Vielleicht war es die Wahl des Ortes, die Kleopatra auf die Idee brachte. Denn so wie Alexandria der Sitz des großen Ptolemäer-Reichs war, so hatte auch in Antiochia einer der Generäle Alexanders des Großen gesessen, Seleukos, der von hier aus Syrien regierte.
Und wie Alexandria war auch Antiochia für seine Pracht bekannt, seine breiten, schachbrettartig angelegten Straßen, seine üppigen, gut bewässerten Gärten, seine schimmernden Tempel, sein Theater und seinen Königspalast. Dennoch gab es Unterschiede. In Antiochia lag der Palast auf einer Insel inmitten der schnellen Wasser des Orontes, während im Süden die Wände einer hohen Zitadelle die Felswand eines Berges, des Silpios, erklommen. Mit seiner multiethnischen Bevölkerung aus Griechen, Juden und Syrern wohnten in der Stadt etwa eine halbe Million Menschen. Nur Rom und Alexandria hatten mehr Einwohner.
Doch jetzt, wo die Ebene zu beiden Seiten des Orontes mit einem Meer von Zelten und temporären Quartieren für die gewaltige Armee, die Antonius im folgenden Jahr nach Parthien führen wollte, übersät war, wuchs die Bevölkerung der Stadt noch einmal um viele tausend Menschen, ihre Sklaven und Zulieferer. Währenddessen war im Palast der ägyptische Hofstaat zu Gast.
Trotz aller anfänglichen Befürchtungen war Kleopatra zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht anders konnte, als Antonius’ Bitte, ihn zu begleiten, nachzukommen. Schließlich hatte er sie gerufen, er brauchte die Unterstützung Ägyptens für seinen bevorstehenden Feldzug, und sicherlich hätte er sie gar nicht erst eingeladen, wenn er wusste, dass er dadurch Octavians Zorn auf sich zog. Zumindest mögen das die offiziellen Argumente gewesen sein. Insgeheim jedoch, zieht man ihr eigenes Urteilsvermögen in Betracht sowie die Berichte ihres Agenten, des Wahrsagers, wird Kleopatra insgeheim klar gewesen sein, was Plutarch später umso deutlicher schreibt:
Dieses große Übel, das so lange geschlummert hatte, nämlich seine Liebe zu Kleopatra, die eingeschlafen oder sogar ganz beseitigt zu sein schien, erwachte nun wieder, als er sich der syrischen Küste näherte, und brannte erneut.88
Wenn dies der Fall war, würde Kleopatra sicherstellen, dass sie (und Ägypten) davon profitierten – vor allem, falls sich Octavian (wie zu befürchten stand) wenig begeistert über ihre erneute Verbindung mit Antonius, dem Mann seiner Schwester, zeigte. Wenn sie schon das Risiko einging, das diese Reise nach Antiochia mit sich brachte, dann musste für sie auch entsprechend viel dabei herauskommen. Es war jetzt an der Zeit, Einzelheiten zu besprechen.
Seleukosl. Nikator („der Sieger“ 312–280 v. Chr.), einer der Generäle und Nachfolger Alexanders des Großen und Gründer von Antiochia, auf einer silbernen Tetradrachme, geprägt in Susa (Iran). Durchmesser 2,5 cm. British Museum, 1969,0525.1
Die Historiker der folgenden Jahrhunderte berichten relativ einmütig, Antonius habe sie „mit Geschenken überhäuft“. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass Kleopatra ihrerseits mit einem Wunschzettel ankam. Auf jeden Fall konnte die ägyptische Königin binnen kurzer Zeit eine deutliche Expansion ihres Reichs verzeichnen:
Um ihr Reich zu vergrößern … schenkte er ihr Phönizien, Koilesyrien, Zypern und einen großen Teil Kilikiens; außerdem jenen Teil von Judäa, in dem Balsam produziert wird, und den Streifen vom Arabien der Nabatäer, der sich bis zum äußeren Meer hin erstreckt.89
Zusammen mit diesen neuen Territorien verfügte Kleopatra nun über fast die gesamte Fläche des Ptolemäischen Reichs, wie es einst in seiner Blütezeit (3. Jahrhundert v. Chr.) existiert hatte. Nur das Kernland von Judäa und das Königreich Nabatäa bekam sie nicht. Mit Fug und Recht konnte Kleopatra zurück in Ägypten ein Edikt erlassen, dass man dieses Jahr (37/36 v. Chr.) künftig nicht mehr das „Jahr 16“ ihrer Regierungszeit nennen würde, sondern „Jahr 1“. Und so begann in den amtlichen Aufzeichnungen in allen ihren Territorien am 1. September 37 v. Chr. das zweite Ptolemäerreich.
Aber das war noch nicht alles: Wiederum auf Kleopatras Betreiben hin bekannte sich Antonius öffentlich zum Vater der Zwillinge, die mittlerweile drei Jahre alt waren. Bei einer Zeremonie zur Namensgebung, die möglicherweise (bedenkt man seinen Hang zum großen Auftritt) im Großen Theater von Antiochia abgehalten wurde, präsentierte Antonius dem Volk seine beiden Kinder, die fortan Alexander Helios („Sonne“) und Kleopatra Selene („Mond“) hießen. Die Symbolik hätte kaum deutlicher sein können. Diese Namen verbanden nicht nur das erste Ptolemäerreich mit dem zweiten und den Namen der jetzigen Königin mit dem des großen Gründers von Alexandria; noch dazu identifizierten die Epitheta „Helios“ und „ Selene“ die Königskinder feierlich als menschliche Inkarnation der zwei großen Götter des östlichen Imperium. Wie beide Elternteile sollte man sie als göttlich ansehen.
