GEGEN DEN LÄRM. WIE SICH DER JOURNALISMUS WANDELN MUSS

Marty Baron, der Chefredakteur der Washington Post, sagt, es komme ihm bei Personalentscheidungen am Ende auf eines an: »Ich stelle nur Optimisten ein.«1 Warum sollte er seine Redaktion mit Mitarbeitern belasten, die nicht an die Zukunft der Medien glauben? Man kann vermuten, dass er diese Strategie nicht so entschieden umsetzt, wie er sie formuliert. Schon allein, weil viele Menschen ja beides mitbringen: einen Optimismus, der sich aus der ewig währenden Hoffnung auf eine bessere Zukunft speist, und einen Pessimismus, der immer dann einsetzt, wenn sich ein paar harte Realitäten zu viel offenbaren. Außerdem kann jede Organisation ein paar Pessimisten gebrauchen. Die Mahner und einsamen Rufer sind wichtig, wenn es darum geht, Risiken zu erkennen. Aber grundsätzlich hat Baron recht: Innovation entsteht nur da, wo Individuen und Teams mutig und voller Zuversicht neue Wege einschlagen.

Und im Journalismus müssen diese Wege gefunden werden, denn wie wir in diesem Buch gesehen haben: So wie er ist, kann er nicht bleiben. Die Digitalisierung hat seine Strukturen aufgeweicht. Sein bisheriges Geschäftsmodell trägt ihn nicht mehr. Er konkurriert mit verlockenden Inhalten anderer Player und machtvollen kommerziellen Interessen um die Aufmerksamkeit des Publikums. Und wenn man ehrlich ist, hat er in der Summe nie all die Menschen begeistert, die er hätte begeistern sollen, um der ganzen Gesellschaft als öffentliches Gut zu dienen. Gerade in seinen vielfach beschworenen »goldenen Zeiten« war der Journalismus in weiten Teilen elitär, er adressierte und spiegelte vor allem Männer der jeweils dominanten Kultur. Und an einem ernsthaften Dialog mit dem breiten Publikum war er nicht interessiert. Redaktionen hielten sich dieses Publikum im Alltag gerne vom Leib und genossen lieber ihren Status als Aufklärer und Erzähler. Reporter praktizierten das Zuhören vor allem bei Interviews, um ein paar schöne Zitate zu ergattern, oder in der Konferenz, um die Vorlieben des Chefredakteurs zu erspüren.

Manche sagen deshalb, der Journalismus habe sich selbst ins Aus manövriert. Er sei ein Konzept von gestern und habe sich überlebt. Gesellschaftlicher Dialog finde heute auf anderen Kanälen statt. Selbst ein so renommierter Journalist wie der bereits mehrfach zitierte Alan Rusbridger tut sich schwer, klar Position zu beziehen: »Oft ertappe ich mich dabei, einige der traditionellen Wächter und ihre Methoden abzulehnen und ihnen zu misstrauen, obwohl ich weiß, dass die klassische Verteidigung der Meinungsfreiheit verlangt, dass man auch diejenigen verteidigt, die manchmal verachtenswert sind. (…) Ich empfinde viele Aspekte der neuen Landschaft der alternativen Medien als befreiend und bereichernd. Andere Teile des Informationschaos finde ich abstoßend und verstörend. Auf welcher Seite stehe ich?«2

Dabei wird starker Journalismus dringender gebraucht denn je. Menschen, wir alle, suchen nach Orientierung in der Kakofonie der Angebote der digitalen Welt. Wir dürsten nach Aufklärung, wollen Lösungen für all die Aufgaben, die sich uns stellen, Antworten auf Fragen, die Google und Co. uns nicht geben können. Es existieren zwar immer mehr Daten, aber die Kunst ist es, daraus abzuleiten, was sie bedeuten – und ob sie überhaupt etwas bedeuten. Unser Gehirn reagiert mit Angst und Abwehr, wenn zu viele Fragen offenbleiben. Populistische Meinungsführer haben dann leichtes Spiel. Sie gaukeln mit schlichten Parolen und scheinbar einfachen Antworten Sicherheit vor.

Die Aufgabenstellung des Journalismus hat sich allerdings geändert. In der alten Welt vor der Digitalisierung war er in erster Linie dazu da, Informationslücken zu schließen. Journalisten hatten einen weitaus besseren Zugang zu relevanten Informationen als ihr Publikum, sie besaßen Auskunftsrechte und hatten mehr Zeit für die Recherche. In der neuen Welt sind viele Informationen zwar theoretisch auffindbar, aber das Gelände ist so unübersichtlich, dass man sich darin als Laie schnell verliert. Es gilt, Informationen zu sortieren, Wichtig von Unwichtig zu trennen, zwischen Wahr und Falsch zu unterscheiden und das aus dem Dickicht zutage zu fördern und einzuordnen, was ans Licht gehört.

Die Verheißung der Plattformkonzerne ist es, dass Algorithmen besser und vor allem auf die Bedürfnisse der einzelnen Nutzer zugeschnitten sortieren als Menschen. Sie setzen voraus, dass die »Weisheit der vielen« das Wissen einzelner Experten schlägt und dass die Empfehlungen von Freunden eine gute Richtschnur sind, wenn es darum geht, Präferenzen auszumachen. Einiges davon stimmt. Deshalb setzen auch Redaktionen zunehmend Algorithmen ein. Bei den Plattformkonzernen dominieren jedoch ganz klar kommerzielle Interessen. Wer für Werbung zahlt, hat das Sagen. Im Gegensatz dazu müssen Medien die unabhängige Instanz sein – und bleiben –, die Werte und Aufklärung über ökonomische Interessen stellt. Dafür werden sie gebraucht.

Ohne unabhängige, engagierte und verantwortungsbewusste Journalisten und ihre Recherchen wären zur Finanzierung von Schulen, öffentlicher Sicherheit und Infrastruktur dringend benötigte Steuergelder in Milliardenhöhe verloren gegangen, weil noch mehr Unternehmen und Vermögende ihr Geld am Staat vorbei hätten »verwalten« lassen, wäre so manch korrupter Politiker noch im Amt, würde manch schädliches Medikament noch immer verschrieben. Journalisten gehen dorthin, wo es kompliziert wird, wo es manchmal gefährlich, manchmal aber auch schrecklich langweilig ist.

So saß beispielsweise die SZ-Journalistin Annette Ramelsberger im Verlauf von fünf Jahren an 400 von 438 Prozesstagen im Münchner Landgericht, um das Verfahren um die rechtsterroristische Vereinigung NSU zu beobachten. Sie und drei weitere Kollegen protokollierten die Verhandlung mit, und dank ihnen ist der Prozess jetzt für immer dokumentiert.3 Was Journalisten machen, lässt sich jedenfalls nicht immer vermarkten. Manchmal dienen sie einfach nur – der Gesellschaft und dem öffentlichen Interesse.

Aber wie nun sollte sich der Journalismus ändern, damit er in die neue Zeit der digitalen Kommunikation passt und zugleich den Ansprüchen gerechter wird, die er schon immer an sich selbst hätte haben sollen? Kurz zur Erinnerung: Wie wir in Kapitel 2 gesehen haben, vertrauen die Menschen dem Journalismus und Journalisten eher wenig. Deren Produkte, so die verbreitete Meinung, träfen selten den richtigen Ton, sie wählten Themen, die mit dem täglichen Leben ihrer Adressaten wenig zu tun hätten, vermischten Fakten mit Meinung und verfolgten eine politische Agenda. Vor allem die junge Generation vermisst bei den traditionellen Nachrichtenangeboten Vielfalt, Optimismus und den gewissen Unterhaltungswert, den sie von YouTube-Tutorials und anderen Angeboten in den sozialen Netzwerken kennt.4

In diesen Anforderungen an Medien stecken reichlich Widersprüche. Einerseits wünschen sich die Konsumenten harte Fakten, andererseits zieht es sie zur Subjektivität. Sie verlangen Ernsthaftigkeit, schätzen es aber, wenn die heitere Seite des Lebens zum Vorschein kommt. Sie wollen alles wissen, was in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert, aber der Nachbarort interessiert sie weniger als das, was in London, Hongkong oder New York vor sich geht. Sie wünschen sich schnelle, aktuelle Informationen, sind aber genervt, wenn zu viel davon über ihren Bildschirm flimmert. Sie bekunden, dass sie fundierte Berichterstattung schätzen und Clickbait verachten, klicken aber doch darauf. Sie wollen verschiedene politische Standpunkte präsentiert haben, ärgern sich aber, wenn ein Leitartikel oder Kommentar ihrer Meinung widerspricht. Sie möchten Inhalte sehen, die ihren persönlichen Interessen entsprechen, schätzen es aber, überrascht zu werden. Was sie über ihre Vorlieben sagen, stimmt nicht immer mit dem überein, was sie wirklich mögen.

