Textprojekte und Schreibaufgaben I: Räume, Zeiten und Begleitung des Schreibens
1. Tisch und Stuhl
Ich liebe
den Tisch der mich erwartet, auf dem alles
vorbereitet ist damit ich schreibe …6
Für die meisten Autorinnen und Autoren sind Schreibtisch und Stuhl das Zentrum ihrer Werkstatt. Dort beginnen sie regelmäßig von Neuem mit ihrer Arbeit.
Beide Möbel nehmen in den jeweiligen Schreibräumen eine besondere Stellung ein. Manchmal steht der Tisch vor einem Fenster oder einem Ausguck und erlaubt zusammen mit dem dahinter stehenden (hoffentlich bequemen) Stuhl den Blick nach draußen. In den Pausen und Unterbrechungen der Arbeit kann dieser Blick animierend oder beruhigend sein.
Andere Autoren empfinden bereits diesen kurzfristigen Blickkontakt mit der Außenwelt als starke Ablenkung. Sie rücken Tisch und Stuhl vor eine kahle Wand und wollen sich so eine dauerhafte, anhaltende Konzentration auf den Schreibfluss erhalten.
Wiederum andere geben Tisch und Stuhl, weitab von Fenster oder Wand, einen Platz in der Mitte des Raums. Dann gruppieren sich die anderen Möbel (Regale an der Wand, Schränke, vielleicht sogar eine Liege) um dieses Zentrum.
In jedem Fall aber führen Tisch und Stuhl das Regiment. Die entscheidenden Arbeitsprozesse werden durch ihre Benutzung organisiert. Fragt sich nur, wie genau das geschieht.
Im Zürcher Thomas-Mann-Archiv kann man heute den alten Mahagonischreibtisch Thomas Manns sehen, an dem er jahrzehntelang gearbeitet und der ihn durch seine gesamten Exiljahre begleitet hat. (Die Autorin Inge Jens hat über diesen Schreibtisch und seine Geschichte sogar ein eigenes Buch geschrieben.7) Es ist ein schweres Möbel mit einer großen Platte, auf dem nicht nur die Arbeitsgeräte, sondern auch Utensilien platziert waren, die Thomas Mann viel bedeuteten.
An den äußersten Rändern des Schreibtischs standen dicht nebeneinander kleine Antiken, eine Uhr, gerahmte Fotografien, eine Vase, ja sogar das Stück eines Elefantenstoßzahns. Beim morgendlichen Arbeitsbeginn mag der Blick des Schriftstellers diese kleine Galerie kurz gestreift und dabei ein angenehmes Empfinden der Rückkehr in einen vertrauten Raum erzeugt haben. Die auf dem Tisch platzierten Gegenstände waren libidinös besetzte Erinnerungsstücke, die von vergangenen Tagen und nahen Menschen erzählten.
Im Zentrum der Arbeitsplatte befanden sich dagegen die Geräte, die der eigentlichen Arbeit dienten: Federschalen, eine Leder-Schreibmappe, ein Notizblock und ein Umlegekalender. So bestand dieser Schreibtisch aus einer äußeren und einer inneren Zone: außen der Kranz naher Gegenstände, die Vertrautheit und Bindung signalisierten, innen die Arbeitsgeräte, die dazu dienten, der vergehenden Zeit eine neue Seite nach der andern abzutrotzen.
Manche Autorinnen und Autoren verlagern die geliebten Reliquien (Bilder, Fotos etc.) aber auch an die Wände des Arbeitszimmers und dekorieren es wie eine Erinnerungsinsel. Betreten sie das geschützte Eiland, sollen die Reliquien einen Zustand emotionaler Wärme schaffen, der die Angst vor dem »leeren Blatt« nimmt.
Nichts erscheint nämlich schwieriger als das »Anfangen«, viele schrecken davor zurück, als handelte es sich um einen Sprung in kaltes Wasser. Da sind Reliquien, Tisch und Stuhl von besonderer Bedeutung. Sie erscheinen wie eine Trias, in deren Mitte (am Tisch) die geheimnisvollen Schreibprozesse ihren Anfang nehmen. So kann der Tisch durchaus etwas Magisches haben: Er zieht an, er hält einen fürs Erste fest, er nimmt einen »in Beschlag«.
Der französische Schriftsteller Francis Ponge (1899–1988) hat dem Tisch eine eigene kleine Schrift gewidmet, in der er die Vorzüge und Besonderheiten dieses wichtigen Möbels wie die eines Lebewesens preist. So heißt es:
O Tisch, mein Sockel und mein Tröster, Tisch, der mich tröstet, wo ich Halt finde.8
Der Tisch als Stütze, als Auffangstation, als ein Körper, der einen zunächst einmal zur Ruhe kommen lässt, ist der erste Gegenstand, den man im Arbeitszimmer ansteuert. Hat man vor ihm Platz genommen, wird man weiter mit ihm Kontakt aufnehmen. Wie aber sieht es auf ihm aus? Karg, schlicht, vielleicht sogar ohne jedes ablenkende Utensil? Oder sind viele Arbeitsgeräte oder sonstige Gegenstände auf ihm verteilt, die während des Schreibens nach und nach zum Einsatz kommen?
