KOLLEGE ROBOTER. WIE KÜNSTLICHE INTELLIGENZ DEN JOURNALISMUS VERÄNDERN KÖNNTE

»Eine Armee von Robotern«. Was Bots heute schon schaffen

Im Norden Schwedens vermutet man klischeehaft Elche, Rentiere, Mücken und spektakuläre blaue Stunden im Juni. An künstliche Intelligenz denkt man eher nicht. Stefan Åberg hingegen, Managing Editor des lokalen Medienhauses VK Media in Umea, beschäftigt sich damit täglich. In seiner Redaktion arbeiten gerade einmal zwei Dutzend Journalisten. Mit einem derart kleinen Team könne man unmöglich so viel produzieren, dass es jeden Nutzer zufriedenstelle, sagt er. Die Lösung: »Wir bauen eine Armee von Robotern.«1 Man habe einen Wirtschafts-Bot, einen Immobilien-Bot, einen Sport-Bot und einen Wetter-Bot, erzählte Åberg 2019 auf einer Konferenz in Dubai. »Wir ersetzen damit nicht die Arbeit von echten Journalisten.« Wohl aber könne man mit dem Angebot Leser dazu bringen, Abos abzuschließen. Seit einem Jahr biete die zum Unternehmen gehörende Plattform Västerbottens-Kuriren automatisierte Inhalte an, in dieser Zeit sei die Zahl der Digitalabos um 70 Prozent gestiegen.

Künstliche Intelligenz ist im Journalismus bereits allgegenwärtig, aber in die meisten Redaktionen ist sie subtiler eingezogen als beim Västerbottens-Kuriren. Sie wird vor allem dazu verwendet, das Verhalten der Kunden beziehungsweise Nutzer zu analysieren und herauszufinden, welche Stücke besonders gut »funktionieren« und bei was die Konsumenten aussteigen. Außerdem werten Algorithmen Vorlieben aus und bedienen Nutzer zunehmend mit Angeboten, die sie speziell interessieren könnten. Schon 2017 gaben in einer Studie mehr als zwei Drittel der Medienmanager zu Protokoll, bereits die eine oder andere Art von KI einzusetzen.2

Manche Redaktionen kontrollieren mit künstlicher Intelligenz auch die eigene Arbeit. Die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter hat zum Beispiel einen »Gender Bot« entwickelt, um zu dokumentieren, wie viele Männer und Frauen in ihren Texten zitiert werden. Die Financial Times überprüft das Geschlechterverhältnis der Bilder in ihrer Online-Ausgabe mit dem hauseigenen »JanetBot«, der auf einem redaktionsinternen Hackathon entwickelt wurde, nachdem sich die Beschwerden häuften, die FT porträtiere zu viele Anzugträger. Die Redaktion benannte ihn nach der ehemaligen US-Notenbank-Chefin Janet Yellen, weil er bei seinem allerersten Einsatz zwischen all den Herren gleich drei Bilder von Yellen entdeckte.3

Die Nachrichtenagenturen sind insgesamt schon etwas weiter auf dem Weg zum Roboterjournalismus. Sie setzen Bots dazu ein, Redakteuren stumpfsinnige Arbeiten abzunehmen, und gleichzeitig, um bestimmte Angebote auszuweiten. Associated Press gehörte zu den Ersten auf diesem Gebiet.4 Nachdem die Agentur begonnen hatte, mithilfe von KI Firmen-Quartalsberichte zu erstellen, verzehnfachte sie ihren Output in dieser Kategorie auf mehr als 3700 Stück pro Quartal. Zur Freude vieler Reporter, die die so gewonnene Zeit dafür nutzen konnten, eigene Geschichten zu recherchieren und die Firmendaten genauer zu analysieren, statt sie einfach nur wiederzugeben. Die Agentur Bloomberg wiederum setzte 2019 bereits bei einem Drittel aller produzierten Texte auf die eine oder andere Art künstliche Intelligenz ein.5

Zurück zu den Zeitungen. Für die Washington Post schlug die Stunde der KI 2016 während der Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, als sie erstmals ihren In-house-Roboter »Heliograf« Sportergebnisse berichten ließ. Der Bot meldete den Reportern zudem, wann immer Sportlerinnen und Sportler bisherige Weltrekorde einstellten oder verbesserten. Außer beim Sport sind auch Wahlen Ereignisse, bei denen es in der Berichterstattung mehr auf Tempo und Genauigkeit als auf schöne Formulierungen und Kreativität ankommt. Und die ersten Erfahrungen zeigen, dass dabei der Einsatz von Robotern die Fehlerquote senkt.