Die Reaktionen in Rom auf Antonius’ Entscheidungen konnte man bestenfalls als verhalten bezeichnen; „vor allem die verschenkten Gebiete irritierten die Römer“, während die Anerkennung der Vaterschaft beider Kinder einfach „den Skandal noch verschlimmerte“.90 Zumindest konnte Octavian sich nicht ernsthaft darüber beschweren, dass die Zwillinge mit Göttern identifiziert wurden, denn in Rom tat Octavian selbst sein Möglichstes, um an einer Verbindung zwischen sich und dem Gott Apollo zu feilen; er hielt ein Bankett ab, bei dem er (mit einer für ihn ganz untypischen Extravaganz) wie eben jener Gott gekleidet auftrat:
Bei diesem [Bankett] erschienen die Gäste als Götter und Göttinnen gekleidet, während er selbst als Apollo angezogen war, wie ihm nicht nur die Briefe des Antonius vorhalten, der erbittert die Namen aller Teilnehmer nennt, sondern auch diese anonymen, aber äußerst bekannten Verse:
„… Während Octavian gottlos den falschen Apollo gibt, Während er zum ausschweifenden Mahl der Götter lädt, Wenden sich alle Gottheiten von der Erde ab, Und selbst Jupiter flieht von seinem goldenen Thron.“91
Die kaiserzeitliche Biograph Sueton merkt an, dass angesichts der immer wieder durch Sextus Pompeius gestörten Nahrungsmittelversorgung Roms auch der Zeitpunkt des Bankett wenig Einfühlungsvermögen offenbarte:
Den Skandal dieses Banketts verschlimmerte noch die Tatsache, dass es zu der Zeit in der Stadt eine Teuerung und eine Hungersnot gab, und am folgenden Tag gab es einen regelrechten Aufschrei: die Götter hätten alles Getreide verspeist, Caesar sei in der Tat Apollo, aber Apollo der Peiniger, ein Beiname, unter dem dieser Gott in einem Teil der Stadt verehrt wurde.92
Die göttliche Zeugung des Octavian? Die Portlandvase könnte zeigen, wie Apollo als Seeschlange Octavians Mutter Atia schwängert. Kameoglas, aus Rom, ca. 1–25 n.Chr. Höhe 24,5 cm. British Museum, 1945,0927.1, erworben mit Hilfe des Nachlasses von James RoseVallentin
Indem er sich selbst als Apollo stilisierte, jener Gott, mit dem er sich selbst den ganzen Rest seines langen Lebens identifizieren sollte, nahm Octavian ganz bewusst eine Gegenposition zu Antonius ein. Dionysos, der Gott, in dessen Gestalt Antonius im Osten des Reichs gefeiert wurde, war ein Gott der überschwänglichen Emotionen, der Hemmungslosigkeit, Geselligkeit und Ausschweifungen. Apollo jedoch war viel ernsthafter, ein Gott der Vernunft und der Strenge, der Harmonie und jener Art von Ordnung, die durch das Befolgen von Regeln erreicht wird.
Im Osten hatte auch Apollo seine Anhänger. Etwas außerhalb von Antiochia, in der grünen Vorstadt Daphne, mit ihrem Lorbeer, ihren Eichenhainen und Wasserfällen, gab es einen berühmten Bezirk des Gottes, mit einem sagenhaft reichen Tempel und einem großen Kultbild, das vom Bildhauer Bryaxis angefertigt war, dessen Arbeiten auch das Mausoleum in Halikarnassos, weit im Nordwesten, schmückten – einem weiteren Weltwunder der Antike. Doch trotz der Präsenz des strengen Apollo-Tempels war Daphne für Antiochia, was Kanopos für Alexandria war: ein Ort des Vergnügens und der lockeren Moral. Als solche war die Stadt sicher auch für Antonius eine Attraktion. Dass keine Berichte über wilde Partys aus diesen Wintermonaten überlebt haben, bedeutet nicht, dass keine stattfanden. Mit Sicherheit ließen Antonius und Kleopatra ihre körperliche Beziehung wieder aufleben, die sie in Alexandria genossen hatten, denn gegen Ende des Winters war die Königin schon wieder schwanger.
Doch im späten Frühjahr wurde die entspannte Ruhe von Daphne empfindlich gestört (Mai 36 v. Chr.). Es musste einem vorkommen, als sei ganz Antiochia unterwegs. Die Zelte wurden eingepackt, die Quartiere abgebaut, und die Stadt muss vom Klang der Soldatenstiefel auf den marmornen Straßenplatten wieder gehallt haben, vom Schlag der Hufe, vom Rumpeln der Räder der mobilen Katapulte. Denn es war an der Zeit, gegen Parthien zu marschieren, Antonius konnte nun nicht länger warten. Kleopatra versicherte ihm, dass sie alles tun werde, um seine Flotte zu vergrößern und die Versorgung seiner Truppen sicherzustellen, und so verabschiedete er sich von der Königin, die nach Ägypten zurückreisen würde, und gab seinen Männern den Befehl, vorzurücken.
Als der Staub sich langsam legte und die Armee aus ihrem Blickfeld verschwand, konnte Kleopatra endlich Bilanz ziehen. Es hatte sich vieles verändert. Ihr Reich war über Nacht gewaltig gewachsen, und dadurch kontrollierte sie nicht nur neue Gebiete, sondern auch neue Geschäftsfelder, mit attraktiven Möglichkeiten für steigende Umsätze. Wie ein mächtiger Konzernchef nach einer erfolgreichen Fusion, fand sich Kleopatra nun an der Spitze einer multinationalen Organisation wieder, die eine sorgfältige Verwaltung und eine starke Führung benötigte.