Von Georges Perec (1936–1982) stammt die ausführlichste Beschreibung all jener Gegenstände, die auf dem Schreibtisch eines Schriftstellers liegen. Mehrmals hat er ein solches Stillleben entworfen und mit Akribie darüber nachgedacht, wann und warum bestimmte Gegenstände den Weg auf seinen Arbeitstisch finden und irgendwann wieder verschwinden:
Eine Lampe, eine Zigarettendose, eine Soliflor-Vase, ein Rauchverzehrer, eine Pappschachtel, die kleine, bunte Karteikarten enthält, ein großes Tintenfass aus Pappmaché mit Schildpattverzierungen, ein Bleistifthalter aus Glas, mehrere Steine, drei Dosen aus gedrechseltem Holz, ein Wecker, ein Schiebekalender, ein Bleiklumpen, eine große Zigarrenkiste …9
All diese vielen, irgendwann auf den Tisch gewanderten und dort oft lange aufbewahrten Dinge sind Begleitarmaturen des Schreibens. Sie können in bestimmten Momenten kleine Funktionen übernehmen, oder sie warten darauf, einmal kurz berührt und verschoben zu werden.
Libidinös besetzte Reliquien werden nur betrachtet, niemals aber angerührt. Die auf dem Tisch verstreut liegenden Gegenstände dagegen sind Rudimente des Alltags, die sich vor den Pforten des Schreibens anstellen. Irgendwann werden sie vielleicht eingelassen und kommen zum Zug. Oder sie werden, unversehens und plötzlich, abgeräumt und durch einen anderen Gegenstand ersetzt.
Im Grunde sind sie nur dazu da, etwas Leben auf den sonst kargen Schreibtisch zu zaubern. Sie nehmen ihm Strenge und Bedrohung und damit jene Eigenschaften, die er als karger Operationstisch des Schreibens betonen und später in gefährlichem Maß entwickeln oder verfeinern könnte.
■ Räumen Sie Ihren Schreibtisch komplett leer. Überlegen Sie dann genau, ob es wirklich der richtige Schreibtisch für Ihr eigenes Schreiben ist. Welchen Schreibtisch wünschen Sie sich?
■ Haben Sie sich für Ihren jetzigen oder einen neuen Schreibtisch entschieden, überlegen Sie weiter, wo genau Sie ihn postieren.
■ Bestücken Sie dann Ihren Schreibtisch mit Arbeitsgeräten, Gegenständen oder Reliquien und schreiben Sie einen kleinen Text (nach dem Vorbild von Georges Perec10), in dem Sie alles auflisten, was sich auf Ihrem Schreibtisch befindet.
Mein Schreibtisch steht nun in meinem neuen »Arbeitszimmer«; es ist ein schmaler 2m breiter Raum, 5m lang, Stuhl Bett Bank und Ofen. Das ist die neue Umgebung für meinen wechselvollen Kopf.11
Im idealen Fall stehen Tisch und Stuhl in einem Zimmer, das nur dem Schreiben vorbehalten ist. Dann werden sie oft durch weitere Möbel ergänzt. Es gibt Regale mit Büchern einer Arbeitsbibliothek, einen bequemen Stuhl oder Sessel für Lektüren oder sogar ein Sofa oder eine Liege, auf der man sich in den Schreibpausen ausruhen und erholen kann. Daneben vielleicht ein kleiner Tisch für Getränke – das ist schon viel, denn ein Schreibzimmer sollte keineswegs ein Wohnzimmer sein, sondern ein Raum, der nur dem Schreiben zuarbeitet.
Heutige Schreibräume von Autorinnen und Autoren ähneln noch immer den frühsten, die wir aus der Geschichte der Malerei kennen. Auf diesen Bildern sind oft schreibende, lesende oder studierende Heilige (wie etwa der heilige Hieronymus oder der heilige Augustinus) in ihren Studierzimmern dargestellt. Diese Räume wirken wie geschlossene, ganz auf die Schreibarbeit ausgerichtete Zellen, in denen jedes Detail eine Rolle im Schreib- und Studierprozess spielt.
Wir erkennen das Schreibpult, ein langes Bord mit Büchern, einen Lesestuhl und eine Lampe oder Leuchte – alles vollkommen schmucklos, damit der Blick der Schreibenden sich ausschließlich auf den Schreibprozess konzentriert. Oft stützen sie den Kopf auf oder beugen ihn tief über das Papier, sie sind erstarrt und nehmen nichts mehr wahr als die Bewegung der Feder oder des Stifts:
Ich mag das Schreiben, es ist so angenehm, die Tinte aufs Papier fließen zu lassen während das Schreiben vor sich geht.12
Die Fotografin Herlinde Koelbl hat über vierzig Arbeitszimmer von Schriftstellerinnen und Schriftstellern fotografiert und mit ihnen ausführliche Gespräche über ihr Arbeiten und Schreiben geführt. In dem großen, stattlichen Bildband findet man die ganze Bandbreite möglicher Konzeptionen der Werkstatt.13
Es beginnt mit Peter Handkes sehr kleinem Schreibtisch in einer Zimmerecke vor einem hellen Fenster, auf dem kaum mehr als ein paar Seiten Papier Platz haben. In diesem Fall ist der bewusst klein gewählte Schreibtisch die eigentliche Brennzone der Schrift. Andere Zonen, die das Schreiben vorbereiten, sind dann in ebenfalls zurückhaltendem Maß in der ganzen Wohnung verteilt.
