Ich fahre mit dem Fahrrad zum Supermarkt, immer die gleiche Strecke, oft auf dem Fußgängerweg, fast habe ich die alte Frau B. angefahren, die stets bunte, sorgfältig ausgesuchte Kleider trägt, obwohl sie kaum noch laufen und atmen kann. Sie braucht fast eine Stunde zum Supermarkt, aber will sich nicht helfen lassen. Das ist mein Abenteuer, sagt sie jedes Mal, wenn ich ihr anbiete, die Einkäufe für sie zu erledigen. Mein tägliches Abenteuer. Und ich brauche Abenteuer.
Ich kaufe immer das Gleiche. Rechts liegen die Salatherzen, der Sellerie, der Fenchel. Links die Äpfel, Birnen, Beeren. Jeden Tag wieder ärgere ich mich über das viele Plastik, die Plastikschalen für die Beeren, Himbeeren, Heidelbeeren. Blaubeeren hießen sie bei uns.
Als ich klein war, pflückten wir sie mit meiner Mutter im Wald. Meine Schwestern und ich haben Eimer und Körbe dabei. Leise betreten wir ein fremdes, schönes und gleichzeitig unheimliches Land. Das Sonnenlicht fällt durch die Baumstämme auf das Moos und lässt es grün leuchten. Ich weiß, dass hier die Rehe leben. Sie schlafen auf dem Moos. Ich streichele es, stecke meine Nase hinein, es riecht modrig. Winzige Pilze wachsen zwischen den Tannennadeln. Wir wissen, dass wir sie nicht essen dürfen. Im Kindergarten geht ein Mädchen zu Fasching als Fliegenpilz mit rotem Rock und weißen Punkten. Ein Männlein steht im Walde, singen wir, ganz still und stumm. Es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um. Sagt, wer mag das Männlein sein … Ich summe vor mich hin, noch bin ich frohgemut. Die Blaubeeren hängen an rötlichen Stielen unter grün glänzenden Blättchen, die Beeren sind klein, manche schon verschrumpelt. Hände und Zungen färben sich lila vom Naschen. Wir zeigen uns gegenseitig unsere Zungen. Mein kleiner Eimer füllt sich kaum. Und wenn er gerade ein wenig voller geworden ist, werfe ich ihn aus Versehen um. Ständig wirft eine von uns ihren Eimer um und heult. Meine Mutter ist auf einmal weit entfernt, meine Schwestern überall verstreut. Sie könnten verschwinden, wir könnten uns für immer aus den Augen verlieren, mit einem Mal wäre ich ganz allein. Allein im Wald, allein auf der Welt. An dieses Gefühl werde ich mich immer erinnern und es mein Leben lang fürchten.
Am Wegesrand liegt das Skelett eines Rehs. Nur noch die Knochen. Wie vom Donner gerührt stehe ich davor. Es war mir nicht klar, dass am Ende nur die Knochen übrig bleiben. Es war mir nicht klar, dass auch in mir diese Knochen sind und dass man am Ende so aussieht. Ein Fuchs hat das Reh gerissen, wird mir gesagt. Der Fuchs, von dem wir singen, dass er die Gans gestohlen hat, der hübsche Fuchs aus meinem Bilderbuch mit dem buschigen Schwanz. Ich kann mir den Vorgang nicht erklären, den Übergang von einem lebendigen Reh zu einem Haufen Knochen. Da fehlt etwas. Das Reh, das ich noch vor meinem inneren Auge sehe, muss doch irgendwohin sein. Ich kann es nicht begreifen. Von niemandem bekomme ich eine einleuchtende Erklärung. Selbst von meinem Vater nicht, der doch alles immer weiß. Da ist etwas wie ein großes schwarzes Loch, in das man hineinfallen kann, wenn man nicht aufpasst. Die Eltern reden dann französisch oder auch lateinisch am Esstisch, und ich weiß, sie reden über das schwarze Loch.
Meine Mutter kocht die Blaubeeren zu Marmelade ein, in einem Dampfkochtopf. Er zischt und faucht, den Deckel dreht sie mit einem festen Ruck ganz fest zu, wir dürfen nicht in seine Nähe kommen. Zum Glück sind wir weit weg, als er explodiert und eine lila Fontäne an die Decke schießt. Lange ist dort ein blauer Fleck zu sehen, wie ein Stückchen Himmel.
In einem Schreibseminar in Mexiko erzähle ich davon, daraufhin berichtet ein Student von dem explodierenden Dampfkochtopf seiner Mutter, und dann erzählt eine andere Studentin und noch eine und noch eine von der »olla de presión«. Ich verstehe »Topf der Depression«, und der ganze Raum explodiert vor Gelächter. Fast jeder ist mit einem Dampfkochtopf aufgewachsen, mit einem Mal befinden sich viele explodierende Dampfkochtöpfe im Raum und Geschichten von Küchen und Müttern und Kindheit. Meine kleine deutsche Erinnerung wird eine allgemeine, internationale.
Der Dampfkochtopf des Schreibens. La olla de presión.
Der Schlüssel zum Schreiben ist, nicht nachzudenken, um die Inspiration nicht zu unterbrechen. Probier es aus: Schreib los. Jetzt!
Die drei RegelnDafür drei Regeln:
Ohne Pause schreibenSchreib zehn Minuten ohne Pause. Von Hand schreibenAm besten mit der Hand.
Lass dich treiben.
Nicht nachdenkenDenk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.)
Blödsinn schreibenKontrollier nicht, was du schreibst. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.
Von Hand schreibenWarum mit der Hand schreiben? Weil die Hand wir selbst sind. Ein Computer nicht. Eine Tastatur übersetzt unsere Gedanken, die Hand sind wir selbst, die direkte Verbindung von unserem Kopf in die Hand ist die Handschrift. Sie verändert sich, wenn man über etwas schreibt, was einen wirklich packt. Wird größer, freier. Zehn Minuten am Stück sind vielleicht am Anfang lang, aber machbar. Später kann man die Schreibzeit immer mehr verlängern und so lange weiterschreiben, bis man irgendwann ermattet vom Stuhl fällt.
Nicht nachdenkenWenn wir darüber nachdenken, was wir so denken, schämen wir uns schnell. Und wenn wir uns schämen, können wir schlecht schreiben. Wofür schämen wir uns? Wir schämen uns, dass wir uns anmaßen, über uns selbst zu schreiben, wir schämen uns für unser kleines Leben, für unsere Unzulänglichkeiten, unsere Lügen, unsere enttäuschten Erwartungen an das Leben und an uns selbst. Blödsinn schreibenDieser Scham entkommt man nur, indem man nicht nachdenkt, sondern weiterschreibt – und Blödsinn schreibt.
Sich selbst überraschenSchreiben ohne ErwartungenDas fällt schwer, sich selbst die Erlaubnis zu geben, Blödsinn zu schreiben, Fehler zu machen, Wörter falsch zu schreiben, nicht zu wissen, wohin die Reise geht. Keinen Plan zu haben, sich treiben zu lassen. Aber mit einem Mal tauchen interessante Details auf, Erinnerungen, die verschüttet schienen, phantastische Bilder, seltsame und großartige Geschichten.