An einem Nachmittag, an dem ich nicht weiß, wohin mit mir, und einsam und verwirrt bin, gehe ich ins Kino, in einen Dokumentarfilm über Maria Callas. Sie ist so schmal, ihr Kopf so groß, ihr Mund und ihre Augen riesig. Wenn sie spricht, klingt sie immer ein wenig wehklagend. Sie berichtet von ihrem schweren Schicksal, mit diesem ungeheuren Talent auf die Welt gekommen zu sein, mit dieser Stimme, die jeder hören will. Warum ich?, fragt sie, Warum ich? Sie hätte jederzeit eine Familie gegen ihre gigantische Karriere eingetauscht, wenn es jemanden gegeben hätte, der lieber Kinder mit ihr gehabt hätte, als sie wie ein teures Zirkuspferd in die Arena zu schicken und mit ihr Geld zu verdienen. Mein Schicksal ist mein Schicksal, wiederholt sie und schlägt die Augen nieder mit dem dicken schwarzen Lidstrich, den sie sich ihr Leben lang auf die Lider pinselt. Nur ganz am Ende, als Onassis nach der Zeit mit Jackie Kennedy noch einmal zu ihr zurückkehrt, fehlt auf den verwackelten Filmaufnahmen der Lidstrich, und zum ersten Mal sieht man sie lachen.
Betäubt von ihrem Unglück, betört von ihrer Stimme, wandere ich nach dem Film in einen Supermarkt und kaufe seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder griechischen Feta. Liegt es an Maria Callas? Von der Insel Lesbos, heißt es auf der Packung. Dort kommen jetzt die Flüchtlinge entkräftet an Land und werden in enge Unterkünfte gepfercht. In der Schule haben wir die Gedichte von Sappho aus Lesbos gelesen, ein alter Griechischlehrer wurde aus der Pensionierung zurückgeholt, um unsere kleine Klasse von dreizehn Mädchen zu unterrichten, ein reizender alter Mann, der Sappho vergötterte und behauptete, uns Mädchen ansehen zu können, wer die Pille nahm. Vor mehr als dreißig Jahren war er der Lehrer meines Vaters gewesen und hatte ihn geohrfeigt, weil er sich geweigert hatte, ordentlich den Hitlergruß zu absolvieren. Warum sprach ich ihn nie darauf an?
Im Schüleraustausch fuhren wir nach Athen, stolperten schwitzend über die Akropolis, betranken uns mit Retsina, stopften uns mit Feta und Gyros voll, sangen später noch ewig die Lieder von Theodorakis und sahen x-mal den Politthriller Z von Costa Gavras. Unsere griechischen Austauschschüler kannten die Gedichte von Sappho nicht und lachten über unsere altgriechische Aussprache. Die Großmutter meines Austauschschülers saß den ganzen Tag in einem abgedunkelten Zimmer und hörte Maria Callas. Wir kannten sie höchstens von Fotos in der Bunten, in die Oper gingen wir nicht, wir fanden sie spießig und reaktionär, aber zu der Zeit sang die Callas schon nicht mehr, sondern saß in Palm Springs in einem Hippiekleid am Pool und sah mit ihrer dicken Brille und den schulterlangen Haaren Nana Mouskouri zum Verwechseln ähnlich. Mit dreiundfünfzig Jahren starb sie an einem Herzinfarkt, dabei heißt es doch immer, dass Singen so gut fürs Herz sein soll.
N mochte keine klassische Musik oder Opern, bis sie Maria Callas in Tosca singen hörte und ihr spontan verfiel. Sie komponierte Jazz-Variationen der Arie Vissi d’arte, vissi d’amore, spielte mit der Idee, eine Crossover-Oper zu schreiben, in der auch Sarah Bernhardt auftauchen sollte, für die Tosca ursprünglich geschrieben worden war. Immer wieder erzählte N von der späten Sarah, die trotz amputierten Beins weiter auftrat. Sie selbst wollte Sarah spielen, es war alles noch sehr vage, oft hörte ich nicht recht zu, wenn sie mir von der wieder ins Stocken geratenen Entwicklung des Stücks erzählte. Ich hielt N nicht für eine Autorin, mir war unverständlich, dass sie nicht bei der Sache blieb, sondern lange Pausen machte oder durch ein Thema mäanderte, ohne dass es ein konkretes Ergebnis gab. Ich bezweifelte im Stillen auch Ns Kompetenz bei klassischer Musik, sie passte nicht zu ihr, sie war zu europäisch, zu ernst. Ich bewunderte ihre Art, auf der Bühne ihre politische Meinung lustig verpackt zum Besten zu geben, ihren Gesang, der zu avantgardistisch war, um jemals Mainstream zu werden, was sie tief schmerzte.
Sie fragte mich, ob ich mit ihr zusammen das Stück über Sarah Bernhardt schreiben könnte. Ich machte Ausflüchte, lehnte nicht direkt ab, sagte aber auch nie zu. Warum nicht?
Als N krank wurde, nahm sie alle Kraft zusammen und trat wenige Wochen nach der Diagnose auf. Sie sang ihre Jazz-Interpretation von Vissi d’arte: Ich lebte für die Kunst, ich lebte für die Liebe … in der Stunde des Schmerzes, warum, warum, Herr, warum entlohnst du mich auf diese Weise? Sie ertrug die Schmerzen, die dramatische Veränderung ihres Körpers, sie machte weiter Witze und warf chemo parties mit ihren Freundinnen im Krankenhaus. Mehrmals sagte sie zu mir: Ich frage mich nicht, warum. Ich frage mich eher: Warum nicht ich?
Sich selbst überraschenSchreib darüber, warum du tust, was du tustWarum, warum, warum? Warum geschehen die Dinge? Warum tust du, was du tust? Oder warum nicht? Was ist der wirkliche Grund? Wie tief kannst du graben? Hör der eigenen Geschichte zu. Sei nicht taub und blind ihr gegenüber. Sieh dir selbst aufmerksam und neugierig zu und schreib es auf: Wer ist diese seltsame Person? Und was treibt sie in dieser Welt?