Die graue Straße, durch die früher der Wind pfiff und die so hässlich und langweilig war, dass ich mich fürchtete, sie entlanglaufen zu müssen, ist jetzt ein von zartweiß blühenden Akazien gesäumter Boulevard. Ich frage mich, wann diese Bäume Zeit gehabt haben, so groß zu werden, denn kaum bin ich in meiner Geburtsstadt und in der Wohnung meiner Eltern, zerfließt die Zeit zu einem uferlosen See. Die Akazien blühen, aber die Ödnis ist geblieben. Rossmann, Rewe, Subway, ein türkischer Handyladen, ein Hörgerätladen, ein Laden für Katzenbedarf. Ein Blumenladen, der tapfer die Stellung hält, obwohl es im Supermarkt Blumen für weniger als die Hälfte gibt. Den Glaser mit der schwarz spiegelnden Fassade, in der ich als Teenager meine Frisur überprüft habe, gibt es wundersamerweise noch, aber keinen Buchladen mehr, auch die Boutique mit Marimekko-Dekostoffen und Geschenkartikeln, in der ich meinen ersten Schülerjob hatte und mich fast schmerzhaft langweilte, ist verschwunden. Es gibt nichts Langweiligeres als einen Arbeitsplatz ohne Arbeit. Der leere Laden verschlang mich mit seiner bodenlosen Stille, in der ich allein herumstand und die Minuten zählte. Die ein, zwei Kunden, die im Schnitt an einem ganzen Nachmittag hereinschneiten, überschüttete ich mit Geschenkideen, versuchte sie dazu zu bringen, die finnischen Kleider anzuprobieren, in denen jeder aussah wie ein Vorhang, flehte sie an, doch ruhig noch ein wenig herumzustöbern, um nicht wieder ganz allein im Laden zurückzubleiben.
Das Kopfsteinpflaster in unserer Straße gibt es noch, über das wir morgens auf dem Fahrrad in die Schule hoppelten, froh, wenn auf der Hauptstraße der glatte Asphalt begann. Dort oben an der Ecke wohnte die Englischlehrerin, die den Burnout für Lehrer erfand, da gegenüber der Junge, der mich immer küssen wollte und mir dafür seinen Bravo-Starschnitt von Winnetou versprach. Auf dem Gehweg vorm Haus bin ich Rollschuh gelaufen und regelmäßig über die schwarzen Teerwülste im Asphalt gestürzt. Ich mochte den süßlich scharfen Geruch, wenn die Teermaschine langsam die Straße entlangrollte und wir Kinder heimlich unsere Füße in den frischen Teer drückten, immer mit ein wenig Angst, drin hängen zu bleiben und dort auf der Straße, gleich vor dem Elternhaus, gefangen im Teer unser Leben verbringen zu müssen.
Die Elternhäuser beider Eltern wurden durch Bomben zerstört. Meine Mutter zog mit ihrer Familie in den Keller des zerstörten Hauses. Auf dem Schreibtisch meines Großvaters befanden sich noch Jahrzehnte später angekokelte, halbkaputte kleine Gegenstände, die er aus den Trümmern gerettet und repariert hatte. Ein Bronzepferdchen mit kaputtem Bein, ein angeschlagener Teller mit blauem Zwiebelmuster, eine graue, halbverbrannte chinesische Porzellanskulptur von einem Berg mit Mönchen. Überall in der Wohnung meiner Großeltern befanden sich wunderbare und rätselhafte Dinge. Warum hatte der Wohnzimmertisch goldene Löwenfüße? Dieses behagliche Gefühl, wenn wir unter dem Tisch zwischen den Löwenfüßen lagen und oben die Erwachsenen ratschten und die Bettzeiten der Kinder vergessen hatten. Warum hing neben meinem Platz am Esstisch ein Bild von einer Frau, die auf einem Teller einen blutenden Kopf vor sich hertrug? Die Namen Judith und Holofernes sagten mir nichts. Bestimmt wegen des Tellers, dachte ich. Passt. Esstisch – Teller. Warum lag ein kaputter Mann auf der Kommode? Zu jedem Gegenstand gab es Geschichten, aber sie waren, obwohl wohlbekannt, gleichzeitig nebulös. Woran starb dieser Gallier? Wie vielleicht alle Kinder hörten wir nicht genau zu, konnten wir uns die Geschichten nicht merken, fragten nicht nach.