Die Washington Post oder auch die kanadische Globe and Mail verwenden außerdem künstliche Intelligenz, wenn es darum geht, die eigene Homepage zu bestücken. Und dabei regiert nicht der Massengeschmack – zumindest nicht alleine. Man setze auf eine Mischung aus dem, was besonders beliebt sei, auf Themen, die die Redaktion für relevant halte, und auf Inhalte, die für bestimmte Minderheiten spannend seien – in Kanada zum Beispiel für die indianischen Ureinwohner –, so beschreibt Angela Pacienza, die stellvertretende Chefredakteurin des Medienhauses aus Toronto, das Rezept, nach dem die Software programmiert wird. Möglicherweise entsteht auf diese Weise sogar mehr Vielfalt auf der Homepage, als wenn dort Redakteure ihrem Bauchgefühl folgten. Wie schon in Kapitel 3 beschrieben, ähnelt dieses schließlich ohnehin verdächtig oft dem Bauchgefühl des Chefs.

Bislang befürchten nur wenige Experten, dass Roboter in großer Zahl Journalisten ersetzen werden.6 Selbst die Journalistengewerkschaft European Federation of Journalists ist diesbezüglich relativ entspannt. Denn tatsächlich profitieren Redaktionen davon, wenn Bots das Angebot erhöhen oder im einen oder anderen Fall sogar ihr Fortbestehen ermöglichen. Es gibt jedenfalls eine lange Liste von KI-Einsatzmöglichkeiten, die sowohl die Qualität des Journalismus als auch die Arbeitsbedingungen für Journalisten verbessern könnten.7

Zunächst einmal ist da der Lokaljournalismus. Die Menschen erwarten von Lokalredaktionen, dass über möglichst alles aus ihrem direkten Umfeld berichtet wird. Sie wollen von Veranstaltungen und Straßenbauarbeiten erfahren, Einschulungen und Siegerehrungen dokumentiert haben, wissen, wo eingebrochen wurde und wie sich die örtlichen Grundstückspreise entwickeln. Letzteres leistet zum Beispiel der Immobilien-Bot des schwedischen Verlagshauses Mitt Media. Die automatisierten und auf Bezirke heruntergebrochenen Reports darüber, welches Haus für welche Summe den Besitzer gewechselt hat, wurden zu einem solchen Renner, dass die Zahl der Digitalabos merklich stieg.8

Kaum ein Verlag kann sich eine so kleinräumige Berichterstattung leisten, erst recht nicht dort, wo sich wenige Einwohner über ein großes Gebiet verteilen. Bots dagegen lassen sich so programmieren, dass sie aus vorhandenen Informationen verständliche Texte und Grafiken generieren, ohne dass Redakteure dafür Zeit aufwenden müssen. Den Standard-Polizeibericht muss künftig kein Reporter, keine Reporterin mehr anfassen. Sie oder er kann stattdessen ausführlicher recherchieren, welche Folgen ein Verbrechen für jemanden hatte – Hintergründe, die die Polizei nicht liefert.

Apropos Recherche – auch hier eröffnet künstliche Intelligenz ganz neue Möglichkeiten. Bots können große Datenmengen in einem Bruchteil der Zeit durchforsten und analysieren, in der Menschen dies schaffen. Wären Roboter am Panama-Papers-Projekt beteiligt gewesen, hätte man womöglich mehr aufdecken können, vermutet Francesco Marconi, der als Forschungschef beim Wall Street Journal arbeitet.9 Datenjournalismus liefert schon heute spannende Geschichten und Zusammenhänge, die früher nur mit großem Arbeitseinsatz oder gar nicht aufgedeckt worden wären. »Bei richtiger Anwendung und Analyse kann Big Data Kriege, Streiks, Terroranschläge, Wahlergebnisse und Online-Konsumausgaben vorhersagen und Journalisten dabei helfen, die Leser im Voraus auf wechselnde Modetrends, Naturkatastrophen, Staus, Ernteertragsschwankungen und vieles mehr hinzuweisen«, meint auch der israelische Gründer und KI-Spezialist Amir Ruskin.10

Wo sich KI ebenfalls als nützlich erweist: Ein automatisierter Faktencheck kann dabei helfen, Fehler zu vermeiden. Falsche Daten oder Zahlen, fehlerhafte Grafiken, Rechtschreibfehler und falsch geschriebene Namen – all das ist in der Hektik des tagesaktuellen Journalismus kaum zu vermeiden, und immer wieder ärgern sich Leserinnern und Leser so sehr darüber, dass sie ihr Abo kündigen. Glaubwürdigkeit und Vertrauen ließen sich vermutlich steigern, würde künstliche Intelligenz die Fehlerquote senken und die Genauigkeit erhöhen.