Jurek Beckers Arbeitszimmer dagegen ist die typische Studierstube unter dem Dach. Es ist den anderen Zimmern im Haus entrückt, ein eigener, intimer Bereich, mit großer Bibliothek, Sitzsofa und schwerem Schreibtisch, an den ein kleinerer Ergänzungstisch mit Büchern und Schreibmaterialien angebaut ist. Die relativ große Bodenfläche bedeckt ein dunkler Teppich mit einfachen quadratischen Mustern, der zusätzlich Ruhe und Stille in den Raum bringt. Der schwere, leere Teppich, die am Rand postierten Möbel, das offene Dach – sie verleihen dem Zimmer klare und deutliche Konturen.
Ganz anders sieht es im Schreibraum Peter Bichsels aus. Auf den ersten Blick kann man keine Ordnungen oder voneinander getrennte Arbeitszonen erkennen. Der Raum ist vielmehr bis in den letzten Winkel vollgestellt. Es gibt vielerlei kleine Tische und Schränke, Regale, große Bilder an den Wänden sowie Blumen und Pflanzen in Fensternähe. Im ganzen Raum verteilt sind kleine Stöße von Zetteln und Papieren verschiedener Formate. Dieses Zimmer ist komplett zugewuchert, und erst nach einigem Hinschauen erkennt man in seiner Mitte einen kleinen Drehstuhl, auf dem sich Bichsel wie ein Regisseur jeweils den verschiedensten Zonen im Raum zuwenden kann.
Herlinde Koebl hat mithilfe ihrer Fotografien und Gespräche Arbeitsräume und -prozesse im Innern von Häusern dokumentiert. Natürlich kann es aber auch sein, dass sich das Schreiben nach draußen begibt. Der erste Schritt führt dann zu einem kleineren Nebenhaus oder -häuschen, in dem das Schreiben ungestört vom Haupthaus verlaufen kann.
In einem solchen Gartenhaus, das sich in einer Ecke seines Jenaer Gartens befand, arbeitete etwa Friedrich Schiller (1759–1805). Hierher zog er sich auch immer wieder zurück, als er längst in Weimar lebte. Das Gartenhaus war ein Ort extremer Isolation, an dem er mit keinem anderen Menschen mehr in Berührung kam:
Ich bin in den letzten drei Tagen ganz ungestört geblieben und dadurch auch in meiner Arbeit gefördert worden. Gegen das Tumultuarische in Weimar ist mein Aufenthalt im Garten doch ohne Vergleich ruhiger und der Arbeit günstiger.14
Andere Autoren haben noch etwas mehr Entfernung zwischen ihr Wohnhaus und ein Arbeitszimmer im Freien gelegt. So hat sich der Dichter Jean Paul (1763–1825) für sein unermüdliches, tägliches Schreiben immer wieder in nahe Gartenlauben oder geschützte Gartenhäuschen zurückgezogen. In seinen späten Bayreuther Jahren ist er sogar jeden Tag einige Kilometer hinaus zu der vor der Stadt gelegenen Rollwenzelei gewandert, wo er während der Arbeit von der Wirtin, Anna Dorothea Rollwenzel, mit allem Notwendigen versorgt wurde. Nach seinem Tod hat sie sich an die Riten ihrer Kontakte genau erinnert:
Wenn ich manchmal um zwei Uhr mit dem Essen fertig war und anklopfte und frug: Herr Legationsrath, befehlen Sie zu speisen? dann saß er da, die Augen roth und groß aus dem Kopfe herausstehend, und sah mich lange an, eh’ er sich besinnen konnte. Gute Rollwenzeln, sprach er dann, noch ein Stündchen.15
Eine andere Art der Entfernung vom Zuhause suchen jene Autoren, die sich am späten Morgen oder am Nachmittag in ein Caféhaus begeben, um dort einige Stunden zu lesen oder zu schreiben. Alfred Polgar (1873–1955) war ein solcher Caféhausliterat, der seinen Lesern einmal zu erklären versuchte, worin die Anziehungskraft eines solchen Etablissements bestand. Zu Hause, gestand er, ertrage er die Stille beim Schreiben ebenso wenig wie jedweden Lärm, der ihn vom Schreiben abhalte. Im Caféhaus aber gelinge es ihm, sich mitten im Lärm der Unterhaltungen eine Zone von Stille zu verschaffen, in der es sich angenehm lesen, schreiben, träumen lasse.16
So gesehen sind Schreibräume ideale Refugien unterschiedlicher Art. Sie können mitten im Wohnhaus, in seiner Nähe oder in einiger Entfernung von ihm untergebracht sein. Zentriert sind sie um Tisch und Stuhl, und eingerichtet sind sie, den unterschiedlichen Temperamenten der Schreibenden entsprechend, als dienliche Arbeitszonen nach den uralten Vorbildern strenger, asketischer Heiliger.
■ Denken Sie sich Ihr Arbeitszimmer komplett leer. Fertigen Sie dann eine Zeichnung an, auf der Sie die möglichen Einrichtungsgegenstände im Raum genau fixieren.
■ Notieren Sie, wo Sie zur Abwechslung weitere Arbeitsräume (außer denen in Ihrer Wohnung) auftun könnten, an denen sich ungestört arbeiten lässt.
■ Notieren Sie, welche Texte Sie zu Hause und welche Sie außer Haus schreiben wollen.
■ Denken Sie sich unterschiedliche Textgenres für die jeweiligen Schreibräume aus. Schreiben Sie in jedem Ihrer Schreibräume immer nur Texte eines bestimmten Genres.
