Das Schulschwimmen findet in einem eiskalten Hallenbad statt. Bibbernd stehe ich am Beckenrand, von Kopf bis Fuß nur Gänsehaut. Der Schwimmlehrer, ein bedrohlich großer Mann, hält eine Stange mit Ring ins Wasser, aber wer danach greift, ist ein Baby. Also laufe ich heimlich unter Wasser, mache mit den Armen Schwimmbewegungen, aber trippele mit den Füßen über den glitschigen Boden und glaube, dass man das über Wasser nicht sehen kann. Der Schwimmlehrer kommentiert es nie. So verbringe ich eine Schwimmstunde nach der anderen, bis es heißt, wir würden nun ins tiefe Becken wechseln, da ja alle einigermaßen schwimmen könnten, worauf mich Panik befällt und ich kurz vor der Schwimmstunde furchtbare Halsschmerzen bekomme. Mein Vater legt seine kühle Hand um meinen Hals und befühlt die Mandeln, was ich liebe, und als ich röchele, ich könne kaum sprechen vor Schmerzen, sagt er zweifelnd: na, na, na, aber ich muss nicht schwimmen gehen. Gleichzeitig will ich unbedingt das Freischwimmerabzeichen erwerben, ein weißgesticktes Seepferdchen in einem blauen Kreis, das man sich auf die Badehose nähen lässt. Es ist wie ein Übertritt in eine höhere Klasse, nach dem Schwimmunterricht kann man sich ohne Seepferdchen im Grunde nicht mehr sehen lassen. Ich muss mich also, koste es, was es wolle, ins tiefe Becken wagen, denn größer als die Angst ist nur die drohende Schmach. In den ersten Minuten schlucke ich so viel Chlorwasser, dass ich glaube, sterben zu müssen. Ich huste und pruste und darf mich am Beckenrand ausruhen, aber nur sehr kurz, dann schubst der Schwimmlehrer mich wieder zurück in das bedrohlich dunkle, tiefe Wasser. Verzweifelt versuche ich, mit den Füßen den Boden zu ertasten, aber da ist nichts, rein gar nichts unter mir, ich strampele wie wild – und siehe da, mit einem Mal trägt mich das Wasser. So schwierig ist das also gar nicht, warum hat man mir das nicht gleich gesagt? Ich schwimme! Ich kann tatsächlich schwimmen! Ich habe nun fast gar keine Angst mehr vor der Prüfung, für die man sich fünfzehn Minuten lang im tiefen Becken aufhalten muss, ohne vor Angst laut zu schreien. Das lässt sich machen, das bekomme ich hin, denke ich, und die nächsten Male gehe ich zwar bibbernd und zitternd, aber ohne gesteigertes Herzklopfen zum Schwimmunterricht. Bis der Schwimmlehrer verkündet, wir würden nun für die Prüfung noch den Sprung vom Einser üben. Damit habe ich nicht gerechnet. Die Angst vor diesem Sprung übersteigt die Angst vorm tiefen Becken tausendfach. Ich kann nicht mehr schlafen, kann an nichts anderes mehr denken. Jedes Mal, wenn es an das Üben des Sprungs geht, büxe ich aus der Reihe aus, muss unbedingt aufs Klo oder bekomme einen Hustenanfall und darf mich abseits stellen, oder ich verstecke mich in der Umkleidekabine. Erstaunlicherweise fällt dem Schwimmlehrer nicht auf, dass ich kein einziges Mal vom Einser springe. Ich schäme mich und hasse mich mit meinen sieben Jahren für meine bodenlose Feigheit. Wenn keiner hinsieht, steige ich versuchsweise auf den Startblock und sehe in die Tiefe. Das Wasser erscheint mir unendlich weit weg. Wie kann es sein, dass alle anderen Kinder sich kreischend und lachend hinabstürzen? Nur ich es einfach nicht über mich bringe? Ich bin überzeugt, dass mich dieser Sprung umbringen würde, nur mich. Mit niemandem spreche ich über meine Angst, die von Tag zu Tag größer wird. Der Gang ins Freibad wird zu einem Gang aufs Schafott. Die große Eingangshalle mit den weißen Säulen, die hellblauen Fliesen, die Holzbänke in der Umkleidekabine, der eisige, harte Strahl der Duschen, der kalt tropfende Badeanzug, der Chlorgestank.
Der Tag der Prüfung naht. Ich will sterben, ohnmächtig werden, von diesem Planeten verschwinden. Fünfzehn Minuten paddele ich im Schwimmerbecken herum, was nun ein Leichtes ist, denn vor mir liegt der entsetzliche Sprung vom Einser. Alle Kinder stellen sich in der Schlange auf, ich trödele so lange, bis ich die Letzte bin. Jeder Springer bekommt vom Schwimmlehrer einen Startpfiff, und platsch und platsch und platsch springen alle Kinder ohne Mühe und Furcht ins Wasser. Immer kürzer wird die Schlange vor mir. Mein Herz klopft zum Zerspringen, und dann bin ich an der Reihe. In angstvollen Tippelschritten nähere ich mich dem Einser, als etwas Unerwartetes geschieht: Ein kleines Kind rutscht am Nichtschwimmerbecken aus und weint laut. Der Schwimmlehrer wendet sich kurz ab, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist, ich nutze diesen Moment und lasse mich vom Beckenrand ins Wasser rutschen, und bevor der Schwimmlehrer sich mir wieder zuwendet, tauche ich kurz mit dem Kopf unter und schlage mit den Armen um mich, als würde ich nach dem Sprung gerade wieder auftauchen. Der Schwimmlehrer bemerkt nichts. Und auch niemand anders. Alle plantschen vergnügt umher und beachten mich gar nicht. Die Stunde wird mit einem heftigen Triller abgepfiffen, alle haben die Freischwimmerprüfung bestanden. Ich kann nicht glauben, dass mein Betrug nicht in der letzten Sekunde noch auffliegt, aber nein, auch ich bekomme mein Seepferdchen ausgehändigt. Meine Mutter näht es auf meinen Badeanzug, stolz trage ich es, und gleichzeitig erinnert es mich ständig an meinen Betrug. Ich muss von nun an mit einer Betrügerin zusammenleben. Ich schäme mich, und gleichzeitig verspüre ich Triumph. Dass dieser blöde Schwimmlehrer nichts gemerkt hat! Eigentlich herrlich.
Schreib über eine Prüfung, einen Test deines CharaktersSchreib über eine Prüfung, einen Test deines Charakters. Wer hast du geglaubt zu sein, und wer bist du wirklich? Noch einmal das alte Zen-Koan: Wer bist du, wenn dir keiner zuschaut? Wahrheit und FiktionBeim Schreiben schaust du dir selbst zu, und ob du die Wahrheit schreibst oder nicht, weißt oft nur du allein. Wahr ist, dass ich betrogen habe beim Seepferdchenabzeichen, aber wie der Schwimmlehrer aussah, habe ich vergessen. Da gibt es nur noch ein vages Gefühl – aber war er wirklich groß und grob? Die Welt um sich herum wahrnehmenIch beschreibe die Welt so, wie ich sie wahrnehme, mit meinem ganz und gar eigenen Blick. Alles ist meine Interpretation. Ihr auf die Schliche zu kommen bedeutet auch, meinen Blick auf mich und die Welt verändern zu können. Das Glück des SchreibensDie Welt darf reicher, lebendiger und bunter sein, wenn ich sie nicht mehr mit meiner Interpretation belästige, sondern sie, ohne zu werten, aufmerksam beobachte und notiere.