Vollgepumpt mit Adrenalin komme ich von der Bühne nach einer Diskussion über meine Filme. Der Saal ist voll, es gibt Applaus, ich freue mich, dass ich es geschafft habe, ein amerikanisches Publikum zum Lachen zu bringen. Let me entertain you. Das habe ich hier gelernt. Ich springe die drei Stufen hinab, werde umringt von Leuten, die sich nicht getraut haben, öffentlich ihre Fragen zu stellen. Ich bin erschöpft, aber gebe mich freundlich, bin hungrig und durstig und wünsche mich mit jeder Faser in die nächste Kneipe, aber brav beantworte ich alle Fragen, sage immer wieder: Thank you for coming – da kommt ein schlanker, großer Mann in meinem Alter, um die vierzig, auf mich zu, hinter ihm steht eine Frau in einem Sommerkleid, sie scheint zu ihm zu gehören. Er fixiert mich, lächelt nicht, sagt nicht hello oder hi, sondern fragt mich, ob ich mich an ihn erinnere. Nein, sage ich freundlich, helfen Sie mir. You don’t remember me?, fragt er, und ich denke nach, aber schüttele den Kopf. Ich habe keine Ahnung, wer er ist. Er wiederholt seine Frage mehrmals, dann sagt er: But you must remember me. Ich bitte ihn, mir seinen Namen zu sagen. You know my name, sagt er. Aber nein, sage ich, ich weiß Ihren Namen leider nicht. You don’t remember my name? Ich schüttele den Kopf, entschuldige mich, möchte weitergehen, aber er versperrt mir den Weg. Fragt wieder, ob ich mich nicht an ihn erinnere. Ich werde ungeduldig, möchte ihn loswerden, er wirkt zunehmend feindselig. Geben Sie mir einen Hinweis, sage ich, einen Ort, wo wir uns kennengelernt haben. Stockton, sagt er. Ja, da bin ich aufs College gegangen. Waren wir im selben Jahr? Haben wir Kurse zusammen besucht? Er starrt mich an, sagt langsam und betont, ich hätte ihm sehr intime Dinge erzählt damals, daran müsse ich mich doch erinnern. Sind Sie sicher, dass Sie mich meinen?, frage ich und bin jetzt doch ein wenig beunruhigt. Du hast eine Oshkosh-Latzhose getragen, die hattest du von oben bis unten bestickt, darunter schwarze Unterwäsche. Die Frau an seiner Seite schaut auf ihre Füße, die Leute, die noch herumstehen, wenden sich neugierig uns zu, black underwear, das klingt interessant. Mir schießt das Blut in den Kopf. Wer zum Teufel ist dieser Mann? Ich durchkrame mein Hirn wie eine zugemüllte Schublade, aber finde darin keinen jungen Mann von vor zwanzig Jahren, der diesem hier auch nur entfernt ähneln würde. Die Frau im Sommerkleid zupft an seiner Jacke. Ich sehe tiefe Traurigkeit in seinem Gesicht aufscheinen, und gern würde ich mich an ihn erinnern, aber da ist nichts, gar nichts. I am really sorry, stammele ich, da kommt er einen Schritt näher und sagt so laut, dass es alle hören können: I loved you, you know? And you don’t remember me? You don’t even remember my name? Mein Mund lächelt weiter, als ich abermals beteuere, wie leid es mir tut, dass ich mich nicht erinnere. Ob er mir nicht wenigstens seinen Namen sagen kann? Ich sehe Tränen in seine Augen steigen. Mir wird heiß, ich möchte raus, sofort raus, aber er lässt mich nicht vorbei. Gleich wird er weinen, schluchzen, ich werde dastehen wie das Monster, das geliebt wurde und es schnöde vergessen hat. Noch einen Schritt kommt er auf mich zu, viel zu nah steht er vor mir, ich versuche, mich an diese Gesichtszüge zu erinnern, ich kann mich doch sonst gut an Gesichter erinnern, warum nicht an dieses? Er flüstert jetzt seine Frage: Don’t you remember me? Nein, möchte ich schreien, lass mich in Ruhe, geh weg! Ich weiß nicht, wer du bist, ich bin sicher, dass du nicht in meinem Leben warst, du bildest es dir ein, du bist ein Spinner, ein Verrückter, ein Stalker. Aber woher weiß er, dass ich eine Oshkosh-Latzhose trug und darunter schwarze Unterwäsche? War er aus der Entfernung in mich verknallt? Jemand, den ich einfach nie bemerkt habe, der aber immer da war? Aber woher wüsste er dann von meiner Unterwäsche? Vielleicht aus Erzählungen über mich? Die komische Deutsche, die schwarze Unterwäsche trägt wie eine Hure und sich aus politischen Gründen nicht die Beine rasiert? Er schweigt, starrt mich an, ich bin kurz davor, ihn wegzustoßen, er kommt mir einfach zu nah, da nimmt die Frau ihn resolut am Arm und sagt: Don’t you understand? She just doesn’t remember you. Sie führt ihn weg, und er lässt es geschehen. Im Weggehen wirft sie mir noch einen Blick zu, wie man ihn sehr bösen Menschen zuwirft, vor denen man sich dringend und sofort in Sicherheit bringen muss.