3. Schreibzeiten, Stimulanzien und Ernährung
Kaffee wenig, zur Bekämpfung körperlicher Müdigkeit.
15 Cigaretten, abends etwas Alcohol. Musik, mittlere und schlechte, anregend. Viel lesen!17
Schreibtisch und Stuhl stehen in einem bestenfalls idealen Arbeitszimmer bereit. Nun kann das tägliche Schreiben beginnen. Dass an jedem Tag zumindest ein kleines Textkonvolut entstehen sollte, ist wichtig. Dabei muss man nicht immer einen Text mit literarischem Anspruch im Blick haben. Im Gegenteil, das Schreiben sollte zunächst lediglich im Fluss bleiben und geübt werden. Dafür, wie das gelingen kann, werden noch zahlreiche Vorschläge gemacht.
In diesem Kapitel soll zuvor darüber nachgedacht werden, zu welchen Zeiten man schreiben und wie man das Schreiben mit bestimmten Stimulanzien anregen könnte. Daneben ist natürlich auch von großer Bedeutung, was man während des Schreibens an Speisen und Getränken zu sich nimmt. Schreiben ist ein exzeptioneller, sich den üblichen Tagesrhythmen nicht von selbst anpassender Vorgang. Autorinnen und Autoren, die sich ganz dem Schreiben widmen, planen daher ihre Arbeitsprozesse detailliert.
Die unterschiedlichen Konzepte von Arbeitszeiten, Stimulanzien und Ernährung hat der französische Schriftsteller und Semiologe Roland Barthes (1915–1980) in seinen Vorlesungen über »Die Vorbereitung des Romans« anhand vieler Beispiele untersucht. Dabei hat ihn verblüfft, wie wenig solche Zeitplanungen und Begleitfaktoren des Schreibens bisher beachtet worden sind. Was er über die Ernährung sagt, trifft so auch auf die anderen Momente des Schreibens zu:
Sonderbar: Wir wissen kaum etwas über das Verhältnis der Schriftsteller zum Essen … Was aßen sie? Wie aßen sie? Im allgemeinen wissen wir es nicht oder nur ein bißchen …18
Was die Schreibzeiten betrifft, so könnte man von verschiedenen Phasen des Schreibens sprechen: vorbereitenden, anwärmenden, in Szene setzenden und vertiefenden. Solche unterschiedlichen Intensitätsstufen der Arbeit werden über den ganzen Tag oder die Nacht verteilt.
Viele Schriftsteller beginnen mit dem Schreiben frühmorgens, frühstücken wenig und machen sich stattdessen gleich an die ersten Arbeiten. Sie sichten und korrigieren, was sie am Tag zuvor geschrieben haben, sie nehmen Verbindung mit dem Text auf und skizzieren/notieren in wenigen Schritten den weiteren Verlauf. Eine solche Phase könnte man »vorbereitend« nennen.
Darauf folgt der Einstieg ins eigentliche Schreiben, der eine enge Verbindung zum bereits Geschriebenen herstellen muss. Die ersten hingeschriebenen Sätze »wärmen« den neu entstehenden Text an. Glückt das, stellt sich eine Sicherheit her, die den endgültigen Einstieg in den Text und die Anknüpfung an das in den vergangenen Tagen bereits Geschriebene bewirkt. Der neu hinzukommende Text »setzt sich in Szene«, breitet sich aus und wird in der Folge des weiteren Schreibens ausgebaut, entwickelt oder – mit anderen Worten – »vertieft«.
Die Schreibzeiten für Autorinnen und Autoren, die frühmorgens beginnen, bestehen meist aus zwei Einheiten, der »Eingewöhnungsphase« und der eigentlichen Schreibphase. Beide Phasen ziehen sich etwa bis zum Mittag hin, dann wird das Schreiben zugunsten einer nicht allzu schweren, sondern leichten Mahlzeit (beliebt sind Suppen oder Salate) unterbrochen.
Auf die Mahlzeit folgt die Phase einer »Befreiung« von der Schrift. Viele Autorinnen und Autoren ziehen sich zu einer kurzen Siesta zurück, lesen Zeitung oder gehen eine Weile spazieren. Dieser das Schreiben unterbrechende Spaziergang darf jedoch nicht allzu sehr ablenken, weswegen meist derselbe Gehweg mit denselben Stationen in einer fast auf die Minute gleichbleibenden Zeit gewählt wird. Auf keinen Fall länger als eine Stunde dauert ein solcher Gang, der sich ausschließlich in vertrautem Gelände bewegt. Er lädt das Schreiben neu auf, versorgt es aber nicht mit neuen Eindrücken.
