KAPITEL 5

 

Der Konflikt

ALEXANDRIA: SPÄTES FRÜHJAHR 44 V. CHR.

Alexandria liebte das Spektakel, und so muss die Rückkehr der königlich-ägyptischen Flotte aus Rom ein willkommener Anlass für ein Volksfest gewesen sein. Gerade einmal 18 Monate zuvor war die Königin genauso mit ihren Galeeren in den königlichen Hafen eingefahren, und damals hatte sie ihrem Volk in aller Aufrichtigkeit mitteilen können, dass alles zum Besten stand. Jetzt, wo das Frühjahr 44 v. Chr. in einen frühen Sommer überging, musste Kleopatra genau aufpassen, wie sie ihre Karten ausspielte. Trotz ihrer eigenen Ängste und Befürchtungen war es wichtig, dass sie ihr Volk beschwichtigte, dass sie Alexandria ein ruhiges und gelassenes Antlitz präsentierte und dass sie die Gerüchte auf der Straße im Keim erstickte – dass es ein Fehler gewesen sei, sich allzu sehr auf den nunmehr toten Caesar zu verlassen.

Wenigstens lebte sie. Es mag Momente gegeben haben zwischen Caesars Tod und Kleopatras Ankunft zu Hause in Alexandria, in denen ihr eigenes Schicksal in der Schwebe hing. In Rom war mittlerweile Cicero erfreut zu hören, dass mit Kleopatra nicht alles zum Besten stand. Am 11. Mai schrieb er hämisch an einen Freund: „Ich hoffe, die Neuigkeiten über die Königin und diesen Caesar [d.h. Kaisarion] stimmen.“49 Dummerweise erwähnt er nicht, was diese Neuigkeiten besagten. Nur wenige Tage später (am 17. Mai) ließ sich Cicero schon wieder über Kleopatra aus und stellte fest, dass „das Gerücht über die Königin langsam abstirbt“, doch eine Woche später (am 24. Mai) hoffte er immer noch, „dass das über die Königin wahr ist“.50 Auch hier sagt er nicht, was das Gerücht besagte. Sein fröhlicher Tonfall legt nahe, dass er hoffte, sie habe den Tod gefunden, vielleicht im Kindbett oder bei einem Schiffbruch.

Wenn Gerüchte wie diese schon Rom erreicht hatten, müssen sie erst recht in Alexandria verbreitet gewesen sein. Umso wichtiger war es der Königin, eine selbstbewusste Rückkehr zu inszenieren. Doch hinter den Kulissen muss sie sorgenvoll auf Neuigkeiten aus Rom gewartet haben, entschlossen, ihre Rolle in der neugeordneten Welt so konstruktiv zu spielen, wie sie nur konnte.

Sie wird sicherlich einiges an Hoffnung in Antonius gesetzt haben. Während der Konsul nach Caesars Ermordung immer stärker in den Fokus seiner Mitmenschen rückte, muss sich Kleopatra daran erinnert haben, wie Antonius als junger und schneidiger Kavallerieoffizier dafür gesorgt hatte, dass die Rückkehr ihres Vaters, des „Flötenspieles“, aus dem Exil mit maximaler Sicherheit und minimalem Blutvergießen einherging (siehe unten). Damals, elf Jahre zuvor (55 v. Chr.), hatte man sich auf ihn verlassen können. Und nun schien er erneut der richtige Mann für den Job zu sein.

Vielleicht war Kleopatra sogar noch in der Villa jenseits des Tiber verbarrikadiert, voller Angst vor dem Trubel und den Gefahren in Rom, als Antonius drei Tage nach Caesars Ermordung und der unruhigen Pattsituation danach eine Sitzung des Senats einberief (am 17. März). Dabei schlug er vor, statt Vergeltung suchen, eine Übereinkunft mit den Mördern zu erreichen, um einen dauerhaften Frieden einzurichten. Und nicht nur das: Es gelang ihm auch, die Senatoren alle Handlungen und Entscheidungen des toten Caesar ratifizieren zu lassen, einschließlich derjenigen, die noch nicht umgesetzt worden waren. Dieser Schritt muss der listigen Kleopatra Bewunderung abverlangt haben. Weil Antonius im Besitz aller Papiere Caesars war, besaß er effektiv die Kontrolle über die Gesetzgebung.

Drei Tage später konnte er seine charismatische Energie schon wieder zur Schau stellen, diesmal vor einem breiteren Publikum (am 20. März 44 v. Chr.). Für diesen Tag hatte man Caesars öffentliche Beisetzung angesetzt, und Antonius nutzte sie für sich, so gut er konnte. Seit Jahrhunderten war der Tod eines führenden Politikers von aufwendigen Trauerfeierlichkeiten und Ritualen begleitet: Prozessionen und Ansprachen lobten die Leistungen des Verstorbenen und verorteten ihn in der Reihe der römischen Helden. Historiker verfolgen diese Tradition 400 Jahre zurück, bis zur Zeremonie, die (ironischerweise) zu Ehren von Lucius Iunius Brutus, Gründer der Republik und Vorfahr eines der Caesarmörder, abgehalten wurde.51

Auch wenn einige (gleichwohl immer noch deutlich gedämpfte) Stimmen aus den Reihen der Attentäter laut wurden, die Antonius widersprachen, dass man Caesar mit einem öffentlichen Begräbnis ehren sollte, zählte ausgerechnet Brutus nicht dazu. Vielmehr unterstützte er Antonius, als dieser darauf bestand,

dass [Caesars] Testament in der Öffentlichkeit verlesen würde und dass der Körper nicht heimlich oder ohne entsprechenden Ehren begraben werden solle, da dies die Menschen in Aufruhr versetzen könne.52

Also hieß es: Bühne frei für Antonius’ kreativen Instinkt. Und mit einem sicheren Auge für das Spektakuläre (der einem alexandrinischen Impresario würdig gewesen wäre) tat er sein Bestes, damit Caesars Bestattung nicht nur die Gemüter bewegen würde, sondern eine geradezu theatralische Präsentation nüchterner, knallharter politischer Propaganda, eingepackt in einen Kokon glänzend choreographierter Massentrauer.

