KAPITEL 6

 

Love Story

TARSOS: SOMMER 41 V. CHR.

Antonius befand sich gerade auf dem Marktplatz im Zentrum von Tarsos, als ihn die Nachricht erreichte. Er saß auf dem Tribunal, der erhöhten Plattform, die als Open-air-Amtsstelle diente, und war mit irgendwelchen Staatsangelegenheiten beschäftigt.

Tarsos war eine geschäftige Provinzhauptstadt, die wichtigste Stadt im reichen und fruchtbaren Kilikien, dessen Ebenen ein Flickenteppich aus goldenen Hirsefeldern, gelben Sesamblüten und silbergrauen Olivenbäumen waren, die in Reih und Glied ihre dunklen, gewundenen Stämme der Morgensonne entgegenreckten, während im Osten die waldreichen Berge im Dunst verschwanden. In Tarsos hatte Antonius das Gefühl, endlich komplett am Ruder zu sitzen. Nicht nur, weil er einer der drei mächtigsten Männer des Imperiums war: Kilikien, Tarsos und damit auch der Marktplatz, auf dem er saß, waren erst 60 Jahre zuvor (103 v. Chr.) dem Römischen Reich hinzugefügt worden – von Antonius’ eigenen Großvater.

Und doch kamen ihm an diesem Morgen die Menschenmassen, die zu seinen Füßen unter dem Tribunal her umwuselten, seltsam aufgewühlt vor; es herrschte eine fast tumultartige Aufregung, eine Gerücht machte die Runde, und die Menschen begannen, den Markt zu verlassen, zunächst in kleinen Gruppen, dann als wahrer Menschenstrom. Der verwirrte Antonius auf dem Tribunal blieb beinahe allein zurück, bis er endlich herausfand, was los war: „Aphrodite“, sagte man ihm, „ist gekommen, um sich mit Dionysos zu messen, zum Wohle Asiens.“62 Plutarch, der all dies berichtet, sagt uns nicht, was Antonius als Nächstes tat. Es ist aber unwahrscheinlich, dass er der Versuchung widerstehen konnte, sich der Menge anzuschließen, um mit eigenen Augen zu sehen, was da vor sich ging. Just in diesem Moment wurde das klare Wasser des Kydnos, in dessen breiter, mit Schilf bewachsener Uferzone Purpurhühner, Streifenprinien und Braunliesten hausten, von Rudern aufgewühlt, während einer der dramatischsten Auftritte stattfand, die die damalige Welt je gesehen hatte. Die Königin von Ägypten, Kleopatra, traf ein – ganz und gar stilvoll:

Sie fuhr den Kydnos hinauf, in einem Schiff mit vergoldetem Heck und purpurnen Segeln, eine Melodie von Flöten, Syringen und Lyren begleitete im Takt den Schlag der silbernen Ruder. Die Königin selbst lag unter einer mit Gold verzierten Markise, so ausgestattet, wie man Aphrodite von Bildern her kennt, während neben ihr (wiederum wie auf Bildern) Knaben standen, die ihr, als Eroten verkleidet, Luft zufächelten. Außerdem befanden sich überall an Deck die schönsten ihrer Sklavinnen, als Nereiden und Grazien kostümiert, manche am Ruder, andere mit dem Tauwerk beschäftigt, und ein herrlicher Duft erhob sich von den unzähligen Weihrauchtellern und breitete sich über dem Fluss aus.63

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Die Ausschiffung der Kleopatra in Tarsus von Claude Lorrain (1600–1682). 1643–82. Feder und braune Tinte auf Papier, 199 × 263 cm. British Museum, 1957,1214.69.

Hinsichtlich Konzept und Ausführung funktionierte dieser Auftritt der Königin perfekt. Sechs Jahre zuvor war Kleopatra mit Caesar den Nil hinaufgefahren und hatte ihm die wunderbare Fruchtbarkeit Ägyptens gezeigt; damals war sie 21 Jahre alt gewesen. Jetzt, „in einem Alter, in dem eine Frau am schönsten ist und ihr Geist besonders wach“,64 wie Plutarch es (freilich etwas chauvinistisch) ausdrückt, hatte sie sich noch einmal aufs Wasser begeben. Doch diesmal war die verlockende Aussicht, die sie dem römischen Feldherrn darbot, nicht ihr Land, diesmal war sie es selbst.

Alles an ihrem Kommen war darauf ausgerichtet, Marcus Antonius zu umgarnen, vom Überschwang des Spektakels bis zu den Verheißungen von Kleopatras Kostüm. Sie war die ägyptische Isis, gekleidet als Aphrodite, ihr griechisches Gegenstück; sie war eine Fleisch gewordene Göttin, gekommen, um sich den Mann, der sich selbst als Inkarnation des Gottes Dionysos gab, zum göttlichen Gemahl zu machen; die Königin des reichsten Landes des Ostens bot dem größten Feldherr Roms symbolisch eine fruchtbare Verbindung an.

Dass Kleopatra eigentlich nach Tarsos zitiert worden war, um über ihr Verhalten in den römischen Bürgerkriegen Rechenschaft abzulegen, musste bereits jetzt, wo Antonius sie erblickte, ziemlich irrelevant erscheinen; noch bevor sie von Bord ging, war klar, dass die Königin ganz im Sinne ihres Mentors Caesar alles auf eine Karte gesetzt hatte, um selbst die Regeln zu bestimmen, nach denen dieses letzte und wichtigste Spiel gespielt würde.

Von Anfang an hatte sie die Fäden in der Hand. Antonius schickte eine Einladung zum Essen. Kleopatra lehnte ab. Als Königin von Ägypten stand sie höher als ein römischer Triumvir, und die Etikette verlangte, dass Kleopatra Antonius einlud. Er fügte sich, und genau das hatte sie erreichen wollen. Denn es sollte kein gewöhnliches Abendessen werden, sondern eine regelrechte Tour de Force. Als Antonius eintraf,

fand er Arrangements vor, die sich kaum beschreiben ließen, aber vor allem beeindruckte ihn die schiere Anzahl der Lampen. Es heißt, dass sie in großer Zahl vom Dach hingen und von allen Seiten erstrahlten und in solch raffinierten Mustern angeordnet waren, im Rechteck oder im Kreis, dass man sich kaum einen schöneren Anblick vorstellen konnte.

