Manchmal nehme ich homöopathische Kügelchen, obwohl ich nicht dran glaube. Ich klopfe auf Holz. Binde in Japan weiße Papierstreifen an die Bäume, auf die ich schreibe: Werd gesund, werd gesund! Ich blase mir verlorene Wimpern aus dem Gesicht und flüstere: Werd gesund, werd gesund. Ich konsultiere das I-Ging, das Buch der Wandlungen, und versuche, daraus schlau zu werden. Alles verwandelt sich, alles gehört zusammen, es gibt das eine nicht ohne das andere. Ich versuche zu lernen: Alles, was kommt, geht. Alles was groß ist, wird klein. Alles, was klein ist, wird groß. Alles, was voll ist, wird leer. Alles, was leer ist, wird voll. Nein, nein, nein, schreie ich wütend, das will ich nicht. Ich will es einfach nicht. Ich will, will, will nicht! Meine Mutter sagt, als ich klein bin: Herr Will, der wohnt hier nicht. Aber ich kapiere schnell, dass nur dann etwas geschieht, wenn ich es wirklich, wirklich will. Was denn nun?
Wir reisen durch China, ganz frisch verheiratet. Mein Mann sieht so unglaublich gut aus, ich kann gar nicht aufhören, ihn anzuschauen. Ich sehe nicht China, ich sehe meinen Mann. Ich stehe auf der Chinesischen Mauer und sehe nur ihn. Ich latsche durch die Verbotene Stadt und sehe nur ihn. Stehe auf dem Platz des Himmlischen Friedens und sehe nur ihn. Ich wünsche mir Verbotenes und Himmlisches mit ihm, und beides bekomme ich. In Shanghai liegen wir unter goldenen Bettdecken und sehen den alten Damen auf den Dächern beim morgendlichen Chigong zu. In Xian knutschen wir öffentlich auf der Straße. In Peking absentieren wir uns von unserer Delegation und streifen allein durch die Stadt. Überall in China sitzen wir in Kinos und hören staunend zu, wie man auch hier über unseren Film lacht. Überall fotografiert er mich, und unter seinem Blick fühle ich mich schön. Kichernd ertragen wir offizielle Veranstaltungen mit endlosen Reden und können die Hände nicht voneinander lassen. Wir rühren in Suppen mit Entenfüßen und lachen und schnattern. Es wird gesoffen und gesungen, ein deutsches Lied wird gefordert, und ich schmettere: »Ein Schiff wird kommen, und das bringt mir den einen, den ich so lieb wie keinen«, während ich tief in seine Haselnusssaugen sehe. Ich bin albern und glücklich. Er wird eifersüchtig auf einen Mann, der mit mir singt und mich ein wenig zu lang angesehen hat, er spricht nicht mehr mit mir, versinkt mitten in China in seinem schwarzen Loch. Unglück breitet sich in mir aus wie Tinte. Allein verlasse ich das Hotel, was nicht erlaubt ist, und irre über einen Markt. Überall werden Lebensmittel verkauft, auf kleinen Feuern gekocht und gebraten. Die Kinder laufen in dick wattierten Anzügen herum mit einem offenen Schlitz über dem Po, damit man sie nicht umständlich aus den Anzügen schälen muss, wenn sie aufs Klo müssen. Man kann ihre blau gefrorenen Pobacken durch den Schlitz sehen. Ich stehe auf dem Markt und fange an zu weinen. Denke an meinen Mann im Hotelzimmer und frage mich, ob mein Leben geprägt sein wird von seiner wilden Eifersucht. Ein Kind glotzt mich an und bricht ebenfalls in Tränen aus. Seine Mutter betrachtet mich neugierig und hebt den Saum meines Mantels, um Stoff und Naht zu prüfen. Ich friere in meinem Mantel aus billigem Webpelz mit Tigermuster, kaufe mir für wenig Geld einen grünen, dick wattierten Militärmantel. Kehre in dem neuen Mantel zurück ins Hotel und frage ihn: Weißt du denn wirklich nicht, dass ich nur dich sehe und sonst niemanden? Alles Unglück ist mit einem Wimpernschlag vorbei, und er wird nie, nie wieder eifersüchtig sein.
Mit der Zeit rennen wir nicht mehr konfus herum, sondern nehmen Platz in unserem gemeinsamen Leben wie auf einem gemütlichen Sofa. Wir wissen noch nicht, dass wir ein Jahr später Eltern werden, wir wissen nicht, dass er nur noch sieben Jahre zu leben hat. Wir wissen noch nicht, dass auf dem Platz des Himmlischen Friedens nur ein halbes Jahr später, am 4. Juni 1989, die Panzer fahren und Studenten erschossen werden. Am 4. Juni 1989 werfe ich meinen grünen Militärmantel in Deutschland in eine Mülltonne.
Als uns das große Unglück ereilt, befrage ich das I-Ging. Was wird sein? Es antwortet mit Dschun, der Anfangsschwierigkeit: Oben ist das Wasser, der Abgrund, unten das Chaos, der Donner. Ja, genau so fühle ich mich, unten wie oben nur Gefahr für Leib und Leben. Die Anfangsschwierigkeit bewirkt erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit. Man soll nichts unternehmen. Ich brüte über diesen kryptischen Texten und versuche, Trost aus ihnen zu saugen. Alles, was wird, ist schwierig. Wie eine Geburt. Alles ist in Bewegung. Trotz Gefahr gibt es Aussicht auf großen Erfolg, wenn man beharrlich ist. Ich atme auf. Aber es geht weiter: Alles ist dunkel. Abwarten ist gefordert, denn zu frühes Handeln kann Misserfolg bringen. Immer wieder, so scheint es, will das I-Ging mir beibringen, stillzuhalten. Nichts zu tun. Auszuhalten. Zu akzeptieren. Und das ist für mich das Allerschwierigste. Herr Will, der wohnt hier nicht. Wenn ich wenigstens an etwas glauben könnte.
