Ich konnte nicht schreiben. Alle anderen konnten es, nur ich nicht. Besonders gut konnte es die andere Doris, die neben mir saß. Sie hatte schneeweiße Haut, weiße Finger und unfassbar saubere Fingernägel. Alles an ihr war so sauber, dass ich mich immer dreckig fühlte neben ihr. Sie schrieb in wunderbarer Schönschrift in vorbildlich aufrechter Haltung in ein blütenweißes Heft. Ich dagegen war so tief über mein Heft gebeugt, dass meine Nasenspitze fast das Papier berührte und meine Patschpfoten es im Nu grau werden ließen. Ich konnte den Stift nicht locker halten, hielt ihn wie einen Dolch, stach und kratzte über das Papier, verschrieb mich bei jedem Buchstaben. Schrieb mit links, aber sollte es mit rechts versuchen. Es war nur ein Vorschlag, aber einer, den man anscheinend nicht ablehnen konnte. Links war nicht das schöne Händchen. Gib das schöne Händchen, sagten manche Mütter. Meine Mutter niemals. Meine saß geduldig neben mir und führte mir die Hand, die vor Anstrengung zitterte. Wenn ich mich verschrieb, kratzte sie mit einem Messer den Fehler sorgsam vom Papier und bügelte es dann. Trotzdem konnte man gegen das Licht die rauhe Stelle entdecken, die Tinte verlief dort faserig, jeder konnte sehen, dass ich mich verschrieben hatte. Besonders die saubere Doris. Sie sagte nie etwas, lächelte nur sanft. Ich heulte wütende Tränen, die die Tinte noch mehr verlaufen ließen. Ich wollte nie, nie schreiben lernen. Ein Heft mit Schreibfehlern hatte etwas Unerträgliches. Versaut für immer. Nicht wiedergutzumachen. Manche Buchstaben nahmen kein Ende, so oft sollte man nach oben und nach unten malen, über die Linie, auf der Linie, unter die Linie, aber nicht zu weit nach unten, nicht zu weit nach oben. Jeder Buchstabe eine zickige Person mit besonderen Ansprüchen. Vor Anstrengung keuchte ich und biss mir fast die Zunge ab. Es wollte mir einfach nicht gelingen, dieses Schreiben. Erst als ich begriff, dass Schreiben und Lesen zusammengehören, fiel der Groschen. Von einem Tag auf den anderen standen wie von Zauberhand überall an den Hauswänden Wörter, die ich verstand. Ich konnte plötzlich lesen! Und die Welt bekam einen ganz anderen Sinn. Oder den Sinn, den sie immer gehabt hatte und der mir zuvor verborgen geblieben war. Rückblickend kam ich mir sehr dumm und unwissend vor. Zum ersten Mal las ich eine Schlagzeile in der Zeitung, die jeden Morgen vor der Haustür lag, und rannte damit zu den Eltern ins Schlafzimmer, was die Eltern eigentlich nicht mochten, aber sie mussten wissen, was dort stand, denn ich begriff, dass die Welt erschrocken innehielt. Stockend las ich ihnen vor: Präsident Kennedy erschossen.
Als ich lesen konnte, fiel mir auch das Schreiben mit einem Mal leicht. Ich durfte in der Klasse vorlesen und die saubere Doris nicht. Ich las dicke Märchenbücher, verirrte mich im Wald, pflückte mit bloßen Händen Brennnesseln, zählte Erbsen, sprach mit meinen Brüdern, die in Schwäne verwandelt waren, fror bitterlich in einem Hemdchen im kalten Schnee und schluchzte über mein schlimmes Schicksal. Dieses Schluchzen fühlte sich wunderbar an. Es war eine Art Stellvertreterschluchzen, das mich zwar durchschüttelte, aber nicht meiner eigenen Verzweiflung entsprang. Die Protagonisten der Märchen nahmen mir die wirkliche Verzweiflung ab, das war herrlich. Das Lesen wurde meine Droge. Ich las jeden Tag. Bis heute lese ich jeden Tag. Und fast jeden zweiten Tag rannte ich in die Bücherei.
Im Wohnzimmer saßen die Eltern jeden Abend und lasen. Wenn ich nicht schlafen konnte und im Nachthemd zu ihnen ging, waren sie ganz still und in ihre Bücher vertieft. Nur widerstrebend tauchten sie daraus auf, um kurz aufzublicken und zu fragen: Na, kannst du nicht schlafen? Sie aßen Schokolade, während sie lasen, was das Lesen noch wunderbarer machte. Ihr riesiges Bücherregal erstaunte meine Mitschüler. So viele Bücher! Und jedes Buch, das dort stand, durfte ich lesen, denn meine Eltern vertrauten darauf, dass ich das, was nicht altersgerecht war, sowieso nicht verstehen würde.
In der dritten Klasse wurde ich für den Vorlesewettbewerb ausgewählt. Ich entschied mich für ein Bilderbuch mit dem Titel Ladislaus und Annabella und übte wie verrückt. Eine traurige Geschichte: Der Teddybär Ladislaus und die Puppe Annabella müssen am Weihnachtsabend ganz allein im Warenhaus zurückbleiben, weil sie der Weihnachtsmann anscheinend vergessen hat.
Ich gehe die kleine Holztreppe hinauf auf die Bühne. Klettere auf den Stuhl, der mir besonders hoch vorkommt. Meine Hände sind schweißnass. Vorsichtig lege ich sie rechts und links neben das Buch. Mein Herz klopft lauter als meine Stimme. Das Publikum verschwimmt zu einem dunklen Meer. Ich fange an zu lesen. Meine Stimme ist zu leise, ich drehe sie lauter wie an dem braunen Knopf unseres Radios. Wenn ich die richtigen Pausen mache, mit richtiger Betonung manche Sätze leiser, andere lauter lese, den Rhythmus des Mitfühlens finde, spüre ich die Reaktionen des Publikums körperlich. Bald weiß ich nicht mehr, wer da liest, gebannt höre ich zu, wie am Ende der Weihnachtsmann doch noch kommt, Ladislaus und Annabella einsammelt und an ein sehnsüchtig wartendes Kind verschenkt. Zum Weinen schön. Ich bekomme den ersten Preis, und selig weiß ich: Ich bin eine Rampensau.
Schreib über ein KinderbuchErinnere dich an ein Kinderbuch. An die Bilder und daran, was sie ausgelöst haben. Wo hast du das Buch gelesen? Mit wem? Schreib über ein Möbelstück aus deiner KindheitWo hast du gesessen? Wie sah der Stuhl aus, der Fußboden, das Bett? Schreib zehn Minuten über ein Möbelstück, an das du dich erinnerst. Der Trick ist wirklich, nicht nachzudenken, sondern einfach weiterzuschreiben.