Wenn schon die flackernden Lichter die Vorstellungskraft zu übersteigen schienen, dann erst recht die Stoffe, Teller und Pokale, deren Glanz durch den Schein der Lampen noch unterstrichen wurde:

Alles war aus massivem Gold, die Schalen aufwendig verarbeitet und mit Edelsteinen verziert, und die Wände, wie es heißt, mit purpurnen, golddurchwirkten Wandteppichen behangen.65

Antonius fühlte sich von alledem magisch angezogen, wie eine Motte vom Licht. Als Kleopatra „leise lächelte“ und ihm sagte, dass alles, was er sah (ganz getreu alexandrinischer Sitte), als Geschenk „nur für ihn“ gedacht sei – da war er wirklich gefesselt. Als die Veranstaltung ihrem Ende entgegenging, lud sie Antonius ein, am folgenden Abend wiederzukommen. Tags darauf

gab sie einen Empfang, der noch viel herrlicher als der erste war, so dass er die Dekorationen des Vortags geradezu unbedeutend erscheinen ließ, und wieder schenkte sie all dies am Ende Antonius. Außerdem ließ sie jeden seiner Stabsoffiziere das Sofa behalten, auf dem er gelagert hatte, und sogar die Becherhalter. Als sie gingen, standen für die Höherrangigen Sänften bereit, die Mehrheit der Besucher aber erhielt Pferde mit silbernem Geschirr, und allen stellte sie äthiopische Sklaven als Lampenträger zur Seite. Am vierten Tag kaufte sie Rosen im Wert eines Talents und ließ das Stockwerk mit den Esszimmern eine Elle hoch [= ca. 40 cm] damit bestreuen.

Als Antonius sich zu revanchieren versuchte und Kleopatra und ihren Hofstaat einlud, mit ihm zu speisen, war es ein bitterer Reinfall. Zum Glück aber war Antonius kein Mensch, der sich selbst allzu ernst nahm. Doch selbst seine Versuche, über seine Unzulänglichkeiten hinwegzutäuschen, wurden von der Königin genau beobachtet, denn sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, so viel über ihn zu erfahren, wie sie nur konnte, und ihr Verhalten dem seinen anzupassen. Wie Plutarch schrieb:

Antonius wiederum lud sie für den folgenden Abend ein und gab sich alle Mühe, sie an Prunk und Eleganz zu übertreffen, aber es gelang ihm nicht, und er war der Erste, der über seine eigenen armseligen und rustikalen Arrangements spottete. Kleopatra beobachtete, dass Antonius’ Humor der eines Soldaten und einfachen Mannes war, und so bemühte sie sich ganz skrupellos, ihm gegenüber den gleichen Tonfall anzuschlagen.66

Zu irgendeinem Zeitpunkt in diesen unruhigen Tagen muss Antonius sich daran erinnert haben, warum er Kleopatra zu sich gerufen hatte. Der Historiker Appian (der keiner der beiden Parteien besonders freundlich gegenüberstand) schreibt, Antonius habe sie „zur Rede gestellt, warum sie sich nicht am Feldzug beteiligt habe, um Caesar zu rächen“, doch Kleopatra habe ihn „nicht um Entschuldigung gebeten“, sondern ihm (wahrheitsgemäß) erklärt, sie habe genau dies tun wollen, doch die Umstände hätten es nicht zugelassen (siehe S. 84).67 Mittlerweile jedoch war es wahrscheinlich ohnehin ziemlich gleich, was sie zu ihm sagte. Bereits Plutarch stellte unverblümt fest: „Antonius wurde vergewaltigt.“68 Oder wie Appian es ausdrückte:

Antonius war von ihr so eingenommen, als wäre er ein junger Mann, obwohl er 40 Jahre alt war.69

Kleopatra hatte zumindest ihr erstes Etappenziel erreicht. Jetzt näherte sich der Winter, und sie musste versuchen, auf ihrem Erfolg aufzubauen. Zweifellos mit kühler Berechnung schlug sie Antonius vor, statt in Asien oder Griechenland, wie er es zweifellos beabsichtigt hatte, doch lieber bei ihr in Alexandria zu überwintern. Es wird wohl niemanden mehr überrascht haben, dass er einwilligte.

Zunächst jedoch musste sich Kleopatra um eine noch ausstehende Familienangelegenheit kümmern. In den vergangenen fünf Jahren hatte ihre Schwester Arsinoë, die einst bei Caesars Triumphzug als Gefangene durch die Straßen Roms geführt worden war, im Tempel-Komplex von Ephesos gelebt, als Priesterin der Göttin Artemis. Doch ganz aus den Augen hatte man sie nicht verloren, denn Kleopatras Feinde hatten Arsinoë stets auf der Rechnung gehabt. Gerade einmal ein Jahr zuvor (42 v. Chr.) hatten die Unzufriedenen begonnen, sie mit „Königin“ anzureden. Solange sie lebte, würde sie eine Rivalin um den ägyptischen Thron sein. Es war endlich an der Zeit, dass sie starb. Antonius erfüllte der Königin diesen Wunsch; es war eine der ersten Taten, mit denen er Kleopatra gegenüber seine Zuneigung zum Ausdruck brachte. In Ephesos holte eine Spezialeinheit seiner Soldaten Arsinoë aus dem weihrauchgeschwängerten Tempel, und auf den Marmorstufen, die zu seiner kunstvoll aus Elfenbein geschnitzten Tür emporführten, ermordeten sie sie.

