KAPITEL 9

 

Die Entscheidung

ACTIUM, GRIECHENLAND: 2. SEPTEMBER 31 V. CHR.

In den langen Monaten seit der offiziellen Kriegserklärung hatten die Ereignisse eine gewisse Eigendynamik angenommen. Niemanden in Alexandria und Athen konnte die Nachricht von Octavians Kriegserklärung überraschen, auch wenn einige Taktikspezialisten den Zeitpunkt in Frage gestellt haben mögen. Denn nicht nur waren Octavians Kassen immer noch – wie meistens – ziemlich leer, auch seine Truppen waren nicht an ihrem Platz, und mit Beginn des Herbstes wurde der Transport von Soldaten und Ausrüstung per Schiff zunehmend schwierig. Die Zeit sprach für Antonius – eine gemessene, bedachte Reaktion schien durchaus zweckmäßig.

Also ignorierte er alle Berater, die ihn gedrängt haben mögen, die Initiative zu ergreifen und einen Blitzangriff auf Italien zu starten. Stattdessen befahl Antonius die Verlegung seiner Flotte und seiner Legionen an die Westküste Griechenlands und auf die Inseln vor der Küste des Ionischen Meers. Hier, in den zahlreichen Buchten, Häfen und Fischerdörfern, von Methone an der Südwestspitze der Peloponnes bis nach Korfu im Norden, sollten seine Truppen überwintern – eine hochgerüstete Wand, die eine Invasion verhindern und den Osten schützen sollte. Die mit Abstand größten Truppenverbände befanden sich im Golf von Ambrakia, wo ein gerade einmal 700 m schmaler Kanal eine rund 40 km lange und 15 km breite Lagune schützte, ein natürlicher Zufluchtsort gegen die verheerenden Auswirkungen des Winters.

Als seine Truppen an Ort und Stelle waren und der Nachschub gesichert, ging Antonius in sein eigenes Winterquartier, in der alten Hafenstadt Patras, die auf einem fruchtbaren Landstrich zwischen Bergen und Meer lag. Kleopatra war bei ihm. Hier, umgeben von Generälen und Höflingen und Schmeichlern, demonstrierten sie ihre Großzügigkeit, ließen sie hurrapatriotische Münzen prägen, und von hier aus sandten sie Kassen voll Gold und Silber über das Meer nach Italien, um ihre dortigen Unterstützer zu finanzieren.

In Rom bereitete sich Octavian immer noch verzweifelt auf das kommende Frühjahr vor und fachte seine Propaganda-Kampagne weiter an. In einer solchen Zeit der Krise galt fast alles, was irgendwie aus dem Gewöhnlichen hervorstach, als bedeutsam und wurde diskutiert. Dio teilt uns mit:

Ein Affe gelangte in den Tempel der Demeter [Ceres] und sorgte für Durcheinander bei den Anwesenden; eine Eule flog zunächst in den Tempel der Concordia hinein und dann in fast alle anderen der heiligsten Tempel … Der Wagen des Jupiter, den man im Circus auf bewahrte, wurde zerstört, und viele Tage stieg ein flammendes Licht über den Horizont auf, in den Himmel und über das Meer, in Richtung Griechenland.119

Viel mehr nützten Octavian jedoch ungewöhnliche Ereignisse, die eine klare und eindeutige Bedeutung hatten, wie das „spontane“ Spiel zwischen zwei Gruppen von Kindern, die den Krieg zwischen seiner und Antonius’ Armee nach spielten: „Sie kämpften zwei Tage lang, und am Ende unterlag Antonius’ Seite. “ Wie praktisch für die Moral der echten Truppen Octavians! Man berichtete auch über andere Vorzeichen, aus der gesamten römischen Welt:

image

Um seine Legionen zu ehren, prägte Antonius Münzen wie diese (für die 18, Legion), im Winter 32/31 v. Chr. Silberdenar, geprägt in einer mobilen Münzstätte. Durchmesser 1,85 cm. British Museum, R.494, Schenkung von König George IV.

