Kleopatras jüngere Schwester mag als Erste in Rom eingetroffen sein, doch die Umstände ihrer Ankunft unterschieden sich sehr von denen, als Kleopatra nach Rom kam. Arsinoë, die ein paar Monate lang als Königin von Ägypten regiert hatte, wurde als Gefangene nach Rom gebracht, und Kleopatra als Ehrengast des mächtigsten Mannes der Stadt, des Vaters ihres kleinen Sohns, des siegreichen Feldherrn Julius Caesar.
Im Gegensatz zum geometrisch durchgeplanten Alexandria war Rom ein schmutziger Wirrwarr aus verwinkelten Gassen, wo reiche Villen neben Tempeln standen, zwischen Gebäuden eingepferchte Aquädukte zu überfüllten Plätzen führten, wo Geschäfte, Bars und Slums wahllos über die siegen Hügel verteilt waren. Als das königlich-ägyptische Gefolge eingetroffen war, residierte es jenseits des Tiber und der eigentlichen Stadt in Trastevere, in einer der begrünten Villen Caesars. Caesar selbst wohnte anderswo, mit seiner Ehefrau, und die Wohnung, die er für seine Gäste ausgewählt hatte, war abgelegen genug, um ihn vor einem Skandal zu bewahren, aber nahe genug an der Stadt, um unkomplizierte Treffen zu ermöglichen.
Es könnte sein, dass Kleopatra gar nicht zum ersten Mal in der Hauptstadt des Römischen Reichs war. Neun Jahre zuvor, im 55 v. Chr., begleitete sie eventuell ihren Vater, den „Flötenspieler“, als er ins Exil nach Rom ging. Wenn dem so ist, dann hätte sie, ironischerweise, in der (bekanntlich mit den Schnäbeln von gekaperten Kriegsschiffen geschmückten) Villa des Pompeius, des Patrons ihres Vaters, gewohnt – des größten Rivalen ihres Geliebten Caesar.
Jetzt, im Jahr 46 v. Chr., wurde Kleopatra nicht nur von ihrem jungen Ehemann/Bruder, Ptolemaios XIV., begleitet, sondern sie hatte auch ihren kleinen Sohn dabei (der später den Namen Caesar Ptolemaios erhielt, aber momentan von den Alexandrinern „Kaisarion“ genannt wurde). Mit ihr kam auch eine große Menagerie von Höflingen und Dienern, Priestern und Beratern, Eunuchen, Ankleidern, Zugehfrauen, daneben vielleicht einige schlaue Köpfe aus dem Museion und (zweifellos) eine hochkarätige Handelsdelegation.
Ägypten war nach Rom gekommen, aber um die genaue Beziehung zwischen den beiden Supermächten zu definieren, bedurfte es geschickter Verhandlungen, wenn nicht Gratwanderungen. Sueton berichtet, dass Caesar Kleopatra nach Rom bestellte, aber er sagt nicht, warum.31 Es wird kaum aus rein sentimentalen Gründen gewesen sein. Obwohl Caesar keinen anderen Sohn hatte und offen bekannte, der Vater von Kleopatras Kind zu sein, ließ es das römische Recht nicht zu, dass er Kaisarion zu seinem Erben machte. Und auch politisch war es nicht gerade opportun, seine Beziehung mit der ägyptischen Königin allzu offen zur Schau zu stellen.
Es könnte eher so sein, dass Caesar Kleopatras Kompliment, das nun 18 Monate zurücklag, zurückgeben wollte. Damals hatte man ihm den Reichtum Ägyptens gezeigt. Jetzt zeigte er Kleopatra die Macht Roms. Kleopatras erster Besuch im Herzen des Römischen Reichs als ägyptische Königin war so getimt, dass er mit der vielleicht größten Demonstration purer Kraft zusammenfiel, die die Stadt und ihr führender Bürger jemals erleben sollten: vier Triumphzüge innerhalb weniger Tage, vier Prozessionen durch die Straßen Roms nach vier Siegen über vier der mächtigsten Völker der Antike. Was das Ganze für Kleopatra zur einer eher zweischneidigen Angelegenheit machte, war, dass eines dieser Völker die Ägypter waren.
Elefanten ziehen einen Wagen, auf dem ein siegreicher Jupiter fährt, gekrönt durch eine geflügelte Victoria, Silberdenar, Rom, 125 v, Chr. Durchmesser 1,65 cm. British Museum, 1904,0204,36.
Falls jemand vom alexandrinischen Gefolge, das jenseits des Tiber hauste, nicht wusste, was ein römischer Triumphzug war, dann hätten Caesars Haussklaven ihn ohne Zweifel gerne aufgeklärt. Es war, wie er dann erfahren hätte, eine uralte, aber sich ständig verändernde Institution, die, wie einige glaubten, seit Gründung der Stadt existierte. Ein Triumphzug feierte zugleich den Sieg über ein unterjochtes Volk und den Feldherrn, der diesen Sieg errungen hatte. Dabei wurden Gefangene und Kriegsbeute ins Herz von Rom gebracht und vorgeführt, vor dem Wagen, auf dem der Feldherr paradierte, und der Klang der genagelten Stiefel auf dem Pflaster erklang, als hinter ihm seine stolzen Legionen stolzierten.
