischgemähte Gras spezifisch. Unsere Welt besteht aus Details, die wir zu Bildern und Empfindungen zusammenfügen. Das Detail ist göttlich, hat Vladimir Nabokov gesagt. »Caress the detail, the divine detail« – Streichle das göttliche Detail, kitzele es heraus. Im Detail liegt unser ganzes Leben verborgen, in der Beschwörung des Details große Kraft.
Immer wieder über dasselbe schreiben mit immer neuen Details. Boden unter die Füße bekommen. Noch einmal über den Boden unter meinen Kinderfüßen schreiben. Immer wieder. Immer anders.
Schreib noch einmal über den Boden unter deinen KinderfüßenGeh noch einmal über den Boden deines Zuhauses als Kind. Beschreib noch einmal den Boden, deine Füße, die Räume, in die sie dich tragen.