Hungrig wie junge Wölfe kommen wir aus der Schule. Das Essen steht schon auf dem Tisch, aber wir können nicht essen, denn der Vater ist noch nicht da. Hinter dem Rücken der Mutter schleichen wir um den Esstisch, stibitzen mit den Fingern ein wenig Gurkensalat, ein paar knusprige Nudeln vom Nudelauflauf. Endlos zieht sich das Warten in die Länge. Jetzt ist es schon fast halb zwei, und er ist immer noch nicht da. Der Auflauf wird zurück in den Ofen geschoben. Der Gurkensalat ist bereits deutlich geschrumpft. Wir stöhnen und jammern, endlich kommt der Vater, und wir dürfen uns setzen. Immer in derselben Sitzordnung. Wir essen blitzschnell, in Sorge, weniger als die Geschwister zu bekommen. Wir kippeln auf den Stühlen, fast waagerecht kann ich den Stuhl in der Luft halten. Nicht kankeln, heißt das. Nicht kankeln, nicht streiten, Ellenbogen vom Tisch. Manchmal nimmt mein Vater wortlos meinen Ellenbogen und haut ihn auf den Tisch. Er schweigt, er ist der große Schweiger. Ich weiß nicht, was er denkt. Was denkt er über mich? Nichts Gutes, vermute ich und fühle mich kritisiert, erst sehr viel später verstehe ich, dass er hundemüde ist. Er steht nachts auf, um Kinder zur Welt zu bringen. Manchmal höre ich ihn, wenn er nachts aus der Wohnung geht. Das hat etwas Beruhigendes. Er holt ein neues Baby auf die Welt. Der Rhythmus des Essens ist unverrückbar. Die Familie frühstückt zusammen, isst mittags und abends zusammen. Immer. Meine Mutter beschützt den Rhythmus. Er gibt allen Halt. Beim Essen darf keiner fehlen. Für die Kinder gibt es zum Frühstück Karokaffee und Brötchen mit Marmelade. Ich esse das Brötchen trocken. Stecke mir eines in den Ranzen und picke den ganzen Unterricht über die Krümel auf. Meine Bücher und Hefte riechen nach frischem Brötchen.
Meine Mutter kocht jeden Tag. Heißgeliebte Gerichte wie grüner Kopfsalat mit Zucker, überbackener Fischauflauf mit Kartoffelbrei, Reisauflauf mit sauren Kirschen, Apfelreis mit kleinen Bratwürstchen, die Saucisschen heißen, süße Erbsensuppe mit Grießklößchen und rohem Schinken, Nudelauflauf mit Schinken. Die Auflaufform wird ausgekratzt und -geschleckt, bis keine einzige Nudel mehr vorhanden ist. Wir sollen nicht an den Kühlschrank gehen, aber jedes Kind öffnet ihn heimlich. Wenn die Eltern im Wohnzimmer sind, schleichen wir uns nacheinander in die Küche, öffnen ganz leise den Kühlschrank. Plopp. Schnell ein Stück Wurst in den Mund geschoben, ein paar Scheiben Aufschnitt. Corned Beef und Mortadella mit Pistazien, auf Wunsch meiner Mutter besonders dünn geschnitten. Wir stehen in der Metzgerei und hauchen auf die Glasscheibe, malen Muster hinein, bekommen Wurstscheiben geschenkt, wir lieben Wurst. Der Aufschnitt verschwindet aus dem Kühlschrank, und niemand ist es gewesen. Jedes Kind schwört unter Tränen: Ich nicht, nein, ich war es nicht. Aber eine von euch muss es doch gewesen sein! Ihr sollt nur die Wahrheit sagen. Hilflos stehen meine Eltern vor uns und versuchen uns zur Wahrheit zu erziehen. Aber die Wahrheit hat keine Chance. Ihr werdet nicht bestraft, ihr sollt es einfach nur sagen. Nein, alle schütteln den Kopf, keine war’s. Es muss doch möglich sein, die Wahrheit zu erfahren! Nein. Wenn ihr nicht die Wahrheit sagt, werdet ihr ins dunkle Badezimmer gesperrt. Ich lache, ich bin die Größte, mir macht das gar nichts aus. In der Dunkelheit werden wir zu einem Körper, so genau weiß ich nicht mehr, wo ich anfange und aufhöre. Wir hören uns gegenseitig atmen und schnüffeln. Es wird dunkler, die Dunkelheit scheint ohne Boden. Ich spüre die Verzweiflung der Eltern vor der Tür. Wenn ihr die Wahrheit sagt, dürft ihr sofort wieder raus, rufen sie leise. Wir wollen euch doch nur beibringen, die Wahrheit zu sagen. Pah, denke ich, so nicht. Nicht mit mir. Die Kleinste fängt prompt an, zu weinen und zu gestehen, bald knicken auch die anderen ein, die Wahrheit kommt ans Licht, die Tür geht auf, die Schwestern werden umarmt und geherzt, so schlimm war es doch gar nicht mit der Wahrheit. Nur ich sage keinen Pieps, ich nicht, dabei habe ich die meiste Wurst von allen gegessen.
Schreib über das Essen in deiner KindheitSchreib über das Essen in deiner Kindheit. Was hast du gern gegessen? Was nicht? Was war dein Lieblingsessen? Wer saß mit am Tisch? Wie sah die Küche aus? Wer hat gekocht?
Schreib über deine MutterSchreib über deine Mutter und die Zeit, die du mit ihr verbracht hast. Wo warst du mit ihr? In der Küche? Im Wohnzimmer? Im Wald? Im Garten?