Es ist dunkel, nur das Licht der Autoscheinwerfer huscht über die Zimmerdecke. Meine Eltern schlafen in ihrem Ausziehbett, tagsüber verdeckt von einem hellgrünen Vorhang, hinter dem ich Verstecken spiele. Vorsichtig tappe ich über den hellbraunen Parkettboden, ich kann nicht schnell gehen mit den seltsamen Schuhen an meinen nackten Füßen, kleinen Brettchen mit Holzstegen zwischen den Zehen, die diese nachts in eine gerade Position rücken sollen. Meine Füße sind nicht schön, sie gehören nicht zu mir, die Brettchen klappern über das Parkett. Ich kann nicht schlafen. Alle schlafen, nur ich nicht, es ist unheimlich, so still, ich erkenne die Wohnung nicht wieder, in der tagsüber so viel los ist. Rechts die Küche, links das Wohnzimmer und Schlafzimmer der Eltern. Mein Nachthemd ist blau-weiß gemustert, es schlottert mir um die Beine, behindert meine Schritte. Im Kinderzimmer liegt ein grüner Teppichboden. An einem unbeaufsichtigten Vormittag bestreichen die Schwestern ihn sorgfältig und gründlich mit Nivea aus einer Kilo-Dose. Sie verwandeln das grüne Gras in eine Schneelandschaft. Die Dose stammt aus dem Krankenhaus. Manchmal sehe ich Blutstropfen auf den weißen Schuhen meines Vaters. Er trägt weiße Hosen mit einer scharfen Bügelfalte und einen weißen Kittel. Er hat pechschwarze Haare, und selbst als Kind verstehe ich, dass er wahnsinnig gut aussieht.
Ich habe neue Lederschuhe und betrachte sie bei jedem Schritt. Wir haben sie in einem Laden gekauft, in dem es den Lurchi gibt, einen schwarzgelben Plastiksalamander. In dem Laden kann man seine Füße in einen Wunderkasten halten und von oben hineinschauen. Es ist ein sogenanntes Fluoroskop, ein Röntgenapparat, mit dem man Kinderfüße in ihren Schuhen durchleuchtet, um zu sehen, ob die Schuhe drücken. Ich kann nicht genug davon bekommen, die Knochen in meinen Füßen zu sehen. In mir ist noch ganz jemand anders, ein Knochenmensch. Am liebsten würde ich jeden Körperteil unter die Leuchtschiene halten. Ich starre auf meine grün leuchtenden Füße wie in einem Aquarium. Sie gehören nicht zu mir, oder doch? Der Apparat zeigt meine krummen Zehen, die es geradezurichten gilt. Nachts liege ich im Bett und versuche, mir meine schneeweißen Knochen vorzustellen, das Blut, das um sie herumfließt, rosenrot. Diese Vorstellung regt mich so auf, dass ich aufstehen muss, klackklackklack tappe ich mit meinen orthopädischen Sandalen über das Parkett, bleibe stehen und höre der Stille zu, die mich umgibt und alle anderen, aber sie hören sie nicht, denn sie schlafen.
ErinnerungenSich selbst überraschenWohin haben dich deine Füße dieses Mal getragen? Woran erinnerst du dich dieses Mal? Steigen ganz andere Erinnerungen auf? Ich habe schon ewig nicht mehr an das Fluoroskop gedacht. Wer erinnert sich noch? Beim Schreiben wird man auch von sich selbst überrascht. Erinnerungen tauchen auf, von denen man nicht wusste, dass man sie überhaupt besitzt.