Ich hocke auf einem winzigen Plastikkinderstuhl, die Knie fast unterm Kinn, als N mir sagt, dass sie unsere Freundschaft beenden will. Mein Kind kriecht durch bunte Plastikschläuche. Ich verstehe nicht. Das Kind sieht aus Fenstern, die wie Blumen geformt sind, und ruft uns zu: Könnt ihr mich sehen? Ich möchte unsere Freundschaft beenden, sagt N, und dann sagt sie nichts mehr. Warum? Warum? Warum denn nur? Sie schweigt. Erklär es mir, ich versteh nicht! Ganz ruhig sieht sie mich an, warum ist sie so ruhig? Meine Therapeutin denkt, es ist besser für mich. Die Therapeutin? Die habe ich ein paarmal auf Konzerten von N gesehen, eine schmale, dunkelhaarige, hübsche und, wie ich dachte, sympathische Person. Seit so vielen Jahren geht N jede Woche mindestens einmal zu ihr, verschwindet in der Houston Street in einem großen weißen Apartmentgebäude, während ich eine Stunde lang durch die Straßen wandere, auf einem Spielplatz, in einem Buchladen oder Café sitze. Wenn sie zurückkommt,

Oft habe ich N vorgerechnet, dass sie sich für das Geld, das sie der Therapeutin bisher bezahlt hat, einen fetten Mercedes hätte leisten können und bald ein Segelboot. Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz, singt N daraufhin. Wie gut sie singen kann, immer wieder bewundere ich ihre Stimme. My friends all drive Porsches, I must make amends … Sie verdient kaum Geld mit ihrer Musik, lebt von den Dividenden ihres trustfunds. Immer ist sie jedoch fast pleite, warum gibt sie 120 Dollar pro Stunde für die Therapeutin aus? Und das seit so vielen Jahren? Ich verstehe das nicht.

Und jetzt meint deine Therapeutin, es sei besser für dich, unsere Freundschaft zu beenden?

Ich darf nicht darüber sprechen, sagt sie, und dann sagt sie auch nichts mehr. Seit über zwanzig Jahren sind wir unzertrennlich, über den großen Teich hinweg, und jetzt verfügt ihre Therapeutin, sie solle sich von mir trennen? Ich laufe aufs Kinderklo, um dort zu weinen. Sitze auf einem Kinderklo und heule mir die Seele aus dem Leib. Schluchze bis in die Tiefen meines Körpers, es ist Arbeit, Heularbeit, ich kann nicht mehr aufhören zu heulen. Sie kommt nicht, um nach mir zu sehen. Ich höre Kinder rechts und links in den Kabinen

Ich weine darüber, dass ich mich nur noch in einem Land der Trauer befinde und dort nicht mehr rauskomme. Wie kann sie mir das antun? Warum warum warum? Was habe ich ihr getan? Was ist so schrecklich an mir? Bin ich nicht gut für sie? Wie kann ich anders sein? Habe ich zu viel über mein Leid geredet in den letzten Jahren, zu sehr ihre Freundschaft in Anspruch genommen, ohne etwas zurückzugeben? Ist es das? Ist das Gleichgewicht zerstört? Kann ich es jemals wieder ausgleichen?

Ich weiß nicht mehr, wie wir das Kindermuseum verlassen haben, ob wir uns danach noch gesehen haben. Weiß nicht mehr, wie oft ich sie angerufen, ihr Briefe und Mails geschrieben habe. Ich bekomme keine Antwort mehr von ihr.

Zwei Jahre später. Der elf‌te September 2001. Das erste Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen. Ich renne nach Hause, ein Freund wartet, ich habe vergessen, dass wir verabredet waren. Er sitzt im Rollstuhl, er wurde in Vietnam geboren. Als Baby im Bombenhagel der Tet-Offensive der Amerikaner schwer verletzt. Seine Mutter schleppte ihn blutend zum Flughafen und übergab ihn einer Terre-des-

Wir sitzen zusammen vorm Fernseher und sehen etwas, das niemand begreift und doch gerade geschieht, und genau das begreifen wir nicht. Ich denke: Das wird das Leben meines Kindes für immer verändern. Es wird auf eine Art und Weise Angst haben, die ich nicht kannte, als ich jung war. Wie im Traum stehe ich auf und gehe zum Telefon, wähle ihre Nummer, und sofort ist sie dran.

Von dem Augenblick an sind wir wieder befreundet wie zuvor. Wir sprechen nie wieder von der Zeit, in der wir es nicht waren, bis kurz vor ihrem Tod. Wir sitzen auf dem Sofa, die Katzen spielen zu unseren Füßen, durch die großen Fenster sehen wir weit über New York. Gerade noch war alles gut. Sie wohnt mit ihrem Mann in einem schönen Apartment, seit ein paar Jahren lehrt sie an der NYU Gesang, sie fühlt sich gut und gesund und schafft sich mit fast sechzig Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben Dinge an wie andere mit dreißig oder vierzig: eine Küche, Einbauschränke, eine teure Matratze.

Es tut mir so leid, sagt sie mit einem Mal, dass die Therapeutin mich überreden konnte, den Kontakt zu dir abzubrechen.

Warum?

Dein Erfolg hat mich verletzt.

Aber der war mir doch nie wichtig, sage ich.

Dir nicht. Aber mir. Ich bin Amerikanerin, vergiss das nicht. Und du hast ihn nicht ernst genommen, das war so überheblich.

Ich habe versucht, ihn nicht ernst zu nehmen, weil ich Angst vor ihm hatte.

Eine Weile lang sagt sie nichts. Aber dann wollte die Therapeutin, dass ich mich auch von meinem Mann trenne, und da habe ich es langsam kapiert. Sie wollte mich allein für sich. Sie war in mich verliebt. Schon immer. Über zwanzig Jahre lang. Die Arme.

Wir lachen und lachen und lachen, wie wir früher immer gelacht haben, bis wir nicht mehr können, wir uns erschöpft hinlegen müssen. Nebeneinander liegen wir auf der Couch und lauschen den Geräuschen der Stadt, dem Verkehr, den Hubschraubern, den Polizeisirenen und Ambulanzen.

Schreib über den vergangenen TagManchmal geht gar nichts mehr. Eigentlich geht ziemlich oft gar nichts mehr, wenn ich ehrlich bin. Keine Ideen, keine Energie, keine Kraft. Und dennoch schreiben. Aber was? Wenn nichts mehr geht, schreibe ich über den vergangenen Tag. Details