Ich bin zum ersten Mal in Japan und bin nicht mehr ich selbst, weil ich nicht mehr reden kann. Keiner versteht Englisch, und ich spreche kein Japanisch. Mit einem Mal bin ich stumm, meiner sprechenden Persönlichkeit beraubt, und das empfinde ich als seltsam beglückend. Zurückgeworfen auf Mimik und Gestik komme ich zu mir selbst. Aus japanischer Sicht bin ich wahrscheinlich einfach nur groß und gelb: eine riesengroße junge Frau mit blondem Punkhaarschnitt in einem sonnengelben Trenchcoat. Wie eine Flamme stehe ich an der Straße und halte den Daumen raus. Was will diese Person nur? Der erhobene Daumen ist eine Geste, die man entweder gar nicht oder nur aus amerikanischen Filmen kennt. Immer wieder halten Autos vorsichtig an, fahren sogar ein Stückchen zurück, hoffnungsvoll laufe ich los, wie man das als Tramper so macht, um gleich einzusteigen, aber keine Autotür öffnet sich, nur die Fenster werden runtergekurbelt, ich verbeuge mich, wie ich es inzwischen gelernt habe, eine Fotokamera wird auf mich gerichtet, klick, die Fenster werden wieder hochgekurbelt, und das Auto verschwindet. Statt nun in Verzweiflung oder Wut zu verfallen, packt mich unverhoffte Heiterkeit und Leichtigkeit. Als ich am Ende doch in einem winzigen japanischen Sportwagen mitgenommen werde, in den ich mich umständlich hineinfalte, singe ich mit dem Fahrer amerikanische Popsongs, zu denen wir beide den Text nicht kennen. Wir singen in einem Phantasie-Englisch, das sich erstaunlich gleicht, da wir beide den Radiostationen des amerikanischen Militärs gelauscht und die Songs mitgesungen haben, ohne sie zu verstehen. Auch die abgrundtief hässliche Nachkriegsarchitektur der grauen Trabantenstädte, durch die wir fahren, ist mir seltsam vertraut und doch fremd. Diese Gleichzeitigkeit von Vertrautem und Fremdem führt zu einer Art ekstatischem inneren Dauerkichern. Vor Hitze, Überanstrengung und Aufregung bin ich ständig kurz davor, in Ohnmacht zu fallen, was tausend Tassen grüner Tee knapp verhindern. Man schaut mir diskret dabei zu, wie ich riesengroß und unübersehbar durch das Land wandere und mir Mühe gebe, nicht zu oft anzurempeln. Ich bin wie ein großer gelber fish out of water, der genau hier jedoch sein wahres Gewässer entdeckt. Ziellos glückselig schwimme ich umher, sichtbar und unsichtbar zugleich, denn aus reiner Höflichkeit schenkt man mir keine übermäßige Aufmerksamkeit. Das kommt einem Idealzustand ziemlich nah: gesehen werden, ohne belangt zu werden. Ich darf sein, wer ich will, da man nicht von mir erwartet, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen oder irgendwo hineinzupassen. Weder in die alten, niedrigen Holzhäuser, in denen ich mir den Kopf anschlage, noch in die schmalen Holztoiletten, auf denen ich mich nicht umdrehen kann. Ich passe kaum in die Betten, geschweige denn in die Badewannen. Ich bin ein gaijin, jemand von draußen und dadurch vollkommen frei, oder fühle mich zumindest so. Verzaubert und wie mit einer Tarnkappe versehen, beobachte ich das Leben um mich herum, den anstrengenden Alltagstakt und die komplizierten Konventionen, die akkurate Kleidung und die abgezirkelten Bewegungen, Verbote und Gebote, die mich belustigen. Nicht im Gehen rauchen, steht auf den Bürgersteigen. Gleichzeitig passt man auf mich auf. Wenn ich mich verirre, nimmt mich jedes Mal ein wildfremder Mensch beherzt an der Hand und führt mich zur nächsten Bushaltestelle, Pension, zum Bahnhof oder auch zu einem amerikanischen Fastfoodladen, in der Annahme, dass ich vielleicht eine große Portion Hackfleisch und einen Liter Cola brauche, um mich heimisch zu fühlen. Sie nehmen mich an der Hand wie ein Kind. Alte Frauen, Geschäftsleute, Teenager und Hausfrauen führen mich und reden mir beruhigend zu wie einem etwas störrischen, aber gutmütigen Esel. Ich bin der Esel, der Tanzbär, werde lächelnd bestaunt in meiner Tapsigkeit und Unkenntnis. Geduldig erklärt man mir den Gebrauch der diversen Puschen, ohne die man kein Haus, keinen Tempel, kaum ein Restaurant betreten darf. Raus aus den Straßenschuhen, rein in die braunen Plastikpuschen, raus aus den Plastikpuschen, rein in die Klopantoffeln, raus aus den Klopantoffeln, rein in die Plastikpuschen. Wenn ich dann prompt aus Versehen in Klopantoffeln bei Tisch erscheine, lachen sich alle kaputt über diesen schaurigen Fauxpas. Ich sorge für Unterhaltung und allgemeine Erheiterung, fast dankbar scheint man zu sein für dieses kleine Loch, das ich in die strengen Vorschriften reiße. Das wird meine Rolle: Ich sorge für Stimmung. Manchmal entstehen dadurch Begegnungen, die gerade durch den mühsamen sprachlichen Austausch erstaunlich tief und herzlich sind. In rudimentärem Englisch berichten mir Frauen nach wenigen Minuten ihre Lebensgeschichte. Im Zug erzählt mir eine schüchterne Klavierlehrerin in blasslila Rüschenbluse, sie sei im Bett ein wildes Tier und könne deshalb niemals heiraten. One man not enough, kichert sie und hält sich die Hand vor den Mund. I am so wild, sagt sie, I also beat men.