Die Zahl der während des Schreibprozesses wirklich dienlichen Stimulanzien ist sehr begrenzt. Neben der regelmäßigem Zufuhr von frischem Wasser sind es noch immer die traditionellen: Kaffee, Tee oder Tabak (wobei Pfeife- und Zigarettenrauchen stark abgenommen haben).19 Während des Schreibens größere Mengen Alkohol zu trinken bringt das Schreiben sofort zum Erliegen. Dass Autoren häufig erhebliche Mengen trinken, hilft ihnen nicht beim eigentlichen Schreiben, sondern kann höchstens in Phasen des Träumens, Nachdenkens oder Sich-Wegdenkens außerhalb der eigentlichen Schreibprozesse Fantasien freisetzen. Der Dichter E. T. A. Hoffmann (1776–1822) hat in seinen »Kreisleriana« diese Unterscheidung gemacht: Er glaube nicht daran, dass Dichter oder Musiker mithilfe des Alkohols besser arbeiten könnten:
… aber gewiß ist es, daß eben in der glücklichen Stimmung, ich möchte sagen, in der glücklichen Constellation, wenn der Geist aus dem Brüten in das Schaffen übergeht, das geistige Getränk den regeren Umschwung der Ideen befördert. – Es ist gerade kein edles Bild, aber mir kommt die Fantasie hier vor, wie ein Mühlrad, welches der stärker anschwellende Strom schneller treibt – der Mensch gießt Wein auf, und das Getriebe im Innern dreht sich rascher!20
Dem folgend, kann man Stimulanzien unterscheiden, die während des eigentlichen Schreibens erfrischend (Wasser) oder belebend (Kaffee, Tee) eingreifen und solchen, die in den Phasen der Inspiration oder der Ideenproduktion für eine Ausdehnung und Beschleunigung des Beobachtungshorizonts sorgen (Wein, Bier). In jedem Fall aber werden die Letzteren erst spät am Tage und dann eingesetzt, wenn man nicht an den Schreibtisch und damit zum eigentlichen Schreiben zurückkehren will.
Haben Autorinnen und Autoren den gesamten Morgen mit solchem Schreiben verbracht, verwenden sie die übrigen Tageszeiten oft für alltäglichere Schreibarbeiten (Mails, Briefe, Erledigungen), vertiefen sich in Zeitschriften und Bücher oder widmen ihre Zeit Treffen und Unterhaltungen mit Freundinnen und Freunden. Solche Begegnungen (ausgedehnt auf Theater-, Kino- oder Konzertbesuche) ziehen sich oft bis in die Nacht hin.
Daneben gibt es ein Gros ganz anderer Autorinnen und Autoren, die erst mitten in der Nacht mit dem eigentlichen Schreiben beginnen. Die Tagesaktivitäten liegen hinter ihnen, die Welt beruhigt sich, die Geräusche werden leiser – die Stunden kurz vor Mitternacht sind die Einstiegsstunden ins Schreiben, das sich dann bis zum frühen Morgen hinziehen kann. Darauf wird bis zum Mittag geschlafen und der Tag mit einer kräftigen Mahlzeit begonnen. So eine stärkende Mahlzeit gönnen sich die Frühaufsteher dagegen meist erst am Abend. Sie lassen den Tag mit kleinen Freuden ausklingen, in der Erwartung, dass solche Abwechslungen das frisch ansetzende Schreiben am nächsten frühen Morgen befördern und erneut wieder in Gang setzen.
■ Entwerfen Sie einen detaillierten Zeitplan für Ihr Schreiben: Zu welcher Tagesstunde wollen Sie anfangen, wann unterbrechen, wann (welche) Mahlzeiten zu sich nehmen?
■ Legen Sie aufgrund dieses allgemein gehaltenen Zeitplans an jedem Tag aufs Neue fest, wann Sie essen, sich ausruhen, spazieren gehen, lesen oder sich (mit Freunden oder Bekannten?) ablenken wollen!
■ Versuchen Sie, sich zumindest einige Tage lang stur an diesen Plan zu halten. Korrigieren Sie ihn entsprechend den Erfahrungen, die Sie damit gemacht haben.
4. Schreibgeräte und Schreibwaren
Der Computer schreibt für mich erst, wenn ich geschrieben habe – so halte ich ihn mir auf Distanz.21
Einige Voraussetzungen des eigentlichen Schreibens sind bereits durchdacht und geklärt. Als Nächstes sollen die unterschiedlichen Schreibgeräte und Schreibutensilien in den Blick rücken. Auch hier sollte man sich persönlich entscheiden, welche man für welche Zwecke benutzen und einsetzen möchte. Dazu muss man sich die besonderen Eigenschaften der Geräte und des Schreibmaterials vor Augen führen. Man sollte sich einen Überblick verschaffen und nicht vorschnell behaupten, die vertrauten Sachen schon gut genug zu kennen.
Im Prestel Verlag ist vor Kurzem ein Buch erschienen, das historische Rückblicke auf Schreibwaren mit der Präsentation von besonders qualitätvollen einzelnen Waren verbindet. Es macht große Lust darauf, sich nicht mit der erstbesten Billigware zu begnügen, sondern sich mit jenen Produkten vertraut zu machen, die sorgfältig entwickelt wurden und dazu beitragen, das Schreiben sowohl schön als auch bequem zu gestalten.22
Die Kapitel über den guten, alten Bleistift etwa warten nicht nur mit Daten und Fakten über die Entdeckung des Grafits auf, sondern überraschen auch mit Hinweisen etwa auf all die Stoffe, aus denen heutige Bleistiftminen bestehen: aus dem bekannten Grafit natürlich, aber auch aus Ton, Gummi und Wasser. Der Holzkörper könnte aus Zedern- oder Pinienholz bestehen und der Metallring aus Messing oder Aluminium.