Während die Prozession sich zum Kapitol, dem religiösen Zentrum des Reichs, hinaufschlängelte, wo der Tempel des Jupiter Optimus Maximus („der Größte und Beste“) über der Stadt aufragte, war der Straßenrand von Zuschauern gesäumt, einige beobachten ihn von eigens gezimmerten Tribünen, und die Leute bestaunten diese überdeutliche Demonstration der unanfechtbaren Macht Roms. Was die Triumphzüge Caesars so besonders machte, war, dass es so viele von ihnen gab und dass sie seine Vorherrschaft über drei Kontinente markierten: Europa, Asien und Afrika.
Der erste dieser Triumphzüge, am 21. September 46 v. Chr., feierte Caesars Eroberung Galliens und seine Siege in Großbritannien. Zwar hatte der Feldherr auf diesen Tag sechs Jahre gewartet, aber ebenso ein besiegter gallischer Stammesfürst, der imposante Vercingetorix, der jetzt in Ketten vor Caesars Wagen laufen musste. Als seine Festung bei Alesia kurz vorm Hungertod stand, hatte sich Vercingetorix den ihn belagernden Römern im Jahre 52 v. Chr. ergeben müssen. Seitdem hatte er im Kerker auf diese seine letzten Stunden gewartet.
Trotz der rituellen Demütigung, die Vercingetorix zu erleiden hatte, muss er wenigstens einen kurzen Moment ironischer Befriedigung erlebt haben. Während der Prozession
erlitt Caesar ein schlechtes Omen. Als er den Fortunatempel erreichte, brach die Achse seines Triumphwagens, und er musste den Rest des Zuges auf einem anderen Fahrzeug zurücklegen.32
Für die äußerst abergläubischen Römer war dies ein ernster Vorfall. 15 Jahre zuvor war auch Pompeius gezwungen gewesen, den Triumphwagen zu wechseln. Zugegeben, damals hatte der Veranstalter seine Hausaufgaben nicht gemacht. Um größtmögliche Wirkung zu erzielen, hatte Pompeius angeordnet, dass sein Wagen von Elefanten gezogen würde. Und als die Elefanten beim Versuch, einen Torbogen zu passieren, stecken blieben, musste Pompeius auf ein konventionelleres Verkehrsmittel umsteigen. Das zumindest sprach für menschliches Versagen. Ein Achsenbruch gegenüber dem Tempel der Schicksalsgöttin ließ hingegen vermuten, dass eine göttliche Hand im Spiel war.
Der Rest des Triumphzugs ging reibungslos über die Bühne. Von seinem neuen, intakten Wagen aus, der von vier Schimmeln gezogen wurde, konnte Caesar vor sich die Reihen der Gefangenen sehen; viele konnten nicht selbst laufen und kauerten sich in ihren Ketten auf Bahren zusammen, die in Schulterhöhe getragen wurden, damit die Menschenmenge sie sehen konnte. Dazwischen wurden Wagen gezogen mit Darstellungen der Orte, die er eingenommen hatte, der Festungen, die er zerstört hatte – eventuell Modelle, vielleicht auch Gemälde. Massive Plakate ragten in die Höhe und zeigten die Namen von eroberten Städten und die düsteren Statistiken des Kriegs: eine Million Gallier getötet, eine weitere Million versklavt. Während der siegreiche Feldherr von seinem Wagen herabstieg und in einer rituellen Verbeugung auf den Knien die Stufen des Kapitoltempels erklomm, wurde Vercingetorix weggeführt und erwürgt.
Ob Kleopatra den Triumph mit eigenen Augen sah oder sich von Leuten, die dabei gewesen waren, nur darüber berichten ließ, wissen wir nicht. Auch können wir uns nicht wirklich vorstellen, was in ihr vorging, als ein paar Tage später die zweite Prozession stattfand. Diese wurde zu Ehren von Caesars Triumph über Ägypten abgehalten, es war seine Siegesfeier für den Krieg in Alexandria. Für das einheimische Publikum in Rom muss dieser Sieg etwas ganz Besonderes gewesen sein. Hier konnten sie einmal die exotischen Wunder eines weit entfernten Landes ganz aus der Nähe betrachten. Dieser Triumphzug rechtfertigte die langen Monate, die Caesar am Nil verbracht hatte. Aber für die Alexandriner und vor allem für Kleopatra sahen die Dinge ganz anders aus. Caesar hatte, so könnten sie argumentiert haben, auf einer Seite eines ägyptischen Bürgerkriegs gekämpft. Er hatte den Anspruch der legitimen Herrscherin, Kleopatra, auf ihren Thron bestätigt. Er war von ihr unterhalten worden und hatte großzügige Gastfreundschaft erfahren. Ägypten blieb, zumindest dem Namen nach, eine unabhängige Nation. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass der Historiker Appian diese Prozession als „eine Art Triumph“ bezeichnet.
