Wir machen weiter und wissen doch gar nicht, wie es weitergehen soll. Wir stehen morgens auf, putzen uns die Zähne, waschen unsere müden Gesichter, spielen mit dem Kind, wir kochen Kaffee, füttern das Kind, wir frühstücken. Was frühstücken wir? Ich kann mich nicht erinnern. Bevor das Kind auf die Welt kam, haben wir in der Früh nur Kaffee getrunken und Zigaretten geraucht. Noch im Bett vor dem Aufstehen geraucht. Mir jetzt völlig unverständlich. Wie konnten wir nur? Kaum haben wir ein gesundes Leben begonnen, ist es auch schon vorbei. Er bekommt starke Medikamente, kann nichts mehr essen, alles schmeckt nur noch nach Chemie. Ich versprühe Rosenduft, weil ich gelesen habe, dass Rosenduft die Stimmung hebt. Mein ganzer Körper zittert, ich kann nichts dagegen tun. Wie Espenlaub. Nicht Birkenlaub, Buchenlaub, sondern Espenlaub. Was ist eine Espe? Ich habe Atembeschwerden, die ich für plötzliches Asthma halte, aber es ist Angst. Pure Angst. Wir spielen mit unserem Kind, es liebt seine Barbiepuppen, die ich doch eigentlich verbannt habe, den ganzen Tag suchen wir Barbies winzige rote Stöckelschuhe. In Amerika nennt man sie fuck me shoes. Ich habe ein Paar rote Stöckelschuhe, die ich nur selten getragen habe, weil ich es nicht gewohnt war, in ihnen zu laufen, und sie mir weh taten. Mein Mann mochte diese Schuhe, er mochte mich in diesen Schuhen, aber es war ihm auch egal, wenn ich immer nur Turnschuhe trug. Oder Cowboystiefel wie bei unserer Hochzeit. Seine waren aus Schlangenleder, meine aus schwarzweiß eingefärbtem Kuhfell. Ich ging in ihnen anders, so kam es mir vor, herausfordernder, aufrechter.
Ich war erstaunt, dass er mich heiraten wollte, ich war doch gar nicht sein Typ. Er hatte einen Ruf als ladies’ man. In den ersten Wochen nach unserer Hochzeit klingelte ständig das Telefon und eine andere Frau war dran. Zu jeder sagte er freundlich: Ich bin jetzt verheiratet. Und dann legte er auf.
Unablässig trägt das Kind seine Barbie zu meinem Mann, setzt sich auf sein Bett. Es spielt mit ihm, unterhält ihn, heitert ihn auf. Zusammen ziehen sie Barbie die Stöckelschuhe an und wieder aus. Ich stehe in der Küche und kann nicht atmen. Habe immerzu entsetzliches Herzklopfen. Komme kaum noch die Treppen rauf.
Ich mache Sushi für ihn, weil er Sushi so liebt. Sushi-Restaurants sind noch sehr selten, Japan noch so weit, die Flüge dauern dreiundzwanzig Stunden. Ich habe die Zutaten mühsam zusammengetragen, den richtigen Reis, nori, die Tangblätter, wasabi, Meerettich, und gari, Ingwer. Wir haben einen niedrigen japanischen Tisch gekauft, japanische Keramik, sogar Tatamimatten, eine kleine japanische Insel mitten in unserer Wohnung. Stolz trage ich die Sushi auf, sie sind mir so gut gelungen, sie sehen perfekt aus. Wir sitzen um den Tisch am Boden, auf dem Teppich, das Kind ist glücklich, liebt es, wenn wir am Boden sitzen. Er fängt an zu weinen. Das einzige Mal, dass ich ihn weinen sehe. Er kann einfach nichts essen, so gern er auch möchte.
Das Kind steckt sich im Kindergarten mit Keuchhusten an. Um meinen Mann nicht anzustecken, ziehen wir beide in ein Hotel. Es gibt dort einen Pool, das Kind plantscht fröhlich, ich habe Angst unterzugehen, weil mich das Gewicht meiner Angst unter Wasser zieht. Das Kind ist gern im Hotel, es mag, dass einem das Frühstück aufs Zimmer gebracht wird und dass ich ihm erlaube, in der Früh fernzusehen. Es lacht und freut sich, und dennoch habe ich den Verdacht, dass es nur so tut, um mir eine Freude zu machen. Ohne Vorwarnung gibt eines Morgens mein Rücken nach, ich falle auf den orangeroten, fleckigen Hotelteppichboden, kann nicht mehr aufstehen. Um das Kind nicht zu beunruhigen, lache jetzt ich. Behaupte, dass ich ein Käfer bin, der in diesem Hotelzimmer unter dem Bett lebt und nun hervorgekrochen ist, um zu spielen. Dankbar nimmt das Kind die Geschichte an. Es holt Messer und Butter vom Frühstückstablett und schmiert mir Butter auf die Fußsohlen, was der Käfer unbedingt braucht, um laufen zu können, wie es sagt. Aber der Käfer kann nicht laufen, er bleibt liegen. Alles ist gut, sage ich, alles ist gut. Ja, sagt das Kind, alles ist gut, und glaubt mir kein Wort.
ErinnerungenSchreiben über schmerzliche ErinnerungenZu schreiben bedeutet, sich jeden Tag wieder aus dem kleinen, ordentlichen Garten mit gemähtem Rasen und Blumenrabatten herauszuwagen in den Dschungel. Dorthin, wo wilde Pflanzen wachsen und gefährliche Tiere umherstreifen. Dorthin, wo die Geschichten nicht mehr hübsch und ordentlich sind, sondern schillernd, giftig, schmerzhaft und wüst. Interessant ist nie die Beschreibung unseres schönsten Ferientags, sondern die des schlimmsten. Wir verbinden uns über die schlimmen Geschichten miteinander, nicht die hübschen. Über die, in denen wir nicht gut dastehen, nicht moralisch gehandelt haben, versagt haben, verletzt worden sind, gescheitert sind.