Schon diese Angaben wecken neues Interesse für das alte Schreibgerät. Es steigert sich noch, wenn die Klassiker der Bleistiftproduktion – wie etwa der Blackwing 602 – vorgestellt werden. Der Autor John Steinbeck (1902–1968) hat ihn schon früh getestet und sich danach geschworen, nie mehr eine andere Marke zu benutzen: »Ich habe eine neue Art von Bleistift entdeckt – der beste, den ich je hatte. Er kostet zwar auch dreimal so viel, aber er ist schwarz und sanft und bricht nicht. Ich glaube, die werde ich nun immer benutzen. Sie heißen Blackwings und gleiten förmlich über das Papier …«23
Das von Steinbeck beobachtete Gleiten des Stifts über das Papier entstand durch eine besondere Mischung von Wachs, Grafit und Ton in den Minen. Sie bewirkte, dass die Hand mit erheblich geringerem Druck als sonst und damit in doppelter Geschwindigkeit schreiben konnte.
Zum Bleistift gehören natürlich auch die Spitzer und Radierer. Der englische Autor David Rees hat ein ganzes Buch über »Die Kunst, einen Bleistift zu spitzen« geschrieben. Im ersten Kapitel packt er seine Ausrüstung in einen Werkzeugkoffer: Arbeitskittel, Taschenmesser, Pinzetten, Behälter für Spitzabfälle, Einklingenspitzer, Handspitzer, Kurbelspitzer, Schleifpapier, Plastikröhrchen und anderes mehr.
Im zweiten Kapitel verblüfft er dann mit der »Anatomie eines HB-Bleistifts«, die einen in mehreren Schritten mit all den Details vertraut macht, die man zuvor noch nie so genau beobachtet hat: Spitze, Kegel, oberer und unterer Kragenrand, Schaft, Hülse. Spitzt man fehlerhaft, kann das zu einer unregelmäßigen Minenspitze, einem unregelmäßigen oberen oder unteren Kragenrand, einem kriechenden Kragen oder (ganz schlimm) zu einem kopflosen Reiter führen. Kurze Lockerungsübungen unterbrechen im dritten Kapitel die Arbeit, bevor es im vierten dann um den Einsatz guter Taschenmesser beim Spitzen geht.24
Und wie funktionieren eigentlich die kleinen Radierer?
Der Bleistift gibt Grafitteilchen ab, die sich in den Fasern des Papiers festsetzen, insbesondere, wenn Druck angewandt wird. Radiergummis bestehen aus Polymeren, die klebriger sind als Papierfasern und dadurch die Grafitpartikel aus dem Papier »absaugen«.25
Mit welchen Radierern aber wollen wir nun konkret arbeiten? Mit einem Vinyl- oder Knetradierer, mit einem Glasfaserradierer oder mit Radierstiften? Und was ist mit Tintenkillern wie dem »Super Pirat« der Firma Pelikan oder dem »Replay Pen« von Paper Mate, dessen Schriftzeichen man bis zu 24 Stunden nach der Niederschrift mit seinem schwarzen, kleinen Radiergummi an der Kappe wegradieren kann?
Womit wir bei den Füllern (wie dem Montblanc oder dem Parker), den Kugelschreibern und Tintenrollern wären. Sind diese Stifte etwa miteinander verwandt? Der Tintenroller, heißt es, kombiniere den Schreibkomfort des Kugelschreibers mit dem Tinteneffekt des Füllfederhalters. Und weiter:
Kugelschreiber funktionieren mit zähflüssiger, ölbasierter Schreibpaste, Tintenroller dagegen mit dünnflüssiger, wasserbasierter Tinte.26
All diese Informationen sorgen, verbunden mit der Erläuterung der besten Fabrikate, für das neu zu belebende Interesse am Einsatz der alten Geräte. Staunend begreift man die spezifischen Details der Herstellung und überlegt, zu welchen Leistungen sie jeweils führen.
Um diese beiden Perspektiven ins Literarische zu verlängern, taugt als ideale Ergänzung ein Buch von Evelyne Polt-Heinzl.27 Mit seiner Hilfe kann man sich in die literarische Geschichte der Schreibgeräte vertiefen und nachlesen, wie und warum bestimmte Autorinnen und Autoren unterschiedliche Schreibgeräte benutzt und welche Erfahrungen sie mit ihnen gemacht haben.
Es geht um die besonderen Signaturen der Handschrift, um die Schreibhand und die Spur des Schreibers, um die Dezenz des Bleistifts, um Federn und Füller, Tintenspuren und schließlich um Schreibmaschinen.
Auch wenn man zum großen Teil längst Laptops und andere elektronische Geräte zum Schreiben benutzt, sollte man sich mit den alten Geräten und Utensilien vertraut machen und ihnen bestimmte Bereiche des Schreibens vorbehalten. Sie sind einfach zugänglich, praktisch und von oft großer handwerklicher Schönheit. Und sie tragen dazu bei, dass wir das Schreiben mit der Hand nicht verlernen, sondern mit viel Leidenschaft weiterentwickeln. Vor dem Verlust dieser Fähigkeit warnen erfahrene Pädagogen mit Vehemenz. Ihre Argumente sind überzeugend und sollten in den Lehrplänen der Schulen berücksichtigt werden.28
Aber auch wenn man diesen pädagogischen Argumenten nicht folgen will, lässt sich das Schreiben mit der Hand gut rechtfertigen: Es ist die elementarste, individuellste und damit schönste Form einer persönlichen Zeichensprache, die sich der kundigen Benutzung alter Instrumente der Schrift verdankt.
