Ich sitze im Bett und schreibe. Am liebsten schreibe ich gleich nach dem Aufwachen, die Zähne geputzt, einen Becher Kaffee neben mir. Der noch leicht somnambule Zustand hilft, Blödsinn zu schreiben, überhaupt zu schreiben. Wenn ich aufstehe, mich wasche und anziehe, ist es vorbei. Nur die Zähne müssen geputzt sein, mein einziges Zugeständnis an die Welt da draußen. Sie will, dass ich mir die Haare kämme, meine Bluse bügele, frische Socken trage, keinen Blödsinn rede, lächele und höflich bin, rücksichtsvoll, umgänglich, sozial verträglich. Wenn ich mein ordentliches Gesicht trage, kann ich nicht mehr schreiben. Vielleicht noch Einkaufslisten, aber nicht viel mehr.
Ich sehe aus dem Fenster, der Herbststurm scheucht die Wolken vor sich her, der Kastanienbaum wirft bebend die letzten Kastanien ab. Jeden Herbst sammele ich Kastanien, kann ihrer Schönheit nicht widerstehen, stecke sie mir in die Tasche. Ich bin enttäuscht, wenn sie runzlig werden. Ich möchte, dass sie jung und glatt und hübsch bleiben, ihr dunkles Braun wie tiefgebräunte Sommerhaut. Jetzt sind alle Leute noch braungebrannt. Sie kommen aus den Ferien zurück in die Stadt und sehen so gut aus. Sie schlendern noch und lächeln. Bald sind alle wieder blass und schlechtgelaunt, auch ich. Ich mag mein Wintergesicht nicht. Sommerfüße. Meine Füße bleiben noch lange braun.
Als Kinder haben wir Kastanien in Eimern gesammelt und zur Wildfutterstelle geschleppt. Pro Eimer bekamen wir ein paar Pfennige. Der Weg war weit und die Eimer schwer. Wir fuhren mit der Straßenbahn vorbei an einem Tennisclub. Dorthin ging Gabi aus meiner Klasse. Sie war immer braungebrannt, auch im Winter, und sie wusste Dinge, die ich noch nicht wusste, das wusste ich, aber ich wusste nicht, was sie wusste. Dafür bewunderte und hasste ich sie gleichzeitig, fühlte mich dumm und kindlich neben ihr. Unablässig strich sie sich die langen Haare glatt, inspizierte die Spitzen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Sie war eine schlechte Schülerin, zwei Mal sitzengeblieben, aber sie war uns allen überlegen, denn sie wusste so viel mehr über das Leben. Ich stellte sie mir vor in ihrem Tennisclub im weißen Röckchen, mehr konnte ich mir nicht vorstellen, denn ich hatte keine Ahnung, was in einem Tennisclub geschieht, und würde auch nie einen betreten.
Ich mag besonders die Kastanien, die auf einer Seite ganz flach sind. Oder die Babykastanien. Im Kindergarten versuche ich, Streichhölzer in Kastanien zu stecken, um Igel und Kastanienmännchen zu basteln. Dafür gibt es einen kleinen Drehbohrer, aber entweder sind die Löcher zu klein und die Streichhölzer brechen ab, oder sie sind zu groß und die Streichhölzer wackeln und halten nicht. Meine Igel und Männchen werden nichts, ich bin zu dumm, zu blöd, ich kann nichts. Aber ich rede viel und bekomme ein Pflaster über den Mund geklebt. Alle starren mich an und verstummen. Ich fühle nur noch dieses riesige Pflaster auf meinem Mund. Es wächst und wächst, ich bin nur noch Pflaster ohne Körper. Mein Freund im Kindergarten ist Deutschchinese, er macht perfekte Igel, einen nach dem anderen. Er spricht fast nie und bekommt nie ein Pflaster auf den Mund. Seine Eltern haben ein chinesisches Restaurant. Meine Eltern gehen nach dem Theaterbesuch dorthin. Die Eltern sind beim Chinesen, das klingt geheimnisvoll und großartig, als wären sie schnell mal bis nach China gefahren. Sie essen Haifischflossensuppe, die es später auch in Konservenbüchsen gibt. Nachts macht sich mein Vater ab und an eine Büchse Haifischflossensuppe auf. Fahre ich später wegen dieser Suppe auf einem Haifischfangboot bis zu den Galapagos-Inseln? Das Boot ist winzig und das Meer wild. Ich kenne ein solches Meer nicht und habe in jeder Minute Angst. Die gefangenen Haie werden lebend an der Schwanzflosse aufgehängt, damit sie so ersticken. Der Kapitän und sein Helfer braten jeden Tag Fisch und Bananen, etwas