Künstliche Intelligenz könnte auch Leben retten oder zumindest Risiken minimieren. Roboter und Drohnen lassen sich dorthin schicken, wo es für Journalisten zu gefährlich wird. Sie können in Kriegsgebieten Bilder machen oder dort Daten, womöglich sogar Augenzeugenberichte für Reports sammeln, wo Naturkatastrophen oder Seuchen die persönliche Recherche zu riskant machen. Ob der Journalismus dadurch besser wird, ist eine ganz andere Frage. Einerseits lässt sich KI nicht so von Gefühlen leiten wie ein Reporter; sie könne deshalb objektiver bleiben, vermuten manche. Andererseits leben die stärksten und eindringlichsten Kriegs- und Katastrophenreportagen gerade von der Empathie der Menschen, die sie schreiben oder mit Bildmaterial versorgen.11 Vielleicht finden Kriege ja künftig sogar ganz ohne menschliche Zeugen statt: Die einen Drohnen und Roboter kämpfen, die anderen berichten darüber. Die Opfer sind allerdings auch dann weiterhin aus Fleisch und Blut.

Was Arbeitnehmervertreter freuen dürfte: Wenn Journalisten lernen, mit KI und Daten umzugehen, macht sie das auch für andere Berufe fit. Das ist nicht unwichtig in einer Zeit, in der die Perspektiven des Berufsstandes alles andere als berauschend sind. Andererseits spricht jemand wie John Tures vom US-amerikanischen Observer schon davon, dass sich ein »digitaler Graben« auftue. »Reporter und Redakteure werden künftig nicht nur Englisch und Journalismus studieren müssen, um in dieser neuen Welt erfolgreich zu sein, sondern sie werden auch Computerwissenschaften, Statistik und ähnliche Disziplinen beherrschen müssen.«12 Im Klartext: Wer da nicht mithält, könnte schnell abgehängt werden. Diese Gefahr betrifft allerdings längst nicht nur den Journalismus, sondern so gut wie alle Branchen. Die Berufsbilder wandeln sich.

Wer nicht lesen will, muss hören

Zeitung lesen? War einmal, zumindest unter der Woche. Nachrichten auf dem Handy checken? Natürlich, gleich nach dem Aufwachen. Alexa oder Google Home nach den neuesten Ereignissen fragen? In etlichen Ländern geht das schon. Für den Journalismusforscher Nic Newman ist völlig klar, dass die Voice-Technologie, wie sie unter anderem in den genannten Smart Speakern zum Einsatz kommt, das Internet grundsätzlich verändern wird. »Spracherkennung lässt die Technik in den Hintergrund treten, ja unsichtbar werden«, schreibt Newman in einer Studie darüber.13 Das werde den Umgang mit dem Internet spielerischer machen und viele neue Angebote hervorbringen – natürlich auch im Journalismus.

Die »intelligenten« Geräte lenken nicht so ab wie ständig blinkende Screens, sie bleiben stumm und unaufdringlich, solange man nichts von ihnen will. Sie machen deshalb vermutlich auch weniger »süchtig« als Smartphones. Mal schnell nachschauen, ob es nicht doch irgendetwas Neues gibt, diesen Reflex dürften sie jedenfalls weniger auslösen als ein Gerät, das mit visuellen Reizen arbeitet. »Wir verbringen alle viel zu viel Zeit mit Bildschirmen. Unsere Augen und Gehirne sind müde, wir sind von kleinen rechteckigen Geräten abhängig geworden«, so abermals Newman. »Spracherkennung wird uns davon befreien und dem Menschen die Kontrolle zurückgeben.«14