Das Publikum ist heute anspruchsvoller und in gewisser Weise auch verwöhnter denn je. Es kann jederzeit vergleichen, und ein konkurrierendes Angebot ist stets nur einen Tastendruck oder Sprachbefehl entfernt. Sich seine Loyalität zu verdienen ist entsprechend schwer. Seine Ungeduld ist groß, die Fehlertoleranz gering. Und mit mieser Qualität oder auch schon mit Mittelmäßigkeit findet sich niemand lange ab, erst recht nicht dort, wo er auch noch dafür bezahlt.

All das macht es besonders kompliziert für die großen Medienmarken, die den Anspruch oder im Falle der öffentlich-rechtlichen Sender sogar den gesetzlich verbrieften Auftrag haben, die breite Bevölkerung umfassend zu informieren. Sie müssen Formate finden, mit denen sie unterschiedliche Generationen auf verschiedenen Kanälen erreichen können – digital und in der physischen Welt. Die 20-Uhr-Nachrichten als eine Art Mantel von der Stange, der allen passen sollte, taugen allenfalls noch als Ritual. Ähnliches gilt für die Tageszeitung und andere von Redakteurinnen und Redakteuren komponierte Produkte wie Magazine. Sie haben nur dort eine Chance, wo die Leserschaft sie als Teil eines Erlebnisses in ihren Alltag integriert, zum Beispiel samstags am Frühstückstisch. Der norwegische Zeitungskonzern Schibsted liefert deshalb zum Beispiel nicht nur seine Zeitung Aftenposten aus, sondern auf Wunsch auch die Brötchen gleich mit dazu. »Print« wird zum Genussmittel.

Aber Journalismus ist eben mehr als ein Konsumprodukt, er ist wesentliches Rüstzeug für die Bürgerinnen und Bürger in der Demokratie. Damit die vierte Gewalt diesen Platz in der Gesellschaft verteidigen kann, muss sich einiges ändern: an den Inhalten, den Strukturen, den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und den Formaten. Die schlechte Nachricht ist: Kein Rezept funktioniert für alle. Jeder Zeitungsverlag, jeder Radio- oder Fernsehsender – ob privat oder öffentlich-rechtlich– muss selbst herausfinden, was für das jeweils spezielle Publikum passt und wie es sich finanzieren lässt.

Die gute Nachricht: Da geht noch was, es gibt Ideen. In einer Branche, die jahrzehntelang erfolgreich, aber einigermaßen bewegungsfaul ihren Status verteidigt hat, ist eine neue Nachdenklichkeit ausgebrochen, und die tut ihr gut. Das daraus folgende Engagement, die Experimentierfreude, der Wille zur Zusammenarbeit über Egoismen und Konkurrenzdenken hinweg, die Öffnung für neue Formate und die Hinwendung zum Publikum sind jedenfalls unübersehbar. Technologie ist vom »Ding für die IT-Abteilung« ins Zentrum der Redaktionen gerückt. Daten sind nicht länger etwas für Nerds und das Controlling, sondern reflektieren Leserwünsche und bieten Stoff für spannende Geschichten. Junge Journalistenbewerberinnen und -bewerber sind von dem Bedürfnis getrieben, etwas zum Guten bewegen zu wollen. Und die Erkenntnis reift, dass Journalismus mehr Stimmen zu Wort kommen lassen und die Gesellschaft in ihrer Vielfalt besser abbilden muss.

Verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen ist schwer. Noch schwerer ist es, ein junges Publikum für den Journalismus zu begeistern, das dessen Qualitäten noch nicht zu schätzen gelernt hat. Doch es gibt einige vielversprechende Ansätze und Schritte, mit denen beides gelingen kann.

Es geht um den Inhalt. Wie »Content« zu Journalismus wird

Wohl nicht wenige gestandene Chefredakteurinnen und -redakteure würden das Wort »Content« nur unter Androhung von Folter aussprechen. Für diejenigen, die sich tagtäglich mit Leidenschaft für das (Informations-)Wohl der Menschen einsetzen, ist Journalismus viel mehr als nur ein Füllstoff für Produkte, die zum Verkauf hübsch gemacht werden. Ehrlicherweise bleibt dennoch vieles von dem, was Tag für Tag veröffentlicht wird, hinter den eigenen Ansprüchen zurück und besitzt, vorsichtig gesagt, noch Wachstumspotenzial. Im Folgenden seien wichtige »Schrauben« genannt, an denen Redaktionen drehen müssen, damit aus Content auch wirklich Journalismus wird:

Journalismus muss präziser werden. Viele Journalisten sind über das Geschichtenerzählen in den Beruf gekommen, aber in einer Zeit der Datenfülle wirkt es nur nachlässig, wenn Wissenslücken mit schönen Worten gefüllt werden. Dasselbe gilt für den Nachweis der Quellen. Wer Studien zitiert, muss den Link dazu liefern, und werden Funktionsträger genannt, gehört dazu ein Verweis aufs Profil. Natürlich können manche Informanten nicht namentlich genannt werden. Quellenschutz ist und bleibt ein Kernprinzip des Journalismus. Aber das Publikum sollte dann jeweils erfahren, warum das geschieht. Die meisten Leserinnen und Leser sind sehr wohl klug genug, den Unterschied zwischen Quellenschutz und Geheimnistuerei zu erkennen. Letztere versucht oft nur, Eile oder Faulheit zu kaschieren.

Journalismus muss mehr erklären. Aber was ist »zu wenig«? Und bei welchen Ausführungen fühlen sich Konsumenten unterschätzt? Vermutlich muss man kaum noch jemandem erläutern, wofür das Wort »Brexit« steht – und für Einsteiger gibt es schließlich Wikipedia. Aber was die viel zitierte und in der Tat komplexe »Backstop«-Lösung für Irland bedeutet, sollte in jedem Text als einfach anzuklickender Link hinterlegt werden. Und gerade hier zeigen sich die Vorteile und Stärken digitaler Formate: Erklärkästen und »Was bisher geschah«-Texte lassen sich mühelos einfügen, ohne den Lesefluss zu stören und diejenigen zu langweilen, die das alles schon wissen. Journalismus zum Aufklappen macht Arbeit, ist aber möglich und ein wichtiger Service.

Daten sind Journalismus. Früher waren Infografiken oft Design-Elemente, die dazu dienten, die Optik aufzuhübschen, wenn es sonst kein brauchbares Bildmaterial gab. Noch immer haben Grafiker selten den Status von Redakteuren, was sich auch in Tarifverträgen widerspiegelt. Spätestens seit Instagram ist es aber geradezu obligatorisch geworden, Inhalte grafisch und visuell darzustellen. Früher folgten die Daten oft aus der Geschichte, Prosa hatte Priorität. Im modernen Journalismus folgt eine Vielzahl von Geschichten aus den Daten. Kein Journalist sollte sich heute mehr mit einer schlechten Mathe-Note rühmen. Es muss nicht jeder Redakteur ein Informatiker sein, aber etwas von Statistik sollten alle verstehen.

