Ich erinnere mich an meinen ersten Bikini, er ist blau und hat eine weiß-rote Litze. Ich bin vielleicht zwölf oder dreizehn, auf jeden Fall habe ich noch keinen Busen, den ich mir sehnlich wünsche. Jeden Abend bete ich darum und knie mich vors Bett, weil ich denke, dass das katholisch ist und Gott die Katholiken vielleicht doch bevorzugt. Davon ist das Mädchen neben mir in der Klasse überzeugt, das bereits einen riesigen Busen hat, den ich gut studieren kann, denn sie trägt knappe Oberteile, und wenn sie sich meldet, rutscht ihr Hemd so weit nach oben, dass ihr kugelrunder Busen unten aus dem BH quillt und mich an Pampelmusen erinnert. Meine Mutter gibt uns eine halbe Pampelmuse zum Frühstück. Sie macht eine Diät und schreibt jede Kalorie in ein kleines Heft. Meine Banknachbarin macht ebenfalls Diät, sie findet ihren Busen zu groß und isst nur noch Äpfel. Ich verstehe das nicht, ich bin so flach wie ein Bügelbrett und beneide sie, aber ich stelle es mir doch auch ein wenig unbequem vor, mit einem großen Busen zu leben. Ich hänge an meinem glatten und unkomplizierten Mädchenkörper, denn ich beobachte genau, welche Probleme Frauenkörper machen können. Diese Art der Veränderung will ich lieber nicht. Ich betrachte meinen gebräunten Körper in dem blauen Bikini im Spiegel, und wenn ich mich lange genug anstarre, sehe ich nicht mehr mich, sondern eine Fremde. Ich kann nicht herausfinden, ob ich attraktiv bin oder nicht, wobei die vorherrschende Meinung ist, dass man als Frau ohne Busen auf keinen Fall attraktiv sein kann.
Es wird Winter, und ich wünsche mir sehnlichst eine, wie ich finde, äußerst attraktive weiße Lacklederjacke, an der weißer Flaum hängt wie an einem zerzausten Huhn. Meine Mutter, die sich von verrückten Modeideen immer einnehmen lässt, schenkt sie mir. Erstaunlich, denn sie reicht kaum über die Taille und wärmt nicht die Bohne. Kurz darauf fahre ich zu einem Schüleraustausch nach England, wo es überraschend kalt ist, auch im Haus meiner Gastfamilie, die überhaupt nie zu heizen scheint. Aber der arbeitslose Vater friert anscheinend nicht, er sitzt den ganzen Tag im Unterhemd vorm Fernseher, der nach einer bestimmten Zeit ausgeht, wenn man keine Münzen einwirft. Auch die Heizung funktioniert so, aber sie bekommt nie eine Münze ab. Ich zittere vor Kälte und trage die Jacke tagein, tagaus. Im Dauerregen verwandelt sie sich in ein erbärmlich dünnes, nasses Fell. Ich bekomme den Spitznamen »Super Chicken« und weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Bezieht er sich auf die Jacke oder auf meine Hühnerbrust? Vorsichtshalber lache ich. Ich verstehe das Englisch meiner Mitschüler nicht, ihre komplette Kälteunempfindlichkeit, das stundenlange Ausharren in eisigen Räumen, wo man auf kalten Heizkörpern hockt und den Jungs dabei zusieht, wie sie Boxen und E-Gitarren anschließen und gellende Rückkoppler produzieren, aber nie anfangen zu spielen. Ich langweile mich und friere in diesem England, bis ich im Nieselregen unter dem giftgelben Lichtkegel einer Straßenlaterne zum ersten Mal geküsst werde. Mit einem Schlag ist mir nicht mehr kalt und langweilig. Ich habe meine Bestimmung im Leben gefunden: Ich will nur noch küssen. Kurz darauf rauche ich zum ersten Mal, betrinke mich zum ersten Mal, werde über Nacht Kommunistin, weil der Junge, der mich geküsst hat, Kommunist ist. Die Jacke ziehe ich bei all diesen Aktivitäten nicht aus, aber ansonsten bin ich völlig verändert, und als ich zwei Wochen später in Bremerhaven von Deck gehe, erkennen mich die Eltern gerade noch an der Jacke wieder. Keine meiner Schwestern darf danach einen Schüleraustausch machen.