Mitte 2019 nutzte in den USA und in Großbritannien schon mehr als jeder Zehnte einen Smart Speaker, die Geräte waren für 21 Sprachen in 36 Ländern erhältlich. Die Technologie arbeitet mit künstlicher Intelligenz, die versucht, ihre Nutzer im Laufe der Zeit immer besser zu »verstehen«, Dialekte und Vorlieben inklusive. Es ist durchaus vorstellbar, dass sie Gesellschaften verändern und zum großen Demokratisierer werden kann. Dann nämlich, wenn sie den digitalen Graben überbrückt und auch all jene mit dem Netz in Kontakt bringt, denen das Digitale bislang zu fremd, zu kompliziert oder aus anderen Gründen verschlossen war. Andererseits könnte sie die Menschen aber auch zu noch beflisseneren Vasallen der Plattformkonzerne machen, als sie es eh schon sind: durchschaubar, denkfaul und orientierungslos.

Die optimistische Variante geht nun so: Künftig muss man sich weder über ein Smartphone beugen noch auf einen Bildschirm starren, um sich in der vernetzten Welt kompetent zu bewegen, ja man muss noch nicht einmal lesen und schreiben können. Es genügt, wenn man Wünsche formulieren kann, um Zugang zu allen Dienstleistungen zu bekommen, die über das Internet zur Verfügung stehen. Damit können auch Analphabeten online aktiv werden. Weltweit haben geschätzt 700 Millionen Menschen mehr oder weniger große Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben, also etwa jeder Zehnte. Aber auch diejenigen, die »all der Digitalkram« bislang abgeschreckt hat, könnten nun Gefallen daran finden. Nutzer jeden Alters, denen das geschriebene Wort noch nie viel bedeutet hat, denen Fingerfertigkeit, Sehkraft oder schlicht die Muße fehlen, mit kleinen Bildschirmen zu hantieren, lassen sich womöglich lieber auf eine Art Dialog mit Maschinen ein.

Der technische Fortschritt im Bereich der Spracherkennung und -verarbeitung ist gewaltig, und die Software der Geräte wird dank der ständigen Fütterung mit Daten immer besser. Vor allem im Handel ist ein Wettlauf im Gange, bei dem es darum geht, die Kunden mit Sprachdienstleistungen abzuholen, wie es so schön heißt, und das hoffentlich schneller als die Konkurrenz. Die amerikanische Marktforschungsfirma Gartner prognostiziert, dass die Firmen, die früh in Voice-Technologie investieren, ihren Einzelhandelsumsatz um 30 Prozent steigern können. Im Jahr 2021 dürfte jede zweite Firma mehr in Bots und Chatbots investieren als in Apps.

Kein Wunder, dass praktisch alle Medienhäuser und Redaktionen in Angebote investieren, die sich von Voice-Geräten abspielen lassen. Aber was macht das mit dem Journalismus? Die Vermutung liegt nahe: Wer sich regelmäßig von Alexa oder Google Home den Nachrichtenüberblick vorlesen lässt, wird sich womöglich nicht mehr mit ausführlicherer Lektüre zum Tagesgeschehen beschäftigen. Zwar hatten Radio und Fernsehen diesen Effekt auch schon, aber der smarte Lautsprecher lässt sich wie das Smartphone für so viele Funktionen nutzen, dass die der »Nachrichtenquelle« nur eine davon ist. Und anders als das Smartphone, das viele parallele Aktivitäten erlaubt, zwingt der Speaker einen zum Zuhören. Mal eben querlesen geht nicht. Laut Newmans Studie interessieren sich zwar eine ganze Menge Voice-Nutzer für die Nachrichten, aber nur ein Prozent von ihnen findet dieses Angebot auch wirklich wichtig. Der weit überwiegende Teil der Konsumenten schätzt an den Geräten bislang vor allem, dass sie auf Kommando bestimmte Musikstücke abspielen.

Es ist außerdem absehbar, dass der Trend zur Voice-Technologie die bereits jetzt starken Medienmarken weiter stärken und somit die Vielfalt der journalistischen Angebote tendenziell schmälern wird. Denn natürlich kommen die Nachrichten dann eher von der BBC, der Tagesschau oder dem Sender, den man schon immer hörte, als von kleineren Anbietern, über die man beim Sichten der Timeline auf dem Smartphone zumindest noch zufällig stolpern kann. Eine Google-Suche kann Millionen an Treffern liefern, selbst wenn sich kaum jemand die Mühe macht, bis auf die vierte Seite durchzuklicken. Das Voice-Gerät hingegen liefert auf eine Frage exakt eine Antwort, wenn man keine weitere anfordert. Es reduziert damit Komplexität und bietet genau jene Übersichtlichkeit, nach der sich viele Menschen unter dem derzeitigen Dauerbeschuss mit Informationen sehnen. Wobei die einfachen Antworten nicht immer die besten sind.