Journalismus braucht mehr Fokus. Begründete ein Reporter früher, warum eine Geschichte dringend achtzig Zeilen in der Zeitung bekommen sollte, fiel oft das Wort »Chronistenpflicht«. Jemand Wichtiges habe etwas gesagt, das müsse man aufschreiben. In einem Konflikt sei ein neues Argument aufgetaucht, das dokumentiert werden sollte. Redakteure platzierten Stücke, um dem Chefredakteur am nächsten Tag sagen zu können: »Wir haben das gehabt.« Journalisten produzierten Masse, auch um sich selbst versichern zu können: Ich habe meinen Job gemacht. An das Publikum dachte man dabei eher weniger.

Dank Datenanalyse weiß man heute, dass nur wenige Leserinnen und Leser diese Mühe honorieren. Was digital ankommt, sind vielmehr einerseits kurze Neuigkeiten zur schnellen Information über wichtige Dinge, andererseits lange Lesestoffe. Dazwischen liegt das »Tal des Todes«, wie es im Jargon der Datenanalytiker in Redaktionen heißt, denn die Kurve der Leseraufmerksamkeit sinkt bei den mittellangen Stücken stark ab. Das Problem ist nur: Die meisten Stücke, die ein Großteil der schreibenden Journalisten täglich produziert, sind – mittellang.

Im Hörfunk ist die Sache ähnlich. Mancher erinnert sich noch an die düsteren Prophezeiungen, als in den Achtzigerjahren die Privatradios die Frequenzen eroberten und munter behaupteten, man könne eine Geschichte auch in zwei Minuten, ja sogar in 40 Sekunden erzählen. Viele Journalisten mit reichlich Zehn-Minuten-Stücken im Gepäck mutmaßten damals, dies sei der Tod des Radiojournalismus. Das ist nicht passiert, aber das Angebot hat sich verändert. Heute sind Hörstücke lebendiger als je zuvor. Reine Musikkanäle und Sender mit langen Features existieren Seite an Seite, und der Podcast als jederzeit verfügbarer Inhalt ist für viele das Format der Wahl geworden, besonders für Jüngere. Denjenigen, die sich damals ernsthaft Sorgen gemacht haben, sei eine Podcast-Reihe der ZEIT empfohlen: »Alles gesagt?« Dort darf nur der Interview-Gast selbst die Aufzeichnung beenden, wenn sie oder er findet, es sei alles gesagt. Bei Gästen wie Herbert Grönemeyer dauert das schon mal fünf Stunden und fünfzehn Minuten.5

Für die Zukunft wird gelten: Kurz informieren, anschaulich erklären, in die Tiefe recherchieren und fesselnd aufschreiben, präsentieren, als Film oder Hörstück komponieren – je nachdem, welches Format gerade passt. Die mittellangen Stücke werden Roboter produzieren, oder sie entfallen ganz. »Mache weniger und mache es besser« – in Zeiten schwindender Ressourcen ist das eine gute Maxime. Das Publikum hat gewiss kein Problem damit, wenn die Qualität stimmt.

Journalismus muss investigativer werden. Vieles nennt sich Journalismus: das Umformulieren von Pressetexten oder Agenturmeldungen, die humorvoll aufgeschriebene Recherche in der eigenen Gedankenwelt, das Aufpeppen von Exklusivstücken der Konkurrenz mit ein, zwei selbst herbeitelefonierten Zitaten. Tatsächlich ist aber die investigative Recherche eine Kernaufgabe der Medien. Denn Journalisten sollten ja genau das tun, was dem Normalbürger nicht ohne Weiteres möglich ist: Missstände aufdecken und darüber berichten, geschützt durch dafür gedachte Rechte und durch eine Organisation, die im Notfall juristisch dafür geradesteht. Tatsächlich verlagern Redaktionen inzwischen immer mehr Kapazitäten Richtung investigativer Recherche, und das ist gut so. Denn das Publikum schätzt es überhaupt nicht, wenn es überall die gleichen Geschichten liest, sieht und hört.

Nicht jede Medienmarke braucht dafür allerdings ein eigenes Ressort. Das kann sogar abschreckend auf junge Kolleginnen und Kollegen wirken, die sich nicht anmaßen wollen, die neuen Bernsteins und Woodwards zu sein. Es muss nicht immer gleich das Kaliber Watergate-Skandal sein. Zu leicht entsteht der Eindruck, etwas sei nur dann investigativ, wenn unter höchster Geheimhaltung Papiere oder Datenträger in Tiefgaragen übergeben werden oder wenn irgendwo hohe Regierungsbeamte verwickelt sind. Dabei können wichtige Recherchen direkt vor der Haustür anfangen. Der Lokalteil der New York Times hatte sich zum Beispiel einmal Nagelstudios vorgenommen: Orte, an denen viele illegale Migrantinnen zu miserablen Bedingungen für die Schönheit anderer sorgen. Für die Reportage »The Price of Nice Nails« hatten die beteiligten Journalistinnen und Journalisten unter anderem 150 Arbeiterinnen in den Studios interviewt. Umfassende Inspektionen seitens der Behörden waren die Folge.6 Investigativ ist, was durch neue Erkenntnisse Machtverhältnisse berührt und bewegt.

Journalismus darf persönlich sein – aber die Dosis muss stimmen. An dieser Stelle wird es kritisch. Denn wohl nirgendwo sonst klaffen die Erwartungen der Generationen an guten Journalismus so sehr auseinander wie in diesem Punkt, sowohl beim Publikum als auch bei den jüngeren und älteren Journalisten selbst. Boulevardjournalismus hat schon immer mit Gefühlen gespielt: Angst, Wut, Trauer, Mitleid, Freude, Begehren, Stolz – auf den Titelseiten der Blätter, die sich am Kiosk verkaufen mussten, war stets alles dabei. »Wir sind Papst« – die Schlagzeile der Bild-Zeitung vom 20. April 2005, einen Tag nachdem Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt wurde, wäre zur gleichen Zeit in »seriösen« Zeitungsredaktionen undenkbar gewesen. Ein ernsthafter Journalist benutzt kein »wir« und schreibt schon gar nicht über sich selbst, so haben es Abertausende Journalisten bei Qualitätsmedien in Deutschland gelernt. Und die Gebildeteren unter den Konsumenten sahen es als sportliche und standesgemäße Herausforderung an, sich durch manch einen trockenen Wirtschaftsbericht oder eine verschwurbelte Theaterkritik zu kämpfen. Wer es mit den Bleiwüsten aufnehmen und auf bunte Bilder und Gefühliges verzichten konnte, durfte sich zum Bildungsbürgertum zählen.

Diese Geduld geht der jüngeren Generation ab. Mit dem Aufstieg der sozialen Netzwerke als Kommunikationsform Nummer eins hat sich das geändert. Offene Subjektivität und Selbstbeschau sind überall salonfähig geworden, selbst in den vor Ernsthaftigkeit strotzenden Redaktionen – wenn man von den Nachrichtenagenturen absieht. Nie zuvor wurde außerhalb von Literatur und im persönlichen Tagebuch oder Blog so viel über eigene Befindlichkeiten geschrieben wie heute. Die Jungen mögen das nicht nur, sie fordern es auch. Es gebe ohnehin keine Objektivität, argumentieren viele derer, die in ihren Dreißigern und jünger sind, das Bemühen um Neutralität spiele doch nur der dominanten Weltsicht in die Hände (Stichwort »alte weiße Männer«) und lasse Vielfalt nicht zu.

Seriöser Journalismus muss mit dieser Spannung klug umgehen. Subjektivität kann kraftvolle Beiträge mit überraschenden Perspektiven hervorbringen – wenn sie gut gemacht sind. Leider sind sie es oft nicht. Geschichten aus der Ich-Perspektive gleiten schnell auf das Niveau Schulaufsatz ab, und manches, was Autor oder Autorin als »stark« oder »authentisch« empfinden, wirkt letztlich banal und egozentrisch. Journalismus braucht weiterhin eine gewisse Distanz – auch zu sich selbst.