Was führte man dann aber bei dieser Gelegenheit durch die Straßen? Sicherlich keine Beutestücke. Es ist unwahrscheinlich, dass Caesar den königlichen Palast oder das Museion oder die Bibliothek von Alexandria oder eine der antiken Stätten Ägyptens ihrer Reichtümer beraubt hätte. Vielleicht war das Geld, das man durch die Straßen karrte, das zurückgezahlte Darlehen an Ptolemaios, den „Flötenspieler“, auch wenn es keine Aufzeichnungen darüber gibt, dass dies gezeigt wurde. Stattdessen hören wir von Wagen, die eine Statue des Nil als Flussgott trugen und ein Modell des Leuchtturms Pharos, komplett mit echtem Feuer – Gegenstände, die nahelegen könnten, dass Caesar diesen Triumph verwendete, um den Einfallsreichtum der Erfinder zu demonstrieren, die im Museion wirkten; Gegenstücke viel weiterreichender Innovationen, die er auch jetzt noch von Alexandria aus in Rom einführen wollte.
Aber die Menschen und Häftlinge spielten auch eine Rolle. Die Trompeten schmetterten und die Menschenmassen bejubelten die Bildnisse des toten Achillas und des abgeschlachteten Pothinos, während vor Caesars vier weißen Hengsten Ganymedes paradiert haben mag, der besiegte Führer der Alexandriner, der einst versucht hatte, das Trinkwasser des Palastes zu verunreinigen.33 Doch es war nicht der Eunuch, der die Blicke der Menschen auf sich zog. Es war Arsinoë. Und die Anwesenheit dieser Frau, des Spiegelbilds der rätselhaften und verführerischen Kleopatra, verstörte sie.
Der Anblick von Arsinoë, einer Frau, die wie eine Königin verehrt wurde, in Ketten, weckte enormes Mitleid – so etwas hatte man noch nie gesehen, zumal in Rom.34
Das war nicht die Reaktion, die Caesar erwartet hatte. Die ausgelassenen Verse seiner siegreichen Legionen, die ihre frechen Lieder von Caesars Liebe zu Kleopatra sangen, vergaß Rom bald, aber der schale Beigeschmack des Anblicks der gefangenen Königin verschwand nicht so schnell aus dem kollektiven Gedächtnis. Nach dem Triumphzug wurden Arsinoë die Ketten abgenommen, und man schickte sie nach Ephesos, wo sie im berühmten Tempel der Artemis diente (wie der Leuchtturm ihrer Heimatstadt Alexandria eines der Sieben Weltwunder der Antike). Doch auch hier bekam man ihre Präsenz zu spüren, ihre Rivalität mit Kleopatra sollte niemals enden.
Bis zum 2. Oktober war das Quartett der Triumphzüge abgeschlossen. Beim dritten, der seinen schnellen Sieg im Krieg über Pontus feierte, den Caesar nach dem Verlassen Alexandrias im Jahre 48 v. Chr. errungen hatte, erlangte der Spruch auf einem Plakat große Berühmtheit. Er rühmte den schnellen Erfolg in drei kurzen Worten: veni, vidi, vici („Ich kam, sah und siegte. “). Beim vierten Triumphzug, für seine späteren Kriege in Afrika, wo er viele der verbliebenen Anhänger des Pompeius zur Strecke gebracht hatte (47/46 v. Chr.), präsentierte er nicht nur den kleinen Sohn des feindlichen Königs Juba, sondern
verschiedene Bilder, die zeigten, was geschehen war, sowie die daran beteiligten Personen. Nur Pompeius fehlte. Er hatte beschlossen, ihn nicht zu zeigen, da manche Menschen immer noch um ihn trauerten. Obwohl sie eingeschüchtert waren, stöhnten die Leute auf bei den Katastrophen, die ihre eigenen Landsmänner erlitten hatten, und vor allem, als sie [Bilder davon] sahen, wie Befehlshaber Lucius Scipio sich in die Brust stach und ins Meer stürzte, wie Petreius beim Bankett Selbstmord beging und wie Cato sich selbst zerriss wie eine wilde Bestie.35
Doch nicht nur Paraden prägten diese außergewöhnlichen elf Tage im Frühherbst 46 v. Chr. Üppige Bankette wurden abgehalten, wobei an die Armen in der Stadt Lebensmittel verteilt wurden, während die Reichen Neunaugen verspeisten und mit feinstem Wein hinunterspülten.36 Theateraufführungen in einer Vielzahl von Sprachen fanden statt, pseudoantike trojanische Spiele wurden inszeniert, und man verteilte großzügige Geldgeschenke an Veteranen und Zivilisten. Wie der Caesar-Biograph Sueton schreibt, der Zugang zum kaiserlichen Aktenarchiv hatte:
Tierhetzen fanden statt an fünf Tagen in Folge und als Letztes ein Kampf zwischen zwei Schlachtreihen mit je 500 Infanteristen, 20 Elefanten und 30 Kavalleristen. Damit genug Platz war, wurden die Wendemarken im Circus entfernt und zwei Lager einander gegenüber eingerichtet. Drei Tage lang fanden sportliche Wettkämpfe statt in einem Stadion, das eigens dafür auf dem Marsfeld errichtet wurde. Auf einem künstlichen See … wurde eine Seeschlacht inszeniert, zwischen stark bemannten tyrischen und ägyptischen Schiffen mit zwei, drei oder vier Ruderreihen. So viele Besucher strömten zu diesen Spektakeln von überallher, dass viele gezwungen waren, in Zelten zu schlafen, die sie auf den Straßen oder am Wegesrand aufschlugen, und oft war der Andrang so groß, dass Menschen einfach totgequetscht wurden.37
Zahllose Häftlinge und Gefangene wurden in der Arena getötet, Tiere geopfert und bei den Spielen gejagt – die Tage von Caesars Triumphzügen waren eine regelrechte Orgie des Todes. Und doch endeten sie damit, dass er der Venus Genetrix (der „Erzeugerin“), der Göttin, von der seine Familie behauptete, abzustammen, auf seinem eigenen glänzenden neuen Forum einen Tempel weihte.