■ Testen Sie in Schreibwarenläden und Fachgeschäften die in diesem Kapitel genannten Schreibgeräte und Schreibutensilien. Stellen Sie eine kleine Sammlung von Lieblingsgeräten zusammen, die Sie immer mit sich führen.
■ Notieren Sie, welche Schreibgeräte und Schreibutensilien bei welchen Gelegenheiten zum Einsatz kommen sollten.
■ Entwickeln Sie eine besondere Leidenschaft für Schreibwarenhandlungen. Informieren Sie sich im Internet, wo es außergewöhnliche gibt, und machen Sie deren Besuch zu einem Bestandteil Ihrer Reisepläne.
5. Das Ensemble des Schreibens
Ein Blatt Papier kann kalkweiß oder schneeweiß, kreideweiß oder lilienweiß, doverweiß oder indischweiß sein; auf glattem Perlweiß, das freundlich glänzt, schreibt es sich anders als auf rauhem Recyclingweiß, das immer so herausfordernd grämlich ist.29
Nach den Schreibgeräten und Schreibutensilien geht es im letzten Kapitel dieser »vorbereitenden Studien« um das Papier, auf das man schreibt, und die Zettel, Hefte, Skizzen- und Notizbücher, die das »Ensemble des Schreibens« bilden.
Wie bedeutsam das richtige Papier für das jeweilige Schreiben einmal war, kann man an Friedrich Schillers Papierbestellungen im Jahr 1799 gut erkennen. Damals ließ er sich 400 Bogen »Stitzerbacher Schreibe Pappier«, 24 Bogen »blaues vom selben« und 200 Bogen holländisches Briefpapier schicken. Holländisches und englisches Velinpapier waren besonders gefragt, weil seine Oberfläche besonders gleichmäßig und glatt war.30
Unterschiedliches Papier kam also für unterschiedliche Zwecke zum Einsatz. Billiges, einfaches Papier kaufte Schiller am Wohnort und verwendete es für die ersten Skizzen und Anläufe zu seinen Werken. Besseres, aus der Ferne geliefertes Papier wurde für die Reinschrift von Texten verwendet. Teures holländisches Papier wiederum kam bei längeren Briefen zum Einsatz.
Heutzutage kann man bereits in jeder mittelgroßen Stadt eine Papeterie entdecken, in der die verschiedensten Papierqualitäten und -formate angeboten werden. Man sollte auch sie sorgfältig testen und sich fragen, welche Schreibgeräte auf welchem Papier besonders gut zum Einsatz kommen. Das muss man ausprobieren und je nach eigenem Geschmack eine Papier-Kollektion anlegen, auf die man jederzeit zurückgreifen kann:
Gegenüber den auf ihm verewigten Inhalten nimmt sich Papier gern zurück, doch es ist nie neutral. Es hat sein eigenes Aussehen, sein spezifisches Gewicht, seine Oberfläche, seine Farbe und seinen Geruch. Die Liebe zum Papier ist vielen berufsmäßigen Schreibern eigen …31
Einzelne Papierseiten und Papierstöße unterschiedlicher Formate wird man ganz in der Nähe des Schreibtischs aufbewahren. Auf ihnen werden Ideen notiert, Listen angelegt, Gedankenführungen skizziert, Nachrichten fixiert, oder es wird darauf einfach nur etwas aufgeschrieben, das einem gerade durch den Kopf geht und an das man sich erinnern möchte.
Wichtig ist, dass man die mehr oder minder vollgeschriebenen Seiten trennt und je nach Inhalt ordnet. So könnte es einen Stapel mit Listen, einen mit Nachrichten oder einen mit krudem Durcheinander geben. Beschreibt man die Seiten nur auf der Vorderseite, kann man einfacher und ohne laufend zu blättern, mit ihnen arbeiten. Beim erneuten Daraufschauen erkennt man sofort, worum es geht. Außerdem kann man solche Seiten später leicht in größere Skizzenbücher oder Alben einkleben, die dann die Papiere eines bestimmten Themas über einen längeren Zeitraum aufnehmen würden.
Neben einzelnen Seiten Papier könnten aber auch preiswertere Notizblöcke oder Notizbücher zum Einsatz kommen. Worin besteht hier der Unterschied?
Wie der Name schon sagt, ist ein Notizbuch ein kleines Buch mit leeren, manchmal linierten Seiten, IN das man seine Notizen schreibt, während ein Notizblock aus einzelnen, meistens am oberen Rand geleimten Blättern besteht, AUF die man seine Notizen schreibt. Ein Notizbuch dient dazu, alle wichtigen Aufzeichnungen an einem Ort zu sammeln, während ein Block eher wie eine lose Sammlung ist, von der auch mal ein Blatt abgerissen wird. Daher sind Notizbücher wie Bücher links gebunden, Blöcke werden dagegen in der Regel am oberen Bildrand geleimt, was das Abreißen einzelner Blätter erleichtert.32
Notizblöcke unterschiedlichster Größe sollte man stets mit sich führen, wenn man unterwegs ist und etwas festhalten möchte. Notizbücher dagegen dienen der Sammlung von Notizen bestimmten Inhalts. Man sollte sich daher genau überlegen, welchem Thema man ein Notizbuch widmet, sofern man es nicht einfach zu einer Art »Sudelbuch« erklärt, in dem alles Aufnahme findet, was einen gerade beschäftigt.