In einer Welt des erstarkenden Populismus, dessen politisches Führungspersonal ständig in die Emotionenkiste greift, sehnen sich viele Menschen im Grunde nach Fakten und dem Versuch von Neutralität, auch wenn sie sich immer wieder von Gefühlsduselei verführen lassen. In einer Umfrage dazu, wie sich Journalisten auf Twitter verhalten sollten, gaben amerikanische Nutzer an, sie sollten den Kanal dazu nutzen, Fakten darzustellen, Falschinformationen aufzuklären und auf Reports zu verweisen – also gerade nicht dafür, das Nachrichtengeschehen zu kommentieren.7

Sachlichkeit ist aber keineswegs gleichbedeutend mit Langeweile. Aus der vom Marktforscher Flamingo gemeinsam mit dem Reuters Institute veröffentlichten qualitativen Studie, die eine kleine Gruppe junger Leute nach ihrem Medienkonsum befragt und deren Gewohnheiten untersucht hat – sie mussten dazu ihre Smartphones auswerten lassen –, kam heraus: Die Teilnehmer wählten ihren Lesestoff auch nach dem Spaßfaktor aus.8

Journalismus muss Meinung zeigen, aber nur bei klarer Faktenlage. Sitzen Leser in Fokusgruppen zusammen, die Marktforscher im Auftrag von Redaktionen zusammenstellen, kommt dort stets der Wunsch auf, Journalisten mögen Fakten und Meinung stärker trennen. In der alten Medienwelt war das einfach: Wo Kommentar draufstand, war Kommentar drin, der Rest sollte Neutralität wahren. In der Zeitung stand dann auf einer Seite der Bericht, auf der Kommentarseite folgte später die Meinung zum gleichen Thema. Im digitalen Nachrichtenfluss gibt es diese klare Orientierungshilfe nicht mehr. Zudem verweigert sich das Publikum gewöhnlich der Pflichtübung, zu einem Thema zwei Texte zu lesen, es sei denn, etwas erschüttert die Welt. Der Kommentar steht deshalb ohne Fakten wackelig da, die Fakten wiederum rufen nach Einordnung. Hybride Formen sind geländegängiger. Aber Einordnung (Was bedeutet eine bestimmte Sache, warum ist etwas wichtig?) ist die eine Sache, Meinung (Was denke ich, die Autorin, darüber?) die andere. Wo Meinung drin ist, sollte deshalb auch Meinung draufstehen. Und was Leser gar nicht tolerieren: Wenn die Meinung schon steht, während die Fakten noch auf sich warten lassen.

Journalismus muss Haltung zeigen. Neutralität, unparteiisch sein – das galt lange Zeit als größte journalistische Tugend. Im Englischen gibt es dafür den Begriff »both-sides-journalism«: Vertreter gegensätzlicher Positionen müssen demnach gehört werden. Große Marken wie die BBC oder die New York Times hatten und haben sich diesem Anspruch penibel, zum Teil pingelig verpflichtet. Öffentlich-rechtliche Sender überprüfen schon mal, wie viele Minuten Redezeit sie Politikern der jeweiligen Partei zugestehen. Allerdings gerät der »both-sides-journalism« zunehmend in die Kritik. In bestimmten Situationen darf und muss Journalismus Partei ergreifen. Zum Beispiel dann, wenn Individuen oder Gruppen bewusst daran arbeiten, von der Verfassung geschützte Freiheitsrechte abzuschaffen und die Demokratie gleich mit. Menschenwürde, der Schutz der Schöpfung, die Meinungsfreiheit – all diese Dinge sind nicht verhandelbar. Da ist Haltungzeigen Bürgerpflicht und Journalistenpflicht allemal.

Natürlich wird es niemals Einigkeit darüber geben, ab wann genau aus einer provokanten Idee ein Angriff auf die Verfassung wird. Zunächst ist auch die Meinung desjenigen geschützt, der findet, dass totalitäre Staaten eine gute Sache sind. Wer allerdings mit solchem Gedankengut hetzt und damit beginnt, andere aufzuwiegeln, dem müssen Journalisten nicht auch noch das Mikrofon hinhalten. Ignorieren ist in solchen Fällen eine Kunst, die man lernen kann. Populisten, Rechtsextreme, alle wissen, dass sie über Facebook und Twitter alleine längst nicht so weit kommen wie dann, wenn sie ihre Zitate in die traditionellen Medien drücken oder sich als Talkshow-Gast etablieren, der immer für eine provozierende Zeile gut ist.

Diejenigen, die mit dem Satz »Man darf hier gar nichts mehr sagen« drohen, kommen ohnehin in den Medien häufiger zu Wort als die anderen, die einfach nur pflichtbewusste, höfliche und anständige Staatsbürger mit wechselndem Zufriedenheitsgrad sind. Die digitale Welt belohnt die Lauten. Es gibt keinen Grund für Journalisten, ihnen als ein weiterer, mächtiger Verstärker zu dienen. Journalisten sollten sich lieber derjenigen annehmen, die sonst womöglich gar nicht zu Wort kommen, und ihren Sorgen auf den Grund gehen. Für billige, schnelle Schlagzeilen wird Journalismus heute nicht mehr gebraucht. Die gibt es im Netz zuhauf.

Der ehemalige Spiegel-Chefredakteur und heutige Reporter im Rechercheverbund WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung, Georg Mascolo, schrieb einmal in einem nachdenklichen Text über die eigene Zunft: »Medien, die auf sich halten, wissen, dass Journalismus ein Ort der Mäßigung sein muss, des zweiten Gedankens, der Schritt hält mit einer komplizierten Welt. Sie räumen nicht den steilsten Voraussagen und Prophezeiungen den meisten Raum ein, weil sie sich so gut klicken. Denn sie wissen aus Erfahrung, dass diese meist falsch sind.«9

Die neu gegründete britische Online-Medienmarke Tortoise ist die Verkörperung des Prinzips Besonnenheit im Journalismus. Bei Tortoise – übersetzt »Schildkröte« – gibt es aus Prinzip keine Breaking News, sondern nur tief- und hintergründigen, ausführlich recherchierten Journalismus. »Journalismus ist Lärm geworden«, heißt es in der Werbung um Mitglieder, die das von prominenten Journalisten und Managern großer Medienmarken gegründete Unternehmen finanzieren. Dem wolle man Substanz entgegensetzen. Dies tut Tortoise selbst beispielsweise mit »Think Ins«, moderierten Debattenveranstaltungen zu Themen, die die Leserschaft bewegen. Der Journalismus der Zukunft sieht bestimmt nicht wie eine »Schildkröte« aus, aber zur Artenvielfalt in der neuen Medienlandschaft gehört eine Tortoise mit Sicherheit dazu.

Journalismus muss Hoffnung machen können. Dass schlechte Nachrichten für Medien gute Nachrichten sind, ist nicht nur ein geflügeltes Wort, sondern auch belegt. »Schlechte Nachrichten verbreiten sich am schnellsten«, fand ein Forscherteam der Universität Münster heraus, das untersucht hatte, wie schnell sich bestimmte Typen von Nachrichten über Redaktionen hinweg verstreuen.10 Die Fülle an täglich publiziertem Stoff, der schlechte Laune macht, hat allerdings nicht nur damit zu tun. Journalismus muss die düsteren Seiten der Macht beleuchten, das ist seine Mission, er wirkt als ein Frühwarnsystem für die Bürger. Das Bild der Gesellschaft, das dabei entsteht, ist dadurch allerdings auch etwas verzerrt.

Nehmen wir an, Besucher eines fremden Planeten würden nur durch Lektüre und Ansicht irdischer Nachrichtenportale zu verstehen versuchen, wie die Welt funktioniert, sie ergriffen wohl umgehend die Flucht. Die Medien heben nämlich Gewalt, Ungerechtigkeit, Unglücke und Schicksalsschläge wie mit einem Scheinwerfer hervor. Dabei funktioniert nicht nur das Zusammenleben auf diesem Planeten häufig erstaunlich gut. Auf längere Sicht, und als statistische Durchschnittswerte betrachtet, sind der Menschheit über die Jahrhunderte hinweg auch beachtliche Fortschritte gelungen – der Klimakatastrophe und allgegenwärtiger Gewaltmeldungen zum Trotz. Das gibt Hoffnung und jene Zuversicht, die Leserinnen und Leser beim Blick auf die neuesten Nachrichten zuweilen vermissen.