Unter anderem kontrollierte Kleopatra jetzt die lukrativen Handelswege zwischen dem Mittelmeer im Westen und Indien und Sri Lanka im Osten, mit allen Möglichkeiten, die dies nicht nur in puncto Besteuerung mit sich brachte, sondern auch für den Aufbau diplomatischer Beziehungen. Etwas näher an ihrer Heimat gelegen waren die profitablen Produktionsstätten für Balsam und aromatische Harze, die zur Herstellung von Düften und Salben dienten. Dieser Geschäftszweig war so einträglich, dass sie Balsamstecklinge aus Jericho, wo das bisherige Monopol saß, nach Ägypten bringen ließ, wo man die Sträucher bald im industriellen Maßstab anbaute.
Zwei andere Geschäftszweige hatten noch unmittelbarere Vorteile, nicht nur für Kleopatra, sondern auch für Antonius. Die Hügel der von Kleopatra neu annektierten Provinzen Zypern, Kilikien, Libanon und Gilead waren dicht bewaldet, und ihre Zedern, Kiefern und Eichen lieferten die Rohstoffe für Ruder und Galeeren, die man für den Bau von Antonius’ neuer Flotte benötigte und für die man nicht nur Kriegsschiffe brauchte, sondern auch die lebenswichtigen Transportschiffe. Um die Rümpfe der Schiffe abzudichten, bedurfte es eines dicken Anstrichs mit Bitumen, auch über diesen Rohstoff verfügte Kleopatra nun exklusiv. Was man sonst noch für den Schiffbau benötigte, waren Leinensegel, gedrehte Seile, Know-how und Arbeitskräfte – all das besaß Ägypten ohnehin in Hülle und Fülle. Caesar war Zeuge geworden, wie schnell die Alexandriner eine Flotte bauen und bemannen konnten, die dann gegen ihn kämpfte (siehe S. 50); jetzt ließ Kleopatra eine Flotte bauen, die Antonius versorgte.
Natürlich war nicht jeder glücklich damit, dass sein Gebiet oder Geschäft von jemand anderem übernommen wurde. In Judäa versuchte der lästige König Herodes seinen Groll beiseitezuschieben und bot Kleopatra an, die Einnahmen aus der Bitumen-Konzession am Toten Meer für sie einzusammeln. Kleopatra ging auf den Vorschlag ein, wenn auch mit Vorbehalt. Der von innenpolitischen Krisen gebeutelte römische Klientelkönig verabscheute Kleopatra, nicht nur weil sie mächtiger war als er, sondern weil er ihr Verhalten als Einmischung in jüdische Angelegenheiten wahr nahm. Als Ägypterin, die fließend Hebräisch und Äramaisch sprach, hatte sie es gewagt, sich in die Kandidatur für das Amt des Hohepriesters einzuschalten, und mit Unterstützung von Antonius hatte sie dafür gesorgt, dass sich ihr Kandidat durchsetzte. Herodes war außer sich, aber er konnte nichts weiter tun, bis er ein paar Monate später verkündete, dass der neue Hohepriester leider ertrunken war. Herodes brüstete sich mit kindischer Heiterkeit, Kleopatra habe einmal versucht, ihn zu verführen (was komplett unglaubwürdig war), doch er posaunte auch heraus (was durchaus glaubwürdig war), er erwäge, die Königin töten zu lassen. Herodes war nicht gerade ein angenehmer Zeitgenosse.
In Rom wurde man hellhörig. Schließlich hatten alle Gebiete, die nun in den Händen Kleopatras lagen, unter direktem Kommando von Rom gestanden. Auch wenn es strategisch durchaus sinnvoll gewesen sein mochte, dass Antonius diese Provinzen an jemanden übertrug, dem er darin vertrauen konnte, sie ganz integer zu verwalten, so bedeutete das Ganze dennoch, dass das Römische Reich auf einen bedeutenden Teil seines Gebiets verzichtete und es an eine unabhängige ausländische Königin abtrat. Für einen patriotischen Römer war das vollkommen inakzeptabel.
Im Osten jedoch erstrahlte Kleopatras Stern immer heller. In Antiochia ließ sie neue Münzen prägen, die auf der einen Seite Antonius zeigten, auf der anderen Kleopatra, aber nicht in der Verkleidung der Isis, sondern als römische Matrone. Inzwischen hatte sie sich selbst neue Titel verliehen, nannte sich „das Vaterland liebende Göttin“ und „jüngere Göttin“, und sie benutzte die Bilder, die nun mit ihren Kindern assoziiert wurden, um die Wahrnehmung ihrer eigenen Göttlichkeit auszubauen. Denn mit deren neuen Namen Helios und Selene, Sonne und Mond, spielten die kleinen Zwillinge eine zunehmend wichtige Rolle in Kleopatras Propaganda.
