In einer winzigen Buchhandlung in Colorado Springs, in der ich viele Stunden zubringe, weil es sonst nichts gibt in diesem Städtchen außer sehr viel Landschaft ringsum, finde ich ein gebrauchtes Taschenbuch mit Schwarzweißfotos einer streng blickenden älteren Frau in einem scheußlichen weißen Badeanzug, die Yogaposen vorturnt. Ständig habe ich Rückenschmerzen, weil ich mein Kind wahrscheinlich völlig falsch in einem Tuch herumtrage. Also beginne ich, mit diesem Büchlein Yoga auf dem schäbigen Teppich in unserem Uni-Apartment zu üben: den nach unten schauenden Hund, die Kobra, Kamel, Fisch und Adler. Mein Rücken erholt sich zwar nicht, aber es hilft gegen die bleierne Müdigkeit. Das Kind bleibt über Wochen stur bei seinem deutschen Zeitgefühl und ist nachts wach wie eine Knallerbse. Ich muss den ganzen Tag unterrichten und weine manchmal vor Müdigkeit. Tagsüber schläft das Kind tief und fest in der Unikrippe. Mein Mann ist mit nach Colorado Springs gekommen, er will allein umherstreifen und fotografieren. Ich verstehe das, wie gern hätte ich freie Zeit, um zu schreiben oder einfach nur Löcher in die Luft zu gucken, aber ich muss Geld für uns verdienen. Zorn wütet in mir, den ich aber nie äußere, weil ich fürchte, dass er aus dem Haus gehen, ins Auto steigen und lange nicht zurückkommen könnte. Als explosiven Wüterich habe ich ihn kennengelernt, der ab und zu durchknallte, in einem Hotelzimmer mit der Axt ein Loch in den Boden hackte, mit schweren Filmkameras um sich warf, sturzbetrunken Auto fuhr und sich ein Auge dabei zuhielt, um nicht doppelt zu sehen, Polizisten anfiel und verprügelte. Den meisten machte er in diesem Zustand Angst, mir nicht.
Seit das Kind da ist, ist er nie mehr wütend. Als es auf die Welt kommt, weint er. Nein, das Kind würde er nie verlassen, dieses Kind nie. Von der ersten Minute an sind sie symbiotisch miteinander verbunden, sie haben die gleiche Haut, den gleichen Rhythmus, die gleiche meditative Langsamkeit. Am Morgen höre ich vom Badezimmer aus, wie er mit dem Kind albert und kichert, singt und plappert. So ist er nur mit dem Kind.
Er fährt im Schneesturm nach Telluride zu einem Filmfestival, ich bleibe mit dem Kind allein zu Hause, habe Angst und mache deshalb pausenlos Yoga. Am Telefon erzähle ich N davon, sie lacht mich aus, findet Yoga esoterisch und blöd. Sie trinkt und raucht noch, während ich mit allem aufgehört habe und mir langweilig und spießig vorkomme. Die Yogalehrerin in meinem Buch hat die Frisur und Humorlosigkeit einer evangelischen Pastorin. Wird man am Ende so, wenn man zu viel Yoga macht? Ich sitze am Fenster und stille mein Kind, schaue auf den schneebedeckten, 4300 Meter hohen Pikes Peak in den Rocky Mountains, benannt nach Zebulon Pike, der 1806 die Pike-Expedition angeführt hat. Zebulon, was für ein Name! Ich schaue hinaus und singe immer dasselbe Lied: Row, row, row your boat / Gently down the stream. / Merrily, merrily, merrily, merrily, / Life is but a dream. Ich weiß gar nicht mehr, wer es mir beigebracht hat. Mein ganzes Leben lang singe ich dieses Lied. In Augenblicken größter Bedrängnis erscheint es mir wie die ultimative Wahrheit.
Er kommt zurück aus Telluride. Wir liegen zu dritt im Bett, wir sehen amerikanisches Fernsehen, er macht Polaroids von den Bildern auf der Mattscheibe, bevor es irgendjemand anders macht, aber er möchte seine phantastischen Fotos nicht zeigen, nicht anbieten, nicht verkaufen. Er hasst die Krämerseelen, den Kommerz, den künstlerischen Ausverkauf. Ich gehe arbeiten, und manchmal ist mir schwindlig vor Erschöpfung.
Wir gehen spazieren durch die bizarren Felsformationen im Garden of the Gods, und jedes Mal weint dort das Kind, und ich weine manchmal mit. Ich kann nicht mehr. N kommt zu Besuch und nimmt uns einen Abend das Kind ab, der erste Abend, an dem wir wieder zu zweit und ohne Kind sind. Das fühlt sich so seltsam an, dass wir nur über das Kind reden. Wir kommen frühzeitig zurück, das Kind mochte nicht zu N auf den Arm, und jetzt weint N.
Sie schenkt dem Kind ein Schlaftier, das es von der ersten Sekunde an abgöttisch liebt. Für das Schlaftier werden Geschichten erfunden und geschrieben, es wird hundertfach gemalt und fotografiert, und immer wieder verloren. Wir fahren von einer Klinik in einer anderen Stadt nach Hause, mein Mann hat eine schwere Operation hinter sich, aber er fährt selbst, unbedingt will er selbst fahren. Er will seine Cowboystiefel tragen, am Steuer sitzen und über die Autobahn fahren.
