Die graue Straße, durch die früher der Wind pfiff und die so hässlich und langweilig war, dass ich mich fürchtete, sie entlanglaufen zu müssen, ist jetzt ein von zartweiß blühenden Akazien gesäumter Boulevard. Ich frage mich, wann diese Bäume Zeit gehabt haben, so groß zu werden, denn kaum bin ich in meiner Geburtsstadt und in der Wohnung meiner Eltern, zerfließt die Zeit zu einem uferlosen See. Die Akazien blühen, aber die Ödnis ist geblieben. Rossmann, Rewe, Subway, ein türkischer Handyladen, ein Hörgerätladen, ein Laden für Katzenbedarf. Ein Blumenladen, der tapfer die Stellung hält, obwohl es im Supermarkt Blumen für weniger als die Hälfte gibt. Den Glaser mit der schwarz spiegelnden Fassade, in der ich als Teenager meine Frisur überprüft habe, gibt es wundersamerweise noch, aber keinen Buchladen mehr, auch die Boutique mit Marimekko-Dekostoffen und Geschenkartikeln, in der ich meinen ersten Schülerjob hatte und mich fast schmerzhaft langweilte, ist verschwunden. Es gibt nichts

Das Kopfsteinpflaster in unserer Straße gibt es noch, über das wir morgens auf dem Fahrrad in die Schule hoppelten, froh, wenn auf der Hauptstraße der glatte Asphalt begann. Dort oben an der Ecke wohnte die Englischlehrerin, die den Burnout für Lehrer erfand, da gegenüber der Junge, der mich immer küssen wollte und mir dafür seinen Bravo-Starschnitt von Winnetou versprach. Auf dem Gehweg vorm Haus bin ich Rollschuh gelaufen und regelmäßig über die schwarzen Teerwülste im Asphalt gestürzt. Ich mochte den süßlich scharfen Geruch, wenn die Teermaschine langsam die Straße entlangrollte und wir Kinder heimlich unsere Füße in den frischen Teer drückten, immer mit ein wenig Angst, drin hängen zu bleiben und dort auf der Straße, gleich vor dem Elternhaus, gefangen im Teer unser Leben verbringen zu müssen.

Gebückt stehen wir in dem kalten Keller, meine Mutter ist wieder ein Teenager, sie hat keine Angst, sie ist tapfer, neugierig und abenteuerlustig, die Familie hält zusammen und wird es schon schaffen.

Als Kind spiele ich auf

In der radioaktiv verseuchten und von Tsunami und Erdbeben zerstörten Zone von Fukushima erkenne ich die Trümmergrundstücke meiner Kindheit wieder. Die Grundmauern, die noch stehen. Das Unkraut, das sie bereits überwuchert. Die Scherben und den Schutt aus Gegenständen des Alltags. Den

Von der durch die Bomben gespaltenen Rotbuche im Garten heißt es in meiner Kindheit, dass sie nicht überleben wird, zu tief ist sie verletzt. Fünfzig Jahre später steht sie immer noch da.

In einem außergewöhnlich heißen Sommer flippt sie aus und wächst so hoch und weit wie nie zuvor, ihr Laub wird so dicht, dass die Sonne nicht mehr hindurchdringt. Als Kind konnte ich mich in dem geborstenen Innenraum ihres Stamms verstecken, jetzt passe ich nicht mehr hinein. Vielleicht sollte ich sie mal umarmen, denke ich, und lege meine Arme um ihren mächtigen, kaputten Stamm. Ich versuche, etwas zu fühlen, aber da ist nichts, und die Buche fühlt auch nichts. Sie hat mir zugeschaut, wie ich auf der Schaukel in den Himmel fliege, immer wieder und wieder, so hoch, dass es diesen kleinen Augenblick gibt, in dem man in der Luft kurz anzuhalten scheint, bevor es wieder nach unten geht. »Wuppdich« nannte ich diesen Moment. Ich kann von hoch oben in die Praxis meines Vaters sehen, die Scheiben bestehen bis auf einen schmalen Streifen aus Milchglas, aber da sehe ich seinen Kopf, sein graues dichtes Haar, den weißen Kragen seines Kittels. Manchmal öffnet er das Fenster und ruft, wir sollen bitte leiser sein. Wir bemühen uns, aber nur

ErinnerungenSchreiben über schmerzliche ErinnerungenSchreib über dein Elternhaus. Schreib über das Haus der GroßelternSchreib über dein Elternhaus. Das Elternhaus deiner Eltern. Das Haus der Großeltern. Über das Zurückkehren in diese Wohnungen und Häuser. Über deine Erinnerungen als Kind und deine Erinnerungen als Erwachsener. Was ist noch da? Was ist nicht mehr da? Untröstlich und heiterDas Glück des SchreibensZwei Gefühle, die mich überkommen: untröstlich und heiter. Sie gleichzeitig wahrzunehmen und auszuhalten ist eine Herausforderung nicht nur im Leben, auch im Schreiben.