Eine alte Dame im Kimono berichtet von ihrem Café, das sie Frank Zappa gewidmet hat, den sie verehrt. Eine elegante Angestellte erzählt mir von ihrer seit dreißig Jahren andauernden Affäre mit einem verheirateten Mann, aber als Ehemann wolle sie ihn nicht geschenkt haben. Eine etwa fünfzigjährige Frau lebt noch bei ihren Eltern, bis vor kurzem hat sie ihr Zimmer kaum verlassen, aber ihre Eltern haben es geduldig ertragen. Neben mir in der U-Bahn liest eine gebrechliche Dame Der kleine Lord auf Deutsch. Sie zeigt mir das Buch, als ich sie darauf anspreche. Jedes Wort ist in hauchdünnem Bleistift mit seiner japanischen Übersetzung versehen. Seit zweieinhalb Jahren liest sie dieses Buch. Sie ist auf Seite achtzig. Laut lese ich ihr ein paar Seiten vor, verstehe das altmodische Deutsch nur mit Mühe. Glühend bedankt sie sich und sagt auf Deutsch: Ein guter Tag.
Jeder Tag ist ein guter Tag. Ja, ja, die alte Zen-Maxime, die ich in ihrer Härte oft verfluche.
Als ich selbst schon fast alt bin, stehe ich an einer Straßenkreuzung in Kyoto, unentschieden, welchen Tempel ich mir heute ansehen will, als sich ein alter Mann neben mich stellt. Er muss um die neunzig sein, spindeldürr und gebeugt wie ein Strohhalm, tadellos gekleidet in einem weißen, gebügelten Sommerhemd und dunklen Hosen. Er hebt den Kopf und schaut mich klar und neugierig an, unverwandt, als versuche er, mich zu erkennen. Ich nicke freundlich, da greift er mit einer schnellen Bewegung nach meiner Hand, lässt sie nicht mehr los. Ich stehe Hand in Hand mit ihm da, als kennten wir uns gut. Passanten werfen uns schnelle, scheue Blicke zu. Ich bin mir bewusst, wie ungewöhnlich es ist, dass ein alter Japaner eine deutlich jüngere westliche Frau an der Hand hält. Das Klischee funktioniert nur andersherum. Wir stehen einfach weiter so da, seine Hand ist trocken und kühl, eine Zeitlang geschieht rein gar nichts. Ich spreche ihn an, sage in allen Sprachen, die mir einfallen: hello, guten Tag, ohayo goseimas. Er reagiert nicht. Der Verkehr umtobt uns, zwei Touristen-Rikschas mit weiß geschminkten Geisha-Schülerinnen ziehen an uns vorbei. Ich teste, ob ich meine Hand vorsichtig zurückziehen kann, aber nein, er hält sie eisern fest, und als die Ampel auf Grün springt und als Hörzeichen das Vogeltschilpen erklingt, geht er entschlossen in kleinen, schnellen Schritten mit mir an der Hand über die Straße, als würde er mich führen. Ich sehe mich um, steht irgendwo seine Frau, sein Sohn, seine Tochter, eine Betreuerin? Er scheint genau zu wissen, wohin er will. Wir biegen ab von der Hauptstraße, ich versuche, seine Schritte aufzuhalten, indem ich mich behutsam widersetze und langsamer werde, aber sein Griff ist so entschlossen wie der eines Vaters, der in Eile ist und sein Kind hinter sich herzieht. Ich werfe einen letzten Blick auf die Hauptstraße, vielleicht ruft ihn jemand, sucht ihn, aber nichts. Die kleine Straße ist still, fast dörflich, vor den schmalen Häusern stehen Blumenkästen und Fahrräder, der Eingang zu einem Tempel, eine kleine Bar, ein Soba-Restaurant. Ich könnte mich losreißen, das wäre nicht schwer, aber in einer Mischung aus Neugier und Besorgnis gehe ich mit ihm weiter, was sich immer mehr so anfühlt, als würde ich entführt. Abrupt bleibt er schließlich vor einem grauen Haus stehen. Er will nicht hineingehen, steht davor und bewegt sich nicht weiter. Lässt aber immer noch nicht meine Hand los, sondern sieht mich abermals konzentriert an, als warte er auf eine Reaktion von mir. Ich nicke, da nickt er zurück. Meine Hand in seiner ist inzwischen verschwitzt, seine dagegen immer noch kühl. Ich frage mich, wie das