Pisaurum, eine von Antonius besiedelte Stadt in der Nähe der Adria, wurde durch Spalten, die in der Erde entstanden, verschluckt. Aus einer der Marmorstatuen von Antonius bei Alba floss viele Tage lang Schweiß, und obwohl er weggewischt wurde, hörte er nicht auf zu fließen. In Patras wurde das Heiligtum des Herkules [des mythischen Vorfahren von Antonius] von einem Blitz zerstört, während Antonius sich dort aufhielt, und in Athen löste sich eine Statue des Dionysos [des Gottes, mit dem Antonius sich so verbunden fühlte] … und stürzte hinunter ins Theater.120

Wie Antonius selbst auf diese Vorzeichen reagierte, ist nicht überliefert. Stattdessen gibt es Berichte über Nachrichten, die zwischen ihm und Octavian hin und her gingen; jeder versuchte, den anderen zum Kampf anzustacheln, ganz so, als wären sie homerische Helden – oder auch zwei Freier, die um ein und dieselbe Frau kämpften:

[Octavian] schickte Antonius eine Forderung, keine Zeit zu verschwenden, sondern mit seinen Truppen anzurücken; Octavian selbst werde ihm vollen Zugang zu Ankerplätzen und Häfen gewähren und sich auf seinem Land eine Tagesreise weit vom Meer zurückziehen, bis Antonius sicher gelandet sei und sein Lager aufgeschlagen habe. Mit diesen prahlerischen Worten zog Antonius gleich, indem er ihn zum Zweikampf herausforderte, obwohl er älter war als jener.121

Doch dann, als Antonius sich gerade eine neue Beleidigung für Octavian ausdachte, traf eine Meldung in Patras ein, die alles veränderte. Unter dem Kommando von Octavians brillantem Admiral Agrippa hatten seine Schiffe dem spätwinterlichen Seegang getrotzt und Methone eingenommen. Nun gab es nicht nur feindliche Soldaten im Süden Griechenlands, sondern (und das war weitaus beunruhigender) die feindliche Flotte saß an einem idealen Ausgangspunkt, um die großen Getreide-Konvois zu plündern, die sich bald, wenn der Frühling kam, auf ihren langen Weg aus Ägypten begeben würden, um die Soldaten von Antonius und Kleopatra mit der notwendigen Nahrung zu versorgen.

Noch bevor Antonius völlig begriffen hatte, was Octavians Eroberung von Methone für ihn bedeutete, erreichten ihn weitere Berichte. Es gab erneute Überfälle entlang der Küste. Korfu war gefallen. Und man hatte Truppentransportschiffe von Octavian gesichtet, in der nördlichen Adria, die am Ufer ihre Fracht entluden – 80.000 Infanteristen, 12.000 Kavalleristen. Der Feind befand sich auf dem Weg in Richtung Süden, und er suchte die Schlacht; sein Ziel: der Golf von Ambrakia, wo sich der Großteil von Antonius’ Truppen im Winterlager befand.

Als müsse er einen bösen Alptraum abschütteln, machten sich Antonius, Kleopatra und ihre Generäle eilends daran, sich ihrer Armee anzuschließen, schickten Eilmeldungen an diejenigen Truppenteile, die sich noch an der griechischen Westküste befanden, mit dem Befehl, sich dem Heer im Lager bei Anaktorion, am Golf von Ambrakia, anzuschließen. Doch es gab immer neue Nachrichten über Erfolge von Octavian, die die Moral ihrer Soldaten schwächten. Als sie hörten, dass die Stadt Toryne gefallen war, versuchte Kleopatra die Gemüter mit einem derben Witz zu erheitern: „Was ist so schlimm daran, wenn Octavian auf Toryne sitzt?“, fragte sie spöttisch – ein Wortspiel, das nur dann Sinn ergibt, wenn man weiß, dass das griechische Wort toryne nicht nur ein Ortsname war, sondern auch zwei weitere Bedeutungen hatte: „Rührlöffel“ und „Penis“.

Bald musste sich Kleopatra ganz andere Gedanken machen. Octavians Armee nahm den Hügel am nördlichen Vorgebirge ein, der heute Mikalitzi heißt und der den Eingang zum Golf über blickt; seine Schiffe patrouillierten nun den engen Kanal zum Meer. Trotz all seiner Jahre als berühmter Befehlshaber hatte Antonius sich schmählich ausmanövrieren lassen. Irgendwie hatte er es zugelassen, dass seine Flotte und seine Landtruppen in der seichten, schilfbestandenen Lagune von Ambrakia, die sie kontrolliert hatten, abgeschnitten worden waren.

In den Wintermonaten wäre dies ein Anlass zu großer Sorge gewesen; nun, da der Sommer nahte, war es eine Katastrophe. Während die Temperaturen stiegen, tanzten immer dichtere Wolken von Mücken über dem sumpfigen Marschland, wo Pelikane und Kaninchenadler, Kormorane und Rohrdommeln hausten. Mit den Mücken kam die Malaria, und das stehende Wasser wimmelte von Ruhramöben – dies waren Feinde, die viel tödlicher sein konnten als alle Soldaten Octavians. Antonius musste nun schnell handeln.

