Ich erinnere mich, ich erinnere mich, ich erinnere mich, ich erinnere mich. Woran erinnere ich mich wirklich? Ist es meine eigene Erinnerung, oder stammt sie aus Erzählungen von anderen? Von Fotos? Aufgeschnapptem? Von immer wieder erzählten Geschichten, die sich zunehmend in Fiktion verwandelt haben? Inzwischen kann man Mäusen die Erinnerung anderer Mäuse ins Gehirn pflanzen. Aber so funktioniere ich schon lange. Ich erinnere mich ganz genau, das magische »Tischlein-deck-dich« in Neuschwanstein gesehen zu haben. Ich stehe dort, mein Kind auf dem Arm, das schon ganz schön schwer ist, die Führung ist lang, ich kann kaum noch stehen, aber da kommt das Tischlein dank ausgeklügelter Mechanik aus der Küche nach oben gefahren, mitten in den goldgeschmückten Saal, für drei gedeckt, feinstes Porzellan mit Goldrand. König Ludwig aß immer allein, erzählt der Führer, doch er ließ für mindestens drei Personen decken, um sich seine Gäste dann nach Belieben vorzustellen. Ich sehe den König allein und einsam in dem großen, kalten Saal sitzen, eine gebratene Gänsekeule mit Blaukraut und Knödel kommt direkt aus der Küche emporgefahren, aber er hat gar keinen rechten Appetit, der Kini, außerdem sind seine Zähne schwarz verfault, und er kann nicht beißen. Ich schwöre, ich war da, in diesem Saal, und habe das »Tischlein-deck-dich« gesehen.
Mehr als fünfundzwanzig Jahre später wandere ich wieder durch Neuschwanstein, früh am Morgen, die Büste von König Ludwig wird noch mit einem Staubwedel abgestaubt, ich gehe durch die einzelnen Räume, Schlafzimmer, Schwanenzimmer, Wohnzimmer, Thronsaal – wann kommt das Esszimmer mit dem magischen Tischlein? Es kommt nie, denn es steht gar nicht hier, sondern in Schloss Linderhof. Dort war ich aber nie. Wie kann es sein, dass ich mich so genau erinnere? Wer hat mir so plastisch davon erzählt, dass ich mich erinnere, als wäre ich wirklich dort gewesen?
Ich erinnere mich an den ersten dunklen Winter auf dem Land. Wir waren für das Kind aufs Land gezogen, unter einem Apfelbaum sollte es in seinem Kinderwagen liegen. Es gibt ein Schwarzweißfoto, auf dem ich selbst als Säugling in einer Wiege unter einem blühenden Apfelbaum liege, aber meine Eltern lebten nie auf dem Land. Ich wollte dieses Bild anscheinend reinszenieren, warum nur, wenn ich mich selbst doch gar nicht daran erinnere, jemals unter einem blühenden Apfelbaum gelegen zu haben? Wir finden ein altes Bauernhaus, nehmen einen Kredit auf im Vertrauen auf eine sichere Zukunft. Ein großer Sprung für uns, aus Wohngemeinschaften gleich in ein eigenes Haus zu ziehen. Wir wandern durch die schiefen Räume und wundern uns über unseren Mut. Wir staunen über den eigenen Garten, den prallen Sommer, die Hitze auf dem Land, die sich so anders anfühlt als in der Stadt. Hochschwanger fahre ich jeden Tag in meinem roten R4 auf eine Anhöhe, blicke auf die Berggipfel, die ich nicht mit Namen kenne, spiele ganz, ganz laut die Talking Heads auf dem Kassettenrekorder im Auto und singe aus vollem Hals mit: Mommy had. A little baby. There he is. Fast asleep. He is just. A little plaything. Why not. Wake him up? Ich kann mir ein Leben mit Kind noch nicht vorstellen, es ist wie ein ungedrehter Film, den ich hundertmal im Kopf drehe. Wie wird unser Kind sein? Wie werde ich sein als Mutter? Wie werden wir als Familie sein?
Der Herbst kommt und das Kind. Wir sind überwältigt. Hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Erschöpfung. Ich genieße das mir so fremde Landleben. Sehe der Lärche zu, deren Nadeln sich gelb färben, dem Vogelbeerenbaum, der Schlehe. Der kleine Apfelbaum in unserem Garten produziert genau zwölf Äpfel. Mein Mann hat sich zwei Monate freigenommen, dann muss er wieder in die weite Welt hinaus, das Kind und ich blieben da, auf dem Land. Es wird immer später im Jahr und immer dunkler. Und einsamer. Und stiller. Unter der Beschilderung der Bundesstraße nahe bei unserem Dorf steht »Romantische Straße«, und darunter die Übersetzung auf Japanisch. Ich folge diesem Schild, weil ich Japan liebe, wo ich bisher nur einmal gewesen bin, aber unbedingt irgendwann wieder hinmöchte. In Japan bin ich mir selbst nicht mehr fremd gewesen, vielleicht weil sonst alles so fremd war. Ich war allein und fühlte mich aufgehoben.