anderes gibt es nicht. Die meiste Zeit ist mir übel, ich liege in einer sehr schmalen Koje und weine still vor mich hin. Alles ist fremd, selbst der Mond liegt auf dem Rücken am Himmel. Eines Tages scheucht mich der Kapitän aus der Koje und ruft aufgeregt, ich solle mich sofort anseilen. Ich sehe Panik in seinem Blick. Er schlingt mir an Deck ein dickes Seil um den Bauch. Im nächsten Moment steigt aus dem Wasser gleich neben dem Boot ein schwarzer Berg empor. Ungläubig lege ich den Kopf in den Nacken und sehe dem Berg zu, wie er wächst und wächst, bis ich endlich verstehe: Es ist ein Wal! Ein Pottwal, der Wal meiner Kindheit, den ich tot und ausgestopft auf einem LKW auf dem Marktplatz von Hannover bestaunt habe. Über den ich Monate nicht hinwegkam, der mich nachts wach hielt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Unwillkürliche ErinnerungErinnerungenSich selbst überraschenBlödsinn schreibenBlödsinn oder nicht? Marcel Proust hat nicht anders gearbeitet, er nannte es »mémoire involontaire«, unwillkürliche Erinnerung. Alles erinnert. Wohin führt es einen? Wie tief kann man tauchen? Schreiben ist Unterwassertätigkeit. Ich wusste nicht, als ich anfing zu schreiben, dass ich beim Wal enden würde. Ich wusste kaum mehr, dass ich auf einem Haifischfangboot zu den Galapagosinseln gefahren bin. Dass ich wirklich einmal in meinem Leben einem Wal so nah gewesen bin. Gerade war er wieder da, als wäre er hier, direkt neben dem Bett, in dem ich sitze und schreibe, aufgetaucht.
AssoziierenAlso Proust nacheifern? Nur zu. Warum nicht? Es geht hier nicht darum, Verwertbares zu schreiben, ein Produkt herzustellen, das sich verkauft, oder Literaturpreise zu gewinnen, sondern darum, aufmerksam und vorurteilsfrei dem eigenen Gehirn zuzuschauen und zuzuhören. Was dort wild aufflackert, aufzuschreiben. In all seiner Banalität und Komplexität, denn das gehört zusammen. Was ist in dem riesigen Labyrinth meines Gehirns gespeichert? Welche Assoziationen schlummern dort? Wie verschlungen sind die Wege von einer zur anderen Erinnerung? Wie kann ich ihnen schreibend folgen?
Gedanken verbannen, die einen vom Schreiben abhaltenUm das zu tun, muss ich all die Gedanken, die mich davon abbringen wollen, verbannen. Das sind viele, sie sind ziemlich langweilig und immer dieselben. Ein paar Beispiele:
Ich bin zu blöd.
Ich bin zu uninspiriert.
Ich bin nicht originell genug.
Mein Leben ist nicht interessant genug.
Wen soll das schon interessieren?
Ich kann einfach nicht schreiben und konnte es noch nie.
Ich habe Angst, dass andere blöd finden, was ich schreibe.
Ich habe Angst, peinlich zu wirken.
Ich habe Angst, anderen auf die Zehen zu treten, sie zu verletzen oder zu beleidigen.
Mir fällt sowieso nichts ein.
Und was wird meine Mutter sagen, wenn sie das liest?
Und so weiter und so weiter. Die Liste ist endlos. Aber ich will gar nicht besonders toll, inspiriert oder originell sein, Erinnerungensondern die eigene Schatzkiste öffnen, Erinnerungen herausholen, sie ans Tageslicht bringen, abstauben und betrachten. Ohne Pause schreibenDafür ist es hilfreich, ohne Pause weiterzuschreiben und nicht am Stift zu kauen, sonst drängen sich andere Gedanken in den Vordergrund – Konsum und Kreativitätund schon bin ich auf dem Weg zum Kühlschrank, zum Telefon, ins Internet. Statt etwas hervorzubringen, stopfe ich etwas in mich hinein. Konsum füllt mich ab, aber erfüllt mich nicht. Konsum und Kreativität sind natürliche Antagonisten. Gibt es kreativen Konsum? Ich bezweifle es (aber falls doch, her damit! Ich liebe shoppen, um bei der Wahrheit zu bleiben). Von Hand schreibenDas Glück des SchreibensUm den Impuls zu konsumieren zu zügeln, hilft der Trick, den Stift in Bewegung zu halten, ihn übers Papier wandern zu lassen, dem Geräusch zu lauschen, das er macht, der eigenen Hand zuzusehen, wie sie schreibt – das allein ist schon eine sinnliche Erfahrung und ein ziemliches Wunder.