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Luxus, Reichtum und Stil: ein Paar goldene Ohrringe in Form von Luchsköpfen und Amphoren. Ca. 100–50 v.Chr Länge 4,8 cm. British Museum, 1872,0604,1105

An anderen Stellen in den Provinzen Asiens gab es noch weitere Todesfälle. Mit nur einer Ausnahme (der Hohepriester von Ephesos) wurden alle Personen, die als Unterstützer oder Sympathisanten der Schwester Kleopatras bekannt waren, aufgespürt und getötet. Und so schleppte man auch auf der Insel Arados (Arwad) vor der Küste Syriens einen jungen Mann von einem Altar fort. Dieser behauptete, er sei der König von Ägypten, Ptolemaios XIII. – Kleopatras Bruder, dessen Armee sechs Jahre zuvor von Caesar im Alexandrinischen Krieg besiegt worden war und dessen Leichnam man niemals hatte bergen können (siehe S. 55). Antonius’ Soldaten sorgten jetzt, in Arados, dafür, dass die Leiche des Ermordeten so vielen Menschen wie möglich präsentiert wurde. Die Botschaft war klar: Kleopatra VII., die Königin von Ägypten, die den Vater liebende Göttin, hatte keine überlebenden Geschwister mehr.

Die gesamte Aktion verlief erfolgreich, und so kehrte Kleopatra nach Alexandria zurück. Der Herbst mit seinen Sturmböen machte dem Winter Platz, und nun traf auch Antonius ein. Er kannte die Stadt gut und verband schöne Erinnerungen mit ihr. Vielleicht hatte er bereits (als Romantiker, der er war) der Königin mitteilen lassen, er habe sich

bereits lange zuvor, als junger Reiterei-Offizier unter Gabinius in Alexandria, zu ihr hingezogen gefühlt, als er sie zum ersten Mal sah und sie noch ein junges Mädchen war.70

Tatsächlich schien es, als wolle der Triumvir alles nachholen, was er damals verpasst hatte – er erkundete sämtliche hedonistischen Vergnügungen, die die Stadt zu bieten hatte, tauchte ein in die (um mit den kritischen Worten des Moralisten Plutarch zu sprechen) „Freizeitbeschäftigungen und Amüsements der sorglosen Jugend“.71 Während Alexandria für Caesars rastlosen Geist eine ständige Quelle der Inspiration und Ideen gewesen war, war dieselbe Stadt für den Genussmenschen Antonius eine ständige Quelle der Dekadenz, und Kleopatra unterstützte ihn nach Kräften:

Sie fand immer wieder ein neues Vergnügen, um ihn zu erfreuen, ob er nun gerade ernst war oder heiter gestimmt, und sie band ihn immer mehr an sich, indem sie niemals, ob Tag oder Nacht, von seiner Seite wich. Sie würfelte mit ihm, betrank sich mit ihm, ging mit ihm jagen, sah ihm zu, wie er sich an der Waffe übte. Nachts, wenn er durch die Stadt schlenderte und an den Fenstern und Türen der Bürger vorbeiging und diejenigen verspottete, die sich darin befanden, begleitete sie ihn, im Gewand einer Sklavin, und auch er im Gewand eines Sklaven. Die Alexandriner aber erfreuten sich an seinen Scherzen und zahlten sie ihm auf geistreiche Art und Weise heim.72

Als komme er der Bitte nach, die auf dem Grabstein der Taimhotep stand und an ihren Mann, den Hohepriester Pasherenptah, gerichtet war, der bei der Krönung von Kleopatras Vater, dem „Flötenspieler“, sein Amt inne gehabt hatte:

Oh mein Bruder, mein Ehemann, Freund, Hohepriester! Höre nicht auf, zu trinken, zu essen, dich zu berauschen und Sex zu haben! Nimm Urlaub! Folge deinem Herzen Tag und Nacht! Lass keine Sorge hinein, denn zu was sonst sind deine Jahre auf Erden nütze?

Um die Sprache des Theaters zu benutzen, die einem irgendwie immer in den Sinn kommt, wenn von Antonius die Rede ist: In Alexandria erzählten sich die Menschen angeblich, Antonius „ setze für die Römer seine tragische Maske auf, behalte für sie aber die komische auf“.73 In jenem Winter hatte jeder irgendeine Geschichte über Antonius zu erzählen. Die meisten rankten sich um eine Art Club, den Kleopatra eingerichtet hatte und dessen Name vielleicht am besten mit Gemeinschaft ebenbürtiger Bonvivants wiedergegeben werden kann.74 Beschränkt auf den intimsten Kreis wohlhabender Freunde, war der Zweck dieses Clubs, dass im Rotationsverfahren täglich eines der Mitglieder ein Bankett „ von schier unglaublicher Extravaganz“75 für die anderen veranstaltete. Auch Plutarch, der mehrere Generationen später schrieb, gibt einen Bericht über einen solchen Abend wieder, den sein Großvater Lamprias aus erster Hand von einem Freund gehört hatte, dem Arzt Philotas, der damals gerade in Alexandria studierte und dem es gelang, sich in die königliche Küche einzuschmuggeln, wo

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Unweit desTemoels, in dem Arsinoë ermordet wurde, führt die Arkadische Straße vom Theater von Ephesos zum (heute versandeten) Hafen.

er neben unendlich vielen anderen Dingen sah, wie acht ganze Wildschweine gebraten wurden. Als er aber verwundert fragte, ob denn so viele Gäste kämen, da lachte der Koch und sagte: „Viele Gäste sind es nicht, nur etwa zwölf. Aber alles muss zur Perfektion zubereitet und serviert werden, und selbst ein kleiner Moment kann diese Perfektion vernichten. Vielleicht möchte Antonius das Essen sofort oder ganz bald, vielleicht schiebt er es aber auch noch hinaus, wenn er stattdessen nach Wein verlangt oder sich unterhält. Da es also sehr schwer ist, den richtigen Zeitpunkt zu beurteilen, präparieren wir nicht nur ein Abendessen, sondern mehrere. “76