In der gesamten griechischen Welt sah man die Sonne und den Mond als Zwillinge an, die man mit der Siegesgöttin assoziierte, während man in Ägypten seit Jahrhunderten den Mond mit Isis identifizierte, der Göttin, als deren Inkarnation Kleopatra sich immer häufiger verehren ließ. Außerdem hatten sich die ägyptischen Pharaonen 1500 Jahre lang als Verkörperung der Sonne anbeten lassen, nicht zuletzt im großen Tempel-Komplex von Heliopolis, der „Sonnenstadt“, und die griechischen Philologen von Alexandria verfassten Hymnen in bewusst archaisierender Sprache, die beschrieben, wie
Helios, der den unsterblichen Göttern gleicht, den Menschen und unsterblichen Göttern leuchtet, wenn er auf seinem Wagen fährt; er schaut durchdringend aus seinen Augen unter dem goldenen Helm hervor; helle Strahlen gehen von seiner Stirn aus und umschließen voll Anmut sein Antlitz, das man weithin sieht; ein kostbares, fein gesponnenes Gewand leuchtet am Körper, und er weht mit dem Wind …93
Der Sonnengott trägt einen Strahlenkranz, auf einem Silberdenar des Antonius. Geprägt in einer mobilen Prägestätte, 42 v. Chr, Durchmesser 1,85 cm. British Museum, 1868,0514,61
Auch weiter im Osten und überhaupt im gesamten Mittelmeerraum galt die Sonne als Vorbote einer neuen Epoche des Friedens und der Harmonie, des Goldenen Zeitalters, das so viele Menschen nach den Jahrzehnten zerstörerischer Bürgerkriege ersehnten.
Doch Ägypten und die griechisch-römische Welt beteten nicht nur die Sonne an. In Parthien verkündete der neue König Phraates IV., er sei „Bruder der Sonne und des Mondes“; dennoch fühlte er sich den kleinen Kindern des Antonius ganz und gar nicht verbunden. Denn bereits im Sommer 36 v. Chr. befand sich Antonius, nun wieder in seiner Rolle als römischer Feldherr, an der Spitze seiner riesigen, schwerfälligen Armee, ihre Soldaten, Lasttiere und Wagen über mehrere Meilen verteilt hinter sich. Ihre Mission: die Parther ein für alle Mal zu schlagen.
Antonius hatte sich gut vorbereitet. An statt einen direkten Angriff in Richtung Osten auf Parthien zu versuchen, wie man hätte erwarten können, marschierte er zunächst nach Armenien im Nordosten, wo der augenscheinlich zuverlässige König Artavastes den Römern seine volle Unterstützung zugesagt hatte. Von hier aus sollte Parthien angegriffen werden, das nunmehr im Süden lag. So traf er also in Armenien an einem vorher festgelegten Ort seine Verbündeten. Plutarch beschreibt die enormen Ressourcen, die Antonius’ Befehl unterstanden:
An echten Römern gab es 60.000 Fußsoldaten, außerdem die Kavallerie, die als römisch angesehen wurde, namentlich 10.000 Iberer und Kelten; von anderen Völkern kamen noch einmal 30.000, gleichermaßen Reiter und Leichtbewaffnete.94
Auch wenn die Gesamtzahl von 100.000 Soldaten eine Übertreibung gewesen sein mag: Wenn man die Gepäck- und Versorgungszüge dazuzählte, war es ein gewaltiges Heer, viel größer als alle, die Antonius je befehligt hatte. Es war so groß, dass es (wie Plutarch in einer Hyperbel sagt), „selbst die Inder jenseits von Baktrien erschreckte und ganz Asien zittern ließ“.
Doch lag in seiner Größe zugleich die größte Schwäche dieses Heers. Als der mächtige Expeditionszug in Richtung Süden polterte, machte das unwegsame Gelände es für die Wagen mit dem Gepäck schwer, vorwärtszukommen. Und auch die 300 schwerfälligen Ochsenkarren mit dem so wichtigen Belagerungsgerät (darunter ein 25 Meter langer Rammbock zum Durchbruch von Stadttoren) kamen nur langsam voran. Für den ungeduldigen Antonius war die quälende Langsamkeit, mit der sich das Heer bewegte, mehr als ärgerlich. Caesar, der Meister des blitzartigen Überfalls, so mag er gedacht haben, hätte sich niemals so viel Ballast aufgehalst. Abgesehen davon war er überzeugt davon, dass seine shock-and-awe-Taktik funktionieren würde und die schiere Anzahl seiner Soldaten den Parthern so viel Furcht einflößen würde, dass sie ihm ihre Kapitulation anbieten würden, bevor es überhaupt zum Kampf kam.
Also ließ Antonius seine Karren und Wagen, seine Ausrüstung und seinen Belagerungsrammbock, bewacht von einer großen Abteilung seiner Soldaten, zurück und rückte persönlich mit dem Rest seiner Armee zur reichen Stadt Phraaspa vor, die inzwischen als königliche Residenz fungierte. Wenn er erwartet hatte, dass die Bürger von Phraaspa kampflos kapitulieren würden, dann hatte er sich gründlich getäuscht. Sie schlossen ihre Tore und bereiteten sich auf die folgende Belagerung vor. Antonius’ Plan war fehlgeschlagen. Jetzt, da er so dringend Belagerungsmaschinen brauchte, hatte er keine. Alles, was er tun konnte, war, seine Armee einen hohen Erdwall vor den Stadtmauern errichten zu lassen. Seine Absicht: eine Rampe zu bauen, über die seine Legionen in die Stadt eindringen konnten.
Es war eine undankbare Aufgabe – die starken Stadtmauern wurden gut verteidigt. Und als sie noch dabei waren, die Rampe aufzuschütten, kam ein Reiter in Antonius’ Lager galoppiert, mit einer dringenden Nachricht von seinem Tross: er wurde vom Partherkönig Phraates angegriffen. Antonius musste ihnen schnell zu Hilfe kommen. In aller Eile versammelte er seine Männer, und sie marschierten den ganzen Weg zurück, den sie gekommen waren.