weitergehen soll. Keinem Polizisten könnte ich in meinem mangelhaften Japanisch klar machen, dass ich diesen alten Herrn gefunden habe, beziehungsweise er mich. Ich kann ihn jetzt auch nicht einfach vor dem Haus stehenlassen. Warum dieses Haus? Wohnt er hier? Hat er hier gewohnt? Hat jemand in dem Haus gewohnt, an den er sich erinnert? Wer weiß, welche Strecke er schon zurückgelegt hat. Wieder versuche ich, meine Hand aus seiner zu ziehen, aber als sie ihm beinahe entschlüpft, fasst er fest nach. Ich erinnere mich an die buddhistische Aufforderung, in jedem Menschen seine Mutter oder seinen Vater zu sehen. Er könnte tatsächlich mein Vater sein, mein Vater ist zu dem Zeitpunkt noch jünger und rüstig, nie würde er nach meiner Hand greifen, nie sich führen lassen. Das geschieht erst viele Jahre später, als er nicht mehr der sportliche, große und starke Mann ist, sondern alt und gebrechlich. Es zerreißt mir das Herz. Mein Vater ist zu schwach, um zu schwimmen, aber er lässt sich an meinen Händen durch einen Pool ziehen, gemächlich schreiben wir gemeinsam Kreise durchs Wasser wie in einem zärtlichen Tanz, unvorstellbar mit dem Vater meiner Jugend. Wie in einer russischen Steckpuppe scheinen wir verschiedene Versionen von uns selbst in uns zu beherbergen, die geduldig auf ihren Auftritt warten.
Mein japanischer Vater rührt sich nicht vom Fleck. Ich werde ungeduldig, mag nicht mehr, möchte wieder meiner eigenen Wege gehen. Nur noch ein Minütchen, gestehe ich ihm zu. Es werden mindestens zehn. Er bewegt sich keinen Millimeter, unter seinem weißen Hemd hebt und senkt sich schwach sein Brustkorb. Um der Langeweile zu entgehen, versuche ich, in seinem Rhythmus zu atmen, aber komme dabei fast aus der Puste. Hinter mir schreit jemand, Fußgetrappel, eine Frau Anfang sechzig kommt auf uns zugerannt, mit einem Ruck entreißt sie mir den alten Mann, redet aufgebracht erst auf ihn, dann auf mich ein. Ich kann nicht unterscheiden, ob sie sich bedankt oder beschwert. Er reagiert nicht. Schaut mich noch einmal an, freundlich und ungerührt. Kurzerhand packt sie ihn am Arm und führt ihn mit sich weg. Ich sehe ihnen nach. Über mir kreischen Krähen. Vor mir blüht eine winzige rosa Nelke in einem Balkonkasten, ich höre das Geräusch eines Reisigbesens. Wusch, wusch. In einem japanischen Kloster habe ich gelernt, den Wald zu fegen. Zutiefst sinnlos, aber schön. Wusch, wusch, wusch.
Ein paar Jahre später, in Chigasaki am Meer, geschieht mir genau die gleiche Geschichte ein zweites Mal. Ich sitze am Strand und esse ein Sandwich. Ein alter Mann setzt sich neben mich. Nimmt meine Hand. Er sieht dem anderen Mann ähnlich. Er sagt kein Wort, wir lauschen der Brandung, bewegen uns nicht, ich lasse das Sandwich sinken. Er lächelt, ich lächele. Dann steht er auf und geht. Sieht sich nicht um. Eine Krähe stürzt mit lautem Krächzen vom Himmel und schnappt sich das Sandwich aus meiner Hand. Ich schreie laut vor Schreck. Der berühmte Mönch Ikkyu wurde durch einen Krähenruf erleuchtet. Ich nicht.
Sich selbst überraschenSchreib über einen fremden OrtSchreib über einen fremden Ort. Wer warst du in der Fremde? Was war dir fremd? Sich in die Fremde zu wagen, hat etwas Belebendes und gleichzeitig Beängstigendes. Man muss aufpassen, dass man sich nicht verirrt. Aber sich zu verirren, kann auch wunderbar sein. Die bekannten Wege verlassen. Überrascht werden. Auch von sich selbst. Wann bekommst du Angst? Wie viel Fremde hältst du aus? Und wenn das Bekannte fremd wird? Schreib über die Rückkehr an einen bekannten Ort, der dir fremd geworden istSchreib über die Rückkehr an einen bekannten Ort, der dir fremd geworden ist.