Sie überlegt, ob sie den Mann, der immer noch glaubt, dass sie eigentlich mit ihm zusammen ist, doch anrufen soll, kurz bevor sie einen anderen heiratet, aber dann entscheidet sie sich dagegen, denn sie fürchtet, er könne ihr vor Wut irgendeine grässliche Geschichte über ihren Bräutigam erzählen, an die sie sich immer erinnern wird, obwohl sie bestimmt nicht wahr ist. Sie bittet stattdessen eine Freundin, dem Nichtsahnenden die Neuigkeit beizubringen. Schonend beizubringen, sagt sie nicht. Er hat sie auch nie geschont. Hat mit seiner Exfreundin zusammengelebt und es ihr als besonders erwachsen verkauft. Hat eine Affäre gehabt, sie lange nicht beendet und ihr versichert, es habe nichts mit ihr zu tun. Sie will sich nicht an ihm rächen, aber sie fühlt sich auch nicht sonderlich verpf‌lichtet, ihn jetzt zu informieren. Minuten, bevor sie sich trauen lässt, kommt sie an einem Payphone vorbei. Sollte sie ihn nicht doch schnell anrufen? Aber was würde sie sagen? Hallo, ich weiß, es ist bei dir in Deutschland

Sie hat kein Hochzeitskleid, sie heiratet in Jeans, es ist kalt in der Kirche, sie ziehen noch nicht einmal ihre Lederjacken aus. Ihre Jacke hat ein pechschwarzes Innenfutter aus Maulwurfspelz, an jedem Maulwurfshügel entschuldigt sie sich in Gedanken. Die Kirche gehört einer Navajo-Gemeinde, der Pfarrer vergleicht die Ehe mit einem Auto, das man immer gut pflegen muss, und dann kommt er ein bisschen ab und erzählt von seinem Auto, dem die Kardanwelle gebrochen ist, und dass die Reparatur teurer wird als gedacht. Er findet nicht mehr recht den Weg zurück zu seiner Predigt, und erklärt die beiden Deutschen kurzerhand für verheiratet. Seine Ehefrau, stumm und freundlich, ist Zeugin. Seine kleine Tochter spielt während der Predigt Chopin auf einem alten Klavier. Nicht für das Brautpaar, sie übt nur, weil sie an diesem Nachmittag noch Klavierunterricht hat.

Sie sind beide nicht religiös, aber später wird er ihr erzählen, dass er zu Maria betet, wenn er in der Röhre des Computertomographen liegt.

Die Braut schlägt die Bibel auf, tippt mit geschlossenen Augen auf eine Stelle: Fürchtet euch nicht. Sie wird noch sehr oft daran denken.

Die Freundin führt ihren Auf‌trag treu aus, sie sagt dem Mann in Deutschland, dass er jetzt ein Ex ist. Er kann es nicht glauben, er bekommt Atembeschwerden, die Freundin holt den Notarzt.

Sie kann selbst nicht glauben, dass sie jetzt verheiratet ist. Vor dem billigen Motel, in dem sie abgestiegen sind, brennt eine rosa Neonröhre. Er fotografiert das Motel, das Bett, ihre nackten Beine, die Füße in den schwarzweiß gemusterten Cowboystiefeln. Sie liebt seine Fotos, in ihnen sieht sie seinen so zärtlichen Blick auf sie selbst und die Welt.

Am nächsten Tag fahren sie weiter durch die Wüste. Sie sind jetzt ein Ehepaar und in einer fast heiligen Stimmung. Ausgerechnet sie beide, die niemals heiraten wollten. Dass das passieren konnte! An einem einsamen Payphone mitten in der Landschaft hält ihr Ehemann und ruft seine Mutter in Deutschland an. Er sagt ihr, dass er geheiratet hat,

Sie geht nicht gern auf Hochzeiten. Die Freude des Ehepaars findet sie zu privat, als dass sie sich teilen ließe. Immer hat sie das Gefühl, als gäben sich alle Gäste nur die größte Mühe, sich mitzufreuen, ohne wirklich beteiligt zu sein. Als Kind streut sie Blumen bei der Hochzeit ihrer Tante. Sie trägt ein weißes Kleidchen, auf dem Weg zur Kirche ist es windig und regnerisch, sie hat große Angst, ihr Kleid könne dreckig werden. Ihre Aufgabe nimmt sie bitterernst, sie hat Herzklopfen vor Aufregung, sie umklammert das Blumenkörbchen, klaubt mit zitternden Fingern die Rosenblätter heraus und wirft sie auf den Teppich, aber sie wehen fort, legen sich nicht dorthin, wo sie sollen. Sie möchte sie wieder aufsammeln, noch einmal von vorn anfangen, das Brautpaar lacht, sie steht ihm im Weg, ein Erwachsener führt sie zur Seite, greift in ihr Körbchen, wirft mit einem Schwung die restlichen Blütenblätter hinaus. Das Blumenkind hat versagt, vor Scham und Wut wird ihr ganz heiß.

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