Wir drehen einen Film in der Zone von Fukushima. Er handelt von Verlust. In den leeren Häusern liegen überall Scherben, Müll, Unrat, Überbleibsel vergangener Leben. Alte Fotos. Kinderspielzeug. Eine Sandale. Geschirr. Kaputte Futons. Kissen. Küchengeräte. Alles bedeckt von einer dicken Schicht Staub. Wir dürfen nichts anfassen, uns nicht hinsetzen. Unsere Schuhe sollen wir ausziehen, bevor wir in unser Zimmer gehen. Unsere Taschen draußen lassen. Uns gründlich die Haare waschen. Die Radioaktivität geht langsam zurück, aber immer noch ist sie an manchen Stellen hoch. Der gelbe Geigerzähler ist unser treuer Begleiter, ein deutscher Geigerzähler. Der russische wäre billiger gewesen, aber die Japaner raten uns zu einem deutschen, dem vertrauen sie mehr. Wir sind in einer Containerunterkunft untergebracht, auf der anderen Straßenseite liegt ein kleiner Supermarkt, nebenan ein Krematorium, ein Puff. Alles, was man braucht, scherze ich.
Wir wohnen mit Bauarbeitern zusammen, die die radioaktive Erde abgraben, in schwarze Plastiksäcke packen, die niemand mehr abholen wird. Wir sehen uns im Frühstücksraum. Es sind kräftige, schweigsame Männer, die sehr schnell sehr viel essen. Abends treffen wir uns wieder an der einzigen Waschmaschine. Wenn wir nicht pünktlich die Waschmaschine ausräumen, falten die Bauarbeiter unsere Wäsche sorgfältig zusammen wie Origami. Wir trinken viel. Der Drehort deprimiert uns, das Wissen um die Leute, die in den Häusern durch das Erdbeben und den Tsunami umgekommen sind.
Überall, sagen die Überlebenden, lauern Gespenster, Menschen, die vom Tod überrascht wurden und nicht glauben können, dass sie tot sind. Sie klammern sich an die Lebenden und lassen sie nicht mehr gehen. Wir haben Mühe, Statisten zu finden, denn niemand möchte von einem Gespenst heimgesucht werden. Jeden Tag gehen wir ins Gespenstergebiet. Die Frösche quaken laut. Das Gras weht im Wind. Alles ist so ruhig, so friedlich. Der Geigerzähler schlägt nicht mehr aus. Aber wir ziehen weiterhin unsere Schuhe aus, lassen unsere Taschen vor der Tür. Die Containerzimmer sind so klein, dass man sich kaum umdrehen kann, die Badewanne so groß wie andernorts ein Waschbecken. Meine papierdünne Wand wackelt vom Schnarchen des Bauarbeiters nebenan. Ich kaufe mir ein Blümchen im Topf, Kapuzinerkresse wie zu Hause, und begieße sie jeden Tag. Sie blüht in leuchtendem Orange, jeden Tag produziert sie neue Blüten, die einzige Farbe weit und breit. In den grauen Kunststoffvorhängen hängt der Zigarettenrauch der Bauarbeiter. Seit fünf Jahren graben sie die Erde ab. Ein Ende ist nicht in Sicht.
Zerschlagen und erschöpft kommen wir von der Arbeit heim und verschwinden wortlos in unseren Zimmern. N ruft mich an. Ich habe schlechte Nachrichten, sagt sie. The doctor said: I don’t like what I see. Nicht operabel. Ich zwinge mich, nicht zu weinen. Ich sage: It’s going to be OK, so, wie sie es mir unzählige Male gesagt hat, und obwohl ich wusste, dass es nicht OK sein würde, hat es mich getröstet.
Ich träume, dass die schlimme Nachricht nur ein Traum war. Ich wache auf und erinnere mich. Ich weine in meinem kleinen Zimmer, bis ich wieder zur Arbeit muss.
Wir stehen im Dunkeln vor dem zerstörten Haus, einige mutige Statisten spielen für uns die Gespenster. Eine junge, bildschöne Geisha ist aus Tokyo gekommen. Sie singt ein Lied, das in der Dunkelheit klingt wie eine Gespensterklage. Die Frösche quaken lauter. Die Statisten möchten nach Hause, es ist ihnen unheimlich.
