Ein wirklich einsamer Anblick ist ein Goldfisch allein in einem Glas. Das Kind wünscht sich ein Haustier. Es bekommt einen Fisch. Wie sind wir auf diese grausame Idee gekommen? Er schwimmt in einem großen runden Glas im Kreis, hellorange, sein Name ist Mr. Fish. Vielleicht liegt es an einem heißgeliebten Bilderbuch, in dem ein Kind ermahnt wird, einen Fisch im Aquarium zwar zu füttern, aber auf keinen Fall zu viel. Es kommt, wie es kommen muss, der Fisch bekommt zu viel zu fressen und wird immer größer, irgendwann passt er noch nicht einmal mehr in die Badewanne. Unser einsamer Mr. Fish wird auch zu viel gefüttert, aber er wird nicht größer, sondern stirbt. Eines Morgens schwimmt er mit bleichem Bauch nach oben, vorsichtig trage ich ihn zum Klo, und als ich ihn wegspüle, sieht er im Wasserstrudel lebendiger aus als vorher. Um Wehklagen und Herzeleid des Kindes zu vermeiden, kaufe ich heimlich einen neuen. Mr. Fish lebt ein kurzes Weilchen in seiner Reinkarnation weiter, niemand merkt etwas. Wir schauen ihm zu, wie er scheinbar fröhlich im Kreis schwimmt, und ich schäme mich ein bisschen für meinen Betrug. Nur ein sehr kleines bisschen, wenn ich ehrlich bin.
Mr. Fish erinnert mich an all die Fische, die ich als Kind beim Schnorcheln und Tauchen betrachtet habe. Immer hatte ich, bevor ich untertauchte, Angst vor der Unterwasserwelt. Fürchtete mich vor meinen eigenen Atemgeräuschen, die gespenstisch klangen und mir bei jedem Atemzug sagten, dass ich nur so lange leben werde, wie ich einatme. Dass es irgendwann ein Ausatmen ohne Einatmen geben wird.
Die Fische betrachten mild neugierig dieses seltsame Wesen, das zu ihnen herabschwebt, vorsichtig beknabbern sie die fremde Menschenhaut. Wie die letzte Überlebende der Welt über Wasser schwimme ich unter ihnen. Mein Körper sieht anders aus, weißer und größer als an Land. Ich gleite dahin wie geträumt, die Reflexe der Sonne über mir, unter mir das immer dunkler werdende Blau. Das große Blau. Wie wäre es, immer weiter hinabzusinken? Eine diffuse, aber nicht unangenehme Einsamkeit umgibt mich. Kommunikation mit den Fischen ist unmöglich. Gegenseitiges Unverständnis. Wie hält man es wie sie für immer unter Wasser aus? Über Wasser denke ich oft an die Welt unter Wasser. Ich besorge mir Aufnahmen von Walgesängen, höre sie vorm Einschlafen. Sie klingen so, wie ich mich unter Wasser fühle, ein wenig melancholisch. Die Fische und ich leben gleichzeitig in diesem einen Augenblick, als Kind frage ich mich, ob es uns überhaupt unabhängig voneinander gibt? Nach einer Weile möchte ich gar nicht wieder auftauchen und zurückkehren in die Welt über Wasser, die unruhig und laut ist und in der ich mich oft als Außenseiterin fühle und nicht verstehe, was verdammt noch mal mich zur Außenseiterin macht.
Mein Vater taucht für sein Leben gern, weil er als Farbenblinder unter Wasser die Farben intensiver sieht, wie er sagt. Über Wasser kann er Rot und Grün nicht auseinanderhalten, und oft ruft ihm meine Mutter vor einer Ampel zu: Rot! Grün! Unter Wasser ist er glücklich, wie er sagt, nicht nur wegen der Farben, sondern auch, weil seine ausnahmslos weibliche, sonst ständig schnatternde Familie stumm um ihn herumschwimmt. Er fängt an, unter Wasser zu filmen, baut komplizierte Plexiglasgehäuse für die Kamera, in die regelmäßig Wasser eindringt. Nach den Ferien werden ausgedehnte Super-8-Film-Abende gegeben, eigentlich sieht man immer nur graue Fische in milchig-blauem Wasser, aber meine Eltern rufen begeistert: Kannst du dich an den Fisch da erinnern und jenen dort?
Nach dem Tod meines Mannes verliebe ich mich tatsächlich neu. Lange kann ich es selbst nicht glauben. Der neue Mann ist ebenfalls ein wunderbarer, aber völlig anderer Mensch, der mich in keiner Weise an meinen ersten Mann erinnert. Vielleicht geht es deshalb. Vielleicht auch, weil eine große Liebe durch den Tod zu Ende ging und nicht durch Ermüdung, Zerrüttung, Enttäuschung. Ich kenne fast niemanden in meinem Alter, der nicht getrennt ist, geschieden, und niemanden, der so jung verwitwet ist. Ich hasse dieses Wort: Witwe. Ich kreuze es auf Formularen nie an, sondern wähle alleinstehend. Ich will keinen verbalen Witwenschleier tragen.
Mit dem neuen Mann fahren wir weit weg, in einen kleinen Ort auf den Philippinen. Wir gehen tauchen. Ich habe mir das nicht gewünscht. Ich will gar nicht tauchen, ich erinnere mich nur noch an den grässlichen Geschmack vom Gummischnorchel, das taube Gefühl auf den Zähnen, das röchelnde Atemgeräusch unter Wasser, die diffuse Angst vorm Untertauchen. Ich springe vom Boot ins Wasser – und schlagartig ist alles so, wie es damals war. So still, so bunt, so friedlich. Zutraulich schwimmen die Fische auf mich zu, als hätten sie mich lange nicht gesehen, sie knabbern an mir, schwimmen wieder weiter, ungerührt, unbewegt, gleichmütig, nichts ist gut, nichts ist schlimm, alles bewegt sich im Rhythmus der Wellen. Ich sehe meine kleine Familie unter Wasser. Sie ist da, in Reichweite. Ich höre mich atmen, ich atme immer noch. Erstaunlich. Ein und aus und aus und ein. Ich höre mir beim Atmen zu und merke, dass sich meine Taucherbrille mit Wasser füllt. Ich weine unter Wasser. Und darüber muss ich lachen. Ich verschlucke mich, muss auftauchen, keuche und huste, werde aus dem Wasser aufs Boot gezogen, besorgt beugt man sich über mich. Ich kann nicht aufhören zu lachen. Ich liege auf dem Bootsboden und winde mich vor Lachen. She crazy, sagt der Bootsbesitzer.
Yes, sagt mein neuer wunderbarer Mann, she very crazy. Und er lacht. Alles ist gut. In diesem Augenblick ist alles gut.
ErinnerungenDie Welt um sich herum wahrnehmenDas Glück des SchreibensSchreiben ist Unterwassertätigkeit, ein Abtauchen in Regionen, die einem unbekannt sind oder die man vergessen hat. Man entfernt sich von der Welt über Wasser und darf nicht in Panik geraten. Man taucht ab in das eigene Leben. In das Leben, das man wirklich hat, nicht das, das man sich vielleicht wünscht. Man ist mit einem Mal dort, wo einem niemand zuschaut. Ganz bei sich. Ruhig weiteratmen! Weiterschreiben. Weitermachen. Jeder Tag ist ein guter Tag. Ha!