Die Inszenierung war kunstvoll vorbereitet. Während in der ganzen Stadt Tragödien aufgeführt wurden, die sorgfältig dazu ausgewählt waren, „Mitleid und Empörung für seinen Mord zu wecken“, stellte man ein vergoldetes Modell von Caesars Tempel der Venus Genetrix (siehe S. 64)

vor den Rostra [Rednertribüne] auf; in seinem Inneren befand sich eine elfenbeinerne Liege, mit Purpur und Goldbrokat drapiert. Am Kopfende stand ein Siegeszeichen mit dem [blutbefleckten] Gewand daran, in dem er getötet worden war.53

In der Zwischenzeit schritt eine feierliche Prozession vom Westen her, vom Marsfeld außerhalb der Stadtmauern, in Richtung Forum Romanum. Den Kern der Prozession bildeten die höchsten Magistrate von Rom, den Kopf in ritueller Trauer verhüllt, auf ihren Schultern die Bahre, auf der Caesars verstümmelte Leiche lag. Rings umher ließen Musiker Melodien der Trauer und des Klagens ertönen.

Als man das Herz der Stadt erreicht hatte, stellte man die Bahre mit dem Leichnam auf der Rednertribüne ab, die das Forum überragte, das so weit, wie man nur schauen konnte, von einem Meer unzähliger Gesichter bedeckt war – erwartungsvoll, nervös, konzentriert, bis endlich in die immer größer werdende Spannung hinein Antonius auftauchte, um seinen Platz einzunehmen. Genau aufs Stichwort, mitten auf der Bühne.

Niemand hat seine genauen Worte festgehalten. Viele haben versucht, sie später nachzubilden. Wenn seine Rede der Konvention folgte (was wahrscheinlich ist), dann hat er Caesars zahlreiche Erfolge aufgelistet und ausgeführt, wie er sich für das Gemeinwohl einsetze, wie sehr er seine Mitmenschen liebte. Mit bezeichnend theatralischer Wortwahl beschreibt ein späterer Bericht, wie Antonius,

als er so gesprochen hatte, sein Gewand aufnahm, wie ein Enthusiasmierter, es mit einem Gürtel befestigte, damit seine Hände frei waren, seine Position vor der Bahre einnahm, wie in einem Theaterstück, sich hinunterbückte und wieder erhob und ihn dann mit Gesang pries wie einen Gott, seine Hände zum Himmel erhob, zum Zeugnis der göttlichen Geburt Caesars, während er zur gleichen Zeit mit schnell aufeinanderfolgenden Worten seine Kriege, seine Schlachten und seine Siege auflistete sowie die Nationen, die er unter römische Herrschaft gebracht hatte, und die Beutestücke, die er heimgeschickt hatte.54

Die Wirkung auf die Zuschauer war spürbar. Antonius hatte sie bereits in der Hand. Und als der geborene Populist, der er war, konnte er sich kaum bremsen, ihre Emotionen noch weiter anzustacheln:

Er ließ sich von seiner extremen Leidenschaft dazu verleiten, Caesars Leichnam zu entkleiden und das Gewand, das durch die Dolchstöße zerrissen war und befleckt mit dem Blut des Diktators, auf eine Lanze zu spießen, es hochzuheben und hin und her zu schwenken. Dazu klagte das Volk, wie ein Chor in einer Tragödie, zusammen mit ihm auf ganz jammervolle Art und Weise, und die Trauer ging langsam wieder in Wut über. Nach der Grabrede wurden erneut Klagelieder über den Toten gesungen, vom Chor, gemäß römischer Tradition; dabei zählte man erneut seine Taten auf und beklagte sein trauriges Schicksal.

Aber auch das war lediglich die Ouvertüre. Der wahre, explosive coup de théâtre stand noch aus – der Höhepunkt der gesamten extravaganten Inszenierung, eine Szene, die Antonius sich von den Konventionen der griechischen Tragödie abgeschaut hatte:

Als die Menge dermaßen emotional aufgewühlt war und kurz davor, gewalttätig zu werden, hob jemand über die Bahre eine Figur von Caesar, die aus Wachs gefertigt war; der eigentliche Leichnam lag auf der Bahre und war nicht zu sehen. Das Bildnis wurde mithilfe eines mechanischen Geräts immer wieder herumgedreht, so dass man alle 23 Wunden sehen konnte, am Körper und im Gesicht, die ihm auf so entsetzliche Weise zugefügt worden waren.

Dieser mechanische Apparat war auf der Bühne altbekannt und wurde oft verwendet. Viele griechische Tragödien endeten damit, dass ein Held oder ein Gott hoch über dem Publikum hing, eine Technik, die man deus ex machina nannte und die im Stück manchmal Konflikt löste, manchmal aber auch düstere Prognosen für die Zukunft abgab. Der hier von Antonius verwendete Apparat war allerdings noch raffinierter – ein Nachfolger jener cleveren hydraulischen Mechanismen, die bei den Prozessionen in den Straßen Alexandrias eine so signifikante Wirkung zeigten. Vielleicht ließ er ihn sich sogar von jenen ägyptischen Experten entwerfen, die Caesar als Teil von Kleopatras Entourage nach Rom eingeladen hatte.