Für eine optimistischere Sicht auf die Dinge hat sich die Constructive Journalism-Bewegung gegründet, auch Solutions Journalism genannt.11 Vielen Journalisten geht so ein – aus ihrer Sicht – verordneter Optimismus zu weit: Man sei dazu da, aufzuklären und auf Missstände hinzuweisen, statt die Bürger in Sicherheit zu wiegen und ihnen ein Wohlgefühl zu vermitteln. Bei diesem Ansatz geht es allerdings weder um seichten Journalismus noch darum, die dunklen Seiten des Lebens zu verschweigen. Seine Verfechter wollen vielmehr zeigen, dass man inmitten von Risiken, Bedrohung und Unvollkommenheit auch die Initiative ergreifen und gestalten kann. Ziel ist es, Bürger zu ermutigen, sich für eine bessere Gesellschaft einzusetzen, statt den Kopf in den Sand zu stecken.

Vor allem Leserinnen fühlen sich eher abgeschreckt von einem Journalismus, in dem es nur um Gewinnen, Verlieren, Helden und gefallene Helden sowie Machtkämpfe geht und der zudem von kriegerischem Vokabular durchsetzt ist. Zuzanna Ziomecka hat zwei Jahre lang das Portal Newsmavens entwickelt und geleitet. Dort haben Redakteurinnen und Kolumnistinnen aus verschiedenen europäischen Ländern ausgesucht, was ihre Topthemen des Tages sind und was sich zu kommentieren lohnt. Dabei entstand beileibe kein rosarotes Weltbild, aber eines mit neuen Facetten. Ziomeckas Fazit: »Frauen interessieren sich nicht so sehr für die Big Shots in den Machtpositionen, sondern dafür, wie sich deren Entscheidungen auf das tägliche Leben auswirken.«12

Journalismus muss vielfältiger werden. Das betrifft sowohl die Redaktionen – davon wird noch die Rede sein – als auch die Inhalte. Beides hängt nur bedingt zusammen. Denn häufig passen sich diejenigen, die als Minderheit den Aufstieg in einer etablierten Organisation schaffen, besonders stark an die dort geltenden Normen an. Sie haben diese Anpassung im Laufe ihres Lebens trainiert und wollen nicht deshalb geschätzt werden, weil sie zu einer bestimmten Gruppe gehören, sondern wegen ihres Könnens. Tatsächlich werden aber gerade im Journalismus neue Perspektiven dringend gebraucht. Die immer mal wieder geäußerte Sichtweise »Man muss nicht im Krieg gewesen sein, um über den Krieg schreiben zu können« stimmt nämlich nur bedingt. Reporterinnen und Reporter unterschiedlicher Hautfarben, sozialer Herkunft und unterschiedlichen Geschlechts bringen nicht nur unterschiedliche Sichtweisen, sondern auch andere Netzwerke mit, die der ganzen Redaktion Türen öffnen können.

Olle Zachrison, Chefredakteur vom Sveriges Radio, berichtet beispielsweise von einer Kollegin aus dem arabischen Dienst des Senders, die nach den Brüsseler Terroranschlägen vom 22. März 2016 dank persönlicher Kontakte binnen 24 Stunden ein facettenreiches Bild über die Herkunft eines der Attentäter zeichnen konnte. Die Cousins der Redakteurin hatten früher Fußball mit ihm gespielt. Katie Lloyd wiederum, Leiterin Entwicklung bei BBC News, nennt als Beispiel einen Mordfall. Ein schwarzer junger Mann, ein Model, war getötet worden. Eine schwarze Reporterin, die sich in der Szene bestens auskannte, habe darüber so kundig berichtet, dass sehr positive Rückmeldungen aus dem kleinen Londoner Viertel gekommen seien, dessen Publikum dem Sender sonst überwiegend misstraut habe.13

Die Vielfalt drückt sich außerdem in unterschiedlichen Formaten aus. Jemand, bei dem die Zehntausend-Zeichen-Reportage ungute Erinnerungen an Schulhausaufgaben wachruft, lässt sich stattdessen vielleicht von einem Erklärvideo begeistern. Jemand anderes, der geschliffener Sprache nichts abgewinnen kann, mag dafür den lockeren, authentischen Ton im Podcast. Ein Dritter fühlt sich bestens informiert, wenn farbige Grafiken die wichtigsten Fakten erläutern. Rate- und Strategiespiele, Chats, virtuelle Realität, Doku-Dramen – mit diesen und anderen neuen Darstellungsformen lassen sich weitere Gruppen für Journalismus begeistern. Auch hier gilt: Redaktionen müssen vom Nutzer her denken und nicht von eigenen Präferenzen und Traditionen auf andere schließen. Wie vielfältig die Nutzer und ihre Vorlieben sind, lernt man am besten, wenn man sie trifft – und ihnen zuhört.

Neue Strukturen schaffen – Aufgaben für Redaktionen und Institutionen

Bislang ging es um Inhalte. Redaktionen können sie selbst gestalten. Es liegt an den Reporterinnen und Redakteuren, den Grafikern, Datenexpertinnen und ihren Chefinnen und Chefs selbst, den Journalismus, den sie täglich produzieren, besser zu machen. Der folgende Teil beschäftigt sich mit Strukturen, die von externen Akteuren verändert werden könnten und sollten – zum Beispiel auch von der Politik.

Der Journalistenberuf braucht Standards. Ob man sich »Journalist« beziehungsweise »Journalistin« nennen darf oder nicht, ist in jedem Land anders geregelt. Während man in einigen Ländern ein Zertifikat benötigt, um den Beruf auszuüben, ist die Bezeichnung zum Beispiel in Deutschland nicht geschützt. Als Journalist kann hierzulande prinzipiell jede und jeder arbeiten, mit oder ohne Ausbildung. Das klingt erst einmal absurd. Warum müssen ein Klempner, eine Ärztin oder ein Bankangestellter eine Lehre oder ein Studium vorweisen, ein Reporter oder eine Redakteurin aber nicht? In einer Zeit, in der das Vertrauen der Bürger in die Medien angeschlagen ist, taucht häufig die Frage auf, warum ein Bäcker einen Laden nur mit Meisterbrief aufmachen, ein Journalist aber, der mit seinen Stücken potenziell Existenzen ruinieren kann, ohne jede formale Qualifikation arbeiten darf.

Die Idee dahinter ist die Trennung von Presse und Staat. Es soll verhindert werden, dass öffentliche Stellen die Zulassung zum Beruf als Druckmittel einsetzen können, dass sie sie also verweigern oder entziehen können, wenn ein Journalist zu kritisch ist. Die zunehmende Diffamierung von Journalisten auch in Demokratien zeigt durchaus, dass ein solch freier Zugang zum Beruf wichtig ist – man weiß ja nie. Außerdem lässt es sich mittlerweile in der Welt digitaler Publikationsmöglichkeiten ohnehin niemandem mehr verbieten, beispielsweise einen Blog zu schreiben oder Filme auf YouTube hochzuladen. Würde das geschehen, wäre dies das Ende des Internets, wie wir es kennen.

Ganz so wildwüchsig, wie sich das jetzt anhört, ist die Situation natürlich trotzdem nicht. Zumindest die Reporter und Redakteure, die bei den großen Marken wie Spiegel, ZEIT oder Süddeutsche Zeitung arbeiten und damit die höchste Reichweite haben, sind gut ausgebildet und geschult. Sie haben sich einen Vertrauensvorschuss erarbeitet, von dem sie profitieren, wenn sie anderweitig publizieren, etwa ein Buch schreiben. Wer keine Verbindungen zu solchen Organisationen hat, dem wird es eher schwerfallen, so viele Menschen zu erreichen, dass ihre oder seine Stimme Gewicht hat – nicht jeder schafft es zum Influencer. Andererseits bedeutet eine Ausbildung oder ein Zertifikat noch lange nicht, dass sich jemand automatisch anständig verhält. Ein Bürgerjournalist ohne Medium im Rücken trägt so gesehen unter Umständen mehr zur Demokratie bei als ein ausgebildeter Redakteur, der schlampig arbeitet oder ethische Grenzen überschreitet.

