Vollgepumpt mit Adrenalin komme ich von der Bühne nach einer Diskussion über meine Filme. Der Saal ist voll, es gibt Applaus, ich freue mich, dass ich es geschafft habe, ein amerikanisches Publikum zum Lachen zu bringen. Let me entertain you. Das habe ich hier gelernt. Ich springe die drei Stufen hinab, werde umringt von Leuten, die sich nicht getraut haben, öffentlich ihre Fragen zu stellen. Ich bin erschöpft, aber gebe mich freundlich, bin hungrig und durstig und wünsche mich mit jeder Faser in die nächste Kneipe, aber brav beantworte ich alle Fragen, sage immer wieder: Thank you for coming – da kommt ein schlanker, großer Mann in meinem Alter, um die vierzig, auf mich zu, hinter ihm steht eine Frau in einem Sommerkleid, sie scheint zu ihm zu gehören. Er fixiert mich, lächelt nicht, sagt nicht hello oder hi, sondern fragt mich, ob ich mich an ihn erinnere. Nein, sage ich freundlich, helfen Sie mir. You don’t remember me?, fragt er, und ich denke nach, aber schüttele den Kopf.

Ich gehe noch etwas trinken mit den Veranstaltern, stopfe einen Hamburger in mich hinein, an nichts anderes kann ich mehr denken als an diesen Mann, an den ich mich nicht erinnern kann. Zurück im Hotelzimmer setze ich mich an den kleinen Schreibtisch und schreibe eine Liste aller Männer, die ich in Stockton gekannt habe. Von nur wenigen weiß ich Vor- und Zunamen. Dann eine Liste aller Männer, mit denen ich ins Bett gegangen bin. So lang ist diese Liste gar nicht, und ich bin mir absolut sicher, dass ich mich an jeden Einzelnen sehr genau

ErinnerungenSchreib über etwas, an das sich alle anderen erinnern, nur du nichtSchreib über etwas, an das sich alle anderen erinnern, nur du nicht. Die ganze Familie weiß es noch, die Freundin, der Freund, der Mann, die Frau – aber du kannst dich einfach nicht erinnern. Alles, was du weißt, sind die Erinnerungen der anderen. Aber nach deiner eigenen gräbst du vergebens.

Ich soll meine winzigen, gerade erst geborenen Schwestern geohrfeigt haben, weil sie nicht mit mir sprechen wollten. Ich soll in ihre Wiege gestiegen sein und sie tatsächlich geohrfeigt haben. Ich

Schreiben ohne ErwartungenEinfach nur schreiben ohne Erwartungen, so, wie man herumkritzelt, wenn man lange telefoniert oder sich zu Tode langweilt.

Es ist schwer, keine Erwartungen zu haben. Innerlich sitzen wir immer noch in der Schule und zittern vor der Rückgabe unserer Hefte. Wie rot sind die Seiten, wie viele Fehler habe ich gemacht,

Blödsinn schreibenErwartungen radikal herunterzuschrauben, ist der Anfang. Fehler machen, ganz viele Fehler. Möglichst viele Fehler. Korrekte Grammatik und Orthographie aufzugeben kann sehr viel Spaß machen. Von Hand schreibenDas funktioniert allerdings nur noch, wenn man mit der Hand schreibt, sonst schlägt die Autokorrektur erbarmungslos zu. Autokorrektur ist ein ganz gutes Wort für das, was wir ständig mit uns selbst anstellen: Wir korrigieren uns, ehe wir Erwartungen nicht erfüllen können. Wir wollen es unbedingt Richtig machen. Beim Schreiben scheinen diese Erwartungen besonders hoch zu sein. Aber es gibt kein Richtig und kein Falsch. Keine Fehler. Ohne Pause schreibenNur einen Weg: Weitermachen. Weiterschreiben. Die Hand über das Papier bewegen. Einfach weiterschreiben. Und weiter. Einfach immer weiter.