Tief in der Nacht wache ich auf. Mein Nachthemd ist weich und kuschelig, weiß-blau gemustert. Ich tapse über den Flur, meine Schuhe klackern über das Parkett. Ich trage Korrekturschuhe in der Nacht, kleine Holzsohlen mit Holzstegen zwischen den Zehen, um meine Zehenstellung zu korrigieren. Ich schäme mich für diese Schuhe, ich hasse sie, ich heule und will sie nicht tragen. Alles, wirklich alles versuchen meine Eltern, um uns schöner zu machen. Ich bekomme weiße Handschuhe angezogen mit einem langen Plastiknippel an jedem Finger, an dem ich in Zukunft kauen soll, statt am Daumen zu lutschen und meine Zähne für immer zu ruinieren. Meinen Schwestern werden die abstehenden Ohren mit Pflaster am Kopf festgeklebt, damit sie später nicht wegen ihrer Segelohren gehänselt werden. Mein Vater kann zu unserem Vergnügen mit seinen Ohren wackeln, sie stehen so weit ab, dass die Sonne hindurchscheint und sie orange färbt. Ich gehe über das Parkett, die Schuhe sind rutschig,

Ich schäme mich mit meinen komischen Korrekturschuhen. Niemand sonst auf der ganzen

Wir sind älter, ich schlafe oben im Stockbett, meine Geschwister neben und unter mir. Sie stemmen ihre Füße gegen die Matratze und heben mich ein paar Zentimeter hoch, ich lasse meine Hand nach unten baumeln, und manchmal ergreifen sie sie. Die Schwestern lutschen am Daumen und an der Bettdecke, mit der Zeit wurden alle Verschönerungsversuche eingestellt. Ich habe für immer krumme Zehen. Der Flur ist nicht lang, die Wohnung nicht groß. Tagsüber werden die Betten meiner Eltern zusammengeklappt und silbriggrüne Vorhänge vorgezogen. Hinter den Vorhängen verstecken wir uns, die Bettfedern im Rücken wie große Tiere. Abends, wenn die Betten aufgeklappt werden, keuchen und quietschen die Bettfedern, man sieht ihnen nicht an, wer sie tagsüber waren. Mein Vater ist ein anderer im Pyjama, alles ist anders nachts. Im Bücherregal wohnt ein orangefarbener Dinosaurier, er lebt in dem Buch Mein erstes Wissen, links auf der Seite,

Schreib über die Wohnung deiner Kindheit, den Boden unter deinen FüßenGeh durch die Wohnung deiner Kindheit. Schau auf deine Kinderfüße, als würdest du durch eine Kamera blicken. Folge deinen Füßen. Tapptapptapp. Sind sie nackt? Haben sie Schuhe an? Sandalen? Hausschuhe? Gummistiefel? Beschreib den Boden unter deinen Füßen. Geh in die verschiedenen Zimmer, in unterschiedlichen Zeiten, geh weiter, Wahrheit und FiktionKümmer dich nicht um Logik und auch nicht um die Wahrheit. ErinnerungenWer weiß schon, ob die Erinnerungen wirklich stimmen? Wir erinnern uns nur an das, woran wir uns schon einmal erinnert haben. Und jedes Mal, wenn wir uns erinnern, verändern wir die Erinnerung, überschreiben sie. Die sinnlichen Eindrücke stimmen, aber die Zusammenhänge? Mit wie viel Jahren habe ich im Hochbett geschlafen? Wie alt war ich, als ich die orthopädischen Schuhe bekam? Ich weiß es nicht mehr, aber das spielt hier keine Rolle: Ich habe durch das Schreiben die Holzschuhe wiederentdeckt, das frühe Gefühl der Scham – und die unbändige Sehnsucht nach Abenteuer.