Nach dem Abendessen am letzten Tag [der Triumphe] betrat Caesar sein eigenes Forum in Hausschuhen und mit allen möglichen Blumen bekränzt. Von dort aus kehrte er zu seinem Haus zurück, eskortiert von beinahe der gesamten Bevölkerung, mit vielen Elefanten dabei, die Fackeln trugen … Nachdem also sein neues Forum und der Tempel der Venus, der Gründerin seiner Familie, vollendet war, weihte er sie und eröffnete zu ihren Ehren viele Wettbewerbe aller Art.38
Der Tempel der Venus Genetrix auf dem Caesarforum (46 v. Chr. Geweiht) enthielt eine Statue, von der viele glaubten, sie stelle Kleopatra dar.
Im Inneren des Tempels ließ er eine Statue errichten, um die bald eine Kontroverse entstand. Wie ein Historiker des 2. Jahrhunderts n. Chr. kommentierte: „Neben der Statue der Venus stellte er eine schöne Statue der Kleopatra auf, die heute noch dort steht. “ Ein anderer schrieb: „[Kleopatras] Edelsteine sind nun in unseren Tempeln geweiht, und eine goldene Statue der Königin selbst kann im Tempel der Venus betrachtet werden. “39 Wahrscheinlich war es aber gar keine Kleopatra-Statue, sondern eine der ägyptischen Göttin Isis, die die Römer mit Venus in Verbindung brachten, doch die Tatsache, dass Kleopatra sich selbst gerne als Verkörperung der Isis porträtieren ließ, führte zu einiger Verwirrung. Aber nicht einmal Caesar hätte die Frechheit gehabt, einer lebenden ausländischen Frau in einem Tempel im Herzen von Rom göttlichen Status zuzusprechen. Einen römischen Tempel mit ägyptischen Göttern zu bevölkern war schon revolutionär genug. Und dennoch hatte Kleopatras Erscheinung offenbar einen großen Einfluss in Rom – auf die Modewelt. Viele wohlhabende römische Damen ließen sich die Haare nach ihrem Vorbild richten.
Doch hatte Caesar nicht nur Opfertiere, Gefangene und Statuen für seinen Tempel aus Alexandria nach Rom gebracht, das nach wie vor ziemlich altmodisch war. Er hatte auch Ideen mitgebracht, und bald arbeitete er fieberhaft daran, sie in die Tat umzusetzen, wobei er den konservativen römischen Senat mit all der Energie, die seine monomanischen Feldzüge gekennzeichnet hatte, um gehen oder ignorieren musste.
„When in Rome … “: ein Marmorporträt, wahrscheinlich aus Italien, ca. 50–30 v. Chr., zeigt Kleopatra VII. in explizit römischem Stil. Höhe 27 cm. Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung, Berlin, 1976,10.
Das Jahr 46 v. Chr. selbst war Anlass einer Reform. Es sollte 445 Tage dauern. Roms Kalender war in geradezu spektakulärem Maß aus dem Lot gelaufen. Seit Jahrhunderten beruhte er auf einem Mondzyklus von 355 Tagen, und immer wieder hatte man einen extra Monat eingeschoben, damit man sich einigermaßen an die Jahreszeiten hielt. Jetzt war das Problem, dass während der Wirren der letzten Bürgerkriege sich niemand um diesen zusätzlichen Monat gekümmert hatte, so dass der Kalender um etwa 80 Tage verschoben war. Caesar nutzte die Gelegenheit, um die Dinge ein für alle Mal zu ändern. Mit Hilfe des Astronomen Sosigenes, eines Experten aus dem alexandrinischen Museion, der Teil von Kleopatras ägyptischer Delegation war, legte Caesar Rom einen neuen Kalender mit 365 ¼ Tagen fest, genau wie er heute gebräuchlich ist. Darüber hinaus, auch dies mit nachhaltiger Wirkung, benannte er seinen Geburtsmonat in „Juli“ um.
Aber er versuchte auch auf andere Weise, ägyptischen Einfluss nach Rom zu bringen. Vielleicht hatte er noch immer den Geruch der brennenden Handschriften in der Nase, der aus den Lagerhäusern Alexandrias zu ihm herübergeweht war – auf jeden Fall hatte er bereits bei seiner Rückkehr den Bau „der größtmöglichen öffentlichen Bibliotheken“ angeordnet, „mit griechischen und lateinischen Büchern, unter Aufsicht des Marcus Varro, der sie beschaffen und verzeichnen sollte“.40 Rom besaß keine breiten, schattigen und attraktiven Boulevards, aber bald würde es wenigstens Bücher besitzen.
