Alle sind in Aufregung. Die längste Mondfinsternis des 21. Jahrhunderts steht kurz bevor. Mit zwei japanischen Freundinnen und vielen anderen Menschen stehe ich auf einer großen Wiese im Englischen Garten. Es ist immer noch sehr heiß. Langsam wird es dunkel. Vom überall groß angekündigten Blutmond ist nichts zu sehen. Lachend beschwere ich mich, da spricht mich aus dem Dunkeln jemand mit Namen an. Bist du es? Ich erkenne ihre Stimme sofort. Eine Bekannte, die ich mehr als fünfzehn Jahre nicht gesehen habe. Sie erzählt mir, dass sie bald siebzig wird. Unvorstellbar. Ihr Gesicht kann ich in der Dunkelheit nicht erkennen, aber sie klingt frisch und stark wie eh und je, ihre Stimme weht aus der Vergangenheit zu mir.
Der blöde Mond geht gar nicht auf, maule ich, da stupst mich ein Mann mit langen schwarzen Haaren sacht an und deutet hinter die Bäume. Dort ist er ja, der Blutmond! Eher orange und kleiner als gedacht. Ein Raunen wandert in einer Welle über die Wiese. Der Mann sagt, er sei aus Mexiko, dort könne man die Mondfinsternis gar nicht sehen. Wo genau kommt er her? Aus Oaxaca, und im Handumdrehen reden wir über Rezepte für mole, die dunkle, scharfe Schokoladensauce. Ich gehe mit ihm durch die Stadt, über den Zócalo, den Markt Benito Juárez, rieche Vanille, Zuckerrohr, Kakao und geröstete Heuschrecken, die chapulinas. Haben Sie chapulinas gegessen?, fragt er. Klar, sage ich großspurig, und verschweige, dass ich es nur einmal probiert und das Kratzen der Beinchen im Hals in schlimmer Erinnerung habe. Der Hase! Da ist der Hase, rufen meine japanischen Freundinnen. Ihrer Meinung nach sitzt im Mond ein Hase mit langen Ohren und schlägt mit einem Löffel auf den Reis und macht mochi, Reiskuchen. Nein, widerspricht meine wiedergefundene Bekannte im Dunkeln, das ist der Mann im Mond.
Ein Mann? Bei euch wohnt ein Mann im Mond? Die Japanerinnen lachen.
La luna, sagt der Mexikaner, ich verstehe nicht, dass der Mond auf Deutsch ein Mann ist. Ihr seid so andersrum. Die Sonne eine Frau, der Mond ein Mann, wie kann man so leben?
Ich erinnere mich an ein Kinderbuch, Peterchens Mondfahrt. Es hatte, glaube ich, schon meinem Vater gehört und war mit ganzseitigen Jugendstil-Illustrationen versehen. Peterchen fliegt mit seinem Bett zum Mond und begegnet dort dem Mondmann, groß und furchterregend mit langem Bart, ein Bündel Reisigholz auf dem Rücken. Ihn überblättere ich schnell, betrachte dagegen immer und immer wieder die Königin der Nacht in ihrem Sternenkleid.
Jeden Abend gehe ich mit meinem Kind auf dem Arm kurz noch vors Haus, und wir zeigen auf den Mond.
Ich gehe mit ihm in die Zauberflöte, da ist es sechs, und als die Königin der Nacht singt, springt es auf seinen Stuhl und singt laut mit.
Von einem japanischen Tanzlehrer lerne ich, wie man in einer klassisch weiblichen Geste anmutig auf den Mond zeigt.
Im Zen-Kloster lerne ich, dass der Mond die Wahrheit ohne Worte verkörpert, und der Finger, der auf den Mond zeigt, nicht die Wahrheit selbst ist. Ein amerikanischer Lehrer fasst diese philosophische Erkenntnis so zusammen: Die Speisekarte ist nicht das Essen.
Von meiner Mutter lerne ich, den abnehmenden und zunehmenden Mond nach der alten Schreibschrift für a und z zu unterscheiden.
Im Biologieunterricht lerne ich, dass der Mond den Zeitpunkt der Menstruation beeinflusst und mit dem Vollmond synchronisiert, wenn man sich dem Mondlicht lange genug aussetzt. Stimmt das?
Mein Lieblingsschlaflied ist »Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar«. Ich summe es vor mich hin, meine alte Bekannte singt im Dunkeln mit. Am Himmel steht kein einziger Stern.
Der Blutmond wird nicht größer und auch nicht röter. Wie eine mickrige Apfelsine versinkt er bereits wieder hinter den Baumwipfeln. Auf einer Decke vor uns sitzen Eltern mit ihrem Kind. Die Mutter sagt zum Kind: Schau gut hin. Die nächste Mondfinsternis kommt erst in hundert Jahren, du wirst sie nie wieder sehen. Du nicht, sagt das Kind, ich schon.
Die Zauberformel: Ich erinnere michSchreib über den MondSchreib über den Mond. Ich erinnere mich an den Mond … Schreib jetzt gleich. Sofort. Nicht nachdenkenDenk nicht nach. Das Koan vom Finger, der auf den Mond zeigt, bedeutet auch, dass man nicht zu viel von einem Lehrer und von Theorien erwarten soll. Just do it.
Ein anderes Koan: Ein junger Mönch fragt den alten Mönch: Ich bin gerade ins Kloster eingetreten. Bitte lehre mich. Der Alte fragt: Hast du gegessen? Ja, sagt der junge Mönch. Dann wasch deinen Teller ab, sagt der Alte.
Schreiben wie abwaschen. Aber nicht abwaschen statt schreiben!