Der Anblick, der sie erwartete, war schrecklich. Über der Ebene lag eine große Stille, und man sah nichts als Leichen. Von den Soldaten und den Kutschern war keiner mehr am Leben. Es war ein einziges Blutbad, nichts und niemand war davongekommen. Die Gepäckwagen und die Belagerungsmaschinen, die Antonius so dringend brauchte, waren verschwunden. Und was genauso schlimm war: In den folgenden Tagen erfuhr er, dass sein eigentlicher Verbündeter, der armenische König Artavastes, den Schauplatz bei den ersten Anzeichen von Schwierigkeiten verlassen hatte und seine Truppen wieder nach Hause geführt hatte. Seine Intervention hätte den Tross vielleicht retten können. Dieser Verrat hatte sein Schicksal besiegelt.
Antonius hatte wohl keine andere Wahl, als seine überlebenden Truppen zurück nach Phraaspa zu führen und die Belagerung fortzusetzen. Bereits in diesen relativ frühen Tagen des großen Feldzugs gab es einige, die das Ganze für sinnlos hielten, und während die Tage sich dahinschleppten, wurden die Nahrungsmittel der römischen Armee langsam knapp. Was alles noch schlimmer machte: König Phraates traf mit seiner parthischen Armee ein und schlug in einigem Abstand sein Lager auf; dort stand es, inmitten der dunstigen Hitze der flachen Ebene, hinter Antonius’ Linien, bedrohlich und still.
Phraates’ Strategie war, die Römer nicht anzugreifen, sondern sie einzukreisen und auszulaugen. Tief in feindlichem Gebiet fand sich die belagernde römische Armee, eingekeilt zwischen der Stadt und den neu eingetroffenen Truppen, nun selbst als Belagerte wieder und erlitt eben jene Entbehrungen, die sie eigentlich den Parthern hatte zufügen wollen.
Der Feldzug, der auf der römischen Seite als großspuriger Kraftakt begonnen hatte, lief Gefahr, zu einem langsamen Zermürbungskrieg zu verkommen. Antonius’ Truppen hatten sich in einem taktischen Sumpf festgefahren, aus dem es schwierig sein würde, sich selbst herauszuziehen. Phraates’ Kataphrakten, schwer gepanzerte Reiter, galoppierten in greifbarer Nähe der römischen Linien und verspotteten den Feind. Antonius suchte verzweifelt einen Weg, die Initiative zu ergreifen und sich aus der Situation zu befreien, die sie in die Schlacht zwingen würde.
Glücklicherweise sprachen die Zahlen immer noch für ihn. Er ließ eine große Zahl Soldaten in Phraaspa zurück und wandte sich mit einer riesigen Armee den Parthern in der Ebene zu: zehn Legionen, drei Kohorten der legendären Prätorianergarde und all seiner Kavallerie. Bei Einbruch der Nacht schien es, als ob seine Strategie aufging. Plutarch erzählt, was geschah:
Nach einem Tagesmarsch sah er, dass die Parther seine Armee von allen Seiten umzingelten und Anstalten machten, anzugreifen. Also hängte er im Lager die Kriegsflagge auf, aber er ließ die Zelte abbauen, als ob er vorhabe, nicht zu kämpfen, sondern sich zurückzuziehen, und marschierte an der halbmondförmigen feindlichen Linie vorbei. Doch er hatte befohlen, dass die Kavallerie angreifen sollte, sobald sich die ersten Reihen des Feindes in Reichweite seiner Fußsoldaten befanden.95
In völliger Stille und mit strengster Disziplin, als wäre es eine militärische Übung und nicht der Auftakt zu einer tatsächlichen Schlacht, begaben sich Antonius’ Männer auf den langen Marsch zurück nach Phraaspa. Dann plötzlich schwenkte die Kavallerie auf das verabredete Signal hin um und verließ die langen Linien der Infanterie; sie griff die Parther an, brüllte, schrie und versuchte, ihnen Angst einzuflößen und das Überraschungsmoment zu nutzen. Die Infanterie folgte ihrem Beispiel, und für einen Augenblick schien es, als ob sich Antonius’ Taktik auszahlte. Die parthischen Kataphrakten wendeten ihre Pferde und flohen, mit den Römern auf ihren Fersen. Aber obwohl die Kavallerie sie über 20 Meilen verfolgte, holte sie sie nicht ein. Die Parther waren in der Schwärze der Septembernacht verschwunden. Antonius hatte gehofft, einen Sieg zu erringen, der ihn berühmt machen würde, und herausgekommen war ein Scharmützel ohne Entscheidung.
Am folgenden Tag brachte er seine Armee, die demoralisiert war und mit Sicherheit seine Führungsqualitäten anzweifelte, zurück nach Phraaspa:
Während sie marschierten, trafen sie hin und wieder auf ein paar feindliche Soldaten, dann auf immer mehr, und dann stand vor ihnen die gesamte Armee, die die Römer herausforderte und von allen Seiten angriff, als wäre sie unbesiegt und frisch; doch schließlich erreichten sie mit Mühe und Not sicher ihr Lager. Dann wagten die Parther einen Ausfall gegen den Wall und schlugen die Verteidiger dort in die Flucht. Antonius war zornig und wandte gegen diejenigen, die sich als Feiglinge erwiesen hatten, die sogenannte Dezimierung an; das heißt, er teilte sie in Zehnergruppen auf und ließ aus jeder Gruppe einen auslosen, der dann getötet wurde.