Von meiner Großmutter wird erzählt, dass sie als Kind im Gitterbettchen saß und ihr Ball aus dem Bett fiel. Sie erinnerte sich an etwas, was sie in der Kirche gehört hatte, und fing an zu beten: O mein Gott, aus tiefster Not fleh ich zu dir. Der Familienhund kam, schnappte den Ball und brachte ihn ihr zurück. Ein klarer Gottesbeweis.
Ich hörte meinen kleinen Neffen bei der Besichtigung der Wieskirche flüstern: Lieber Gott, mach, dass ich ein Taschenmesser bekomme. Mein Mann lief zum nächsten Laden, kaufte ein Taschenmesser und legte es am Wegesrand so ins Gras, dass mein Neffe es finden musste.
Mein Großvater ging immer nur kurz vorm Segen in die Kirche und sang als Text zu allen Liedern »gummiarabicum«, weil er meinte, dass das immer passt. Als er starb, wollte ich als Teenager Zuflucht in einer Kirche suchen, aber sie war geschlossen, und wütend beschloss ich, nie wieder hinzugehen.
Kurz nachdem mein Mann gestorben ist, besuche ich die Osterprozessionen in Sevilla und finde im todtraurigen Gesicht der Jungfrau Maria Trost.
Leben ist Leiden, sagt Buddha ganz lapidar, es ist normal zu leiden. Diesen Satz finde ich hilfreich. Eine Freundin hat ein Buch eines tibetischen Lamas gelesen, und zufällig kommt dieser Lama in meine Stadt. Ich habe keine Ahnung von tibetischem Buddhismus und Lamas, bis dahin kannte ich nur spuckende Lamas in Peru. Ich taumele auf den Lama zu, klein und kompakt in ein rotes Tuch gewickelt sitzt er auf einer Art Thron. Mein Mann ist lebensgefährlich erkrankt, sagte ich unter Tränen, ich habe Angst. Shut up, sit and watch your breath, sagt er ungerührt. Ich befolge seinen Rat, weil ich keinen anderen mehr habe, setze mich auf ein Kissen, halte die Klappe und beobachte meinen Atem. Es verhilft mir zu kurzen Momenten der Angst- und Schmerzfreiheit. Eine kurze Pause vom Schrecken. Nach dieser kurzen Pause bin ich wieder fähig zu agieren, ohne an meiner eigenen Panik zugrunde zu gehen. Ich atme ein und aus und aus und ein, und weiß, dass ich ein und ausatme. Sonst nichts.
Ich gehe in keine Kirche. Das machen andere. Ein ehemaliger Lehrer pilgert für meinen Mann nach Oberammergau zur schwarzen Madonna. Ein anderer zündet jeden Sonntag Kerzen an.
Auf meinem Kissen ist es langweilig, es gibt keine Erleuchtung. Auf all den Kissen, auf denen ich seitdem in Klöstern und Zentren in verschiedenen Städten, in meinem Zimmer und Hotelzimmern gesessen bin, geschieht nie etwas Großartiges oder Erbauliches oder Wunderbares. Nur das ganz normale Leben. Die Töne, die Geräusche, die Gerüche, mein eigenes pochendes Herz, der Blödsinn, der durch meinen Kopf hüpft, all die Gefühle wie ständig wechselndes Wetter, aber alles, wirklich alles, vergeht auch wieder. Alles nichts Besonderes, und das ist das Erholsame.
Und als mir dann etwas Besonderes widerfährt, habe ich gar keine große Lust drauf: Ich schließe mein Fahrrad von einem Zaun, es ist ein regnerischer, kühler Tag, eilig will ich losfahren, da erscheint mir Jesus. Ganz real steht er neben meinem Fahrrad und sagt auf Englisch: He will live. Ich weiß, er redet von meinem Mann. Wow, denke ich schnippisch, und wo wird er leben? In deinem Reich Gottes oder hier bei mir? Und schon schwinge ich mich aufs Fahrrad und fahre davon. Wie seltsam, denke ich erst danach. Ich hatte eine Erscheinung und bin davongefahren. Ich habe Jesus stehenlassen.
Meine Eltern brachten uns Kindern das Beten bei, damit wir wissen, wie es geht, falls wir es mal brauchen. Ich bringe es deshalb auch meinem Kind bei. Mit drei Jahren will es Papst werden und am liebsten in Kirchen gehen. Einer lebensgroßen Holzskulptur des leidenden Christus in einer Wallfahrtskirche klebt es in einem unbeobachteten Moment Dinopflaster auf die Wunden. Es betet hingebungsvoll vor dem Einschlafen. Ich setze mich auf ein Kissen neben sein Bett, bis es einschläft. Zusammen atmen wir ein und aus und aus und ein.
Schreib darüber, woran du glaubstSchreib darüber, woran du glaubst. Hattest du eine religiöse Erziehung? Glaubst du an Gott? Wer ist dieser Gott, diese Göttin? Wie erinnerst du dich an Kirche, Tempel, ans Beten, an religiöse Bilder, an Rituale? Woran hast du als Kind geglaubt, woran glaubst du jetzt?