Der Aufwand war zweifellos erstaunlich, wenn nicht in höchstem Maße verschwenderisch, und vor allem angesichts mehrerer schlechter Ernten, die Ägypten in den letzten Jahren geplagt hatten, konnte es nicht ewig so weitergehen. Außerdem erschien Antonius’ Verhalten, glaubt man den Berichten, zunehmend exzessiv, während der Winter sich dahinzog. Knapp ein Jahrhundert später erzählte man einander immer noch Anekdoten, wie er angefangen habe, „goldene Gefäße zu verwenden, wenn er den niedersten Bedürfnissen der Natur nachkam – ein schändliches Verhalten, dessen Kleopatra sich geschämt hätte“.77 Was Kleopatra anging, mag sie eine liebenswürdige und temperamentvolle Begleiterin gewesen sein, die bereit war, Antonius auf seinem Weg in Richtung einer immer größeren Zügellosigkeit Schritt für Schritt zu folgen, aber sie blieb dabei die mächtige, zielstrebige Königin, die bekam, was sie wollte. Und am Ende scheint es Kleopatra gewesen zu sein, die entschied, dass Antonius sich nun lange genug in Alexandria aufgehalten habe. Die Art und Weise, wie sie dies tat, verrät viel über ihre Persönlichkeit. Unsere Quelle ist einmal mehr Plutarch, der eventuell auch hier noch Geschichten zum Besten gibt, die er von seinem Großvater gehört hat:

Einmal war Antonius angeln und hatte Pech dabei, und es ärgerte ihn, weil Kleopatra anwesend war und es sah. Er befahl daher seinen Fischern, zu tauchen und heimlich an seinem Haken einige Fische zu befestigen, die diese zuvor gefangen hatten, und er holte so zwei oder drei von ihnen aus dem Wasser. Aber die Ägypterin durchschaute den Trick, und während sie so tat, als bewundere sie die Geschicklichkeit ihres Geliebten, erzählte sie ihren Freunden davon und forderte sie auf, am nächsten Tag Zuschauer zu sein. Also bestieg eine große Anzahl von ihnen die Fischerboote, und als Antonius seine Angel ausgeworfen hatte, wies sie einen ihrer eigenen Diener an, am Haken einen gesalzenen Fisch aus dem Schwarzen Meer zu befestigen. Antonius dachte, er habe etwas gefangen, und zog den Fisch herauf, worauf hin es (wie zu erwarten) großes Gelächter gab, und Kleopatra sagte: „General, überlass deine Angelrute lieber den Fischern von Pharos und Kanopos; du angelst dir besser Städte, Reiche, Kontinente. “78

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Das Antlitz der Fulvia? Bei dieser Büste der geflügelten Victoria nimmt man an, dass sie die Gesichtszüge von Antonius’Frau trägt Goldener Aureus, geprägt in Rom, 41 v. Chr. British Museum, R.9272

Auch wenn sie es durch die Blume sagte, so war doch deutlich, was Kleopatra meinte. Es gab Dinge, um die Antonius sich dringender kümmern musste. Zugegeben hatte er sich auf dem Laufenden gehalten, was Nachrichten aus Italien anging, zumindest in soweit, als das Winterwetter es erlaubt hatte. Tatsache aber ist, dass er heilfroh gewesen sein muss, so weit von zuhause fort zu sein, als er mitbekam, was in Rom vor sich ging. Denn während er und Kleopatra in Alexandria dem dolce vita gefrönt hatten, war nicht nur Antonius’ Frau Fulvia, sondern auch sein Bruder Lucius in der Hauptstadt des Reichs öffentlich in Erscheinung getreten. Beide waren starke Individuen, aber auch wenn Lucius politische Autorität besaß – er war einer der beiden Konsuln des Jahres 41 v. Chr. –, so war es doch Fulvia, die die größere Macht ausübte. Antonius war ihr dritter Ehemann. Ihr erster war Caesars um strittener Mann fürs Grobe gewesen, der wohlhabende, adlige und äußerst kaltherzige Clodius, dessen Schlägertrupps einst die Straßen Roms terrorisiert hatten, um den Willen ihres Herren mit allen Mitteln durchzusetzen. Ihr zweiter Ehemann war Scribonius Curio – wohlhabend, mit guten Verbindungen, einer der wichtigsten Leutnants Caesars. Er fiel bei den Kämpfen in Nordafrika (49 v. Chr.). Was Antonius angeht, so hatte er es vor allem seiner Eheschließung mit Fulvia zwei Jahre später zu verdanken, dass er finanziell wieder auf die Beine kam und dass er langsam Caesars Gunst zurückgewann und sich wieder einen Teil der Macht sicherte (siehe S. 79). Jetzt, wo Caesar tot war, spielte Fulvia eine eigene Rolle in der römischen Politik. Denn nicht nur war sie Antonius’ Frau, ihre Tochter Clodia war auch noch mit Octavian verheiratet. Mehr noch als ihr Kollege Lepidus hatte Fulvia einen Platz im Herzen des Triumvirats.

Wäre Fulvia nicht als Frau zur Welt gekommen – einer Welt, wo Politik den Männern vorbehalten war –, dann wäre sie sicherlich selbst einer der ganz wichtigen Akteure im öffentlichen Leben Roms gewesen. Ganz sicher besaß sie alles, was dazu nötig war. Wie ein Kommentator schreibt, der eine Generation später lebte: „Sie hatte nichts von einer Frau außer ihrem Geschlecht. “ Sie war es gewesen (so behauptete man), die mit großer Schadenfreude die Zunge des toten Cicero mit ihren Haarnadeln durchstochen hatte, und Plutarch merkt an (nachdem er kurz darauf hinweist, dass Antonius auch mit Fulvia versucht habe, ihre Beziehung durch Streiche und Späße aufzuheitern):

Sie war eine Frau, die keinen Gedanken an Spinnen oder Hauswirtschaft verschwendete, noch ließ sie sich dazu herab, sich um einen Mann zu kümmern, der in der Öffentlichkeit nichts zu sagen hatte; sie wollte einen Herrscher beherrschen, einen Kommandanten kommandieren. Deshalb verdankte Kleopatra es Fulvia, dass sie Antonius dazu erzogen hatte, sich einer Frau zu unterwerfen; sie übernahm ihn, als er bereits gezähmt war und darauf trainiert, Frauen zu gehorchen.79

Aber selbst Fulvia konnte sich nicht lange halten. Als Frau konnte man sie noch gerade (mit viel Geduld) ertragen; als Schwiegermutter war sie unerträglich. Im Interesse seiner Politik konnte Octavian ihr Verhalten bald nicht mehr hinnehmen:

Er entschied, dass er sich lieber mit Fulvia entzweite als mit Antonius, und so schickte er ihr ihre Tochter zurück, mit der Bemerkung, dass sie immer noch Jungfrau sei, was er unter Eid beschwor – es war ihm egal, ob jemand glaubte, dass das Mädchen in seinem Haus aus anderen Gründen eine so lange Zeit eine Jungfrau geblieben war oder ob es schien, als habe er dies die ganze Zeit über geplant.80

Fulvia war wütend um ihrer Tochter willen und darüber, dass ihr Mann so weit weg war, in Ägypten. Sie verbündete sich mit Lucius, Antonius’ jüngerem Bruder. Vielleicht trieb sie dazu auch, wie es an einer Stelle heißt, die „Eifersucht einer Frau“, denn schließlich überwinterte Antonius bei Kleopatra; doch wahrscheinlich verfolgte sie hierbei ihre ganz eigene politische Agenda. Sie sprach sich dafür aus, das Los der italienischen Bauern zu erleichtern, die von ihren Feldern vertrieben worden waren, damit ihre Ländereien an die Veteranen des Bürgerkriegs verteilt werden konnten; im Mittelpunkt der öffentlichen Empörung sollte Octavian stehen.

Schnell rekrutierte Fulvia eine Armee aus dem Kreis der Enteigneten und besetzte für kurze Zeit die beiden Städte Perusia (Perugia) und Praeneste (Palestrina). Aber fast ebenso schnell reagierte Octavian. Bald wurden die Rebellen belagert, und während die Köche in Alexandria Mahlzeiten für Antonius kochten, die dieser niemals aß, wurde die Bevölkerung von Perusia ausgehungert, bis sie sich ergab. Während Antonius mit Kleopatra angeln ging, musste Lucius, den ein Historiker mit den Worten abkanzelt, er „teilte die Fehler seines Bruders, aber besaß keine der Tugenden, die dieser gelegentlich offenbarte“, sich ergeben. Und Fulvia ebenso.

Ihr gefährlicher Versuch, sich gegen Octavian aufzulehnen, war gescheitert. Dennoch war das Ganze für die römische Welt noch einigermaßen glimpflich abgelaufen – der sogenannte Perusinische Krieg hätte leicht einen neuen Bürgerkrieg entfachen können. Octavian aber, berechnend, clever und mit einem Blick für den größeren Zusammenhang, verschonte sowohl Fulvia, die nach Griechenland floh, als auch Lucius, den er als Statthalter nach Spanien schickte. Die Bevölkerung von Perusia kam nicht so ungeschoren davon.

Was Antonius anging, so konnte er sich wahrheitsgemäß darauf berufen, von alledem nichts mitbekommen zu haben. Was hätte er auch vom fernen Ägypten aus tun können? Dort war er schon beschäftigt genug. Das Bemerkenswerteste daran ist, dass man seine Version der Ereignisse so bereitwillig akzeptierte. Dio zum Beispiel hält sie für komplett glaubwürdig. Er schreibt über Antonius’ erste Jahre als Triumvir Folgendes:

Er war so sehr Sklave seiner Leidenschaft und Trunksucht, dass er nicht einen Gedanken an seine Verbündeten oder seine Feinde verschwendete. Zwar stimmt es, dass er sich ernsthaft seinen Pflichten widmete, solange er ein Untergebener gewesen war und nach den höchsten Preisen gestrebt hatte, aber jetzt, wo er an der Macht war, achtete er nicht mehr auf diese Dinge, sondern schloss sich Kleopatra und ganz allgemein den Ägyptern an, in einem Leben in luxuriöser Leichtigkeit, bis er völlig demoralisiert war.81

Wie praktisch für Antonius, dass er eine so überzeugende Ausrede hatte.

Alles in allem hatte der Winter in Alexandria seinen äußerst befriedigenden Zweck erfüllt – sowohl für den Feldherr als auch für die Königin. Als sie zusah, wie Antonius’ Kriegsgaleere in See stach, die Ruderblätter tief ins Wasser des königlichen Hafens eintauchten und hinter der Pharos-Insel die purpurnen Segel gesetzt wurden, durfte Kleopatra endlich wieder ihr berühmtes „stilles Lächeln“ aufsetzen. Als sie den Römer kennengelernt hatte, da hatte immer noch der Verdacht bestanden, dass sie mit dem Feind kollaborierte. Jetzt konnte sie sich auf seine Allianz und Unterstützung verlassen – genau wie damals auf die von Caesar. Und es gab noch eine weitere Gemeinsamkeit mit ihrer Beziehung zu Caesar, einen weiteren Grund für sie, mit sich zufrieden zu sein, von dem selbst Antonius, als er davonsegelte, noch nichts gewusst haben mag. Es war noch relativ früh, aber Kleopatra war schwanger.

Zweifellos hatte die Königin Antonius ziemlich schnell ein schätzen können, und sie wird erkannt haben, dass er kein Caesar war. Dennoch, er war einer der drei mächtigsten Männer in Rom, und einen Verbündeten in Rom zu haben, war für Kleopatra und ihr Land, Ägypten, von allergrößter Wichtigkeit. Eine starke Allianz mit einem starken Römer zu bilden war eine politische Notwendigkeit für sie, und die Umstände hatten dazu geführt, dass die Wahl auf Antonius fiel. Immerhin hatte er den Osten des Reichs unter sich; und er war äußerst leicht beeindruckbar.

Außerdem gab es viel an Antonius, das sie durchaus anziehend gefunden haben wird: sein militärisches Können und sein Charisma, die sie an Caesar erinnerten; seine Leidenschaft für Kunst und Dramatik, die sie an ihren verstorbenen Vater erinnerte. Doch ganz anders als jene beiden war er noch nicht viel älter als Kleopatra – und so viel leichter formbar.

Nun, da sie sein Kind im Bauch trug, spielte es keine Rolle mehr, dass Antonius Alexandria verlassen hatte. In der Tat war es sogar ganz wichtig, dass er fort war. Sein Platz war nicht in Ägypten, sondern in der weiten römischen Welt. Um seine Macht zu festigen und auszubauen, wie es nötig war, sollte er Kleopatra weiterhin helfen, musste Antonius sich wieder auf das konzentrieren, was er schon bisher so erfolgreich getan hatte: Feldzüge führen für Rom und seine politischen Karten gegen Octavian ausspielen. Als sein Schiff am dunstigen Horizont verschwand, mag Kleopatra gedacht haben, dass Antonius vielleicht (wie Caesar) fortfuhr und niemals wiederkäme. Und doch lag das Schicksal Ägyptens nun in seinen Händen.