Inzwischen kochten die Emotionen dermaßen hoch, dass nicht einmal mehr Antonius die Menge zu kontrollieren vermochte:

Das war das Ende des geordneten Ablaufs. Manche Leute schrien, man solle die Mörder töten, andere … schleppten Bänke und Tische aus den Geschäften herbei, stapelten sie auf und schufen so einen riesigen Scheiterhaufen; oben auf legten sie Caesars Körper, und so, umgeben von so vielen geheiligten und unverletzlichen Schreinen, verbrannten sie ihn.55

Der kaiserzeitliche Biograph Sueton fügt hinzu:

Danach legten die Flötenspieler und Klageweiber ihre Gewänder ab, die sie zuvor bei Caesars Triumphzügen getragen hatten, zerrissen sie und warfen sie ins Feuer, und Caesars Veteranen warfen ihre zeremoniellen Rüstungen hinein, die sie anlässlich der Beerdigung trugen; und viele verheiratete Frauen taten das Gleiche mit dem Schmuck, den sie trugen, und mit den bullae [von kleinen Kindern getragene Amulette] und Tuniken ihrer Kinder. Und auch eine große Menge Ausländer war dabei, und alle klagten so, wie es ihrer Sitte entsprach.56

Während all dies auf dem Forum vor sich ging, entlud sich die aufgestaute Spannung der Woche seit Caesars Tod an anderer Stelle auf den Straßen in nackter Gewalt. Ganze Banden von Männern liefen durch die Gassen und suchten die Häuser derer, von denen man wusste, dass sie bei der Verschwörung mit dabei gewesen waren. Diese Häuser aber waren verlassen. Brutus, Cassius und die Übrigen hatten so etwas geahnt und waren geflohen.

Doch auch Antonius hatte seine Vorahnungen. Ein paar Tage vor der Beerdigung hatte er Caesars Testament verlesen. Vieles davon kam nicht wirklich unerwartet: Es sollte Spenden an die Bürger geben; die Gärten seiner Villa in Trastevere, wo Kleopatra und ihr Hofstaat gewohnt hatten, wurden dem römischen Volk vermacht. Aber eine Überraschung gab es doch, und ihre Folgen sollten jahrhundertelang spürbar bleiben: Caesar hatte nicht Antonius als seinen Alleinerben eingesetzt, wie man vielleicht hätte erwarten können, ja nicht einmal seinen eigenen kleinen Sohn Kaisarion, was ja auch rechtswidrig gewesen wäre, da seine Mutter Ägypterin war. Stattdessen wurde diese Ehre seinem Neffen zuteil – einem schwächlichen, kränkelnden jungen Burschen von gerade einmal 19 Jahren, der keine nennenswerten politischen oder militärischen Erfolge aufzuweisen hatte, der sich noch in der Ausbildung befand, in Apollonia (im heutigen Albanien), dessen einzige wirkliche Erfahrung mit dem öffentlichen Leben war, dass er zwei Jahre zuvor die pseudo-antiken Spiele organisiert hatte: Octavius.

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Charismatisch und kreativ: (wahrscheinlich) Marcus Antonius als grüne Basalt-Büste, ca. 40–30 v. Chr. Vermutlich aus Kanopos in der Nähe von Alexandria. Höhe 42 cm. The National Trust, Kingston Lacy, The Bankes Collection.

Was Octavius an Reife und Erfahrung fehlte, das machte er jedoch durch Rücksichtslosigkeit, Entschlossenheit und Selbstvertrauen wett. Kaum hatte er von Caesars Tod gehört und vom Inhalt seines letzten Willens, da kam er schon eilends zurück nach Rom, um sein Erbe anzutreten. In der Zwischenzeit hatte sich die Stadt bis zur Unkenntlichkeit verändert. Caesar war tot und die Mörder verschwunden, und so hatte Antonius de facto die Regierungsmacht inne. Octavius und er mochten beide in einer engen Beziehung zu Caesar gestanden haben, als dieser noch lebte, aber nun war er tot und sie merkten schnell, dass sie wenig verband. Ganz im Gegenteil.

Von Anfang an war Antonius das komplette Gegenteil von Octavius. Antonius war (wie Kleopatra) in eine alte Adelsfamilie hineingeboren, die einen Berg Schulden hatte, und doch hatte er seit seiner frühen Jugend so verschwenderisch gelebt, dass er seinen Gläubigern bald den schwindelerregenden Betrag von 250 Talenten schuldete.57 In einem Versuch, diesen Schulden zu entgehen, war er nach Griechenland geflohen, wo er

einige Zeit mit der militärischen Ausbildung und dem Studium der Rhetorik verbrachte, bei welcher er den sogenannten asiatischen Stil bevorzugte, der damals auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit stand und viel mit seinem eigenen Leben gemein hatte, denn er selbst war verwegen und prahlerisch, voll von eitler Selbstüberhöhung und verdrehtem Ehrgeiz.58

Bereits hier lernte er ganz eifrig die Lektionen, die er in seiner Grabrede für Caesar zur Anwendung brachte.

In Athen fiel Antonius General Aulus Gabinius ins Auge, und dieser lud ihn ein, unter ihm auf seiner Expedition nach Syrien und Ägypten im Jahr 55 v. Chr. zu dienen – ihre Mission war, Kleopatras Vater, Ptolemaios, den „Flötenspieler“, wieder auf den Thron zu setzen. In der daraus entstehenden Schlacht wurde nicht nur Antonius’ Tapferkeit, sondern auch sein Mitgefühl zur Legende:

Sobald Ptolemaios Pelusion betrat, wurde er blind vor Wut und Hass, so dass er im Begriff war, ein Massaker unter den Ägyptern anzurichten, aber Antonius griff ein und hielt ihn davon ab. In den folgenden hart umkämpften Schlachten zeichnete sich Antonius durch mehrere Akte der Tapferkeit und der geistreichen Führung aus … So verschaffte er sich bei den Alexandrinern einen glänzenden Ruf, während die an der Expedition teilhabenden Römer ihn für einen herausragenden Mann hielten.