Als er und Kleopatra endlich am Golf ankamen, hatte sich Octavian bereits gut eingerichtet; massive Erdwälle umgaben jetzt den Mikalitzi und verliefen bis hinunter zum Meer. Wären all seine Legionen an Ort und Stelle gewesen, hätte Antonius nun einfach einen Sturmangriff wagen können. Aber sie waren nicht da. Viele befanden sich noch auf dem Marsch aus dem Winterquartier, und die Zeit arbeitete gegen sie.

Mehr und mehr Abteilungen von Antonius’ Heer trafen im Lager in der Ebene nahe Actium ein, an der Südküste des Golfs, und sicherlich gab es darunter Soldaten, die mit einem düsteren Gefühl der Vorahnung auf den dortigen Tempelbezirk blickten. Direkt am Wasser, wie um sie zu verspotten, stand, unweit plätschernder Wellen, ein Schrein für Apollo – jene Gottheit, die sich Octavian als Schutzherrn ausgesucht hatte. Die Männer mussten das Gefühl haben, als ob die Götter höchstpersönlich versuchten, ihr Lager zu infiltrieren und sich gegen sie zu wenden. Was alles aber noch schlimmer machte: Jeden Morgen führte Octavian seine Legionen in kompletter Schlachtordnung aufs Feld, um Antonius herauszufordern und sich über ihn lustig zu machen und in der Hoffnung, endlich einen Kampf zu provozieren. Noch hielt Antonius sich zurück, selbst als er hörte, dass der Feind all seine Transportschiffe abfing und kaperte. Doch endlich kam der Zeitpunkt, an dem er genügend Truppen vor Ort hatte, um sich sicher genug zu fühlen, die Initiative zu ergreifen.

Er überquerte die Meerenge und schlug sein Lager unweit Octavians auf; danach schickte er seine Kavallerie rund um die Bucht, um den Feind von beiden Seiten in die Zange zu nehmen. Nun blieb Octavian ruhig.122

image

Vom Hügel von Mikalitzi aus, wo Octavian sein Lager aufschlug, öffnet sich nach Süden hin die Bucht von Actium.

Dennoch konnte Antonius wenig tun, Octavians Position war einfach zu gut befestigt. Es gab ein Patt am Golf, doch selbst diese Pattsituation begünstigte Octavian. Antonius’ Flotte war abgeschnitten und seine Legionen versuchten verzweifelt, den Mikalitzi einzunehmen – nicht nur die Versorgungslage wurde immer schwieriger, auch die Moral seiner Soldaten sank. Nach und nach trafen Nachrichten von weiteren Rückschlägen in Actium ein: Erst war die Insel Leukas an den Feind gefallen, dann Patras und dann auch noch Korinth. Ein Angriff auf Octavians Flotte, im dicken Nebel durchgeführt, schien eine Schrecksekunde lang auf einen Sieg hinauszulaufen; doch schließlich wurde der Flottenkommandant doch noch besiegt und seine Schiffe zerstört. Und am Ende wurde Antonius selbst (auf der Rückkehr von einer Expedition nach Norden auf der Suche nach neuen Verbündeten) von einem Geschwader der feindlichen Kavallerie abgefangen und musste in sein Lager fliehen.

Viele Jahre zuvor hatte Pompeius, der Freund von Kleopatras Vater, dem „Flötenspieler“, die Bemerkung fallen lassen, dass mehr Menschen die aufgehende als die untergehende Sonne anbeteten. Jetzt, im Golf von Actium, wurde langsam klar, wessen Sonne unterging. Täglich liefen Generäle und Truppenteile zu Octavian über. Antonius litt unter diesem Misstrauen, seine Stimmung wurde immer düsterer, und er zeigte sich immer grausamer. Einen römischen Senator ließ er gar buchstäblich in Stücke reißen.

Innerhalb seines Führungsstabs herrschte eine solche Uneinigkeit, dass Antonius sogar die Belagerung des Mikalitzi unhaltbarer schien. Seine Männer auf zwei Standorte aufzuteilen, war ihm zu riskant,

also verließ er [mit seinen Truppen] in der Nacht seine Verschanzungen in der Nähe der feindlichen Linien und zog sich auf die andere Seite der Meerenge zurück, wo der größte Teil seiner Armee lagerte. Hier aber blieb die Versorgung aus, weil man [größtenteils] vom Nachschub abgeschnitten war.123

Eine Versorgungsroute bestand jedoch noch, und in ganz Griechenland kochten die Emotionen hoch, als Städte, die kurz zuvor Antonius als personifizierten Dionysos anerkannt hatten, mit Lebensmitteln beladene Konvois in Richtung Westen, nach Ambrakia, schicken mussten. Nur wenige Familien waren davon ausgenommen; Plutarch berichtet über seine eigene:

Mein Urgroßvater Nikarchos erzählte oft darüber, wie alle Bürger unserer Stadt [Chaironeia] gezwungen waren, auf ihren Schultern ein festgelegtes Maß an Weizen hinunter zum Meer zu tragen, nach Antikyra [am Golf von Korinth, von Chaironeia aus ein Fußmarsch von 30 km durch hügeliges Gelände], und dabei trieb man sie mit der Peitsche an.124

In Antonius’ Lager wurde die Situation indes immer verzweifelter. Krankheiten grassierten, und weitaus mehr Männer starben an Ruhr und Malaria als durch Feindkontakt; der Rauch der Scheiterhaufen, der in den sengenden Himmel stieg, wurde von Tag zu Tag dicker.

Für Kleopatra muss diese Situation besonders schlimm gewesen sein. Immerhin war es das zweite Mal, dass sie die Schrecken einer Blockade durch den Feind erlebte. 18 Jahre zuvor, in Alexandria, war es Caesars Energie und Einfallsreichtum zu verdanken gewesen, dass für sie alles gut ausging – er hatte sich einfach geweigert, zu akzeptieren, dass seine Chancen gering waren, und war felsenfest davon überzeugt, dass er dennoch gewinnen würde. Nun, weit von Alexandria entfernt, in Actium, in den heißen Tagen des Spätsommers, musste ihr Antonius’ lethargische Handlungsunfähigkeit als krasses Gegenteil zu Caesars Aktionismus erscheinen.

Dies war sicherlich, was Kleopatra am meisten gefürchtet hatte, als sie 18 Monate zuvor in Ephesos darauf bestanden hatte, den Feldherrn nach Griechenland zu begleiten. Es war genau diese Art der geistigen Starre, der Trägheit, des Schwermuts gewesen, in der sich Antonius nach seinem katastrophalen Rückzug aus Parthien befunden hatte, als sie in Leuke Kome gelandet war, und aus der sie ihn hatte befreien müssen. Kleopatra musste damals die Initiative ergreifen und Antonius mit sich nach Alexandria nehmen. Jetzt, als der Herbst sich näherte, schien es ganz so, als müsse sie schon wieder die Initiative ergreifen.

In einem letzten Kriegsrat und im Angesicht der Generäle, von denen viele sie inzwischen für ihren Einfluss auf Antonius offen verachteten, hielt Kleopatra eine leidenschaftliche Rede. Man müsse aus der Sackgasse herauskommen, und das könne nur auf See gelingen. Alles sei besser als diese endlose Warterei. Schiffe müssten bemannt werden. Nun müsse man alles auf eine Karte setzen.

Nicht alle waren sich einig, so zum Beispiel Canidius, Kommandant der Legionen – entweder, weil er tatsächlich glaubte, es besser zu wissen, oder weil er sich einfach nicht von Kleopatra herumkommandieren lassen wollte. Er hielt dagegen:

Es wäre keine Schande, riet Canidius, das Meer Octavian zu überlassen, der dank des Sizilianischen Kriegs [gegen Sextus Pompeius] in Seeschlachten sehr erfahren sei, aber es wäre doch seltsam, wenn Antonius, der äußerst erfahren im Krieg zu Lande sei, sich nicht auf die Stärke und Ausrüstung seiner zahlreichen Legionssoldaten verlasse, sondern seine Truppen auf Schiffe aufteile und so seine Kraft verringere. Doch Kleopatra setzte sich schließlich mit ihrer Meinung durch, den Krieg auf See zu entscheiden.125

In Wahrheit müssen die meisten bei diesem Treffen Anwesenden gewusst haben, dass dies tatsächlich der letzte Ausweg war. Octavians Position auf dem Mikalitzi war so unangreifbar, ihre eigene Versorgung so schwierig und die Moral der Soldaten auf einem so niedrigen Level, dass es undenkbar war, in Actium zu bleiben. Selbst wenn es der Armee gelänge, sich (wie in Parthien) unter ständigen Übergriffen des Feindes durch die zerklüfteten Pässe des hohen Bergmassivs Zentralgriechenlands zurückzuziehen, im Norden die Flüsse zu durchwaten und sich irgendwie an die Küsten Asiens durchzuschlagen, musste doch ihre Flotte ebenfalls durchkommen. Und bereits das erforderte eine Seeschlacht.