Ich gehe noch etwas trinken mit den Veranstaltern, stopfe einen Hamburger in mich hinein, an nichts anderes kann ich mehr denken als an diesen Mann, an den ich mich nicht erinnern kann. Zurück im Hotelzimmer setze ich mich an den kleinen Schreibtisch und schreibe eine Liste aller Männer, die ich in Stockton gekannt habe. Von nur wenigen weiß ich Vor- und Zunamen. Dann eine Liste aller Männer, mit denen ich ins Bett gegangen bin. So lang ist diese Liste gar nicht, und ich bin mir absolut sicher, dass ich mich an jeden Einzelnen sehr genau erinnern kann. Ich male eine Zeitschiene, trage alle Männer auf ihr ein, beschreibe ihr Aussehen, ihr Verhalten, die Orte, an denen ich mit ihnen gewesen bin. Nirgendwo ein Mann, dessen Namen und Aussehen ich nicht mehr wüsste. War das Ganze vielleicht eine Theater-Aktion, frage ich mich, oder eine einfallsreiche Art, sich als Schauspieler vorzustellen, die ich garantiert nie mehr vergessen werde? Wird er morgen wieder auftauchen, seinen Namen nachreichen und seine Agentur? Oder habe ich wirklich eine ganze Episode meines Lebens in meinem Hirn gelöscht? Dieser unbekannte Mann verfolgt mich über Wochen, Monate, Jahre. Ich habe ihn bis heute nicht mehr in meinem Gehirn gefunden. She just doesn’t remember you.
ErinnerungenSchreib über etwas, an das sich alle anderen erinnern, nur du nichtSchreib über etwas, an das sich alle anderen erinnern, nur du nicht. Die ganze Familie weiß es noch, die Freundin, der Freund, der Mann, die Frau – aber du kannst dich einfach nicht erinnern. Alles, was du weißt, sind die Erinnerungen der anderen. Aber nach deiner eigenen gräbst du vergebens.
Ich soll meine winzigen, gerade erst geborenen Schwestern geohrfeigt haben, weil sie nicht mit mir sprechen wollten. Ich soll in ihre Wiege gestiegen sein und sie tatsächlich geohrfeigt haben. Ich kann mich erinnern, wie ich mich über sie gebeugt habe, sie ihre kleinen Münder aufrissen und, anstatt mit mir zu reden, zu lachen und zu scherzen, nur schrien und schrien, immer lauter schrien und nicht mehr aufhörten. Weil das einfach nicht auszuhalten war, habe ich sie geohrfeigt. Ich kann mich genau erinnern. Nein, kann ich nicht. Es wurde nur so oft erzählt, dass ich mich irgendwann fast verpflichtet fühlte, mich daran zu erinnern. Und ich erinnere mich: Ich sehe den kleinen Hocker unter meinen Füßen, spüre das Korbgeflecht der Wiege an meinen Knien, ich rieche die frischgewaschene Babywäsche, den säuerlichen Milchgeruch, ich sehe die winzigen rosa Zungen in ihren Mündern hin und her wackeln, ihre faltigen Hälse, die kleinen geballten Fäuste, ich höre sie schreien und schreien, es gellt in meinen Ohren, ich sehe meinen Arm durch die Luft fliegen und … nein, das ist nicht wahr. Ich erinnere mich nicht.
Schreiben ohne ErwartungenEinfach nur schreiben ohne Erwartungen, so, wie man herumkritzelt, wenn man lange telefoniert oder sich zu Tode langweilt.
Es ist schwer, keine Erwartungen zu haben. Innerlich sitzen wir immer noch in der Schule und zittern vor der Rückgabe unserer Hefte. Wie rot sind die Seiten, wie viele Fehler habe ich gemacht, welche Note bekomme ich? Habe ich versagt? Vor mir selbst, vor den anderen Schülern, vor den Eltern, der Lehrerin, vor den Geschwistern. Es ist nicht genug. Ich bin nicht genug. Dagegen hilft: einfach schreiben. Und gleich hört man den Kommentar: Jetzt schreibt die/der auch noch! Um keine Erwartungen zu enttäuschen, fängt man also besser gar nicht erst an. Aber es bleibt dieses nagende Gefühl ganz hinten im Schädel: Du wolltest doch immer schreiben. War das nicht so? Hast du nicht immer davon geträumt?
Blödsinn schreibenErwartungen radikal herunterzuschrauben, ist der Anfang. Fehler machen, ganz viele Fehler. Möglichst viele Fehler. Korrekte Grammatik und Orthographie aufzugeben kann sehr viel Spaß machen. Von Hand schreibenDas funktioniert allerdings nur noch, wenn man mit der Hand schreibt, sonst schlägt die Autokorrektur erbarmungslos zu. Autokorrektur ist ein ganz gutes Wort für das, was wir ständig mit uns selbst anstellen: Wir korrigieren uns, ehe wir Erwartungen nicht erfüllen können. Wir wollen es unbedingt Richtig machen. Beim Schreiben scheinen diese Erwartungen besonders hoch zu sein. Aber es gibt kein Richtig und kein Falsch. Keine Fehler. Ohne Pause schreibenNur einen Weg: Weitermachen. Weiterschreiben. Die Hand über das Papier bewegen. Einfach weiterschreiben. Und weiter. Einfach immer weiter.