Dabei lag das Problem gar nicht bei den römischen Truppen. Es lag bei Antonius. Trotz seines Rufs hatte Antonius nie zuvor eine dermaßen riesige Expedition angeführt. Zu Beginn seiner Laufbahn hatte er unter dem kompetenten General Gabinius gedient und unter dem begeisternden Caesar, und beide hatten gewusst, wie sie sich am besten Antonius’ sehr spezieller Energien bedienen konnten; sein eigener großer Sieg bei Philippi galt als überragender Erfolg, aber dieser Sieg hatte ebenso viel mit der Unfähigkeit der gegnerischen Generäle zu tun gehabt wie mit Antonius’ Führung. Jetzt, ganz auf sich allein gestellt, musste Antonius sich abstrampeln, und sein Selbstvertrauen schwand immer mehr.
Antonius’ Erzfeind, Phraates IV., König der Parther, Silberne Tetradrachme, geprägt in Seleukeia am Tigris, 26–25 v. Chr. Durchmesser 2,7 cm. British Museum. 1900,0706,62.
Zwangsläufig wirkte sich dies negativ auf die Moral der Truppe aus. Hungrige Soldaten verließen das Lager, um nach Essbarem zu suchen, und kehrten nicht mehr zurück. Immer, wenn eine größere Zahl römischer Truppen auf der Suche nach Nahrung auszog, nutzten die Parther die Situation aus und griffen diejenigen an, die an der Stadtmauer zurückgeblieben waren, wobei sie so viel Zerstörung anrichteten, wie sie nur konnten, und alle Belagerungsmaschinen in Brand setzten, die die Römer in situ hatten konstruieren können. Gleichzeitig ritten die parthischen Kataphrakten in der Abenddämmerung nahe des römischen Lagers auf und bedienten sich einer Art psychologischer Kriegsführung: Sie priesen laut die Tapferkeit der römischen Soldaten und zogen zugleich über Antonius’ schlechten Führungsstil her.
Nach der herbstlichen Tag-und-Nacht-Gleiche brachte die schwere Luft erste Anzeichen von Regen und Schnee, und sowohl Antonius als auch Phraates wussten, dass es an der Zeit war, Bedingungen für einen Rückzug der Römer auszuhandeln. Beide Seiten hatten gute Gründe dafür, die Situation sich nicht bis in den Winter hinziehen zu lassen. Allen war klar, dass die Römer nicht gewinnen konnten und dass Antonius keine besonders überzeugende Strategie hatte. Doch im Wissen um die Wichtigkeit des eigenen Auftretens sah sich Antonius immer noch gezwungen, Haltung zu bewahren und Forderungen zu stellen.
Durch Gesandte eröffnete er die Verhandlungen, und gleich zu Beginn machte er klar, dass sich seine Armee nur zurückziehen werde, wenn die Parther ihnen die Gefangenen auslieferten und die Adlerstandarten zurückgaben, die sie 17 Jahre zuvor von Crassus erbeutet hatten. Wie kaum überraschen mag, zeigte sich Phraates davon wenig beeindruckt. Er ignorierte Antonius’ Forderungen und hub an zu einem ausgedehnten Vortrag, in dem er den Gesandten zweifellos ausführlich darlegte, was er von Roms Expansionspolitik hielt, von der Zeit des Crassus bis hin zu Antonius. Doch am Ende versprach er ihnen Frieden, wenn sie sofort ihr Lager auflösten und sich zurückzögen. Nun, da er keine Aussicht mehr darauf hatte, seine Ziele zu erreichen, blieb Antonius nur noch zu hoffen, dass er einen geordneten Rückzug durchführen konnte. Für einen Mann, der sich als neuer Dionysos stilisierte, als Herrscher des Ostens, war dies mehr als demütigend. Mit einem aufschlussreichen Detail beschreibt Plutarch seinen Gemütszustand:
Auch wenn er in der Lage war, vor der versammelten Öffentlichkeit zu sprechen und besser als jeder andere seiner Zeit durch seine Beredsamkeit eine Armee zu begeistern, war er jetzt so sehr von Scham und Traurigkeit erfüllt, dass er sich nicht dazu durchringen konnte, den Truppen seine übliche Inspirationsrede zu halten.96
Antonius befand sich anscheinend im Griff einer lähmenden Depression, und das nicht zum letzten Mal. Ohne einen förmlichen Vertrag mit dem parthischen König abzuschließen (so scheint es zumindest), beauftragte er einen seiner Untergebenen, eine mitreißende Rede zu halten und die Auflösung des Lagers zu überwachen.
Dennoch fand sich bald jeder, der gehofft hatte, der Ärger sei nun vorbei, eines Besseren belehrt. Das Schlimmste stand ihnen noch bevor. Zwei Tage lang marschierte die römische Armee nach Norden, in Richtung Armenien, ohne auf Widerstand zu stoßen. Sie benutzten eine kürzere Route als die, auf der sie nur wenige Monate zuvor gekommen waren, und sie glaubten, dass das Gelände ihnen hier mehr Schutz bieten würde. Doch sie hatten sich geirrt. Am dritten Tag entdeckten sie, dass der Weg vor ihnen überflutet war. Die Parther hatten einen Damm zerschlagen, und als die Römer sich immer weiter vorankämpften, hörten sie den schrecklichen Donner nahender Hufe und das metallische Klappern von Rüstungen, und auf einmal galoppierten die Kataphrakten um sie herum und schossen Salve um Salve ihre Pfeile auf die Römer ab. Antonius’ keltische Reiterei stellte sich ihnen entgegen, und zunächst zogen die Parther sich wieder zurück. Aber dennoch war allen klar: Sie waren weit entfernt davon, ohne Gegenwehr heimziehen zu dürfen; ihr Gegner wollte so viel Blut, wie er kriegen konnte.