Als sich der Kriegsrat auflöste, überbrachten die Generäle den Befehl an ihre erwartungsvollen Truppen. Die Armee war zu diesem Zeitpunkt bereits so stark dezimiert (vor allem durch Krankheiten, teilweise auch durch Überläufer), dass es nicht mehr genügend Ruderer für die gesamte Flotte gab. Eine Bestandsaufnahme ergab, mit wie vielen Schiffen man noch in See stechen konnte. Von den restlichen baute man alles Brauchbare ab, zog sie außerhalb des Lagers auf den Strand und verbrannte sie. Dann verabschiedeten sich diejenigen, die an Bord der Kriegsflotte gingen (20.000 schwere Infanteristen und 2000 Bogenschützen) von den Legionären, die man zurücklassen musste, und bestiegen mit steinerner Miene über die rutschigen Laufplanken die noch übrigen Schiffe. Währenddessen beschwerte sich, wie es heißt, ein Hauptmann und Veteran diverser Feldzüge bei Antonius:

„General, hast du kein Vertrauen in diese Narben und in dieses Schwert, dass du all deine Hoffnungen auf elende Holzbohlen setzt? Mag sein, dass die Ägypter und Phönizier ihre Kämpfe auf dem Meer austragen, aber uns gib doch bitte festen Boden, wo wir mit sicherem Tritt kämpfen können und entweder unsere Feinde besiegen oder sterben. “

image

Ein Adler thront zwischen zwei Standarten auf einer Galeere. Intaglio aus dunkelbrauner Glaspaste, aus römischer Zeit. Breite 1,35 cm. British Museum, 1814,0704. 2251

Antonius antwortete nicht. Alles, wozu der einst so eloquente Redner mit den scharf geschnittenen Gesichtszügen sich durchringen konnte, war eine „Geste mit der Hand, die dem Mann bedeuten sollte, sich ein Herz zu fassen“, dann ging er an ihm vorbei. Dabei kann weder Zenturionen noch Soldaten eine Anomalie bezüglich der Vorbereitungen für eine Seeschlacht entgangen sein: Wie üblich hatte man Masten und Segel einer Galeere vor dem Kampf entfernt und an Land bewacht, um Platz zu schaffen. Nun aber brachte man sie wieder an Bord. Einige mögen außerdem beobachtet haben, wie die Kriegskassen, Schatztruhen und Götterstatuen, all die teuren, königlichen Requisiten von Kleopatras Hof, im Laderaum ihres Flaggschiffs verstaut wurden. Auch wenn mancher geglaubt haben mag, Antonius und Kleopatra ließen die Segel an Bord, damit die Schiffe dem flüchtenden Feind nachstellen könnten, werden die meisten doch gewusst haben, dass sie in Wirklichkeit für die eigene Flucht gedacht waren.

image

Karte der Schlacht von Actium und umliegender Standorte (nach M. Cary und H. H. Scullard, A History of Rome, Macmillan, London 1980, S. 296, Abb, 24)

Jetzt endlich, mit allen Truppen an Bord, war es an der Zeit, sich Octavian im Kampf zu stellen. Die Bucht war von Trompetensignalen und gebellten Befehlen erfüllt, doch während die Ruderer, die beim Gedanken an die bevorstehende Schlacht das eigene Adrenalin in den Ohren rauschen hörten, schon ihre langen Ruder in die Gewässer des verhassten Golfs tauchten, vernahmen sie ganz plötzlich und unerwartet den Befehl zum Rückzug. Eine Böwar aufgekommen, ein Sturm kündigte sich an. Widerwillig verließen die Soldaten die Schiffe wieder, und drei Tage lang musste die Armee in ihren windgepeitschten Zelten warten, während der Sturm über Ambrakia, das Vorgebirge und den Küstenschlick hinwegfegte.

Endlich ließen Wind und Regen nach. Die Gewitterwolken über der Bucht von Actium verzogen sich. Das Meer war ruhig, der Tag war gekommen, und einmal mehr bestiegen die blassen, hungrigen Soldaten die abfahrbereiten Galeeren.

Viele von Antonius’ Schiffen waren schwere Quinqueremen, mit bronzenen Beschlägen am Bug und riesigen Rammen, die bis zu 300 Tonnen wogen. Auf einigen hatte man auch noch hohe hölzerne Türme errichtet, von deren Dach die Bogenschützen Speere und Feuerpfeile auf den Feind regnen lassen konnten, und an Deck hatte man Katapulte angeschraubt, die einen tödlichen Steinhagel entfesseln sollten. Wenn der Feind nahe genug kam, konnte man große Enterhaken auswerfen, die den Rumpf des Gegners zertrümmerten. Aber Antonius verließ sich nicht allein auf seine Schiffe und seine Soldaten. Er wusste, dass am frühen Nachmittag der Wind drehen würde und aus Norden wehen, was ihnen zusätzlich nützen würde. Mit Glück und Geschick konnten sie, selbst wenn es zu keinem klaren Sieg kam, dennoch zumindest entfliehen.