Das Schild führt nach Neuschwanstein. Dort ist im tiefsten Winter Leben. Heerscharen von meist japanischen Touristen stapfen den Berg hinauf zum Schloss, zwängen sich in überfüllte Andenkenläden, sitzen andächtig vor Schweinshaxn und Leberkäs in Restaurants, die die Speisekarten auch auf Japanisch führen. Mit meinem Kind auf dem Schoß setze ich mich mitten unter sie und stelle mir vor, ich wäre in Tokio. Ich laufe über riesige Straßenkreuzungen, reihe mich ein in den nicht endenden Strom, schwimme mit den Menschen mit, ein glückliches Fischchen ohne Ziel, ohne Pflicht, ohne Aufgabe.
Immer, wenn mir zu Hause die Decke auf den Kopf zu fallen droht, fahre ich von nun an nach Japan/Neuschwanstein. Und einmal mache ich dann endlich eine Führung durchs Schloss mit und sehe das magische Tischlein. Ich höre die tiefe Stimme des Erzählers meiner Märchenplatten wieder, der mir an heißen Sommernachmittagen im abgedunkelten Zimmer von Hans im Glück, Frau Holle und Alibaba und den vierzig Räubern erzählte. Ich liege auf dem grünen Teppich, über mir schweben Bücherregale an weißen Metallhalterungen, meine Mutter hat die Vorhänge zugezogen, um die Hitze abzuhalten, nur das grüne Auge des Radioapparats samt Plattenspieler leuchtet, der Erzähler fängt an zu sprechen, und mit seinem ersten Satz segele ich in eine Welt, die bunter und aufregender ist als alles, was ich kenne, und gleichzeitig so verlässlich. Sie verändert sich nie. Immer wieder singt das verlogene Zicklein: »Wovon sollt’ ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blättelein!« Die verwöhnten Söhne rufen abwechselnd »Bricklebrit«, »Knüppel aus dem Sack!« und »Tischlein deck dich!«, jeden Tag wieder, in genau derselben Tonlage, mit denselben Wörtern und demselben Ausgang. Es ist wie Valium, das ich begierig schlucke, in einer Welt, die für mich aus den Fugen geraten ist, denn ich habe zwei Schwestern auf einen Schlag bekommen, die die Kraft und Aufmerksamkeit meiner Mutter beanspruchen.
Die Japaner machen Ah und Oh, als das Tischlein herauffährt, und dann schuffeln sie bereits schnell weiter in den nächsten Raum, ihr Bus wartet. Ich sitze mit meinem Kind am See, vor uns das gelbe Schloss der Königinmutter, hinter mir das grauweiße Schloss des Sohns. In diesen See wird mein Mann nur vier Jahre später springen, mit einem Bauchklatscher aufs Wasser prallen und Bauchschmerzen bekommen. Er wird zum Arzt gehen, und nichts wird mehr sein wie zuvor. Aber jetzt winke ich den Japanern in ihrem Bus zu, und sie winken zurück, ich trage mein Kind wieder zum roten kleinen Auto, wir hören Tom Petty, ich gröle mit: Coming down is the hardest thing, und mein kleines Kind, das noch nicht sprechen kann, lacht. All das ist wahr, und dennoch habe ich wohl nie das Tischlein gesehen.
ErinnerungenDie Zauberformel: Ich erinnere michErinnere dich an die Zauberformel »Ich erinnere mich an«. Folge ihr und versuche nicht zu kontrollieren, wohin sie dich führt. Folge ihr in das Labyrinth deiner Erinnerungen, auch wenn diese Erinnerungen vielleicht gar nicht deine eigenen sind. Wahrheit und FiktionOffenkundig sind sie irgendwo in deinem Gedächtnis verborgen, eine Wahrheitsgarantie gibt es nicht. Haben wir es selbst erlebt oder es uns nur vorgestellt? Wir weben uns unsere Geschichte zusammen, unsere Story, die uns ausmacht. Dieser Story auf den Grund zu gehen ist Zweck und Ziel des Schreibens über sich selbst. Vielleicht hat meine Story keinerlei Wahrheitsgehalt, ich habe nur immer an sie geglaubt. Oder sie ist nicht mehr wahr, sie gilt nur noch für eine historische Person, aber nicht mehr für mich heute. Diese Story kann ich auch fallenlassen, ich kann mich von ihr lösen, sie umschreiben. Ich bin nun mal so. Nein, bin ich nicht. Aber ich erzähle es mir seit Jahren. Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu. (Ödön von Horváth)