Der Historiker Cassius Dio zeichnet ein beklemmend lebendiges Bild vom Rückzug:
[Die Römer] kamen in ihnen unbekannte Regionen, wo sie sich verliefen, und außerdem besetzten die Barbaren die Pässe vor ihnen und blockierten sie mit Palisaden oder Gräben; auch machten sie es ihnen schwer, von irgendwoher Wasser zu bekommen und zerstörten die Getreidefelder; und wenn sie doch einmal das Glück hatten, durch eine angenehmere Region zu marschieren, lockte der Feind sie von dort wieder weg, indem er falsche Meldungen streute, wie zum Beispiel, dass das Gelände vor ihnen besetzt sei, und er veranlasste sie, andere Wege zu gehen, die zuvor mit Hinterhalten versehen worden waren; viele starben auf diese Weise, viele andere verhungerten. Daher desertierten zahlreiche Soldaten, und tatsächlich hätten sie sogar allesamt die Seiten gewechselt, wenn die Barbaren die Deserteure nicht vor den Augen der anderen erschossen hätten.97
Um Menschen und Tiere zu schützen, zogen sich die Römer in die quadratische Formation der testudo („Schildkröte“) zurück. Auch dies beschreibt Dio detailliert:
Lasttiere, Leichtbewaffnete und die Kavallerie befinden sich in der Mitte; die Schwerbewaffneten, die längliche, runde und zylindrische Schilde tragen, werden darum herum aufgestellt, so dass sie ein Rechteck bilden; sie blicken nach außen und umschließen die Übrigen, wobei sie ihre Waffen im Anschlag haben. Die anderen Soldaten, die mit flachen Schilden ausgerüstet sind, bilden in der Mitte einen kompakten Körper und halten ihre Schilde über ihre eigenen Köpfe und die Köpfe aller anderen, so dass man über die gesamte Formation nichts außer Schilden sieht, und durch die Dichte der Formation sind alle vor Geschossen geschützt. Sie ist sogar so stark, dass Männer auf ihr gehen und sogar Pferde und Wagen über sie hinwegfahren können, sollten sie zu einer allzu engen Schlucht kommen.98
Doch in einer so engen Formation durch so unwegsames Gelände zu marschieren, bedeutete, dass man nur mühsam vorankam, vor allem in einer solch schroffen Felslandschaft wie der, die nun vor ihnen lag. Immer wieder starteten die parthischen Kataphrakten ihre Angriffe und entfesselten ihren tödlichen Pfeilregen auf die Römer. Bei mindestens einer Gelegenheit veranlasste die Schande des Rückzugs Offiziere, ihre Befehle zu ignorieren und zu versuchen, den Feind anzugreifen. Die beteiligten Legionen wurden umzingelt und von den anderen abgeschnitten. Nur mit Mühe kamen die Verstärkungen zu ihnen durch, und am Ende waren dreitausend Römer tot, fünftausend weitere verwundet.
Zum größten Teil jedoch blieben sie diszipliniert. Einmal, als sie sich einen Berghang hin unterkämpften, unter heftigem Beschuss durch den Feind, bedienten sich die Römer ihres jahrelangen Trainings und führten ein glänzendes Manöver durch:
Die Schildträger drehten sich um, um die leichter bewaffneten Soldaten in ihren Reihen einzuschließen, während sie selbst auf die Knie sanken und ihre Schilde vor sich hielten. Die zweite Reihe hielt ihre Schilde über die Köpfe der ersten, die nächste Reihe ebenfalls. Die so entstehende Formation sieht aus wie ein Dach, ein auffallendes Schauspiel und zugleich ein äußerst wirksamer Schutz vor Pfeilen, die einfach von ihr abprallten. Die Parther dachten, dass die Römer auf die Knie sanken, weil sie müde und erschöpft waren, legten ihre Bögen ab, ergriffen ihre Speere und kamen näher. Da ließen die Römer plötzlich laut ihren Schlachtruf ertönen, sprangen auf und stießen vor mit ihren Speeren; sie töteten die Schlachtreihe der Parther und schlugen die übrigen in die Flucht.99
Mit einer Kombination aus Taktik, Mut, Verbissenheit und Ausdauer ging Antonius’ qualvoller Rückzug weiter voran. Dabei vermieden die Römer die großen Ebenen, wo (wie sie erfahren hatten) der Großteil der parthischen Armee lauerte, und hielten sich an die eisigen Bergpfade. Da kaum mehr Lebensmittel verfügbar waren, aßen die Soldaten alles, was sie finden konnten. Einmal führte der Verzehr von Gras, das mit einem giftigen Pilz befallen war, bei einigen zu Halluzinationen und Erbrechen, viele starben sogar daran. Ein anderes Mal tranken sie Brackwasser, durch das viele an der Ruhr erkrankten.
Als sie drei Wochen lang marschiert waren, ständig getrieben, heimgesucht von der Kälte, mitgenommen von Hunger und Durst, hatten einige der Soldaten genug. Unruhen brachen aus innerhalb des Lagers. Manche machten sich davon mit Gold und Silber aus den Marschbündeln ihrer Kameraden. Sogar Antonius’ persönliches Gepäck wurde geplündert. Es war ein Tiefpunkt dieses ohnehin schon so kläglichen Abenteuers. Antonius dachte an Selbstmord – vielleicht nicht zum ersten Mal.