Die Signaltrompete gab das Kommando, und die Flotte ruderte langsam aus der Meerenge von Actium hinaus und nahm ihre Position ein, dicht bepackt, zum offenen Meer gewandt, eine undurchdringliche Mauer aus Bronze. Auf dem rechten Flügel befand sich Antonius selbst, und hinter dem Halbkreis der römischen Flotte stand Kleopatra mit ihrem Geschwader ägyptischer Galeeren.

Die Königin ihrerseits war nervös. Seit einiger Zeit plagten auch sie beunruhigende Vorzeichen: Schwalben hatten in der Nähe ihres Zeltes und auf ihrem Flaggschiff ihr Nest gebaut, aber andere Vögel hatten sie angegriffen und ihre Jungen getötet. Milch und Blut waren aus Bienenwachs herausgetropft, und was das Schlimmste war: Die Statuen von ihr und Antonius, die sie als Götter darstellten und die auf der Athener Akropolis standen, waren vom Blitz getroffen worden, ins Dionysos-Theater gefallen und dort zersprungen. Obendrein hatte jetzt, obwohl der Tag so schön angefangen hatte, ein heftiges Gewitter begonnen, die Wellen aufzupeitschen. Starke Winde wühlten die See auf, und die Schiffe schwankten gefährlich. Von ihrem Aussichtspunkt an Deck aus bemühte sich Kleopatra vergeblich, zu sehen, was jenseits der alliierten Schiffe geschah, die sich vor ihr auftürmten.

Auch Octavian stand an Deck und beobachtete die Lage. Sein ursprünglicher Plan war, die Feinde ohne Angriff aus der Bucht entkommen zu lassen, um dann hinterherzufahren und Antonius und Kleopatra auf der Flucht zu stellen, aber sein Admiral Agrippa hatte ihn zu einem anderen Manöver überredet. Sie würden sie gar nicht einholen können, hatte er gesagt. Mit dem Wind in ihren Segeln wären sie bald auf und davon.

image

Die Seeschlacht vor, Actium von Lorenzo A. Castro (aktiv 1672–1686), wahrscheinlich inspiriert von Vergils Aeneis (vgl. S. 177). Öl auf Leinwand, 1672, 108,5 × 158 cm. National Maritime Museum, Greenwich, London

Binnen kurzem hörte der Regen auf. Beide Seiten nahmen Aufstellung. Aber niemand rührte sich. Weil sie so unterbesetzt waren, vermochten Antonius’ schwere Schiffe nicht mehr den Feind zu rammen. Weil Octavians Kriegsgaleeren so viel kleiner und instabiler waren, wagte er es nicht, näher heranzufahren. Also gewährten beide Flotten ihren Ruderern eine Pause und warteten ab.

Dann plötzlich gab Octavian ein Signal. Die beiden Flügel seiner Flotte begann sich zu öffnen und immer mehr zu dehnen, bis die leichten Schiffe so weit herumfuhren, dass sie die Form eines Halbmonds bildeten. Für Antonius war die Sache klar. Octavian wollte ihn offenbar einkreisen. Widerwillig ließ er seinen Trompeter den Befehl geben. Zum Klang der knarrenden Ruder und der Wellen, die gegen die bronzebeschlagenen Rümpfe seiner Schiffe schlugen, führte er seine eigene Flotte vorwärts. Ob es ihm nun gefiel oder nicht: Die Schlacht hatte begonnen.

Großer Jubel und Geschrei erscholl von allen Schiffen, als die Kapitäne ihre Ruderer antrieben. Von den Decks der großen Galeeren von Antonius aus, die von Soldaten wimmelten, flogen bald riesige Steine durch die Luft, von Katapulten abgefeuert, während Bogenschützen ihre tödlichen Salven auf die gegnerischen Schiffe regnen ließen. Aber Octavians Vorteil waren Geschwindigkeit und Wendigkeit. Immer wieder schoss eines seiner kleineren Schiffen vor, legte sich unter eine von Antonius’ Galeeren und versuchte, sie fahruntüchtig zu machen. Es war, als ob jede Seite eine andere Art Schlacht kämpfen wollte. Die Berichte bei Plutarch und bei Dio zeichnen ein lebendiges Bild:

Auch wenn der Kampf aus der Nähe begann, rammten oder zerquetschten die Schiffe einander nicht, da Antonius’ Schiffe aufgrund ihres Gewichts nicht genug Fahrt aufnehmen konnten, was nötig ist, um Kraft in den Schnäbeln zu haben, während Octavian es einerseits vermied, von vorne gegen die harten Bronzepanzer der feindlichen Schiffe zu laufen, und andererseits nicht einmal wagte, sie in die Seite zu rammen, denn seine Schnäbel wären einfach abgebrochen beim Aufprall auf diese Schiffe, die aus großen mit Eisenriemen befestigten Kanthölzern gebaut waren. Die Schlacht glich also eher einem Krieg zu Lande oder, um es genauer zu sagen, der Erstürmung einer befestigten Stadt. Denn drei oder vier von Octavians Schiffen griffen zur gleichen Zeit eines von Antonius an, und die Mannschaften kämpften gegeneinander mit Korbschilden und Speeren und Staken, und sie feuerten Geschosse aufeinander ab, und Antonius’ Soldaten schössen mit Katapulten von hölzernen Türmen.126

Auch Dio beschreibt die Schlacht wie einen Landkrieg:

[Octavians Schiffe] ähnelten der Kavallerie, bald griffen sie an, bald zogen sie sich wieder zurück, denn ihre Stärke lag darin, so schnell, wie sie wollten, anzugreifen und sich wieder zurückzuziehen; und [Antonius’ Schiffe] ähnelten schwer bewaffneten Soldaten, die sich gegen den Angriff des Feindes verschanzen und versuchen, ihre Stellung zu halten. Demzufolge hatte jede Seite Vorteile gegenüber der anderen; die eine Seite schnellte vor zu den Rudern eines feindlichen Schiffs und zerstörte die Ruderblätter, die eine Seite, die von einer höher gelegenen Stellung aus kämpfte, ließ Steine und Geschosse auf sie niedergehen.127

Direkt vor den zwei Landzungen von Actium und Mikalitzi tobte die Schlacht, und der auffrischende Wind ließ die angeschlagenen Schiffe in den unsteten Wellen schwanken; währenddessen hielt sich Kleopatras Geschwader mit den ägyptischen Galeeren noch immer im Hintergrund und zerrte in der Dünung des Meeres an den Ankerketten. Nun aber konnte man von Antonius’ Schiffen aus beobachten, wie dort auf einmal auf einen Befehl vom Flaggschiff hin Betriebsamkeit aufkam: An den Masten wurden die Querbalken hochgezogen, Segel aus weißem Leinen entfalteten sich und blähten sich im Wind. Die ersten Schiffe scherten aus und fanden das offene Wasser, wendeten nach Süden, den Wind im Rücken, nun wie Rennboote bei einer Regatta, durchschnitten die Wellen und steuerten in Richtung Sicherheit.

Sogleich verließ auch Antonius’ Schiff seine Reihen. Ein plötzlicher Satz nach vorne, beim Hissen der Segel, und bald flog auch seine Galeere südwärts und ließ die Schlacht weit hinter sich. Und da ergriff den Rest seiner verwirrten Truppen, Offiziere wie Soldaten, die Panik.

Einige hissten die Segel, andere warfen die Türme und alles, was sie von Bord lösen konnten, ins Meer, so dass sie mit leichteren Schiffen schneller fliehen konnten. Während sie das taten, griff der Feind an: Denn dieser hatte nicht die fliehenden Schiffe verfolgt, da er keine Segel hatte, sondern nur für den Krieg ausgerüstet war. So wurde jedes [von Antonius’ Schiffen] von vielen [Schiffen Octavians] angegriffen, sowohl von weiter weg als auch Seite an Seite.

Aber nicht nur die auf See Kämpfenden hatten gesehen, wie Kleopatras Schiffe ausbrachen und Antonius’ Schiff ihnen folgte. Von seinem Aussichtspunkt auf dem Mikalitzi aus hatte Octavian es ebenfalls beobachtet. Bis jetzt hatte er gehofft, Kleopatras intakte Schatztruhen in die Finger zu bekommen – eine wahrlich verlockende Aussicht, eine Beute, die ihm helfen konnte, die unerschütterliche Loyalität seiner siegreichen Truppen zukaufen. Aus diesem einzigen Grund hatte er darauf verzichtet, sein volles Arsenal gegen sie einzusetzen. Das Schiff mit dem Schatz darauf auf hoher See zu versenken, war undenkbar. Jetzt aber, wo sie fort war, hielt ihn nichts mehr zurück, und er konnte zum kompletten Vernichtungsschlag ausholen.

Plötzlich fanden sich Antonius’ Schiffe mit ihren hölzernen Türmen und Katapulten im Auge eines wahren Feuersturms wieder. Anstatt dass Octavians schnelle Schiffe versuchten, sie zu rammen oder ihre Ruder zu zerstören, fuhren sie nun dicht auf und

schleuderten lodernde Geschosse auf sie und warfen an Speere befestigte Fackeln; und mit Hilfe von Kriegsmaschinen bewarfen sie sie aus kurzer Entfernung mit Töpfen voll glühender Kohle und Pech.