Ich sammle Bilder und Zeichnungen von japanischen Gespenstern. Es gibt die furchterregenden und die traurigen, es gibt die Frauen, die betrogen und nicht geliebt wurden, sie steigen aus dem Wasser auf, aus tiefen Brunnen, das lange schwarze Haar verbirgt ihr Gesicht. Es gibt aber auch die lustigen Geister, beleidigte Haushaltsgeräte wie der alte Besen, der einfach ersetzt wurde und unbeachtet im Schrank steht, oder das kaputte Handy, der angeschlagene Teller, der ausrangierte Computer. Sie ärgern uns im Alltag, sie unterminieren unsere Gewissheit, die Welt im Griff zu haben. Schon fällt uns die Tasse aus der Hand, der Computer gibt den Geist auf, die Waschmaschine spinnt. Alles ist beseelt.
Ich liege auf meinem schmalen Bett und versuche, eine alte japanische Flöte zu spielen, um mich zu beruhigen. Sie heißt Shakuhachi, allein der Name bringt mich zum Lächeln. In einem Flötenladen in Tokyo wiegen die Verkäuferinnen bedenklich die Köpfe, als ich erwäge, eine Shakuhachi zu kaufen. Zu schwierig sei das Spiel, meinen sie. Und tatsächlich bekomme ich seit Wochen keinen einzigen Ton aus ihr heraus, aber sie zwingt mich, tief ein- und auszuatmen. Nur deshalb habe ich sie mir gekauft, denn eigentlich kann ich Flötenspiel nicht ausstehen. War als Kind im Blockflötenunterricht, hab den Klang nie gemocht. Aber ein befreundeter Biofeedbackspezialist hat mir erzählt, dass das längere Ausatmen den Parasympathikus beruhigt und man besser schlafen kann. Und irgendwo habe ich gelesen, dass Zen-Mönche die Shakuhachi spielen, um sich auf ihren Atem zu konzentrieren. Also atme ich Abend für Abend in die Flöte. Zwar ohne Ton, aber sie beruhigt mich.
Zwei Monate später, nach den Dreharbeiten in Fukushima, liege ich auf dem Bett in einem Hotelzimmer in Tokyo, das mir nach dem Containerzimmerchen riesig erscheint, und schnaufe wie gewohnt in meine Flöte, als mit einem Mal ein ganz tiefer, gespenstischer Ton erklingt, als wache sie erstaunt auf aus langem Schlaf.
Einen Augenblick bin ich mir nicht sicher, wer da eigentlich spielt, wer der Flöte diesen seltsamen Ton entlockt, dann spiele ich begeistert und ohne Rücksicht auf andere Hotelgäste immer wieder und wieder diesen einen Ton. Ich kann nur ihn spielen, sonst keinen. Ich spiele ihn N am Telefon vor. Sie lacht und nennt die Flöte Shakufuckyou. Bald spiele ich drei, dann vier, dann sogar sechs Töne. Stolz spiele ich N in New York vor, nirgendwo fahre ich mehr hin ohne die Flöte im Gepäck. Zen-Mönche spielen sie auf der Straße mit einer Art Bienenkorb über dem Kopf, um ganz und gar anonym zu sein. Das wäre doch eine hübsche Beschäftigung für dich, zieht mich N auf, alle Blicke auf dich ziehen und dich gleichzeitig verstecken.
Sie gibt ihr letztes Konzert. Alle Freunde sind gekommen und bemühen sich, nicht zu heulen. In den Pausen nimmt sie Schmerztabletten. Sie singt With a Little Help from my Friends.
Als sie gestorben ist, spiele ich nachts allein in meinem Bett für sie. N sitzt neben mir. Lacht. Sagt: You and your shakufuckyou.
ErinnerungenSchreib über Gespenster. Schreib über deine TotenSchreib über Gespenster. Geister. Ich nenne sie Erinnerungen. Die Toten begleiten uns. Mit einem Mal sind sie da. In unseren Gedanken oder für manche auch in der Realität. Wo ist der Unterschied? Wir brauchen die Toten. Sie schreiben uns Postkarten von der anderen Seite.
Schreib über deine Toten.