Doch am Morgen kehrte die Disziplin zurück. Die Römer wehrten einen erneuten Angriff ab und rückten langsam vor in Richtung eines schnell fließenden Flusses. Als sie übersetzten, merkten sie, dass sie nicht länger unter Beschuss waren. Die Parther hatten ihre Bögen abgespannt; sie lobten die Tapferkeit der Römer und verkündeten, dass die Armee ohne Angst den Fluss überqueren könne. Innerhalb von fünf Tagen – sie waren noch immer wachsam, wurden aber nicht mehr angegriffen –, erreichten Antonius und seine erschöpften Männer einen weiteren Fluss, den Araxes, die Grenze zu Armenien. Sie waren in Sicherheit.
Die Soldaten „küssten den Boden und umarmten einander, in den Augen Tränen des Glücks, wie Matrosen, die gerade eben Land gesichtet hatten“.100 Der Partherfeldzug war vorbei.
Das Ganze war ein absolutes Desaster. Antonius hatte keines seiner Ziele erreicht. Die Adlerstandarten, die Crassus verloren hatte, waren noch immer in den Händen der Parther und mit ihnen römische Kriegsgefangene. Darüber hinaus hatte die Offensive, anstatt Roms Ansehen bei seinen Feinden zu steigern, genau das Gegenteil erreicht: Sie hatten ganz offen Roms Schwachstellen sehen können. Bis zu einem Drittel der Soldaten, die sechs oder sieben Monate zuvor losmarschiert waren, hatten ihr Leben gelassen, entweder in den Kämpfen oder beim verhängnisvollen Rückzug.
Das Ansehen, das Antonius unter seinen Männern genoss, blieb jedoch weiterhin unerschütterlich. Als Plutarch von den Truppen erzählt, die der Feldherr anführte, betont er mehrfach
den Respekt, den seine Soldaten für ihn als ihren Anführer empfanden, den Gehorsam und guten Willen, den Grad, zu dem sie allesamt – ob mit hohem Ansehen oder mit geringem, Offiziere und Gefreite gleichermaßen – die Ehre und den Respekt, den Antonius ihnen zuteilwerden ließ, über Leben und Sicherheit stellten.101
Selbst auf dieser unglückseligen Expedition
teilte er die Mühen und Qualen derer, die kein Glück gehabt hatten, und da er diesen alles gab, was sie brauchten, machte er die Kranken und Verwundeten noch eifriger als die Gesunden und Starken.
Antonius’ Feinde jedoch vertraten eine ganz andere Ansicht. In Rom gab es eine Fraktion, die nur allzu bereit war, ihn für seinen Partherfeldzug ihre Verachtung spüren zu lassen. Und unter diesen gab es immer mehr, die kritisch die Köpfe schüttelten, anklagend den Finger erhoben und murmelten, dass Antonius’ ganze Expedition von Anfang an sinnlos gewesen sei, und zwar
wegen Kleopatra. Denn er hatte es kaum abwarten können, mit ihr zu überwintern, und dann hatte er den Krieg begonnen, als es noch nicht an der Zeit dazu war, und so war alles durcheinandergekommen. Er war nicht mehr Herr seiner eigenen Fähigkeiten, sondern wie unter dem Einfluss bestimmter Medikamente oder magischer Riten schaute er stets nach ihr und dachte mehr an seine baldige Rückkehr als an das Besiegen des Feindes.102
Ein römisches Heer auf einem Feldzug überquert einen Fluss, auf dem Relief der Trajanssäule in Rom, 113 n. Chr. geweiht.
Es war ein bösartiger Vorwurf, doch Antonius tat wenig, um das Gegenteil zu beweisen: Statt im Lager in Armenien den Winter zu verbringen, hatte er bereits den langen Marsch zurück nach Westen angetreten, in Richtung der Mittelmeer-Küste. In schlimmsten Wetterverhältnissen und bitterer Kälte kämpfte der Rest des römischen Heers nun gegen die Elemente, auf der Reise zurück nach Syrien und ins Winterquartier; die ohnehin bereits müden Männer wurden immer wieder durch Schneeverwehungen aufgehalten. Achttausend weitere Soldaten starben auf diesem Marsch. Sie hatten die Parther überlebt, nur um schließlich hier, durch die winterliche Kälte und Antonius’ Wunsch, sich nach Westen durchzuschlagen, sterben zu müssen.
Als sie endlich zurück in Syrien waren, verließ Antonius seine Truppen und ritt, begleitet nur von seinem engsten Gefolge, zu einem kleinen Ort mit Hafen namens Leuke Kome („weißes Dorf“). Er hatte bereits eine dringende Nachricht nach Alexandria im Süden geschickt, dass Kleopatra hierherkommen solle, um ihn zu treffen. Doch als er die Küste erreichte, war der Hafen bis auf ein paar nicht ganz intakte Fischerboote leer.
Bestürzt über seine Misserfolge, betrübt über das Leid, das auf seine Armee dank seiner Fehleinschätzungen gekommen war, nieder geschlagen und deprimiert, brauchte Antonius Kleopatra jetzt mehr denn je. Im sturmgepeitschten Dorf verschanzt, kam er an die Grenzen seiner nervlichen Belastbarkeit. Jeden Tag wartete er auf Kleopatra, aber sie kam und kam nicht.
Er war außer sich vor Kummer und gab sich schon bald dem Trinken und dem Rausch hin, auch wenn er es niemals lang am Tisch aushielt, sondern mitten beim Trinken aufsprang, um nachzusehen, ob sie in den Hafen einlaufe.103
Nervös und paranoid, wie er war, muss er sich gefragt haben, was während seiner Abwesenheit passiert war; ob jetzt, da er der ägyptischen Königin so große Gebiete und so viel Macht übereignet hatte und er zugleich so spektakulär gedemütigt worden war, Kleopatra beschlossen hatte, ihn zu verlassen.