Ein schmaler Halbmond mit Abendstern steht am Himmel, wir fahren heim als Familie, wir sind alle drei noch da. Glücklich und gleichzeitig todtraurig, weil es nicht das gute Ende der Geschichte ist, nur ein Aufschub. In einer Raststätte vergessen wir das Schlaftier und merken es erst zweihundert Kilometer später. Ohne ein einziges Wort dreht er um, und wir rasen zurück, wir werden das Schlaftier wiederfinden, es darf nicht verloren sein. Ich habe Herzklopfen vor Angst, bekomme Atemnot wie in all den Panikzuständen seit der Erkrankung meines Mannes, das Schlaftier wird zum Symbol für alles, was wir zu verlieren drohen. Wir stürzen in die Raststätte, ich sehe uns hineinrennen und laut rufen, das Kind sitzt in seinem Kindersitz im Auto und schläft tief, es hat noch gar nichts bemerkt, wie sollen wir ihm den Verlust erklären? Aber da wedelt der Mann hinter der Kasse schon mit dem zerzausten Tier. Überglücklich nehmen wir es entgegen, noch einmal sind wir gerettet.
Es reist überallhin mit uns dreien, und später allein mit mir und dem Kind nach New York zu N. Sie hat inzwischen eine fette, schlechtgelaunte Katze namens Booboo, sie lässt uns allein mit ihr, obwohl wir doch nur wegen N gekommen sind, aber ein möglicher Boyfriend ist am Horizont aufgetaucht, und sie will ihm hinterherfahren. Die Katze mag uns nicht, und wir mögen die Katze nicht und verbringen jede freie Minute außerhalb der Wohnung. Das Kind trägt eine rote Zipfelmütze, und jeder zweite Passant sagt zu ihm: I love your hat.
N kommt nach wenigen Tagen ohne Boyfriend und mit Liebeskummer zurück. Um sich zu beruhigen, geht sie sofort zum Yoga. Wir begleiten sie in ein Loft zu einer eleganten Yogalehrerin, die in einem großen Korb Knochen bereithält, um die asanas besser illustrieren zu können. Handelt es sich um echte menschliche Knochen? Begeistert spielt das Kind mit ihnen, während ich mich mit der Iyengar-Yogamethode, die ich nicht kannte, abmühe. Von den Wänden hängen Seile, überall liegen Decken, Gurte und Klötze herum. N ist groß und steif, aber tapfer absolviert sie alle Übungen, lässt sich nicht entmutigen, macht sich lustig über ihren großen Hintern, der ihr ihrer Meinung nach bei den Übungen im Weg ist. N kommt die nächsten fünfundzwanzig Jahre zwei Mal in der Woche hierher. Sie schwört von nun an auf Yoga.
Als sie krank wird, besucht ihre Yogalehrerin sie zu Hause und macht mit ihr Übungen, die ihr Erleichterung bringen. Sie vergrößere den Platz in Ns Inneren, sagt sie. N brauche außen keinen Platz mehr, nur noch innen. The space inside.
Zurück in München bricht das Kind auf der Straße in Tränen aus. Niemand mag meine Mütze, schluchzt es, und es stimmt: Niemand hat es angesprochen, niemand ihm zugelächelt, niemand seine Mütze gelobt.
Ich suche in München eine Yogalehrerin, und gleich um die Ecke finde ich eine etwa siebzigjährige, spindeldürre Frau mit streng zurückgekämmten grauen Haaren. In ihrer Wohnung riecht es nach Kohl, sie isst nur Kohl, wie sie stolz sagt, sonst nichts.
Gott wohnt in den Gelenken!, ruft sie gern und schlägt uns mit einem kleinen Stock auf ungenügend gestreckte Gliedmaßen. N kann nicht genug bekommen von Geschichten über sie. Wir telefonieren in der Position des nach unten schauenden Hundes und lachen uns kaputt.
Schreib über etwas, das du mit Disziplin machstSchreib über etwas, was du mit Disziplin machst – und wenn es nur Zähneputzen ist. Disziplin - den Schreibmuskel trainierenSchreiben braucht Disziplin wie Sport. Der Schreibmuskel ist ein Muskel, der verkümmert, wenn man ihn nicht trainiert. Es fällt einem dann wieder ungeheuer schwer zu schreiben. Aber jeden Tag nur ein bisschen Bewegung, ein wenig Stretching, das reicht. Zehn Minuten, nicht mehr. Zehn Minuten sind immer zu schaffen, da greift die Ausrede nicht, man habe keine Zeit. Stell dir den Wecker. Zehn Minuten, während die Spaghetti kochen, das Bad besetzt ist, der Bus nicht kommt. Im Flugzeug, im Wartezimmer. Nur zehn Minuten.
Das Glück des SchreibensDie Chance, dass es dann doch mehr werden, ist groß. Aber auch nur zehn Minuten hinterlassen das Gefühl, etwas geschafft und geschaffen zu haben, aktiv und kreativ gewesen zu sein. Die Welt um sich herum wahrnehmenSie bringen einen in Kontakt mit dem eigenen Leben. Danach fühlt man sich lebendiger.
Überall sind kleine Zeit- und Wartefenster versteckt, die wir inzwischen meist mit Daddeln auf dem Handy verbringen. Stattdessen zu schreiben ist eine Art Ermächtigung: Man holt sich die Zeit zurück. Verpasst sein eigenes Leben nicht mehr.