Harmlos lügen heißt »tünen«, was alle in der Familie gern tun, um eine bessere Geschichte zu erzählen. Übertreiben ist erlaubt, ist fast ein Sport. Wer kann am schönsten und hemmungslosesten übertreiben, tünen? Lügen darf man nicht, aber tünen schon. Die Grenzen sind durchlässig und nicht leicht zu erkennen. Mein Vater tünt als Kind so sehr, dass sich die Eltern Sorgen machen und einen Psychotherapeuten einbestellen, der das Kind beobachten soll. Er attestiert meinem Vater eine wilde Phantasie, die sich aber auswachsen wird. Hat sie zum Glück nie. Er liebt Geschichten, die Literatur, liest mir vor. Spielt die Märchen mit mir nach und treibt mich in den Wahnsinn, wenn er absichtlich die Märchenfiguren verwechselt. Frau Holle beißt in einen vergifteten Apfel, der Pechmarie passt der gläserne Schuh, Dornröschen zieht aus, um das Fürchten zu lernen. Von einem Tag auf den anderen beschließe ich, meine Mutter zu siezen und mir einen anderen Namen zu geben. Ich bin von nun an Marielouise 5. Die Zahl nenne ich wie meinen Nachnamen. Fünf deshalb, weil ich so gern fünf wäre und nicht vier. Fünf sein ist das Ziel in weiter, weiter Ferne. Wenn ich mich so nenne, bin ich es fast schon. Ich fühle mich viel erwachsener durch meinen Namenswandel und sehe anders aus, weil ich mit einer roten Strumpfhose auf dem Kopf herumlaufe, die meine langen Zöpfe darstellen soll. Ich werfe sie in einer leicht herablassenden, schwungvollen Bewegung hinter mich, ganz so wie die langhaarigen Mädchen aus dem Kindergarten. Ich bin Marielouise 5 mit langem, glattem, seidigem Haar. Und ich spreche mit meiner Mutter über die vierjährige Doris, dieses Kleinkind mit den kurzen Haaren, die ungeheure Dinge tut, von denen die Eltern keine Ahnung haben. Ich führe meine Mutter an das Bett von Doris, decke ihr Kopfkissen auf und zeige ihr empört die Kuli-Zeichnungen, die Doris auf das Bettlaken unter dem Kissen gekritzelt hat. Frau Dörrie, sage ich, jetzt sehen Sie sich das an! Ich bin eine Schauspielerin, die eine Rolle spielt, und gleichzeitig bin ich tatsächlich Marielouise 5 und blicke wie durch ein umgedrehtes Fernrohr auf diese andere Familie und dieses fremde Kind Doris, das lügt und glatt abstreiten würde, auf das Bettlaken gekritzelt zu haben. Als Marielouise stehe ich mit Frau Dörrie vor der Schandtat und schüttele den Kopf. Klug beschließt meine Mutter, die Fiktion nicht zu durchbrechen. Nie vergesse ich das Gefühl, ich selbst und gleichzeitig eine andere, bessere Version von mir selbst zu sein. Marielouise 5, unerreicht.