N besuchte mich, wir fuhren zusammen nach Hannover. Wir waren keine fünf Minuten im Haus, da fragte sie bereits meine Mutter nach dem Krieg und den Bomben aus, und meine Mutter erzählte in ihrem makellosen Oxford English, wie ganz Hannover gebrannt hatte, die Bomben auf ihr Haus gefallen waren und sie von da an im Keller gelebt hatten. Weil meine Mutter all das in einer anderen Sprache erzählte, hörte ich ganz anders zu. Fasziniert fragte N immer weiter nach, sie wollte den Ort gern sehen. Wir fuhren zu dem in den fünfziger Jahren wiederaufgebauten Elternhaus meiner Mutter, sie führte uns in den Keller, der immer noch der alte war und in dem ich nie zuvor gewesen war. Ein kleines, tiefes und sehr dunkles Kellergewölbe, das muffig und feucht roch und trotz des glühenden Hochsommers eiskalt war. Präzise beschrieb meine Mutter die Position der Betten der vierköpfigen Familie, wo sie gekocht, gegessen und gesessen hatten, jedes Detail war in völliger Klarheit wieder da und erfüllte vor unseren Augen den dunklen Raum wie eine virtuelle Installation.
Gebückt stehen wir in dem kalten Keller, meine Mutter ist wieder ein Teenager, sie hat keine Angst, sie ist tapfer, neugierig und abenteuerlustig, die Familie hält zusammen und wird es schon schaffen.
Als Kind spiele ich auf Trümmergrundstücken, auf Überresten von Mauern, Treppen, über die Unkraut wuchert, Lupinen und Rainfarn. Im Sand zwischen verkrümmten Eisenstreben und zerborstenen Steinen finden wir Scherben, halbgeschmolzenes Besteck. In unserem Garten steht eine Rotbuche, der Stamm vom Bombeneinschlag tief gespalten. Nachts höre ich Panzer über das Kopfsteinpflaster rollen, aber wenn ich angstvoll auf die Straße schaue, ist sie leer, und das Pflaster glänzt im Regen unter den gelben Straßenlaternen. Ich fürchte mich vor dem Licht der Autoscheinwerfer, die über die Decke wandern. Ich habe Wörter wie Flak und Bombergeschwader aufgeschnappt, weiß, dass sie am Himmel aussahen wie bunt glitzernde Weihnachtsbäume. Im Radio werden nach den Nachrichten die Vermisstenmeldungen durchgegeben, und zu einer bestimmten Uhrzeit werden monoton nur Zahlen vorgelesen, Codes für Agenten im Osten, heißt es. Ich verstehe das nicht, aber ich mag die Sendung mit den Zahlen. Ebenso wie die endlosen Wasserstandsmeldungen.
In der radioaktiv verseuchten und von Tsunami und Erdbeben zerstörten Zone von Fukushima erkenne ich die Trümmergrundstücke meiner Kindheit wieder. Die Grundmauern, die noch stehen. Das Unkraut, das sie bereits überwuchert. Die Scherben und den Schutt aus Gegenständen des Alltags. Den Schrecken der Überlebenden: Eben war noch alles da, und dann war alles mit einem Mal nicht mehr da.
Von der durch die Bomben gespaltenen Rotbuche im Garten heißt es in meiner Kindheit, dass sie nicht überleben wird, zu tief ist sie verletzt. Fünfzig Jahre später steht sie immer noch da.
In einem außergewöhnlich heißen Sommer flippt sie aus und wächst so hoch und weit wie nie zuvor, ihr Laub wird so dicht, dass die Sonne nicht mehr hindurchdringt. Als Kind konnte ich mich in dem geborstenen Innenraum ihres Stamms verstecken, jetzt passe ich nicht mehr hinein. Vielleicht sollte ich sie mal umarmen, denke ich, und lege meine Arme um ihren mächtigen, kaputten Stamm. Ich versuche, etwas zu fühlen, aber da ist nichts, und die Buche fühlt auch nichts. Sie hat mir zugeschaut, wie ich auf der Schaukel in den Himmel fliege, immer wieder und wieder, so hoch, dass es diesen kleinen Augenblick gibt, in dem man in der Luft kurz anzuhalten scheint, bevor es wieder nach unten geht. »Wuppdich« nannte ich diesen Moment. Ich kann von hoch oben in die Praxis meines Vaters sehen, die Scheiben bestehen bis auf einen schmalen Streifen aus Milchglas, aber da sehe ich seinen Kopf, sein graues dichtes Haar, den weißen Kragen seines Kittels. Manchmal öffnet er das Fenster und ruft, wir sollen bitte leiser sein. Wir bemühen uns, aber nur Minuten später haben wir es vergessen. Wir werden ermahnt und ermahnt und können uns nicht erinnern.
ErinnerungenSchreiben über schmerzliche ErinnerungenSchreib über dein Elternhaus. Schreib über das Haus der GroßelternSchreib über dein Elternhaus. Das Elternhaus deiner Eltern. Das Haus der Großeltern. Über das Zurückkehren in diese Wohnungen und Häuser. Über deine Erinnerungen als Kind und deine Erinnerungen als Erwachsener. Was ist noch da? Was ist nicht mehr da? Untröstlich und heiterDas Glück des SchreibensZwei Gefühle, die mich überkommen: untröstlich und heiter. Sie gleichzeitig wahrzunehmen und auszuhalten ist eine Herausforderung nicht nur im Leben, auch im Schreiben.