Und zwar in einem solchen Maße, dass er bald von Caesar höchstpersönlich herbeigerufen wurde, um unter ihm zu dienen (54 v. Chr.). Er tat dies mit großem Elan, zuerst in militärischer Rolle in Gallien und dann in der römischen Politik, wo er den Auftrag erhielt, Caesars Interessen im Senat zu verteidigen und durchzusetzen. Als der Bürgerkrieg ausbrach, hatte er zugleich das regionale Kommando über Italien und war einer der Befehlshaber in der entscheidenden Schlacht von Pharsalos, in der Pompeius besiegt wurde – als Anführer von Caesars entscheidendem rechten Flügel (48 v. Chr.).

Während Antonius sich durch den Krieg auf einen der ersten Ränge im Staat vorgearbeitet hatte, erwies sich der Frieden für ihn als weniger ertragreich. Caesar war noch auf seinem Feldzug in Afrika (47 v. Chr.), als Antonius erneut das Oberkommando über Italien erhielt. Und das wurde zur Katastrophe.

Seine sorglose Art führte dazu, dass er diejenigen ignorierte, denen ein Unrecht zugefügt worden war; er hörte voll Zorn denen zu, die eine Unterredung mit ihm wünschten, und er hatte einen schlechten Ruf aufgrund seiner Beziehungen zu den Ehefrauen anderer Männer.

Das Band zwischen Antonius und Caesar war bis zum Zerreißen gespannt. Es zerriss schließlich, als sie sich über ein großes Haus in Rom stritten, das Antonius sich als Teil der Kriegsbeute angeeignet hatte. Caesar bestand darauf, dass er den üblichen Marktpreis dafür zahlte, und sie stritten sich so heftig, dass Antonius am Ende aller öffentlichen Ämter enthoben wurde. Im Nachhinein ist der Gegenstand ihres Disputs geradezu bezeichnend, denn das fragliche Haus hatte einst Pompeius gehört. Und es war dieselbe mit den Schnäbeln gekaperter Kriegsschiffe geschmückte Villa, in der der „Flötenspieler“ Ptolemaios, vielleicht mit seiner Tochter Kleopatra, während seiner Verbannung aus Ägypten gewohnt hatte.

Nach dem Streit mit Caesar war Antonius während seiner Jahre in der politischen Wildnis in mehr als einen Skandal verwickelt. Der Moralist Plutarch, der vier Generationen danach über Antonius schrieb und sich dabei zweifellos wenig freundlich gesonnener Berichte bediente, hält fest, wie Antonius’ Mitbürger

angewidert waren ob seiner unzeitigen Trunkenheit, seiner Verschwendungssucht, seiner Ausschweifungen mit Frauen; ob der Tage, die er schlafend oder mit schwerem Kopf umherirrend verbrachte, der Nächte bei Orgien oder bei Aufführungen oder beim Hochzeitsfest irgendeines Mimen oder Komödianten.

Plutarch erzählt davon, wie Antonius sich nach einer durchzechten Nacht eines Morgens auf dem Forum erbrach, „in seine Toga hinein, die ihm einer seiner Freunde hinhielt“; wie er ganz offen durch Italien reiste zusammen mit einer der berüchtigtsten Schauspielerinnen Roms; wie er sich in jedem möglichen Exzess erging. Was die strengen, moralistischen Römer vor allem schockierte, war Antonius’ Liebe zur luxuria – ein Begriff, der nach östlicher Dekadenz roch, Verruchtheit und nach einer verderblichen Verführungskraft, die, wenn sie entfesselt würde, alles untergraben konnte, wofür die Republik stand. Anders betrachtet, war diese luxuria der Inbegriff der hedonistischen Schattenseite Alexandrias. Betrachtet man es ganz nüchtern, weisen Antonius’ Ausschweifungen seltsame Ähnlichkeiten auf mit denen von Ptolemaios II. Philadelphos 200 Jahre zuvor (siehe S. 17):

Die Leute empörten sich über den Anblick der goldenen Becher, die er auf seinen Ausflügen aufs Land dabeihatte, als wäre es eine heilige Prozession; über das Aufschlagen von Zelten, wenn er reiste; über die teuren Bankette nahe Hainen oder Flüssen; über von Löwen gezogene Wagen; über die Verwendung der Häuser ehrlicher Männer und Frauen als Quartier für Huren und Sambuca-Spielerinnen.59

Es schien, als habe Antonius etwas von Dionysos an sich, dem Gott, den die östliche Monarchie so liebte.

Mit der Zeit jedoch versöhnten sich Caesar und Antonius wieder, und am 1. Januar 44 v. Chr. traten beide Männer ihr gemeinsames Konsulat an. Gerade einmal 73 Tage später war Caesar tot. Seither streitet man sich, ob Antonius im Vorfeld vom Attentat wusste oder nicht. Sicherlich brachte man ihn aus dem Raum, bevor die Messer gezogen wurden, aber ob dies geschah, um zu verhindern, dass er Caesar rettete, oder um sicherzustellen, dass er nicht in die Angelegenheit verwickelt wurde, darüber wird man weiterhin nur spekulieren können.

Eins ist sicher: Die Welt hatte sich dramatisch verändert. Nur vier Jahre nach dem Ende des blutigen Bürgerkriegs schien sich ein weiterer anzukündigen. Für Kleopatra, die gierig alle neuen Geheimdienstberichte aus Rom oder Griechenland oder Asien verschlang, müssen die Wochen und Monate nach ihrer Rückkehr nach Alexandria schrecklich gewesen sein. Sie hatte am eigenen Leib erfahren, wie ein römischer Bürgerkrieg nach Ägypten überschwappen konnte. Sie hatte bereits davon gehört, mit welch lüsternen Augen man das Schauspiel des Ägypten-Triumphzugs begafft hatte. In Rom war sie selbst Zeugin geworden, welch großes Interesse die unersättlichen, reichen Spekulanten dort an Ägyptens Ernte hatten. Sie musste jetzt alles tun, was sie konnte, um ihre eigene Macht zu festigen.