Das im Vergleich zum Notizbuch noch größere Skizzenbuch könnte ein Werkstatt-Buch sein. In ein solches Buch klebt man alle Notizen und all das Bildmaterial ein, das man für ein bestimmtes Schreibprojekt sammelt. Auf diese Weise erzählt es die Entstehungsgeschichte einer längeren Erzählung oder gar eines Romans, von den ersten, handschriftlich fixierten, noch flüchtigen Ideen über die Anlage von Figuren und Handlung, die Einbeziehung von Räumen bis hin zur Durchführung und Zuspitzung der Handlungsmotive.33
Sammelt das Skizzenbuch alle Einträge und Begleitmaterialien (Fotos, Bilder, Raumskizzen etc.) zu einem Schreibprojekt, so bietet ein Album die Möglichkeit, Notizen und weiteres Material in zeitlicher Folge und buntem Durcheinander festzuhalten. Auf diese Weise könnte es bestimmte Phasen des eigenen Lebens abbilden, indem auf seinen Seiten all jene kulturellen Erregungsimpulse (vom Sport über den Film bis zu Mode und Gastronomie) gespeichert und abgebildet erscheinen, die einem einmal »ins Auge gefallen« sind.
Da Skizzenbücher und Alben viel Material enthalten, das auf ihre relativ schweren Seiten geklebt wurde, sollte man keine fest gebundenen, sondern solche mit Spiralbindung kaufen. Fest gebundene Exemplare platzen oder springen wegen des eingeklebten Materials irgendwann auseinander, solche mit Spiralbindung dagegen haben genug Luft, um viel fremdes Material aufzunehmen.
Bleiben schließlich nur noch die kleineren Hilfsmittel: ein Kalender, in den man die Termine eines Tages und die der Zukunft eintragen kann – und ein Adressbuch34, in das man nicht nur Adressen von Freunden und Bekannten einträgt, sondern auch, wann man sie zum letzten Mal (auf welche Weise) kontaktiert hat.
Natürlich lassen sich Kalendereintragungen und Adressen digital speichern und verwalten. Handschriftlich notiert sehen sie aber einfach anregender aus: als sollte man »Hand an sie legen« und als warteten sie darauf, dass man mit ihnen so umgeht und sie so weiterspinnt, als wären sie »kreatives Material«.
Man könnte solche Eintragungen auch in analoger und digitaler Form fixieren. Um in Ruhe zu beobachten, welche Form mit der Zeit welche Ergebnisse und Fortsetzungen hervorbringt …
■ Forschen Sie in Papeterien nach den unterschiedlichsten Papierformaten und Papierqualitäten und legen Sie eine Kollektion kleiner Papierstöße für unterschiedliche Schreibgeräte und Zwecke an.
■ Wählen Sie Notizblöcke und Notizbücher für Ihre Aufzeichnungen im Arbeitszimmer und für unterwegs aus.
■ Legen Sie eine Liste von Motiven oder Themen an, über die Sie jeweils ein Notizbuch führen wollen.
6 Francis Ponge: Der Tisch, S. 19.
7 Inge Jens: Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt.
8 Francis Ponge: Der Tisch, S. 39.
9 Georges Perec: Tisch-Ordnungen, S. 51.
10 Georges Perec: Tisch-Ordnungen, S. 54–62.
11 Hans Henny Jahnn, zitiert nach: Marbacher Magazin 74/1996, S. 62.
12 Gertrude Stein, zitiert nach: Der (bisweilen) leere Stuhl, ohne Seitenzählung.
13 Herlinde Koelbl: Im Schreiben zu Haus.
14 Friedrich Schiller, zitiert nach: Marbacher Magazin 74/1996, S. 27.
15 Anna Dorothea Rollwenzel, zitiert nach: Marbacher Magazin 74/1996, S. 32.
16 Alfred Polgar, in: Marbacher Magazin, 74/1996, S. 113.
17 Gottfried Benn, zitiert nach: Marbacher Magazin 72/1995, S. 49.
18 Roland Barthes: Die Vorbereitung des Romans, S. 348.
19 Vgl. Wolfgang Schivelbusch: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft.
20 E.T.A. Hoffmann, zitiert nach: Marbacher Magazin 72/1995, S. 63.
21 Peter Härtling, in: Marbacher Magazin 69/1994, S. 75.
22 John Z. Komurki: Schreibwaren. Die Rückkehr von Stift und Papier.
23 John Steinbeck, zitiert nach: Schreibwaren, S. 23.
24 David Rees: Die Kunst, einen Bleistift zu spitzen.
25 John Z. Komurki, in: Schreibwaren, S. 73.
26 John Z. Komurki, in: Schreibwaren, S. 103.
27 Evelyne Polt-Heinzl: Ich hör’ dich schreiben.
28 Vgl. Maria Anna Schulze Brüning/Stephan Clauss: Wer nicht schreibt, bleibt dumm.
29 Ludwig Harig, in: Marbacher Magazin 68/1994, S. 5.
30 Evelyne Polt-Heinzl: Ich hör’ dich schreiben, S. 40 f.
31 Evelyne Polt-Heinzl: Ich hör’ dich schreiben, S. 42.
32 John Z. Komurki, in: Schreibwaren, S. 118.
33 Vgl. Hanns-Josef Ortheil/Klaus Siblewski: Wie Romane entstehen.
34 Vgl. Walter Benjamin – das Adressbuch des Exils 1933–1940.