Man begann außerdem, Kanäle zu graben. In Ägypten muss Caesar voller Bewunderung das Netzwerk von Menschenhand geschaffener Gewässer betrachtet haben, das sich vom Nil her wie ein Spinnennetz über das Land ausbreitete. Zurück in Italien schlug er vor, dass ein Kanal zum Tiber gebaut würde, der die Pontinischen Sümpfe, ein malariaverseuchtes Marschland südlich von Rom, trockenlegen und das Land landwirtschaftlich nutzbar machen würde. Für Griechenland waren seine Pläne noch ehrgeiziger: Ein Kanal durch die felsige Landenge nahe Korinth sollte den Seeweg nach Athen und darüber hinaus erleichtern.
Für viele Römer war das zu verwirrend. Das Tempo des Wandels war viel zu schnell. Eine Zeitlang jedoch waren weder Caesar noch Kleopatra vor Ort, so dass sie Zeuge der Unzufriedenheit hätten werden können, die durch die Reformen entstand. Ende November 46 v. Chr. befand sich Caesar schon wieder auf einem neuen Feldzug, in Spanien, auf dem Weg zur letzten Bastion von Pompeius’ Sympathisanten. Und zu diesem Zeitpunkt wird auch Kleopatra mit ihrem großen ägyptischen Gefolge Rom wieder verlassen haben, um mit den winterlichen Winden im Rücken zurück nach Alexandria zu segeln.
Viel hatte sich in den zwei Jahren verändert, seit sie sich in jener Nacht in einem Sack in den Palast von Alexandria hatte schmuggeln lassen. Damals hatte Kleopatra nur wenig Einfluss besessen, um es gelinde auszudrücken. Jetzt hatte sie die Macht fest im Griff. In den wenigen Monaten seit dem Ende des Alexandrinischen Kriegs hatte sie nicht nur Menschen, denen sie vertrauen konnte, auf die wichtigsten Posten gesetzt, sie muss zugleich ganz skrupellos jede Form von Opposition unterdrückt haben. Wäre Ägypten nicht so sicher gewesen, hätte sie niemals riskieren können, so viele entscheidende Monate im fernen Rom zu verbringen.
Und nicht nur das politische Antlitz von Alexandria änderte sich. Als die königliche Flotte mit viel Pomp und Zeremonien in den großen Hafen einfuhr und die Festlichkeiten für die triumphale Rückkehr der Königin aus Rom einläutete, mag Kleopatra über den Hafen geschaut haben, um ungeduldig festzustellen, welche Fortschritte ihr umfangreiches Neubauprojekt gemacht hatte. Denn bevor Caesar auf seinen Feldzug aufgebrochen war, hatte er (laut dem byzantinischen Chronisten Malalas) höchstpersönlich die Arbeiten an einem riesigen neuen Komplex in die Wege geleitet, der bald die Skyline von Alexandria dominieren sollte. Das Kaisareion war von
Isis stillt den kleinen Horus, eine Szene, derer sich Kleopatra gerne bediente, um ihr eigenes Image nach der Geburt des Kaisarion aufzubessern, Terrakotta, 1. Jahrhundert v, Chr Höhe 7,4 cm. British Museum, 1938,0314.1, Schenkung von George Davis Hornblower.
großer und wundersamer Schönheit, gegenüber dem besten aller Häfen gelegen; so etwas sieht man in keiner anderen Stadt, so voll von Opfergaben, Bildern und Statuen, rundum mit Silber und Gold ausgeschmückt. Es umfasst ein riesiges Areal, das geschmückt ist mit Säulengängen, Bibliotheken, offenen Terrassen, Hainen, Torbauten, geräumigen Höfen, Wohnbereichen im Freien und allem anderen, was noch zur sinnvollen Verwendung oder zur Verschönerung beiträgt – eine Hoffnung und Verheißung von Sicherheit für alle, die den Hafen verlassen oder dort eintreffen.41
Seine Lage zwischen dem Theater und dem Museion könnte bedeuten, dass das Kaisareion aus den Überresten jener Bauten erschaffen wurde, die im spätherbstlichen Feuersturm zwei Jahre zuvor niedergebrannt waren. Es war zwar noch von Baugerüsten um geben, doch das Statement, das es verkörperte, war schon jetzt nur allzu deutlich: Dies war eine marmorne Demonstration der Vereinigung von Kleopatra, Ägyptens Königin, und Caesar, dem Ersten Mann Roms. Ein Symbol für ihre Bindung, ebenso eindeutig wie ihr Sohn Kaisarion, der bereits 18 Monate alt war und seine ersten Worte sprach.
In der Tat wurde Kaisarion, der bald den Titel „der vom Vater Geliebte“ erhielt, bereits aufs Beste von seiner Mutter Kleopatra dazu benutzt, um ihr Image weiter aufzubessern. Jetzt, mit einem Säugling an ihrer Brust, konnte die Königin wirklich ihren Platz im Herzen Ägyptens einnehmen, als menschliche Inkarnation der Muttergöttin Isis, die so oft beim Stillen abgebildet wurde oder wie sie ihren Sohn, den unsterblichen Horus auf den Knien schaukelt. So wie in Rom die Isis-Statue den Charakter von Kleopatra annahm, rückten in Ägypten Kleopatra und die Göttin enger zusammen.