Was Antonius dachte, können wir uns nicht ganz so leicht ausmalen, auch wenn spätere Ereignisse darauf hindeuten, dass Kleopatra auf Antonius einen größeren Einfluss hatte als er auf Kleopatra. Nun aber befahl er seinem Steuermann, den Kurs in Richtung Norden zu halten, zuerst nach Syrien und von dort aus nach Athen. Sicherlich würde er dort eher gezwungen sein, sich um die Angelegenheiten des Reichs und sein schwieriges Bündnis mit Octavian zu kümmern als in Alexandria.

Daran, wie schwierig diese Allianz tatsächlich war, fand Antonius sich überall erinnert, nicht zuletzt in seinen diversen Häusern. Fulvia, seine Frau, war erst vor Kurzem nach dem Debakel des Perusinischen Kriegs nach Athen gekommen – genau wie (unabhängig von ihr) seine Mutter Julia. Beide Frauen hatten ihre eigene Geschichte zu erzählen, und Antonius konnte keine von beiden Geschichten erfreuen. Fulvias gescheiterter Aufstand in Italien war schon schlimm genug, aber wenigstens hatte er keine noch schlimmeren Ereignisse nach sich gezogen. Seine Mutter Julia jedoch hatte sich gerade mit einem Mann zusammengetan, den man gut und gerne als römischen „Staatsfeind Nr. 1“ bezeichnen konnte: Sextus Pompeius, der Sohn von Caesars Erzfeind, hatte Sizilien unter seine Kontrolle gebracht, eine der Kornkammern Roms, und versammelte eine Armee. Nun bot er Antonius durch Julia als Vermittlerin an, mit ihm zusammen gegen Octavian in den Krieg zu ziehen.

Und er war nicht allein. Überlebende des Perusinischen Kriegs schickten Nachrichten an Antonius, um ihm ihre Unterstützung zu versprechen, ihre Strategien darzulegen und ihm zu versichern, sie hätten „an verschiedenen Orten in Italien Orte zur Ausschiffung sowie Vorräte für ihn organisiert, in der Hoffnung, er werde sofort kommen“. Solange er konnte, weigerte sich Antonius, auf ihre Bitten einzugehen. Stattdessen flüchtete er sich in Ausreden und verbrachte seine Zeit lieber damit, sein Image als neuer Dionysos, der Frieden bringende Retter des römischen Ostens, zu zementieren. Athenaios beschreibt, teilweise unter Berufung auf einen Beinahe-Zeitgenossen, wie

Antonius in Athen über dem Theater einen Pavillon errichten ließ, mit einem dichten Dach aus grünem Holz, das aussehen sollte wie eine bacchische Grotte, und darin ließ er Trommeln und Rehhäute und alle möglichen anderen dionysischen Utensilien aufhängen, und vom frühen Morgen an legte er sich dort hin, um sich mit seinen Freunden zu betrinken, während eine Gruppe von Musikern, die er aus Italien hatte kommen lassen, die ganze Zeit über spielte, zum panhellenischen Fest. Manchmal … ging er hoch zur Akropolis, wobei Lampen auf den Dächern die ganze Stadt Athen erhellten. Und von dort aus verkündete er, es sei nunmehr in jeder Stadt bekanntzugeben, dass man ihn als Dionysus anzusprechen habe.82

Was Kleopatra von alledem gehalten haben mag, falls sie jemals davon erfuhr, wissen wir nicht. Einerseits hätte sie das Detail mit den Lampen sicherlich amüsiert – wie viel Antonius bereits von ihr gelernt hatte! Auf der anderen Seite müsste sie Antonius’ Verhalten jedoch mit wachsendem Unbehagen betrachtet haben. Wenn es, was immer wahrscheinlicher erschien, zu einem Krieg käme, wäre er komplett unvorbereitet.

Doch dann, endlich, handelte er. Er ließ Fulvia in Griechenland zurück, überquerte das Ionische Meer und ging im italischen Brundisium (Brindisi) vor Anker. Die Hafenbehörden aber ließen ihn nicht von Bord. Antonius seinerseits veranlasste eine Blockade der Stadt. Ein Konflikt schien unvermeidlich – immerhin wurde hier eine Stadt belagert, die Octavians direktem Befehl unterstand. Und so versammelte dieser seine Truppen und marschierte nach Osten bis Brundisium. Bald standen die Armeen beider Männer einander gegenüber. Die Spannungen wuchsen. Teile der Kavallerie gingen aufeinander los. Doch insgesamt war den in Reih und Glied stehenden Soldaten nicht danach, einander zu bekämpfen, und als Antonius und Octavian vernahmen, dass Fulvia, Ehefrau des einen und Ex-Schwiegermutter des anderen, erkrankt war und im Sterben lag, nutzten sie diese Nachricht als Vorwand dafür, Frieden zu schließen.

Schließlich war es Fulvia gewesen und nicht Antonius, die den Perusinischen Krieg angeführt hatte. Nun, da sie tot war, konnte man alle Schuld auf Fulvia schieben; ihr Tod führte dazu, dass sich die verbleibenden Spannungen lösten. Für die beiden Männer war das Ganze sozusagen eine „bequeme Unwahrheit“: Antonius’ Gemahlin wurde zum Sündenbock erklärt, Octavians Zorn traf nicht Antonius, sondern seine Frau, die ihre privilegierte Stellung an seiner Seite missbraucht hatte. Es war eine saubere Lösung – und ein Präzedenzfall.