Im August starb ihr Bruder, der Mitregent und potenzielle Rivale, Ptolemaios XIV. Auch wenn man heute nicht mehr weiß, woran der 15-Jährige starb, so spielte zumindest der Zeitpunkt seines Ablebens Kleopatra ganz prächtig in die Hände – so sehr, dass es vielen schwerfiel, nicht zu glauben, dass sie etwas damit zu tun hatte. Denn nun, wo ihr Bruder fort war, war der ptolemäische Königsthron leer, und das einzige überlebende männliche Mitglied der Dynastie war Kaisarion. Am 2. September 44 v. Chr. wurde das gemeinsame Kind von Caesar und Kleopatra, erst drei Jahre alt, zum König von Ägypten ernannt.

Es existieren keine Aufzeichnungen über den Pomp anlässlich seiner Krönung, aber zweifellos waren die Wasserstraßen, die sich von Alexandria aus in Richtung der aufgehenden Sonne bis nach Herakleion erstreckten, voll mit Gratulanten, während König und Königin auf einem duftenden, mit Blumen übersäten Weg in Richtung der Tempel schritten, in denen seit vielen Generationen die Ptolemäer gekrönt wurden. Sicherlich erhoben sich auch entlang des Nil, in den Tempeln, die nach Süden hin von Memphis über Theben bis nach Hermonthis und Philae wie Juwelen an einer Schnur aufgereiht waren, von süßlichem Weihrauch begleitete Gebete für die Regentschaft des Kindkönigs in den Himmel.

Mag es nun Zufall oder Absicht gewesen sein: Endlich war Kleopatra effektiv die alleinige Herrscherin über ihr Reich. Doch selbst jetzt, wo sie immer mehr Statuen und Skulpturen von sich im gesamten friedlichen, fruchtbaren Land aufstellen ließ, nach dem Bild der Göttin Isis, die ihren kleinen Sohn Horus an der Brust trägt, muss ihr nur allzu bewusst gewesen sein, dass selbst dann, wenn die Länder innerhalb ihrer Grenzen sicher waren, Ereignisse an anderer Stelle ganz schnell alles zerstören konnten, wofür sie gearbeitet hatte.

Als zu Beginn des Frühlings 43 v. Chr. die Seewege wieder geöffnet wurden, so müssen ihr die Nachrichten, die aus Rom und Italien in Alexandria eintrafen, auch tatsächlich Grund zur Sorge gegeben haben. Bereits jetzt hatten sich die feinen Risse, die durch Caesars Tod entstanden waren, zu regelrechten Abgründen geweitet. Während Ägypten Kaisarions Krönung feierte, hatte in Rom Antonius’ erbitterter Rivale, der heuchlerische und kriecherische Cicero, eine Kampagne von ätzender Schärfe gegen ihn begonnen. Als Antonius eine Armee gegen einen der Attentäter anführte, der sich ungesetzlicherweise geweigert hatte, seine Kontrolle über eine römische Provinz aufzugeben, überschlugen sich in Rom die Ereignisse.

Die Atmosphäre war schon gefährlich genug, aber was alles noch schlimmer machte, war die An wesenheit des Erben Caesars, Octavius. Denn dieser Knabe hatte alle Zweifler Lügen gestraft. Er mochte kränklich gewesen sein, aber er war alle andere als dumm. Er bewies ein brillantes Verständnis der römischen Politik, hatte den Senat für sich gewonnen, und jetzt war ihm, mittels Unterstützung durch Cicero, das militärische Oberkommando, das imperium, gewährt worden. Zur selben Zeit hatten Antonius’ Gegner nach heimlichen Absprachen und Versprechungen ein Edikterlassen, das ihn zum Staatsfeind erklärte. Und nun verließ Octavian (wie er sich mittlerweile nennen ließ) Rom, die volle Härte des Gesetzes hinter sich und an der Spitze seiner gesammelten Truppen. Seine Mission: nicht etwa den Caesarmörder zur Strecke zu bringen, der immer noch an seiner Provinz festhielt, sondern Antonius.

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Der junge, kaltherzige und skrupellose Octavian positioniert sich als Erbe Caesars. Marmorner Kopf einer Statue, wahrscheinlich ca. 30–25 v. Chr. Höhe 35,5 cm. British Museum, 1888,1012.1, Schenkung von John Greville Chester.

Als der Frühling dem glühend heißen ägyptischen Sommer wich, muss die Vorstellung der Menschen in Alexandria von dem, was im fernen Italien los war, immer diffuser geworden sein. In den Hafen ein laufende Schiffe, die jeweils mit ein paar Tagen Verzögerung ihren Hafen im Westen verlassen hatten, konnten Neuigkeiten mitbringen, die einander komplett wider sprachen. Wem sollte man glauben? Alles geschah so schnell, dass die Wahrheit einem genauso unstet erscheinen musste wie der Treibsand der Wüste, die nur wenige Meilen hinter dem Ptolemäer-Palast begann.

Kleopatras Berater prüften die Berichte, und sie werden festgestellt haben, dass sich die Armeen von Octavian und Antonius im April 43 v. Chr. in Norditalien zwei erbitterte Schlachten geliefert hatten, einmal bei Forum Gallorum und dann bei Mutina (heute Modena), und beide Male war der weitaus erfahrenere Antonius besiegt worden. Jetzt war Antonius über die Alpen geflohen, und es schien, als seien seine Tage gezählt. Aber so wie die alexandrinischen Elite-Diplomaten Antonius bereits der Geschichte überantworteten und sich überlegten, wenn auch wohl nicht allzu hastig, wie sie ihr Glückwunschschreiben an Octavian formulieren sollten, drehte sich das Rad der römischen Politik schon wieder.