Kleopatra als Trendsetterin? Kopf einer Frau aus Kalkstein, der Kleopatra ähnelt Hergestellt in Italien, ca. 50–40 v. Chr. Höhe 28 cm. British Museum, 1879,0712.15.
Später wurden im oberägyptischen Dendera große Reliefs von Kleopatra und Kaisarion in den Schrein der Göttin Hathor, der Amme des Horus, gemeißelt, während etwas weiter südlich im großen Kultzentrum von Hermonthis, wo die weiß gekleideten Priester immer noch die goldenen Hörner des Buchis-Stiers polierten, ein eleganter Geburts-Tempel entstand, der sich im Wasser des Nil spiegelte. Um es mit folgender Beschreibung zu sagen:
Sie setzte sich selbst mit Isis gleich, die ihr Kind, Horus, stillt … Eines dieser Reliefs nun zeigt die kniende Kleopatra, umgeben von Göttinnen, und darüber steht in Hieroglyphen ihr neuer Name, „Mutter des Ra“ (des Sonnengottes). Über dem neugeborenen Kind aber erkennt der Betrachter den heiligen Skarabäus, welcher den Sonnengott symbolisiert, was heißt, daß das Kind als Gott der aufgehenden Sonne identifiziert wird. Auf einem daneben stehenden Ruhebett sitzen zwei kuhköpfige Göttinnen, die zwei Kinder säugen: Die eine stillt Horus, die andere den jungen Kaisar.42
Nicht nur jetzt, im Jahre 46 v. Chr., sondern auch in den folgenden turbulenten Jahren investierte Kleopatra einiges in ihren kleinen Sohn. Für ihr Volk, die Ägypter, war er einer der Ihren, der kindliche Gott Horus, der zusammen mit Isis und Osiris ihre heilige Dreifaltigkeit bildete. Für die Römer war er der geliebte Sohn Caesars, des Feldherrn, der Kleopatra einst gerettet hatte, dessen Truppen gewährleisteten, dass sie fest auf ihrem Thron saß, und der, wie sie selbst gehofft haben muss, dafür sorgen würde, dass sie dies auch weiterhin konnte. Die Königin hatte ihre Wahl getroffen, und zwar in aller Öffentlichkeit. Sie war nun auf Gedeih und Verderb mit Caesar verbunden.
Innerhalb eines Jahres arrangierte sie einen weiteren Besuch in Rom. Sie kommunizierten mit ziemlicher Sicherheit durch Briefe, die von langsamen Schiffen auf der langwierigen Fahrt zwischen Spanien (wo Caesars Feldzug stattfand) und Ägypten hin und her gingen. Auch dieser neue Besuch war kaum ein rein freundschaftlicher. Denn nun, wo die letzten verbliebenen Unterstützer von Pompeius beseitigt waren, plante Caesar bereits einen neuen Feldzug im Osten, nach Parthien, um die Legionsadler zurückzuholen, die sein einstiger Kollege Crassus verloren hatte. Für ein solches Unterfangen war eine zuverlässige Versorgung äußerst wichtig, und gab es eine bessere Quelle für Getreide, Schiffe, Soldaten und Geld als das nahegelegene Ägypten?
In Rom jedoch brodelte bereits die Gerüchteküche. Man zerriss sich bei den schicken, selbstzufriedenen Zusammenkünften der feinen Gesellschaft die Münder und produzierte immer phantastischeren Klatsch. Selbst der unglaubliche Prunk und Protz des Triumphzugs Caesars für seine Siege in Spanien im Oktober 45 v. Chr. lief Gefahr, von Spekulation überschattet zu werden, die die einmal mehr jenseits des Tiber residierende exotische Gesellschaft vom ägyptischen Hof betrafen. Seit seiner Rückkehr aus dem Osten etwa ein Jahr zuvor schien Caesar Rom auf Teufel komm raus nach dem Vorbild Alexandrias neu erschaffen zu wollen. Jetzt, wo Kleopatra anscheinend zur festen Größe in Rom geworden war, zumindest immer dann, wenn Caesar in der Stadt war, fingen seine Kritiker an, die Vermutung zu streuen, er dächte daran, die Hauptstadt seines Reichs nach Ägypten zu verlegen. Oder vielleicht nach Troja. Genaues wusste niemand.
Nichts von alledem hielt zahlreiche Mitglieder der römischen haute volée davon ab, ihre besten Sänften zu besteigen und sich von ihren Sklaven über den Fluss tragen zu lassen, zu einer Audienz mit der ägyptischen Königin. Einer von ihnen war Cicero, der aufgeblasene Anwalt/Politiker, der denen, die unvorsichtig genug waren, ihm zuzuhören, immer noch gern erzählte, wie er 17 Jahre zuvor Rom im Alleingang vor der Diktatur bewahrt hatte. Vielleicht langweilte er auch Kleopatra mit dieser oder einer ähnlichen Geschichte. Auf jeden Fall hinterließ er nicht den Eindruck, den er zu hinterlassen gehofft hatte. Später schreibt er:
Ich kann mich nur ärgern, wenn ich mich an die Hochmut jener Königin erinnere, als sie in den Gärten jenseits des Tiber wohnte.43
Auch andere ärgerten sich, und bald erzählte man, dass Caesar Kleopatra heiraten und dazu einen Gesetzesvorschlag einbringen werde, der es ihm erlaubte, um Kinder zu zeugen, so viele Frauen zu heiraten, wie er wolle.44 Beide Gerüchte waren komplett absurd, aber sie veranschaulichen gut die aufgewühlte Stimmung jener Zeit.