Trotzdem sind Standards wichtig. Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut, und Journalisten haben bekanntlich Auskunftsund Schutzrechte, die anderen Bürgern nicht zustehen. Aus solchen Rechten entstehen aber auch Pflichten. Wer als Journalist arbeitet, sollte deshalb ethische Grundsätze wie den Pressekodex und andere Regeln des journalistischen Handwerks kennen und befolgen. In dem Kodex steht schon in der Präambel das Wichtigste über die Arbeit von Journalisten: »Sie nehmen ihre publizistische Aufgabe fair, nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen wahr.«14 Auch für gestandene Reporterinnen und Redakteure lohnt es sich übrigens, ab und an in den Kodex hineinzuschauen und sich kritisch zu fragen, ob man so arbeitet, wie es dort gefordert wird.

Denkbar wäre, eine Art Journalisten-Führerschein zu entwickeln, der nicht von nationalstaatlichen, sondern von internationalen Organisationen vergeben wird. Auf diese Weise könnten sich auch Bürgerjournalisten qualifizieren, die in ihren jeweiligen Heimatländern aus politischen Gründen keine Anerkennung finden. Allerdings dürfte sich dabei nicht nur die Sprachbarriere als Hindernis erweisen. Auch das Verständnis dessen, was guter Journalismus ist, variiert von Kultur zu Kultur, sodass es schwer sein dürfte, zu einem gemeinsamen Regelwerk zu gelangen.

Der Journalismus braucht Standards. Was ist Qualitätsjournalismus? Über diese Frage kann man trefflich streiten. Schon in der analogen Welt lässt sie sich kaum mit einem »Das weiß ich, wenn ich es sehe« beantworten. Mit dieser zu Ruhm gekommenen Bemerkung urteilte Potter Steward, Richter am amerikanischen Supreme Court im Fall Jacobellis vs. Ohio im Jahr 1964. Damals ging es um Pornografie.15 Schließlich kommt schlechter Journalismus in den besten Redaktionen vor. Verdient er dann trotzdem ein Qualitätssiegel? Ja, wenn er nach bestem Wissen in einem standardisierten, ambitionierten Prozess erstellt wurde. In der alten vordigitalen Welt war so eine Klassifizierung nicht so wichtig; es blieb dem Publikum überlassen zu entscheiden, was es mochte und was nicht. In einer Welt, in der Algorithmen Inhalte priorisieren, hat die Frage nach der Qualität von journalistischen Produkten aber an Bedeutung gewonnen. Denn das Publikum bekommt viele Beiträge gar nicht mehr zu Gesicht und kann deshalb nicht mehr oder nur noch sehr bedingt selbst wählen.

Der bislang weitreichendste Versuch, Qualitätsstandards in die digitale Informationswelt zu übertragen, ist die Journalism Trust Initiative, die die Organisation Reporter ohne Grenzen gemeinsam mit der European Broadcasting Union – der Vereinigung öffentlich-rechtlicher Sender in Europa – und anderen Partnern ins Leben gerufen hat. Mehr als 120 Experten aus den verschiedensten Medien- und Forschungsorganisationen haben darüber beraten, wie man Qualitätsjournalismus kenntlich machen und damit das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer in den Journalismus stärken kann. Im Juli 2019 wurde dazu eine öffentliche Konsultation gestartet.

»Es ist keine Kunst, journalistische Grundprinzipien zu definieren. Viele ethische Codes existieren so lange wie der Journalismus selbst«, sagte etwa Christophe Deloire, Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen. Das Problem sei, sie in eine Welt der Algorithmen zu übertragen, in der bislang jene Inhalte besonders stark verbreitet werden, die gegen all diese Normen verstoßen. Die Journalism Trust Initiative arbeite daran, diejenigen zu belohnen, die den Normen entsprechen. Sie sei »das fehlende Bindeglied zwischen journalistischen Prinzipien und Methoden auf der einen Seite und Algorithmen auf der anderen«.16

Redaktionen müssen ihr Management professionalisieren. Ein gutes Management bedeutet nicht automatisch, dass eine Redaktion guten Journalismus produziert, aber es trägt dazu bei. Gut managen meint unter anderem, die Personalplanung und -entwicklung zu professionalisieren, eine Produktentwicklung zu etablieren, die Kundenbedürfnisse ernst nimmt, eine gute und auf Daten aufbauende Feedback- und Fehlerkultur zu pflegen und sich an die veränderten Anforderungen an Führung in der digitalen Welt anzupassen – also das, was auch in vielen anderen Branchen und Unternehmen selbstverständlich gemacht oder wenigstens angestrebt wird. In vielen Redaktionen findet all das nicht statt, weil Reporter und Redakteure in Leitungspositionen gelangen, die nicht entsprechend ausgebildet und geschult worden sind.

Ausgerechnet in einem Beruf, der für sich in Anspruch nimmt, andere aufzuklären, fehlt es sehr häufig an einer Kultur des Lernens und der Weiterbildung. Zwischen Praktikern und denen, die sich theoretisch mit dem Journalismus befassen, herrscht Misstrauen statt Neugier: Erkenntnisse aus der Publikumsforschung dringen nicht in den Redaktionsalltag vor, und umgekehrt nimmt sich die Wissenschaft nur selten der Nöte der Redaktionen an. Man produziert und forscht aneinander vorbei. Journalisten wollen zudem oft gar nicht so genau wissen, wie das, was sie produzieren, in der Welt draußen ankommt. Sie gefallen sich in der Rolle von Künstlern, deren Kunst nicht infrage gestellt werden darf. Dabei ist Journalismus vor allem Handwerk, und Qualität kann man nur verbessern, wenn man sie misst. Die Tatsache, dass Redaktionen unprofessionell geführt werden, hat auch zur Folge, dass viel hastiger, erwartbarer, schlampiger Journalismus am Publikum vorbei produziert wird.

Je unattraktiver der Journalistenberuf wird, umso wichtiger wird gutes Management. Sonst gewinnt man nicht nur keine neuen Talente, sondern es gehen auch diejenigen von Bord, die dringend gebraucht werden. Ohne starke Journalisten, Manager und IT-Experten aber gibt es keinen starken Journalismus. Ohne starken Journalismus wiederum wird das Publikum kein Vertrauen aufbauen. Und ohne Vertrauen sind gesunde Geschäftsmodelle undenkbar – von dem Schaden, den die Demokratie in der Folge nimmt, ganz zu schweigen.

Redaktionen brauchen mehr Vielfalt. Das Gerede von Diversity bleibt oft nur das: Gerede. Zwar ist das Thema in so gut wie allen Chefetagen von Medienhäusern angekommen, aber es gibt drei Schwierigkeiten: Erstens, jeder versteht etwas anderes darunter. Doch es ist ein Unterschied, ob es um Vielfalt bei Geschlechtern, Hautfarben, Herkunft, Stadt und Land, sozialer Schicht, Alter oder politischen Einstellungen geht. Zweitens, kaum jemand verfolgt konsequent und systematisch Strategien, um Vielfalt zu erreichen und zu managen, ob nun beim Ansprechen von Bewerberinnen und Bewerbern, beim Auswahlverfahren, Einarbeiten oder Coaching. Drittens, ohne einen Kulturwandel in den Unternehmen ist Vielfalt sinnlos. Denn wer vielfältige Kandidaten nur einstellt, um sie dann in eine Schablone zu pressen, wird sie nicht nur schnell wieder los, er verschenkt auch eine große Chance.

In einer bereits mehrfach erwähnten Studie, die Strategien für mehr Vielfalt in deutschen, britischen und schwedischen Redaktionen vergleicht, schneiden deutsche Medien unter dem Strich am schlechtesten ab.17 Viele Häuser haben zwar eine grobe Idee von den Zahlen, setzen sich aber keine konkreten Ziele und verlassen sich auf ihr Bauchgefühl. Dabei können es sich vor allem öffentlich-rechtliche Sender nicht leisten, das Thema schleifen zu lassen. Sie sind schließlich dazu verpflichtet, die Gesellschaft so abzubilden, wie sie ist. Die BBC ist dabei Vorbild – obwohl auch sie noch einen Weg zu gehen hat.