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Personifizierung der Libertas (Freiheit): Goldener Aureus von Gaius Cassius Longinus Römisch, geprägt 43–42 v.Chr Durchmesser 2,1 cm. British Museum, 1855,0512,39.

Nun hieß es auf einmal, dass zwei von Caesars Mördern, Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius, eine Armee um sich sammelten. Ihr Vorhaben: ein Marsch auf Rom. Zweifellos wird der alexandrinische Hof das Nahen des Herbstes verflucht haben, als das Meer immer unruhiger wurde und die Nachrichten spärlicher wurden, denn die Agenten berichteten, dass sich die Dinge in Italien schon wieder in eine neue, unerwartete Richtung entwickelten. Im November 43 v. Chr. passierte das Undenkbare: Zusammen mit einem Dritten, Marcus Lepidus, hatten sich die Feinde Octavian und Antonius auf einer Flussinsel im Po bei Bologna getroffen, und während ihre Heere an beiden Ufern aufgestellt waren, einigten sie sich.

Das sogenannte „Zweite Triumvirat“ mag eine genauso instabile Allianz gewesen sein wie die frühere zwischen Caesar, Pompeius und Crassus, aber dieses Mal bestand sie immerhin ganz offiziell. Sie nannten sich triumviri rei publicae constituendae consulari potestate (Dreimänner mit konsularischer Macht zur Rettung der Republik), doch tatsächlich besaßen die drei Männer eine diktatorische Form von Autorität. Und sie nutzten sie sofort.

Nun, da klar war, dass die Kampflinie zwischen den Triumvirn und den Caesarmördern verlief (deren erklärtes Ziel es natürlich genauso war, die sterbende Republik zu retten), nun, da die römische Welt im Begriff war, schon wieder in einem kostspieligen Bürgerkrieg zu versinken, kratzten beide Seiten hektisch ihre finanziellen Mittel zusammen. Für die Triumvirn war die Lösung klar; sie offenbarte eine erschreckende Skrupellosigkeit und trug ganz deutlich die Handschrift Octavians: Proskriptionslisten wurden erstellt mit den Namen aller reichen Römer, die in irgendeiner Weise mit den Triumvirn verfeindet waren. Tatsächlich waren einige nicht einmal Feinde. Was zählte, war, dass sie reich waren, denn alle diese sollten getötet werden und ihr Vermögen beschlagnahmt.

Todesschwadronen suchten die feudalen Villen Roms und die begrünten Alleen der reichen italienischen Landgüter heim; dabei mag zumindest die Nachricht über das Schicksal eines Mannes Kleopatra ein Lächeln auf die Lippen gezaubert haben: Cicero, der rachsüchtige Briefschreiber, der aufgeblasene Redner, war abgefangen worden, als er noch darüber sinnierte, ober fliehen sollte. In einem heroischen Akt, der gar nicht zu ihm passte, hatte er seinen Hals der Klinge seines Mörders dargeboten. Man schickte seinen Kopf nach Rom, wo man genüsslich Nadeln in seine schimpfliche Zunge bohrte; seinen abgetrennten, blutleeren Hände wurden an die großen Türen des Senatshauses genagelt. Innerhalb weniger Wochen voll brutaler Gewalt war die Kasse der Triumvirn prall gefüllt, hatte Octavian das Geld, das er brauchte, um den Krieg zu finanzieren, und auch Antonius’ persönliche finanzielle Problemen hatten ein Ende.

Zur selben Zeit befanden sich die Armeen der Caesarmörder Brutus und Cassius im östlichen Mittelmeer, ein wenig näher an Alexandria gelegen, und auch sie brauchten Geld. Natürlich wandten sie ihren Blick bald in Richtung des fruchtbaren Ägypten. Und nun drohte die Situation, die Kleopatra am meisten gefürchtet hatte, Wirklichkeit zu werden: ein Unwetter braute sich zusammen, ein römischer Bürgerkrieg zeichnete sich ab; wieder wurde Ägypten unfreiwillig mit hineingezogen, und wurde war seine Unabhängigkeit bedroht.

Auf wessen Seite sollte sich Kleopatra stellen? Rein geographisch gesehen, ergab es mehr Sinn, sich mit Brutus und Cassius gut zu stellen, deren Truppen sich in unbehaglicher Nähe zu Kleopatras Territorien befanden. Andererseits waren dies die Männer, die ihrem Sohn den Vater genommen hatten. Sicherlich konnte sie wenig Zuneigung für sie empfinden. Was Octavian, den Erben Caesars, anging: Konnte sie Hoffnung haben, dass er seinen Cousin, den kleinen Kaisarion, den wahren Sohn Caesars, mit offenen Armen in seine Familie aufnahm? Das sicherlich kaum. Über Lepidus wussten die Alexandriner nicht viel, also musste man sich, wenn überhaupt auf jemanden, auf Antonius verlassen, den Offizier, der einst ihr Land vor einem rachsüchtigen Blutvergießen bewahrt hatte. Doch konnte dessen jüngste Erfolgsbilanz niemanden überzeugen. In seinen beiden letzten Schlachten (gegen Octavian) hatte er den Kürzeren gezogen. Vielleicht sollte man sich noch nicht für eine der beiden Seiten entscheiden. Vielleicht war es momentan besser, zwischen den Stühlen zu sitzen.

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Kleopatra und Kaisarion (dritte und vierter von links) bringen an der Südwand des Tempels von Hathor in Dendera den Göttern Opfer dar. 50–40 v. Chr.