Nicht weniger verbreitet, aber wesentlich düsterer war die Spekulation, Caesar habe vor, sich selbst zum König auszurufen. Dies war ein Gedanke, der viele erschrecken musste. Man rühmte sich der Tatsache, dass seit der heroische Lucius Iunius Brutus im Jahre 509 v. Chr. Tarquinius Superbus aus Rom vertrieben hatte, nun schon über 450 Jahre lang kein König mehr die Stadt regiert hatte. Stattdessen gab es die Republik – ein komplexes System, bei der die Macht nicht nur in den Händen der Senats lag, sondern zum Teil auch bei den Volkstribunen, mit einer Regierung, der zwei Konsuln vorstanden. Jetzt fürchtete man, dass dieses ausbalancierte System gefährdet war. Caesars autokratisches und ungeduldiges Gehabe hatte auf dem Schlachtfeld durchaus seinen Platz, aber in der Innenpolitik könnte es sich als fatal erweisen.
Als die Vorbereitungen für den Feldzug im Osten, in Parthien, langsam in Schwung kamen, gab es wieder neue Gerüchte. Einige wiesen auf Caesars Neigung hin, sich ständig im Purpurgewand des siegreichen Feldherrn zu präsentieren, auf dem Kopf der Lorbeerkranz. Andere wurden nicht müde, zu erwähnen, wie er im Senatshaus inzwischen auf einem goldenen Thron saß; wie seine Statue einträchtig neben denen der alten Könige stand; wie bei feierlichen Handlungen ein Zeremonienwagen Caesars Bildnis rund um die Pferderennbahn trug. Es schien, als wähnte er sich selbst als König des Ostens – geradezu als Ptolemäer – und es half wenig, dass dabei eine ptolemäische Königin an seiner Seite stand.
Als der Tag seiner Abreise zum Partherkrieg näherrückte, wurden die kritischen Stimmen immer lauter. Auf der Straße begann man, Caesar mit „König“ anzusprechen. Seiner Statue setzte man einen Lorbeerkranz auf, in den Bänder im königlichen Weiß eingeflochten waren, und an den Sockel des Standbilds kritzelte jemand die Verse:
Brutus, der die Könige vertrieb, wurde der erste Konsul; dieser Mann, der die Konsuln vertrieb, ist endlich König.45
Doch kamen diese Verse zu früh. Es gab durchaus noch Konsuln. Caesar war einer von ihnen. Aber anstatt dass sein Kollege im Amt ihn herausforderte, schien er Caesar nicht nur in seinen Ambitionen zu unterstützen, sondern er übte sogar regelrecht Druck auf ihn aus, König zu werden. Besonders deutlich wurde dies an den Luperkalien, einem jährlichen Fruchtbarkeitsfest Mitte Februar:
Als der Konsul mehrmals versuchte, ihm eine Krone aufzusetzen, während er von den Rostra [der Rednertribüne auf dem Forum Romanum] aus sprach, legte er sie beiseite und sandte sie schließlich zum Kapitol zum Jupiter Optimus Maximus. 46
Während all dies vor sich ging, etwas mehr als einem Monat vor Caesars Abreise nach Parthien, wurde man in Rom Zeuge vieler verschiedener Aktivitäten, die die letzten Vorbereitungen für den Feldzug markierten. Auch jenseits des Tibers machte man sich daran, die Habseligkeiten in Kisten zu packen, als der ägyptische Hof sich auf seine Heimreise nach Alexandria vorbereitete, denn wenn Caesar fort war, gab es für Kleopatra nichts mehr, was sie in Rom hielt. Zweifellos würde sie mit Caesar zusammen aufbrechen.
In der Zwischenzeit wurde die Stimmung bei vielen der römischen Senatoren zunehmend angespannter. Die Spekulationen wurden immer wilder, dass jemand aus ihrer Reihe eine äußerst passende Prophezeiung (dass Parthien nur von einem König erobert werden könnte) dazu verwenden würde, Caesars Inthronisierung zu beschleunigen. Die Tage gingen ins Land, und man sah sich konfrontiert mit einem schrecklichen Dilemma: Entweder riskierte man, dass Caesar seinen Ruhm sich in Parthien noch vergrößern würde (wo er allerdings ebenso gut eine schmähliche Niederlage erleiden konnte, wie der unglückliche Crassus) oder man nahm die Dinge selbst in die Hand und setzte dem Ganzen ein Ende, noch bevor Caesar die Stadt verließ. Man entschied sich für Letzteres.