Risiken und Nebenwirkungen

Künstliche Intelligenz wird den Journalismus in allen denkbaren Bereichen verändern: Geschichten können mit ihrer Hilfe anders entdeckt, geplant, recherchiert, produziert, verteilt und konsumiert werden. Stehen nun also neue »goldene Zeiten« des Journalismus bevor, dieses Mal jedoch nicht für die Journalisten, sondern für das Publikum? Ein reichhaltiges Menü vielfältiger Angebote in allerlei Erzählformen, personalisiert und jederzeit bequem abrufbar? Die Nutzer zumindest scheinen in der Mehrheit keine Bedenken gegenüber künstlicher Intelligenz zu haben. Schon im »Digital News Report 2017« sagten 54 Prozent der Befragten, ihnen sei es lieber, wenn Algorithmen auswählten, welche Nachrichten für sie relevant seien.15 Von Amazon, Spotify und Co. sind sie es ohnehin schon gewohnt, dass sie mit mehr oder weniger maßgeschneiderten Inhalten, Angeboten und Empfehlungen versorgt werden. So viel zum Vertrauen in Redakteure.

Allerdings ist KI immer nur so gut wie diejenigen, die sie bestücken – also entscheiden, was sie berücksichtigen soll oder gleich selbst an den Programmen basteln. Wie weiter oben schon angedeutet, wird deshalb künftig möglicherweise sogar eher mehr als weniger Expertise von den Journalisten erwartet. Diese müssen sich jedenfalls noch intensiver als sowieso schon Gedanken über ihre Produkte machen, über die Inhalte, auf die es der Redaktion ankommt, und über das, was sie nicht wollen. Denn sonst bekommt die KI, die auf dem Verhalten der Nutzer aufbaut, möglicherweise ein Eigenleben und entwickelt sich in Richtungen, die nicht beabsichtigt waren und mit Journalismus nicht mehr viel zu tun haben.

Bei den Panama Papers zum Beispiel war nicht der Mangel an Informationen die größte Herausforderung. Es war die Entscheidung, was veröffentlicht werden sollte – und vor allem, was nicht veröffentlicht werden sollte. Zu den größten Kontroversen in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung gehörten damals Fragen wie: Veröffentlichen wir zu viel und riskieren damit, dass die Aufmerksamkeit unseres Publikums zurückgeht? Und welche Geschichten sind nicht nur interessant, sondern auch politisch und/oder rechtlich relevant? Künstliche Intelligenz kann bei derartigen Entscheidungen nicht helfen.

Redaktionen müssen sich über ihre Werte und ihre Strategie klar werden, so viel Vorarbeit ist Pflicht. Sonst werden sie immer wieder versucht sein, Lösungen von der Stange anzuwenden, also irgendetwas, das sich womöglich anderswo bewährt hat, aber gar nicht auf die eigene Situation passt. Das allerdings könnte der Qualität des Journalismus schaden, denn wer verwechselbar wird, den bestrafen die Leserinnen und Leser. Finden diese überall dasselbe vor, setzt der Überdruss ein, und es wächst die Gefahr, dass sie sich ganz abwenden. Ob sie nun mit KI arbeiten oder nicht, Redaktionen sind jedenfalls gut beraten, viel Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, wie sie die Berichterstattung möglichst vielfältig gestalten und für ihr spezielles Publikum attraktiv machen können.

Ein gewisses Risiko bergen auch die zunehmend von Redaktionen eingesetzten automatischen Übersetzungsprogramme. Dank ihnen spart zum Beispiel die Nachrichtenagentur Reuters schon jetzt Ortskräfte ein. Zwar werden diese Programme immer besser, aber oft genug vermitteln sie weder bestimmte kulturelle Nuancen noch den richtigen Sinn und führen so häufig zu Missverständnissen.