Problematisch ist, dass die Medienkrise Journalismus mehr und mehr zu einem Beruf macht, den man sich leisten können muss. Magere Gehälter, unsichere Perspektiven und kaum bezahlte Praktika, in denen man sich beweisen muss, führen dazu, dass vor allem Kandidatinnen und Kandidaten den Beruf ergreifen, die aus stabilen finanziellen Verhältnissen kommen. Der Nachwuchs stammt häufig aus Akademiker-Familien, in denen entsprechende Qualifikationen – zum Beispiel Geistes- und Sprachwissenschaften – gefördert und begrüßt werden. Das führt zu recht einseitigen Perspektiven auf die Gesellschaft, seien es politische Vorlieben und Werte, aber auch Vorstellungen davon, was Lebensqualität ausmacht. All das prägt die Auswahl der Themen, die Erzählformen und die allgemeine Tonlage. Redaktionen müssen deshalb dringend Ausbildungsmöglichkeiten für Nichtakademiker schaffen. Bedingung dafür ist allerdings eine Unternehmenskultur, in der verschiedene Sichtweisen als bereichernd empfunden werden.

Technologie darf kein Spielzeug, sondern muss Werkzeug sein. Wie in viele andere Berufe ist in den Journalismus die Technik eingezogen. Und wie anderswo wird sie von manchen mit zu wenig Enthusiasmus begrüßt, von anderen mit zu viel. Dies gilt gleichermaßen für Erzählformen wie für die Produktion und die Steuerung zum Beispiel durch künstliche Intelligenz. Von Produkten, die an den Bedürfnissen des Publikums vorbeigehen oder dieses überfordern, war hier schon die Rede. Auch von Daten, die nur erhoben werden, weil man sie erheben kann, nicht weil es sinnvoll ist. Natürlich sind Experimente wichtig. Nicht immer lässt sich prognostizieren, ob ein neues Verfahren oder Tool nur Spielerei ist oder zur Innovation taugt. Aber Neuerungen sollten am Ende immer im Sinne des Publikums sein.

Redaktionen müssen vom Ende her denken: Welche Aufgabe soll eine neue Technik, ein neues Werkzeug, ein neues Produkt erfüllen? Technologie kann dem Journalismus auf vielen Gebieten dienen, die hier schon behandelt wurden: automatisierte Faktenüberprüfung und -verifizierung, Datenbankrecherchen, Übersetzungen, Personalisierung von Angeboten, Roboterjournalismus für klar strukturierbare Aufgaben, Roboterassistenten, die Journalisten bei der Arbeit unterstützen – um nur einige zu nennen.

All das wird den Journalismus sehr verändern. Es wird ihn besser machen, wenn klar ist, dass wichtige Aufgaben in Menschenhand bleiben: Kommunikation muss persönlich sein, nicht personalisiert. Wer journalistische Inhalte liest, hört oder sieht, will als Mensch ernst genommen und nicht von Robotern abgespeist werden. Das Gleiche gilt für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Empathie und Gesprächskultur sind Kern zwischenmenschlicher Beziehungen, und um die geht es sowohl im Verhältnis von Journalisten zu ihrem Publikum als auch im Umgang miteinander in den Redaktionen oder bei der Recherche.

Datenjournalismus kann großartig sein. Aber Recherchen, die nur im Internet stattfinden, werden nie im selben Maße die Tiefe, Einzigartigkeit und Vielschichtigkeit des Lebens zutage fördern, wie das eine starke Reportage kann. Intuition und Experimentierfreude sind gefragt, wenn es darum geht, Neues zu entwickeln und neue Kundenschichten zu erschließen. Analytics, mit denen man sehen kann, was das Publikum schätzt und was es ignoriert, sagen einem nichts über jenen Teil des Publikums, der einen weiten Bogen um Medien macht.18 Wir erinnern uns: Immerhin ein Drittel der Bürgerinnen und Bürger vermeidet es, überhaupt mit Journalismus in Kontakt zu kommen, oder geht ihm regelmäßig aus dem Weg. Sie zu erreichen bedarf der Kreativität.

Journalismus floriert, wenn er kollaboriert. Wettbewerb kann anspornen. Deshalb wäre es falsch, dem Journalismus die Konkurrenz zu nehmen. Und eine Vielfalt der Stimmen ist Voraussetzung für eine pluralistische Gesellschaft. Allerdings muss man sich inzwischen fragen: Wer sind die eigentlichen Wettbewerber? Sind es beispielsweise für die Kolleginnen und Kollegen der Süddeutschen Zeitung tatsächlich die Redaktionen von Spiegel oder ZEIT, so wie Generationen von Journalisten das gelernt und verinnerlicht haben? Ist es für die ARD das ZDF, für den Bayerischen Rundfunk Antenne Bayern, für die Washington Post die New York Times?

Tatsächlich verschieben sich in der neuen digitalen Welt die Machtverhältnisse. Die wahren Konkurrenten heißen heute nämlich YouTube, Netflix oder all das andere, das man sich mit ein paar Klicks oder Befehlen aus dem digitalen Raum zur Beschäftigung und Ablenkung laden oder streamen kann. Sie sitzen im Silicon Valley oder erobern von China aus die Welt, wie die Plattform TikTok, die auch in den USA rasant wächst. Wogegen der Journalismus sich behaupten muss, ist das unüberschaubare Angebot an Unterhaltung und Beschäftigung in einer Welt, die rund um die Uhr auf Empfang und Sendung ist und keine Stunden der Muße und Besinnung mehr kennt.

In der Medienbranche gehen außerdem jene Organe auf Kundenfang, die daherkommen wie Journalismus, in Wahrheit aber staatlich finanzierte Propagandamaschinen sind, wie etwa Russia Today.19 Sie versuchen, unter dem Mäntelchen des Fake-News-Narrativs, mit dem gewählte populistische Politiker etablierte Medien diskreditieren, eigens fabrizierte Falschinformationen zu verbreiten und Stimmung zu machen – mit dem Ziel, demokratische Gesellschaften zu destabilisieren. Sogenannte Information Operations sind ein wichtiger Teil moderner Kriegsführung. Sie entfalten eine subtile Wirkung und werden von keinem Abrüstungsabkommen erfasst.

Medienhäuser müssen deshalb zusammenarbeiten. Ob das in internationalen Recherche-Kooperationen geschieht wie im International Consortium of Investigative Journalists, das unter anderem die Panama Papers stemmte, oder im Teilen von Korrespondenten, Technologie oder Büros. Viele solcher Kooperationen sind kostengetrieben, wie zum Beispiel die Gründung gemeinsamer Hauptstadtbüros, aber sie sind dadurch nicht weniger sinnvoll. Die Branche muss sich zusammenschließen, um den unabhängigen Journalismus gegen seine Feinde zu verteidigen.

Die Politik muss helfen. Unabhängiger Journalismus muss frei von politischer Einmischung bleiben. Dennoch kann die Politik ein paar Rahmenbedingungen setzen, die der Presse bei ihrem Auftrag helfen. Dabei geht es einerseits um eine Regulierung derjenigen, von denen die Medien abhängig sind: die großen Plattformen. Hier liegt die Verantwortung vor allem in Brüssel oder direkt in Washington. Es gilt, Grundrechte wie die Privatsphäre, die Menschenwürde und die Meinungsfreiheit zu sichern, vor allem aber die Vielfalt von Meinungen in einem Geschäftsmodell zu erhalten, in dem die Leisen von den Lauten systematisch überbrüllt werden. Ohne eine Regulierung von Hass- und Verleumdungsbeiträgen im Netz wird es nicht gehen, auch wenn viele argumentieren, dass solche Gesetze Autokraten in die Hände spielen. Hier ist Fantasie gefragt, um die öffentliche Meinungsarena als einen Platz zu erhalten, auf dem sich alle austauschen und einigermaßen sicher bewegen können.