Am 15. März 44 v. Chr., drei Tage bevor der Feldzug beginnen sollte, besuchte Caesar eine Senatssitzung, die allerdings nicht im Senatshaus stattfand, sondern in einer weitläufigen Anlage mit Freizeiteinrichtungen und Geschäften, die sein einstiger Rivale hatte errichten lassen und die nach ihm „Pompeius-Theater“ genannt wurde. Später erinnerten sich die Menschen nur allzu gern an diverse Vorzeichen der folgenden Katastrophe, und sogar an jenem Tag gab es welche, die versuchten, Caesar daran zu hindern, an der Sitzung teilzunehmen. Dennoch: am Vormittag betrat Caesar den Versammlungsraum.
Sobald Caesar Platz nahm, stellten sich die Verschwörer um ihn herum, so als wollten sie ihm ihre Ehre erweisen, und sogleich trat Tillius Cimber, der die Führungsrolle übernommen hatte, heran, als wolle er ihn um etwas bitten, und als Caesar Cimber signalisierte, damit zu warten, ergriff Cimber ihn an beiden Schultern seiner Toga. Dann rief Caesar: „Das ist ja Gewalt! “, und in diesem Augenblick verwundete ihn einer der Casca-Brüder etwas oberhalb der Kehle. Caesar griff Cascas Arm und stach seinen Stift hinein, und als er aufzuspringen versuchte, traf ihn ein zweiter Stich. Als er sah, dass sie von allen Seiten näherkamen, bedeckte er sein Gesicht mit der Toga und zog zugleich mit der linken Hand den unteren Teil der Toga hinab, damit der untere Teil seines Körpers schamvoll bedeckt war, wenn er stürbe. Und in dieser Haltung wurde er von 23 Stichen verwundet, aber er gab kein Wort von sich, nur einen Seufzer beim ersten Stich, auch wenn überliefert ist, er habe, als er sah, dass Marcus Brutus ihn angriff, auf Griechisch ausgerufen: „Auch du, mein Sohn? “ Als er schließlich tot war, blieb er eine Zeitlang dort liegen, während die Senatoren sich entfernten …47
Die Moralisten konnten nicht umhin, auf die perfekte Symmetrie dieses Bildes des sterbenden Caesar hinzuweisen – ausgestreckt auf dem Boden einer leeren Halle eines Gebäudes, das sein größter Rivale gebaut hatte,
gegen den Sockel einer Statue des Pompeius gelehnt, der so sehr mit Caesars Blut bespritzt war, dass man sich vorstellen mochte, Pompeius selbst habe den Vorsitz geführt über diesen Akt der Rache an seinem Feind, der nun zu seinen Füßen lag und aus mehreren Wunden blutend den Tod erwartete.48
Als sich die Nachricht der Vorkommnisse im Pompeius Theater verbreiteten, legte sich eine gespenstische Stille über die Stadt. Niemand wusste, wer den Messern der Attentäter als Nächster zum Opfer fallen würde. Den ganzen folgenden Tag und die folgende Nacht lang versteckten sich alle, die zu Caesars engerem Kreis gehört hatten, hinter den verbarrikadierten Türen ihrer Häuser und lauschten auf Geräusche, die eine drohende Gefahr ankündigen könnten.
„Iden des März“: Goldener Aureus von Marcus Iunius Brutus, der Caesars Ermordung im Jahre 44 v. Chr. verherrlicht Geprägt 43–42 v. Chr. in einer mobilen Prägestätte des Brutus. British Museum, Leihgabe von Michael L.J. Winckless
Die Ägypter fanden sich auf einmal gefangen in der Villa des Toten in Trastevere – hin- und her gerissen zwischen dem Drang, im Haus zu bleiben, wo sie sich in Sicherheit wähnten, und der dringenden Notwendigkeit, die Stadt zu verlassen. Es müssen lange, verzweifelte Stunden gewesen sein. Alles, wofür Kleopatra gekämpft hatte und was sie sich aufgebaut hatte, war durch ein paar schnelle Dolchstöße ein gestürzt. Als sie morgens aufgewacht war, hatte sie sich noch unter dem Schutz des mächtigsten Mannes Roms gewusst. Jetzt, mit seinem plötzlichen Ableben, waren ihre Zukunft und die Zukunft Ägyptens plötzlich gefährdet. Denn wer konnte mit Sicherheit sagen, wie Caesars Feinde seinen einstigen Freunde behandeln würden? Wer konnte wissen, was die Mörder Caesars mit seinem einzigen Sohn anstellen würden? Aus Rom zu entfliehen und schnell nach Ägypten zurückzukehren war jetzt das Wichtigste.
Doch noch während die ptolemäische Delegation aus der Stadt entkam und ohne Widerstand die Schiffe bestieg, die sie nach Hause bringen sollten, muss sie die Nachricht erreicht haben, dass Caesars Mitkonsul bereits das Szepter in die Hand nahm, dass er das römische Volk davon zu überzeugen versuchte, nicht alles aufzugeben, wofür Caesar einst gestanden hatte. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren! Vielleicht war dieser Konsul ein Verbündeter! Wenn es auf der Heimfahrt, als man über diesen Konsul diskutierte, in Kleopatras Gefolge Menschen gab, die sich nicht an den Namen des Konsuls erinnern konnten – bald würden sie damit keine Schwierigkeiten mehr haben. Es war Marcus Antonius.