Ein weiteres Problem könnte sich daraus ergeben, dass KI (zu) viel über die Leistung einzelner Journalisten offenbart. In den Redaktionen, die jetzt schon eine umfangreiche Datenanalyse einsetzen, lässt sich leicht ermitteln und vergleichen, wie gut die jeweiligen Reporterinnen und Redakteure mit ihren Texten bei den Lesern ankommen und wie viel sie dementsprechend zum Wert des Medienunternehmens beitragen. Was bedeutet es, wenn Texte von Kollegin A im Durchschnitt zehn neue Abos pro Woche generieren, Podcasts von Kollege B aber nur zwei? Solche Vergleiche können den Druck in den Redaktionen enorm erhöhen, wenn die Situation nicht ordentlich gemanagt wird.16 Und das wirkt sich nicht nur auf persönliche Befindlichkeiten von Mitarbeitern aus. Redaktionelle Entscheidungen werden mitunter in eine Richtung getrieben, die nicht unbedingt dem öffentlichen Interesse dient. Wenn Reporterinnen und Korrespondenten zum Beispiel nur noch Texte anbieten, in denen es um das Management des persönlichen Lebens geht, aber nicht mehr im Rathaus vorbeischauen, weil das eine viele Abos bringt und das andere womöglich keine, hat Journalismus versagt.

Eine weitere Frage ist, wie Dritte – insbesondere die Plattformunternehmen – von der Fülle der Daten profitieren, die Redaktionen mithilfe von KI produzieren. »Wir füttern ein System, über das wir keine Kontrolle haben«, sagte Zulfikar Abbany von der Deutschen Welle bei einem von der European Federation of Journalists organisierten Workshop zum Thema Roboterjournalismus. Denn die Konzerne entscheiden anhand der Daten, die ihnen die Nutzer liefern, nach welchen Kriterien sie ihre Algorithmen programmieren, ohne dass die Medienhäuser darauf noch irgendeinen Einfluss hätten.

Dies gilt ganz besonders für Voice-Technologie, wo die Datensammelei gewaltige Ausmaße annimmt. Dass die Smart Speaker das Smartphone in seinen Spionagefähigkeiten noch um einiges übertreffen, ist mehr als offensichtlich. Weil sie passiv im Hintergrund »lauern«, vergisst man gerne, dass es sie gibt. Ausschalten geht zwar, aber es beraubt sie ihrer Funktion. Schon der Titel des 2019 erschienenen Buches Talk to Me. Apple, Google, Amazon and the Race for Voice-Controlled AI von James Vlahos macht deutlich, wer diese neuen Zufahrtsstraßen zum Internet kontrolliert. Zwar beteuern die Konzerne auf allerlei Weise, wie sie die Privatsphäre ihrer Kunden zu schützen gedenken, aber die Herausforderungen sind nicht nur ethisch, sondern auch juristisch. So zitiert Vlahos unter anderem den Jura-Professor Joel Reidenberg mit den Worten: »Wenn Sie ein Gerät installiert haben, das zuhört und Daten an Dritte überträgt, haben Sie Ihr Recht auf Privatsphäre verwirkt.«17 Es lässt sich also womöglich nicht mehr einklagen, wenn etwas schiefgeht und sensible Informationen in falsche Hände geraten.

Natürlich kann künstliche Intelligenz wie in allen Branchen so auch im Journalismus zur Rationalisierung genutzt werden. Roboter rein, Journalisten raus – für manchen Verleger mag das naheliegen. Dem Publikum ist es vermutlich zunächst einmal egal. Hauptsache, das Produkt stimmt. Aber die Auswirkungen sind subtiler. Unzählige Journalisten haben ihre Laufbahn damit begonnen, aus sperrig formulierten Polizeiberichten interessante Meldungen zu schreiben oder von langweiligen Veranstaltungen so zu berichten, dass jemand es lesen mag. Auf diese Weise haben sie trainiert, wie man Sorgfalt walten lässt, gut beobachtet und die richtigen Fragen stellt. Übernehmen Roboter solche Arbeiten, die für einen erfahrenen Reporter Routine, für einen Anfänger aber Herausforderungen sind, fallen wichtige Möglichkeiten der Ausbildung weg.