Die Plattformkonzerne sollten zu Transparenz verpflichtet werden, vor allem, was das Ausmaß an Speicherung und Verwendung von Daten angeht. Konzentration von Macht hat der Freiheit noch nie gedient. Ausnahmen sind möglich, zum Beispiel, wenn ein mächtiger Gegner angreift. Es wäre der Sache wenig dienlich, China das Feld zu überlassen, wenn es um die Zukunft der Information im digitalen Zeitalter geht. Hier muss die Politik wachsam bleiben und bei der Wettbewerbskontrolle auch bedenken, welche Wettbewerber auf globaler Ebene zugegen sind. Zum Beispiel hat die chinesische, überall auf der Welt bei jungen Leuten beliebte Plattform TikTok eingeräumt, Videos von offensichtlich behinderten Nutzern zu blockieren – mit der Begründung, man wolle sie vor Mobbing schützen.20 Niemand kann ein Interesse daran haben, dass solche Monopolisten sich durchsetzen und die Standards im Netz setzen.

Andererseits geht es um die Steuergesetzgebung. Regierungen können dafür sorgen, dass Presseprodukte ermäßigt besteuert werden, auch wenn sie digital daherkommen. Sie können Investoren und Philanthropen, die ihr Geld in Medienunternehmen stecken, günstigere Rahmenbedingungen schaffen. Sie können die Journalistenausbildung fördern und die Entwicklung von innovativen Content-Management-Systemen als Infrastruktur für eine demokratische Gesellschaft unterstützen. Mit solchen und weiteren Maßnahmen können sie indirekt dafür sorgen, dass Journalismus als öffentliches Gut auf hohem Niveau produziert werden kann. In besonderer Weise können und müssen sie sich des Lokaljournalismus annehmen, über dessen große Krise wir in einem früheren Kapitel gesprochen haben.

Manche Art der Berichterstattung und Recherche wird sich privatwirtschaftlich nicht finanzieren lassen, und in solchen Fällen sind gemeinnützige Modelle sinnvoll. In Deutschland setzt sich beispielsweise die Initiative Nonprofitjournalismus dafür ein. Es gehe nicht darum, anderem Journalismus Konkurrenz zu machen und denjenigen die Leser zu nehmen, die sie auch nötig bräuchten, argumentiert sie in einem Thesenpapier vom 18. September 2019 für eine entsprechende Debatte im Bundesrat: »Der gemeinnützige Journalismus füllt Lücken und sorgt so für Vielfalt.«21

Eine weitere große Aufgabe der Politik ist die Medienbildung. Alle Generationen müssen lernen, wie Medien in der digitalen Welt funktionieren, wie man mit ihnen umgeht und wie man sie so nutzt, dass sie vielen nützen. Entsprechende Programme müssen finanziert und unterstützt werden. Wer die Medien als Ganzes diskreditiert, versündigt sich an der Demokratie. Medienbildung alleine reicht allerdings nicht, wenn die Bürgerinnen und Bürger nicht verstanden haben, was Demokratie bedeutet. Aufklärung darüber, wie Demokratie funktioniert, was ihre Grundbedingungen sind und in welchen Formen sie daherkommen kann, ist deshalb mindestens ebenso wichtig, wie es Schulungen in Medien- und Digitalkompetenz sind.22

Mehr Gespräch wagen – Journalismus ist Kommunikation und Zuhören

Fassen wir also zusammen: Der Journalismus, wie er heute betrieben und verstanden wird, muss sich ändern. Die Bürger haben durchaus recht, wenn sie ihm vorwerfen, er sei zuweilen elitär und abgehoben, bilde die Gesellschaft nicht ab, wie sie ist, jage dem schnellen Erfolg nach und nehme die Sorgen der Menschen nicht immer ernst genug. Einige Gründe dafür hat dieses Buch dargelegt. Die größte Rolle spielen dabei wirtschaftliche Zwänge, aber auch psychologische Faktoren. Machtverhältnisse, die mit dem Vordringen der Plattformkonzerne in alle Lebensbereiche neu gemischt werden, und sich ebenfalls verändernde gesellschaftliche Strukturen machen den Journalismus zu dem, was er heute ist. Und wie sich herausstellt, ist er an vielen Stellen besser, informativer, aufklärerischer, vielfältiger, als er je war.

Was auch klar geworden sein sollte: »Den« Journalismus gibt es nicht. Es gibt Blätter, Websites und andere Formate, die den Boulevard bedienen. Es gibt in jeder Erscheinungsform Angebote für jene, die sich zum Bildungsbürgertum zählen würden. Es gibt Lokaljournalismus, gemeinnützige Redaktionen, Bürgerjournalismus und die großen öffentlich-rechtlichen Sender, die sich unter großem Aufwand darum bemühen, allen alles zu bieten.

Genauso wenig gibt es »die« Journalisten. Die einen riskieren ihr Leben dafür, die Welt abzubilden, wie sie ist. Die anderen, und das sind die meisten, betreiben ihr Handwerk gewissenhaft, aber weniger spektakulär. Sie fragen, hören zu, sichten Dokumente, verknüpfen Gedanken, erklären, ergründen. Wieder andere möchten vor allem unterhalten. Und dann gibt es natürlich auch schwarze Schafe: diejenigen, die vor allem auf ihren persönlichen Vorteil aus sind, die aus dem Leid anderer Kapital schlagen oder denen der Pressekodex so viel bedeutet wie anderen die Straßenverkehrsordnung, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Aber nach einem Vierteljahrhundert in diesem Beruf kann ich voller Überzeugung sagen: Das sind die allerwenigsten.

Die meisten Journalisten verstehen sich als ernsthafte Aufklärer – ob es um einen internationalen Skandal, die Folgen eines Gemeinderatsbeschlusses oder eine literarische Neuerscheinung geht. Journalisten recherchieren und beantworten die W-Fragen – wer, wann, wo, wie, was und warum – und bieten den Menschen damit das Rüstzeug für gesellschaftliche Debatten und die Informationen, die sie brauchen, um ihr Leben zu meistern. Natürlich machen sie dabei Fehler. Aber wer tut das nicht? Niemand käme auf die Idee, Krankenhäuser abzuschaffen, nur weil immer wieder Diagnosen falsch gestellt oder Patienten falsch behandelt werden. Aus solchen Missständen gilt es jedoch zu lernen und Verbesserungen abzuleiten.

Journalisten und ihr Publikum haben sich in der digitalen Welt entfremdet. Sie müssen wieder zusammenfinden. Und das muss sowohl digital als auch analog geschehen. Man muss sich auch persönlich begegnen und die Reporterin, den Redakteur, den Verfasser des Online-Kommentars oder die Lesermail-Schreiberin als Menschen erleben. Denn Vertrauen entsteht, wenn man sich kennenlernt und wenn man glaubt, sich aufeinander verlassen zu können. Wenn man die Stärken des anderen zu schätzen weiß, kann man ihm manche Schwäche nachsehen.

Dort, wo der Lokaljournalismus noch stark ist, besteht dieses Vertrauen. Aber der Lokaljournalismus insgesamt kränkelt, mancherorts liegt er auf der Intensivstation, anderswo hat er sich schon verabschiedet. In der Atemlosigkeit und Kakofonie des digitalen Kommunikationsraums ist der Kontakt zwischen Journalisten und ihrem Publikum abgerissen. Dort, wo Journalisten sich nur noch hinter Bildschirmen verschanzen, schnell zusammenklauben, was anderswo veröffentlicht wurde, und lediglich Suchmaschinenoptimierung betreiben, kann kein Vertrauen wachsen. Google hat vielerorts das Gespräch ersetzt. Doch nur, wenn miteinander gesprochen wird, entsteht Einfühlungsvermögen. Und ohne das gibt es kein Vertrauen.

Journalismus braucht also das Gespräch. Ja, Journalismus ist ein Gespräch. Und zum Gespräch gehört das Zuhören. Wenn Journalisten ihrem Publikum besser zuhören würden, aber auch das Publikum den Journalisten, wäre viel gewonnen. Denn beide stehen – so sollte es sein – auf derselben Seite. Es ist die Seite derer, die um ein besseres Leben für alle ringen. Die Seite der Mehrheit.