Manchmal nehme ich homöopathische Kügelchen, obwohl ich nicht dran glaube. Ich klopfe auf Holz. Binde in Japan weiße Papierstreifen an die Bäume, auf die ich schreibe: Werd gesund, werd gesund! Ich blase mir verlorene Wimpern aus dem Gesicht und flüstere: Werd gesund, werd gesund. Ich konsultiere das I-Ging, das Buch der Wandlungen, und versuche, daraus schlau zu werden. Alles verwandelt sich, alles gehört zusammen, es gibt das eine nicht ohne das andere. Ich versuche zu lernen: Alles, was kommt, geht. Alles was groß ist, wird klein. Alles, was klein ist, wird groß. Alles, was voll ist, wird leer. Alles, was leer ist, wird voll. Nein, nein, nein, schreie ich wütend, das will ich nicht. Ich will es einfach nicht. Ich will, will, will nicht! Meine Mutter sagt, als ich klein bin: Herr Will, der wohnt hier nicht. Aber ich kapiere schnell, dass nur dann etwas geschieht, wenn ich es wirklich, wirklich will. Was denn nun?

Wir reisen durch China, ganz frisch verheiratet.

Mit der Zeit rennen wir nicht mehr konfus herum, sondern nehmen Platz in unserem

Als uns das große Unglück ereilt, befrage ich das I-Ging. Was wird sein? Es antwortet mit Dschun, der Anfangsschwierigkeit: Oben ist das Wasser, der Abgrund, unten das Chaos, der Donner. Ja, genau so fühle ich mich, unten wie oben nur Gefahr für Leib und Leben. Die Anfangsschwierigkeit bewirkt erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit. Man soll nichts unternehmen. Ich brüte über diesen kryptischen Texten und versuche, Trost aus ihnen zu saugen. Alles, was wird, ist schwierig. Wie eine Geburt. Alles ist in Bewegung. Trotz Gefahr gibt es Aussicht auf großen Erfolg, wenn man beharrlich ist. Ich atme auf. Aber es geht weiter: Alles ist dunkel. Abwarten ist gefordert, denn zu frühes Handeln kann Misserfolg bringen. Immer wieder, so scheint es, will das I-Ging mir beibringen, stillzuhalten. Nichts zu tun. Auszuhalten. Zu akzeptieren. Und das ist für mich das Allerschwierigste. Herr Will,

Von meiner Großmutter wird erzählt, dass sie als Kind im Gitterbettchen saß und ihr Ball aus dem Bett fiel. Sie erinnerte sich an etwas, was sie in der Kirche gehört hatte, und fing an zu beten: O mein Gott, aus tiefster Not fleh ich zu dir. Der Familienhund kam, schnappte den Ball und brachte ihn ihr zurück. Ein klarer Gottesbeweis.

Ich hörte meinen kleinen Neffen bei der Besichtigung der Wieskirche flüstern: Lieber Gott, mach, dass ich ein Taschenmesser bekomme. Mein Mann lief zum nächsten Laden, kauf‌te ein Taschenmesser und legte es am Wegesrand so ins Gras, dass mein Neffe es finden musste.

Mein Großvater ging immer nur kurz vorm Segen in die Kirche und sang als Text zu allen Liedern »gummiarabicum«, weil er meinte, dass das immer passt. Als er starb, wollte ich als Teenager Zuflucht in einer Kirche suchen, aber sie war geschlossen, und wütend beschloss ich, nie wieder hinzugehen.

Kurz nachdem mein Mann gestorben ist, besuche ich die Osterprozessionen in Sevilla und finde im todtraurigen Gesicht der Jungfrau Maria Trost.

Leben ist Leiden, sagt Buddha ganz lapidar, es ist normal zu leiden. Diesen Satz finde ich hilfreich. Eine Freundin hat ein Buch eines tibetischen Lamas

Ich gehe in keine Kirche. Das machen andere. Ein ehemaliger Lehrer pilgert für meinen Mann nach Oberammergau zur schwarzen Madonna. Ein anderer zündet jeden Sonntag Kerzen an.

Auf meinem Kissen ist es langweilig, es gibt keine Erleuchtung. Auf all den Kissen, auf denen ich seitdem in Klöstern und Zentren in verschiedenen Städten, in meinem Zimmer und Hotelzimmern gesessen bin, geschieht nie etwas Großartiges oder Erbauliches oder Wunderbares. Nur das ganz

Und als mir dann etwas Besonderes widerfährt, habe ich gar keine große Lust drauf: Ich schließe mein Fahrrad von einem Zaun, es ist ein regnerischer, kühler Tag, eilig will ich losfahren, da erscheint mir Jesus. Ganz real steht er neben meinem Fahrrad und sagt auf Englisch: He will live. Ich weiß, er redet von meinem Mann. Wow, denke ich schnippisch, und wo wird er leben? In deinem Reich Gottes oder hier bei mir? Und schon schwinge ich mich aufs Fahrrad und fahre davon. Wie seltsam, denke ich erst danach. Ich hatte eine Erscheinung und bin davongefahren. Ich habe Jesus stehenlassen.

Meine Eltern brachten uns Kindern das Beten bei, damit wir wissen, wie es geht, falls wir es mal brauchen. Ich bringe es deshalb auch meinem Kind bei. Mit drei Jahren will es Papst werden und am liebsten in Kirchen gehen. Einer lebensgroßen Holzskulptur des leidenden Christus in einer Wallfahrtskirche klebt es in einem unbeobachteten Moment Dinopf‌laster auf die Wunden. Es betet

Schreib darüber, woran du glaubstSchreib darüber, woran du glaubst. Hattest du eine religiöse Erziehung? Glaubst du an Gott? Wer ist dieser Gott, diese Göttin? Wie erinnerst du dich an Kirche, Tempel, ans Beten, an religiöse Bilder, an Rituale? Woran hast du als Kind geglaubt, woran glaubst du jetzt?