Schon heute klagen Chefredakteure darüber, dass Nachwuchsjournalisten vor allem Kommunikationsfähigkeiten abgehen. Ian Carter, Chefredakteur des Kent Messenger, sagt dazu: »Bewerber kommen mit vielen technischen Fähigkeiten zu uns, aber weil sie ihr Leben in den sozialen Netzwerken führen, sind sie absolut verängstigt, wenn es darum geht, einen Telefonhörer in die Hand zu nehmen oder mit jemandem von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.« Es sei eine echte Herausforderung, junge Leute zu finden, die ein Gespräch mit Menschen unterschiedlicher Herkunft führen können. Noch einmal Carter: »Die fragen dann tatsächlich angstvoll: ›Was meinen Sie, ich soll jemanden anrufen?‹ ›Ja, Sie sollen anrufen, Sie können sich nicht nur darauf verlassen, ihnen einen Tweet zu schicken.‹«18 Wer jedoch daran gewöhnt ist, dass Daten alle Antworten liefern, entwickelt solche Fähigkeiten womöglich nicht. Und vor allem nicht die eine, auf die es ankommt, will man herausragenden Journalismus produzieren: das Zuhören.

Wenn Redaktionen zunehmend Maschinen einsetzen, um Inhalte automatisiert auszuspielen und an die bekannten Interessen der jeweiligen Nutzer anzupassen, besteht nicht zuletzt vor allem das Risiko, dass die Gesetze des Marktes die Aufgabe von Journalismus als öffentlichem Gut unterwandern. Wichtige, aber etwas anspruchsvollere Berichterstattung wird dann womöglich vernachlässigt, komplexe Themen werden ausgespart. Journalismus soll aber der Demokratie dienen, nicht nur die Nachfrage von Verbrauchern befriedigen. Er ist dazu da, mächtige Interessen zur Rechenschaft zu ziehen und die Menschen auch mit den weniger angenehmen Aspekten des Lebens zu konfrontieren – und das alles auf eine möglichst verständliche, ansprechende und interessante Weise. Kommt er dieser Aufgabe nicht nach, lässt sich schwer rechtfertigen, warum man Medien überhaupt fördern und unterstützen sollte.

Aus all diesen Gründen ist es wichtig, dass weiterhin Journalisten Redaktionen leiten und nicht Marketingexperten, die in erster Linie kommerzielle Interessen im Blick haben, oder Informatiker, die allzu technikverliebt sind. Das heißt nicht, dass jemand mit einem Marketing- oder Ingenieursstudium kein Journalist sein kann. Aber die Inhalte müssen nach wie vor im Zentrum stehen. Es kommt darauf an, die richtigen Fragen zu stellen und zu definieren, welche Werte die Arbeit bestimmen.

Außerdem sollten Medienhäuser transparent darüber informieren, was mit den Daten geschieht, die sie erheben. Da wird gerne über die Plattformkonzerne geklagt, doch wenn es der eigenen Strategie dient, kopiert man deren Methoden. Hier ist man dem Publikum mehr Offenheit schuldig.

Das gilt auch für den Einsatz von KI im Allgemeinen. Die Menschen sollten wissen, ob der Text, den sie lesen, oder die Tonspur, die sie hören, von einem Bot erstellt worden ist oder von einem Menschen. Das mag an der einen oder anderen Stelle nach hinten losgehen, denn womöglich schenken Nutzer einer Maschine mehr Vertrauen – so wie man sich in einem Flugzeug sicherer fühlt, das vom Autopiloten gesteuert wird. Dennoch ist es wichtig, dass das Publikum den Unterschied erkennen lernt und sich nicht hintergangen fühlt.

Gerade in Zeiten von Falschinformationen und Deep Fakes kommt dem Journalismus hier eine besondere Verantwortung zu. Zuschauer und Hörer haben ein Recht darauf, zu erfahren, ob sie gerade eine echte oder eine mit KI veränderte Stimme hören beziehungsweise ob sie gerade einen echten Fernsehmoderator auf dem Bildschirm sehen oder einen, der eigentlich ein Roboter ist. Letzteres ist tatsächlich keine reine Science-Fiction mehr: Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua stellte im November 2018 den ersten automatisierten Nachrichtensprecher vor, der mithilfe von KI so trainiert wird, dass er immer mehr einem realen Menschen ähnelt.19 Man kann sich darauf einstellen, dass von KI produzierte Inhalte das Netz fluten werden, je stärker die Technik heranreift. Was davon ist menschengemacht, was von Maschinen komponiert? Und wen kümmert überhaupt noch der Unterschied? Gerade die letzte Frage dürfte die Welt des Journalismus in den nächsten Jahren besonders umtreiben.