Aber das war nicht wirklich eine Option. Der Attentäter Cassius hatte bereits Syrien besetzt, und Kleopatra schickte vier Legionen gegen ihn. Aber anstatt zu kämpfen, ergaben sie sich, so dass Syrien komplett Cassius in die Hände fiel und Kleopatra sich den Vorwurf gefallen lassen musste, einen der Mörder Caesars zu unterstützen. Hastig versuchte sie, sich von diesem Makel reinzuwaschen. Als Cassius Gesandte zu ihr schickte, die Nahrungsmittel und Geld forderten, suchte Kleopatra nach Ausflüchten und berief sich auf die schlechte Ernte. Umgehend ließ sie Segel setzen und fuhr an der Spitze der ägyptischen Flotte nach Norden, in Richtung Griechenland, um die riesige Armee zu unterstützen, die Octavian und Antonius dort versammelt hatten. Sie hatte von Caesar gelernt, wie wichtig es war, dass ein Anführer persönlich an der Spitze seiner Truppen stand. Jetzt konnte sie das Gelernte in die Tat umsetzen.

Zumindest hatte sie es sich so vorgestellt. Doch das Wetter machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Kleopatra und ihre Schiffe mussten zurückfahren nach Alexandria, und der Krieg ging ohne sie weiter. Sie machte keine weiteren Anstalten, noch einmal die Segel zu setzen. Stattdessen übten sie und ihre Höflinge sich in diesem langen, heißen, qualvollen Sommer 42 v. Chr. in Geduld. Sie suchten den Horizont ab nach Schiffen, die Neuigkeiten aus Griechenland bringen könnten, während sie immerzu hofften, dass sie aus Pelusion nicht die Nachricht erreichte, dass Cassius’ Armee in Ägypten einmarschiert sei. Mindestens eine Schrecksekunde gab es: Kleopatras Mann auf Zypern hatte sich solidarisch mit den Mördern erklärt, und man munkelte, er sei geheimen Verhandlungen mit Arsinoë, ihrer Schwester, die sich immer noch im Exil in Ephesos befand (siehe S. 62). Es hieß, er spreche sie als „Königin“ an – dies konnte nur bedeuten, dass Kleopatra und Kaisarion, wenn die Attentäter gewannen, schnell und rücksichtslos vom Thron entfernt würden.

Zu Beginn des Herbstes brodelte an den Kais von Alexandria erneut die Gerüchteküche. Man hatte aus Nordgriechenland vernommen, dass beide Seiten endlich aufeinandertreffen würden. Die Ebene von Philippi war geradezu übersät mit bewaffneten Soldaten – an die 95.000 Legionäre und 13.000 Kavalleristen unter Octavian und Antonius standen 85.000 Legionären und 20.000 Kavalleristen unter Brutus und Cassius gegenüber; über 200.000 Soldaten, an deren Leben oder Tod nicht nur das Schicksal der römischen Welt hing, sondern auch das von Ägypten.

Nun konnte man in Alexandria nur noch abwarten. Seit Tagen gab es keine Neuigkeiten. Zumindest keine schlüssigen. Es war zu kleineren Scharmützeln gekommen, aber sonst war kaum etwas passiert. Octavian war krank. Angeblich wurden Belagerungsanlagen gebaut und Gräben ausgehoben.

Endlich, am 3. Oktober 42 v. Chr., kam es zu ersten, schweren Kämpfen; es gab ein Patt; Cassius brachte sich um. Etwa zwei Wochen lang gab es keine weitere Nachricht, das Meer wurde immer unruhiger. Doch gerade, als es schien, dass nichts entschieden würde, müssen auch in Alexandria die Berichte von der entscheidenden Schlacht eingetroffen sein. Am 23. Oktober waren beide Seiten aufeinanderprallt. Die Gesamtzahl der Kämpfer war dermaßen groß, dass die Begegnung sich in ein chaotisches Durcheinander verwandelt hatte:

Sie hatten wenig Verwendung für Pfeile, Steine oder Wurfspieße, wie sie im Krieg üblich sind, da sie nicht auf die üblichen Manöver und Taktiken zurückgreifen konnten; stattdessen kam es zum Nahkampf mit dem nackten Schwert, und viele wurden getötet und abgeschlachtet beim Versuch, die feindlichen Reihen zu durchbrechen. … Schließlich drängten die Soldaten Octavians … die feindliche Linie zurück, so als ob sie eine schwere Maschine bedienten. Schritt für Schritt wurde der Feind zurückgedrängt, erst ganz langsam … Bald jedoch brach die Reihe ein und zog sich schneller zurück und dann zog sich die zweite und dritte Schlachtreihe mit ihr zurück, und es entstand eine große Unordnung unter ihnen, verstärkt durch den Feind, der weiterhin nach vorne preschte, bis ihr Rückzug zur Flucht wurde.60

Am folgenden Tag war auch Brutus tot. Der Krieg war vorbei, die Triumvirn hatten gewonnen, und Kleopatra konnte wieder neue Pläne machen.

Nach Caesars Ermordung waren die Ereignisse mit einer unglaublichen Geschwindigkeit über sie hereingebrochen. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, war es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Octavian, Antonius und Lepidus hatten die Welt bereits untereinander aufgeteilt. Octavian sollte den Westen kontrollieren, Lepidus Sizilien und Afrika, während Antonius den Osten erhielt. Er entschied sich, zunächst in Athen zu bleiben; dort, in einer der ältesten Hauptstädte seines neuen Herrschaftsgebiets, wo er bereits als junger Student der Rhetorik so viele angenehme Monate verbracht hatte, wollte er den ersten Winter dieses hart erkämpften Friedens verbringen. Dort, im Schatten des Parthenon, bezauberte er die Griechen mit seiner Urbanität und seiner geistreichen Art, auch wenn er dabei die ganze Zeit Pläne schmiedete.