In Zuge ihrer Versöhnung veranstalteten Octavian und Antonius Bankette, dem jeweils anderen zu Ehren, „Octavian in militärisch-römischem Stil und Antonius in asiatisch-ägyptischem Stil“.83 Hier gab es zweifellos noch mehr Lampen zu bestaunen. Man unterzeichnete einen Vertrag (September 40 v. Chr.), der Octavian alle westlichen Provinzen zusprach, alle östlichen Antonius. Außerdem erhielt Antonius, als Zeichen der großen Wertschätzung und des Vertrauens seines Kollegen, Octavians Schwester Octavia zur Frau. Octavia war zufälligerweise im gleichen Alter wie Kleopatra und wie diese eine energische, gebildete und intelligente Frau. An Lepidus, den dritten Triumvir, ging Afrika, und mit Sextus Pompeius schloss man (eine Art) Frieden.

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Eheliche Harmonie: Antonius und Octavia zieren die Vorderseite eines silbernen Cistophorus, während auf der Rückseite Dionysos dominiert. Die Münze wurde in Kleinasien geprägt, ca. 39 v. Chr. Durchmesser 2,6 cm. British Museum, G.2205.

Irgendwann während dieser seltsam aufregenden Tage, vielleicht inmitten der ersten leidenschaftlichen Phase der Ehe zwischen Antonius und Octavia, traf über die üblichen diplomatischen Kanäle eine Nachricht aus Ägypten ein, zweifellos mit großem Pomp und großer Feierlichkeit überbracht: In Alexandria hatte Kleopatra Zwillinge zur Welt gebracht, einen Jungen und ein Mädchen – die Kinder des Antonius, Halbgeschwister von Caesars Sohn Kaisarion und Erben des ägyptischen Throns.

Wie die frisch Vermählten auf diese Nachricht reagierten, darüber können wir nur spekulieren. Die Ehe von Antonius und Octavia basierte nicht auf Liebe, sondern auf politischen Erwägungen, doch gerade weil sie politisch so wichtig war, war es umso bedeutender, dass ihre Harmonie nicht gefährdet würde – immerhin hing von ihrem Erfolg die Zukunft der Allianz zwischen den beiden Triumvirn Octavian und Antonius ab. Was sie am meisten gefährdet hätte, wären freilich Anzeichen dafür, dass das Techtelmechtel zwischen Antonius und Kleopatra immer noch andauerte. Indem er seinen Amtskollegen mit seiner Schwester verheiratet hatte, wollte Octavian (mit der ihm eigenen effizienten und scharfsinnigen Berechnung) sicherstellen, dass für Antonius jede zukünftige Beziehung mit dem fruchtbaren Ägypten auf rein diplomatischer Ebene stattfinden würde.

Für Kleopatra war dies ein durchaus positives Ergebnis. Es ließ sie Ägypten ohne Einmischung regieren, im sicheren Wissen, dass ihre eigene Position mit großer Wahrscheinlichkeit unangreifbar sein würde, solange das Römische Reich sicher blieb und sich seine Außenpolitik nicht änderte. In den langen Monaten, die nun folgten, konnte sie sich im Glanz ihres Erfolgs sonnen. Vielleicht dachte sie dabei an ihren Lehrmeister und prahlte, ähnlich Caesar in Pontus habe sie in Tarsos ihr eigenes veni-vidi-vici-Erlebnis gehabt und einen allzu leichten Sieg errungen.

Und doch überließ Kleopatra weiterhin nichts dem Zufall. In Antonius’ Haushalt befand sich ein Geheimagent, ein ägyptischer Wahrsager, der über die Wahrung der Interessen der Königin wachen sollte und sicherstellen, dass sie in Alexandria zuverlässig informiert wurde. Bedenkt man die Art der Tarnung dieses Agenten, war es kaum zu vermeiden, dass einige seiner Berichte ein wenig weltfremder schienen als andere. So erfuhr Kleopatra zum Beispiel, dass der Wahrsager

Antonius geraten hatte, sich so gut wie möglich vom jungen Octavian fernzuhalten, indem er ihm sagte: „Dein Daimon [Schutzgeist] hat Angst vor seinem Daimon. Er ist selbstsicher und stolz, wenn er alleine ist, aber er wird demütig und feige, wenn der andere in der Nähe ist. “ Und in der Tat schienen einige Ereignisse diese Worte des Ägypters zu bestätigen, denn es heißt, wann immer die beiden (aus welchem Grund es auch sein mochte) das Los oder die Würfel warfen, verlor Antonius ganz unweigerlich … Antonius ärgerte sich insgeheim, wenn dies passierte, aber hörte dadurch umso genauer auf die Worte des Ägypters, und so verließ er Italien und vertraute Octavian seinen Haushalt an.84

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass die zweifelhaften Schlussfolgerungen der Geheimdienste politische Ereignisse nach sich zogen, aber dieses Mal waren sie ausnahmsweise gutartig. Als das folgende Jahr zu Ende ging, vernahm Kleopatra, dass Antonius mit seiner Frau Octavia und ihrer neugeborenen Tochter Antonia an seiner Seite nach Athen zurückgekehrt war, wo sie den Winter verbringen würden (39/38 v. Chr.).

Dieser Aufenthalt in der griechischen Hauptstadt war natürlich nicht von so ausschweifenden Eskapaden geprägt wie der in Alexandria zwei Jahre zuvor, aber dennoch sollte er Antonius, wenn auch auf andere Weise, in Erinnerung bleiben. Er freute sich über sein erneuertes Bündnis mit Octavian und hatte das Gefühl, der könne endlich ausspannen. Seine junge Frau entzückte die Athener, und Antonius selbst

schaute sich lediglich die Berichte aus der Armee an und tauschte seine Erscheinung als Kommandant wieder gegen die des Privatmanns ein, trug quadratisch geschnittene griechische Gewänder und attische Schuhe, und vor seiner Tür sammelten sich keine Menschenmengen mehr … Er nahm seine Mahlzeiten nach der Art der Griechen ein, verbrachte seine Freizeit mit Griechen und genoss ihre Feste in Gesellschaft Octavias, in die er sehr verliebt war, so wie er von Natur aus die Frauen liebte.85

Auch wenn Plutarch mehr Antonius’ offizielle Tätigkeiten beschreibt, malt er doch ein ähnliches Bild:

Antonius … übernahm für die Athener die Rolle des Gymnasiarchen. Er ließ seine Feldherrnkleidung daheim und trug in der Öffentlichkeit die Gymnasiarchen-Tracht mit langem Gewand und weißen Schuhen.86

Aber selbst inmitten solch lobenswerter bürgerlicher Pflichten fand Antonius noch Zeit, um zwei seiner persönlichen Interessen zu verfolgen – im ganzen Osten seinen Ruf als Gott auszubauen und weiterhin sicherzustellen, dass seine eigenen Kassen gefüllt waren:

Er nannte sich zum Beispiel den „jungen Dionysos“ und beharrte darauf, so von anderen angesprochen zu werden; und als die Athener ihn deshalb mit Athene verlobten [eine allegorische Handlung, die ein religiöses Ritual mit politischer Opportunität verband], sagte er, dass er die [rein symbolische] Ehe annehme und von ihnen eine [umso handfestere] Mitgift von vier Millionen Sesterzen verlange.87

Alles in allem war jedoch sein winterlicher Aufenthalt in Athen eine viel nüchterne Angelegenheit, als es jener in Alexandria gewesen war. Es gibt keinen Historiker, der im Zusammenhang mit Athen Antonius’ Verhalten als „verabscheuungswürdig“ qualifiziert.

Doch auch wenn an diesem Verhalten wenig auszusetzen war, erwuchsen ganz andere Sorgen, als im Frühjahr 38 v. Chr. die Seewege wieder eröffnet wurden und in Alexandria auf einmal Nachrichten von ganz anderer Art eintrafen.

Aus Sizilien wird Kleopatra gehört haben, dass Sextus Pompeius Rom gegenüber nun doch wieder eine feindselige Haltung eingenommen hatte; aus Athen, wie Antonius nun doch wieder seine Uniform angelegt hatte, um gegen Sextus Pompeius zu kämpfen und auch gegen die Parther; aus Rom, wie Flotten gegen Pompeius’ Schiffe geschickt worden waren, die dessen Würgegriff auf die Nahrungsmittelversorgung der Stadt ein für allemal ein Ende setzen sollten. Später im selben Jahr muss Kleopatra von verzweifelten Seeschlachten gehört haben, von Siegen des Pompeius, von Galeeren, die im Sturm untergingen, von Octavian, wie er flüchten und (wenn auch nur kurz) um sein Leben rennen musste. Sie muss davon gehört haben, wie Octavian eine Dringlichkeitssitzung in Brundisium einberaumt hatte, wie Antonius seiner Bitte nachkam, wie Octavian selbst gar nicht dort eintraf und Antonius, der sich abgewiesen fühlte, zurück in den Osten nach Griechenland fuhr. Doch trotz der Turbulenzen im Römischen Reich blieb Ägypten unangetastet. Manche müssen gedacht haben, das Land und seine Königin seien verzaubert.

Die Monate verstrichen (38/37 v. Chr.) und das Netz der verschiedenen Berichte, die die ägyptische Hauptstadt erreichten, wurde immer komplexer, aber dennoch stachen einige Schlagzeilen heraus: ein Teilerfolg eines der Leutnants des Antonius über die Parther; die erneute Festigung der Allianz zwischen Octavian und Antonius durch die Verlobung ihrer noch kleinen Kinder; Antonius’ Einwilligung, Octavian mehr als hundert Schiffe zu leihen, um ihn beim weiterhin andauernden Krieg gegen Sextus Pompeius zu unterstützen. Dann traf aus Parthien die Nachricht ein, dass dort ein Bürgerkrieg ausgebrochen war. Aus Griechenland meldete man, dass Antonius diese Unordnung beim alten Feind Roms schnell nutzen wolle, indem er eine neue Expedition ins Leben rief. Stationiert werden würde sie in Antiochia. Zwar bewegten sich die Ereignisse mit großem Tempo, aber nirgendwo gab es Anzeichen für eine Bedrohung Ägyptens.

Dann, im Herbst 37 v. Chr., traf in Alexandria ein weiterer Brief ein; ganz egal, wie sehr der Hof auf diese Botschaft durch vergangene Geheimdienstberichte vorbereitet gewesen sein mag, man muss ihren Inhalt dennoch mit Bestürzung aufgenommen haben. Mit einem Schlag drohte dieser Brief das fein ausbalancierte diplomatische Gleichgewicht, an dem Kleopatra so lange und so geschickt gearbeitet hatte, in sich zusammenfallen zu lassen. Denn darin enthalten war eine Einladung. Wie sie darauf reagieren sollte, muss nicht nur den begabtesten Köpfen Alexandrias den Schlaf geraubt haben, sondern auch Kleopatra selbst. Diese Einladung zu akzeptieren, konnte in dem einen Lager zu ebenso großem Unmut führen, wie sie abzulehnen in dem anderen, und ganz unversehens könnte sich Ägypten dadurch mitten im Krieg wiederfinden.

Während die bestürzte Kleopatra im königlichen Palast die Implikationen dieses Briefs abwägte, mag sie einen Blick auf eine der Sphinx-Skulpturen aus schwarzem Basalt geworfen haben, die den breiten Innenhof zierten; und sie mag das Gefühl gehabt haben, dass die Entscheidung, vor der sie stand, ebenso unmöglich zu lösen war wie ein Rätsel, das diese Kreatur ihr hätte stellen können.

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Rätselhaft und tödlich: eine gelbe Sphinx aus Kalkstein, hellenistisch-römische Zeit (1. Jh. v. Chr./2. Jh. n.Chr.), aus Ägypten. Länge 41,5 cm. Höhe 25 cm. British Museum, 1875,0810.10.

Denn die Nachricht kam von Antonius, und sie war ganz unverblümt: Er hatte seine Ehefrau, Octavia, die Schwester seines Kollegen Octavian, die der Garant für die Stabilität des Triumvirats gewesen war, zurück nach Hause geschickt, nach Italien. Statt mit ihr wollte Antonius die folgenden Monate in Antiochia mit Kleopatra verbringen.

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Ein heroischer Antonius auf einem roten Jaspis-Intaglio für einen Ring. Römisch, ca. 40–30 v. Chr. Länge 1,4 cm. British Museum, 1867,0507,724.