Ich bin zum ersten Mal in Japan und bin nicht mehr ich selbst, weil ich nicht mehr reden kann. Keiner versteht Englisch, und ich spreche kein Japanisch. Mit einem Mal bin ich stumm, meiner sprechenden Persönlichkeit beraubt, und das empfinde ich als seltsam beglückend. Zurückgeworfen auf Mimik und Gestik komme ich zu mir selbst. Aus japanischer Sicht bin ich wahrscheinlich einfach nur groß und gelb: eine riesengroße junge Frau mit blondem Punkhaarschnitt in einem sonnengelben Trenchcoat. Wie eine Flamme stehe ich an der Straße und halte den Daumen raus. Was will diese Person nur? Der erhobene Daumen ist eine Geste, die man entweder gar nicht oder nur aus amerikanischen Filmen kennt. Immer wieder halten Autos vorsichtig an, fahren sogar ein Stückchen zurück, hoffnungsvoll laufe ich los, wie man das als Tramper so macht, um gleich einzusteigen, aber keine Autotür öffnet sich, nur die Fenster werden runtergekurbelt, ich verbeuge mich, wie ich es inzwischen gelernt habe,

Eine alte Dame im Kimono berichtet von ihrem Café, das sie Frank Zappa gewidmet hat, den sie verehrt. Eine elegante Angestellte erzählt mir von ihrer seit dreißig Jahren andauernden Affäre mit einem verheirateten Mann, aber als Ehemann wolle sie ihn nicht geschenkt haben. Eine etwa fünfzigjährige Frau lebt noch bei ihren Eltern, bis vor kurzem hat sie ihr Zimmer kaum verlassen, aber ihre Eltern haben es geduldig ertragen. Neben mir in der U-Bahn liest eine gebrechliche Dame Der kleine Lord auf Deutsch. Sie zeigt mir das Buch, als ich sie darauf anspreche. Jedes Wort ist in hauchdünnem Bleistift mit seiner japanischen Übersetzung versehen. Seit zweieinhalb Jahren liest sie dieses Buch. Sie ist auf Seite achtzig. Laut lese ich ihr ein paar Seiten vor, verstehe das altmodische Deutsch nur mit Mühe. Glühend bedankt sie sich und sagt auf Deutsch: Ein guter Tag.

Jeder Tag ist ein guter Tag. Ja, ja, die alte Zen-Maxime, die ich in ihrer Härte oft verfluche.

Als ich selbst schon fast alt bin, stehe ich an einer Straßenkreuzung in Kyoto, unentschieden, welchen Tempel ich mir heute ansehen will, als sich ein alter Mann neben mich stellt. Er muss um die neunzig sein, spindeldürr und gebeugt wie ein Strohhalm,

Mein japanischer Vater rührt sich nicht vom Fleck. Ich werde ungeduldig, mag nicht mehr, möchte wieder meiner eigenen Wege gehen. Nur noch ein Minütchen, gestehe ich ihm zu. Es werden mindestens zehn. Er bewegt sich keinen Millimeter, unter seinem weißen Hemd hebt und senkt

Ein paar Jahre später, in Chigasaki am Meer, geschieht mir genau die gleiche Geschichte ein zweites Mal. Ich sitze am Strand und esse ein Sandwich. Ein alter Mann setzt sich neben mich. Nimmt meine Hand. Er sieht dem anderen Mann ähnlich. Er sagt kein Wort, wir lauschen der Brandung, bewegen uns nicht, ich lasse das Sandwich sinken. Er lächelt, ich lächele. Dann steht er auf und geht. Sieht sich nicht um. Eine Krähe stürzt mit lautem Krächzen vom Himmel und schnappt sich das Sandwich aus

Sich selbst überraschenSchreib über einen fremden OrtSchreib über einen fremden Ort. Wer warst du in der Fremde? Was war dir fremd? Sich in die Fremde zu wagen, hat etwas Belebendes und gleichzeitig Beängstigendes. Man muss aufpassen, dass man sich nicht verirrt. Aber sich zu verirren, kann auch wunderbar sein. Die bekannten Wege verlassen. Überrascht werden. Auch von sich selbst. Wann bekommst du Angst? Wie viel Fremde hältst du aus? Und wenn das Bekannte fremd wird? Schreib über die Rückkehr an einen bekannten Ort, der dir fremd geworden istSchreib über die Rückkehr an einen bekannten Ort, der dir fremd geworden ist.