Es gab viel zu tun. Zu den noch unerledigten Aufgaben gehörte der Verbleib von Crassus’ Adlerstandarten, die bei dessen Niederlage in Parthien (siehe S. 34) so schmählich verloren gegangen waren. Um der Ehre Roms willen musste man sie zurück gewinnen, und um sie zurückzugewinnen, musste Antonius einen Feldzug in den Osten unternehmen. Zunächst aber galt es, sicherzustellen, dass seine neuen Provinzen ihm gegenüber loyal waren, und um das zu tun, musste er der Reihe nach alle größeren Städte besuchen und dabei versuchen, so viele wie möglich durch seine Großzügigkeit und seinen Charme für sich zu gewinnen. Diejenigen, die sich ihm verweigerten, bestrafte er.

Im Frühjahr 41 v. Chr. begann Antonius seine Reise durch die Provinzen, zuerst nach Osten bis Kleinasien und dann südlich entlang der Küste zu den atemberaubend wohlhabenden Städten, deren Namen im Laufe der Jahrhunderte zum Synonym für Luxus geworden waren. Ein Mann, der sein Leben am Fuße eines lähmenden Schuldenbergs begonnen hatte, muss sich wie im Traum vorgekommen sein, und als Selbstdarsteller, der er war, beschloss Antonius, ganz stilvoll zu reisen. Er war sich der Macht bewusst, die man dem Gott Dionysos bei den Völkern des Ostens zusprach, und zweifellos wusste er von ihren Prozessionen für diesen Gott – Prozessionen wie jener, die Ptolemaios II. Philadelphos etwa zwei Jahrhunderte zuvor im Hippodrom von Alexandria inszeniert hatte.

Nun setzte Antonius noch eins drauf: Er selbst spielte den Dionysos. Aber Dionysos war ein komplexer Gott. Hinter seinem lächelnden, hedonistischen und freundlichen Äußeren schlug ein grausames, böswilliges Herz. Wie jeder Grieche oder Römer wusste, der jemals einer Aufführung der Bakchen von Euripides beigewohnt hatte, war Dionysos ebenso rachsüchtig, wie er liebenswürdig schien. Und auch Roms alte Feinde, die Parther, wussten dies – immerhin hatte Crassus’ abgeschlagenes Haupt bei einer Inszenierung dieser Tragödie eine wahrlich tragende Rolle gespielt (siehe S. 35). Und nun spielte Antonius den Dionysos – mit Bravour:

Ganz Asien war in Weihrauch eingehüllt … Als Antonius in Ephesos Einzug hielt, verkleideten sich die Frauen als Bacchantinnen, und Männer und Jungen, die sich als Satyrn und als Pan auftraten, führten den Zug vor ihm an; die Stadt war mit Efeu und Thyrsoi geschmückt, und laut erklang die Musik von Psaltern und Syringen und Flöten, während die Leute ihm als Dionysos, dem Wohltäter, dem Freudenbringer, zujubelten. So hieß er für manche, aber für die meisten war er Dionysos, der Blutgierige, der Wilde, denn er nahm das Eigentum hochgeborener Männer und schenkte es Schmeichlern und Halunken …61

Und tatsächlich rächte er sich an denen, die in irgendeiner Weise Brutus, Cassius und der feindlichen Sache geholfen hatten, und als er immer weiter nach Süden zog, war es unvermeidlich, dass er dabei irgendwann auch an die Königin von Ägypten dachte. Denn was hatte Kleopatra im Krieg getan? Waren die Legionen, die sie ausgesandt hatte, um gegen Crassus zu kämpfen, wirklich desertiert? Oder war es vielleicht genau das, was Kleopatra die ganze Zeit über vorgehabt hatte? Und wie stand es mit der Flotte, von der sie behauptete, sie losgeschickt zu haben, um Octavian und Antonius zu helfen? War es wirklich ein Sturm, der sie umkehren ließ, oder hatte sie gar nicht erst in Griechenland ankommen wollen? Dies waren eindeutige Fragen, die einer Antwort bedurften, um ihre Loyalitäten beurteilen zu können. Also schickte Antonius seinen vertrauten Untergebenen Dellius nach Alexandria, mit einer Vorladung für die Königin von Ägypten; sie wurde nach Tarsos zitiert, zu einer Unterredung.

Kleopatras erste Reaktion auf diesen herrischen Befehl ist nicht überliefert. Ihre anschließende Reaktion aber hat Geschichte geschrieben. Mit all dem, was sie über Antonius wusste – den Künstler, den Impresario, den Playboy, den Verführer –, trieb sie ganz Alexandria zum schnellen, aber zielgerichteten Handeln an. Schließlich ging es um eine Begegnung, die nicht nur ihrer eigenen Weisheit und ihres Charismas bedurfte, sondern der gebündelten Kompetenz des Hofstaats und des Einfallsreichtums der Mitarbeiter des Museion. Denn es war von größter Wichtigkeit, dass dieses erste Treffen zwischen der Königin und dem so mächtig gewordenen General einen deutlichen Eindruck hinterließ.

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Dionysos, mit Weinbecher und Thyrsos, lehnt sich an einer die Lyra spielenden Silen an. Wandmalerei aus einer Villa in Boscoreale in der Nähe von Pompeji, ca. 30 v. Chr. Höhe 76 cm. British Museum, 1899,0215.1.

Schließlich brach Königin Kleopatra irgendwann im Sommer 41 v. Chr. unter dem Quietschen und Knarren zahlreicher Ruder von Alexandria aus in Richtung Norden auf, ließ das trübe Wasser des Deltas und den heißen Wüstenwind hinter sich und hielt Kurs auf die üppigen, bewässerten Wiesen, die die reiche Metropole Tarsos umgaben, zu ihrem ersten entscheidenden Gespräch mit Antonius.

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Halb Gott, halb Schlange, verflechten Dionysos und Isis, ägyptische Kronen auf dem Kopf, ihre Schwänze. Stele aus Sandstein, Ägypten, 1. Jahrhundert v. Chr. Höhe 41 cm. British Museum, 1911,0617,22.