Wir machen weiter und wissen doch gar nicht, wie es weitergehen soll. Wir stehen morgens auf, putzen uns die Zähne, waschen unsere müden Gesichter, spielen mit dem Kind, wir kochen Kaffee, füttern das Kind, wir frühstücken. Was frühstücken wir? Ich kann mich nicht erinnern. Bevor das Kind auf die Welt kam, haben wir in der Früh nur Kaffee getrunken und Zigaretten geraucht. Noch im Bett vor dem Aufstehen geraucht. Mir jetzt völlig unverständlich. Wie konnten wir nur? Kaum haben wir ein gesundes Leben begonnen, ist es auch schon vorbei. Er bekommt starke Medikamente, kann nichts mehr essen, alles schmeckt nur noch nach Chemie. Ich versprühe Rosenduft, weil ich gelesen habe, dass Rosenduft die Stimmung hebt. Mein ganzer Körper zittert, ich kann nichts dagegen tun. Wie Espenlaub. Nicht Birkenlaub, Buchenlaub, sondern Espenlaub. Was ist eine Espe? Ich habe Atembeschwerden, die ich für plötzliches Asthma halte, aber es ist Angst. Pure Angst. Wir spielen

Ich war erstaunt, dass er mich heiraten wollte, ich war doch gar nicht sein Typ. Er hatte einen Ruf als ladies’ man. In den ersten Wochen nach unserer Hochzeit klingelte ständig das Telefon und eine andere Frau war dran. Zu jeder sagte er freundlich: Ich bin jetzt verheiratet. Und dann legte er auf.

Unablässig trägt das Kind seine Barbie zu meinem Mann, setzt sich auf sein Bett. Es spielt mit ihm, unterhält ihn, heitert ihn auf. Zusammen ziehen sie Barbie die Stöckelschuhe an und wieder aus. Ich stehe in der Küche und kann nicht atmen. Habe immerzu entsetzliches Herzklopfen. Komme kaum noch die Treppen rauf.

Das Kind steckt sich im Kindergarten mit Keuchhusten an. Um meinen Mann nicht anzustecken, ziehen wir beide in ein Hotel. Es gibt dort einen Pool, das Kind plantscht fröhlich, ich habe Angst unterzugehen, weil mich das Gewicht meiner Angst unter Wasser zieht. Das Kind ist gern im Hotel, es mag, dass einem das Frühstück aufs Zimmer gebracht wird und dass ich ihm erlaube, in der Früh fernzusehen. Es lacht und freut sich, und dennoch habe ich den Verdacht, dass es nur so tut, um mir eine Freude zu machen. Ohne Vorwarnung gibt eines Morgens mein Rücken nach, ich falle auf

ErinnerungenSchreiben über schmerzliche ErinnerungenZu schreiben bedeutet, sich jeden Tag wieder aus dem kleinen, ordentlichen Garten mit gemähtem Rasen und Blumenrabatten herauszuwagen in den Dschungel. Dorthin, wo wilde Pflanzen wachsen und gefährliche Tiere umherstreifen. Dorthin, wo die Geschichten nicht mehr hübsch und ordentlich sind, sondern schillernd, giftig, schmerzhaft und wüst. Interessant ist nie die Beschreibung unseres schönsten Ferientags, sondern die des schlimmsten. Wir verbinden uns über die schlimmen Geschichten miteinander, nicht die hübschen. Über die, in denen wir nicht gut dastehen, nicht moralisch gehandelt haben, versagt haben, verletzt worden sind, gescheitert sind.