Bald war die See ein einziges Inferno. Antonius’ Flotte, langsam und schwerfällig, wie sie war, stand komplett in Flammen. Dios Beschreibung ist erschütternd, aber es lohnt sich, sie zu lesen:

Bevor das Feuer überhaupt bei ihnen war, starben einige (vor allem Ruderer) durch den Rauch, während andere mitten in den Flammen verbrannten, wie in Öfen. Manche starben auch in ihren Rüstungen, als diese sich erhitzten. Andere wollten einem solchen Tod entkommen oder waren bereits halb verbrannt und warfen deshalb ihre Rüstung fort und wurden von Geschossen verwundet, die aus der Ferne kamen, und wieder andere sprangen ins Meer und ertranken oder wurden von ihren Gegnern erschlagen und versanken oder wurden von Seeungeheuern zerrissen. Nur diejenigen, die sich aus Gefälligkeit gegenseitig umbrachten, bevor sie ein solches Schicksal erlitten, und die, die sich selbst das Leben nahmen, fanden einen erträglichen Tod, wenn man das Leid bedenkt, das herrschte; denn sie mussten keine Qualen erdulden, und wenn sie tot waren, hatten sie die Schiffe als Scheiterhaufen.128

Schwarzer Rauch verdunkelte den nachmittäglichen Himmel und zog mit dem aufkommenden Wind als dunkler Fleck weithin nach Süden, wo Antonius’ und Kleopatras Schiffe auf ihrer Flucht bereits im Dunst verschwanden. Allen war klar: Octavian hatte einen Sieg errungen, der in die Geschichtsbücher eingehen würde. Griechenland lag nun in seinen Händen. Und es würde nicht lange dauern, bis Asien ihm folgte. Und dann gab es nur noch Ägypten.

Das einzige, was diesen Lauf der Geschichte noch ändern konnte, war, dass Antonius irgendwie noch einmal Truppen sammelte und sich ihm entgegenstellte. Dies war die einzige Hoffnung, an die er und Kleopatra sich noch klammern konnten. Doch selbst diese Hoffnung schien Antonius zu viel. Bis seine Galeere zum ägyptischen Geschwader aufgeholt hatte, war er schon wieder in die alte Lethargie verfallen, die ihn in den Wochen und Monaten nach seinem katastrophalen Partherfeldzug so sehr gepeinigt hatte. Als er an Bord des Flaggschiffs der Königin ging, „sah er [Kleopatra] nicht, und auch sie sah ihn nicht. Stattdessen ging er ganz allein zum vorderen Teil des Schiffs, wo er sich schweigend setzte und den Kopf in den Händen vergrub“.129

image

Bei der Schlacht von Actium versenkt? Dieser bronzene Bug eines Bootes oder kleinen Schiffs wurde am Rand der Bucht von Actium ausgebaggert. 1. Jahrhundert v. Chr. Länge 47,5 cm. British Museum, 1872,1214,1. Schenkung von Königin Victoria.

Erst als ein paar schnelle Schiffe aus Octavians Flotte ihn einholten und anzugreifen drohten, konnte Antonius sich wieder zusammenreißen. Er befahl seinen verbleibenden Schiffen zu drehen, um sich dem Feind zu stellen, und sie schafften es sogar, die Angreifer zu vertreiben, auch wenn zuvor einer von Octavians Kapitänen eines der Schiffe gerammt hatte, dass es „sich wie ein Kreisel drehte“, und ein weiteres gekapert hatte, „das wertvolles Essgeschirr enthielt“. Als Antonius mitansehen musste, wie die Feinde dieses Schiff zurück nach Norden hinter sich herschleppten, in Richtung der schwarzen Rauchwolke, die immer noch über Actium aufstieg,

versank er wieder in die gleiche Position wie zuvor und blieb reglos sitzen. Drei Tage verbrachte er dort, am Bug, ganz allein, vielleicht weil er zu wütend war, um Kleopatra zu sehen, oder sich schämte. Dann legten sie in Tainaron an, und die Frauen aus Kleopatras Gefolge brachten beide zusammen, um miteinander zu reden und später miteinander zu essen und zusammen zu schlafen.

Plutarchs Bericht ist äußerst vielsagend. Demnach war es nicht nur Antonius, den man überreden musste, mit Kleopatra zu sprechen. Auch Kleopatra mussten die Diener innen gut zureden. Ob die Vorwürfe und Schuldzuweisungen nun ausgesprochen wurden oder nicht, die Frage nach der Schuld an der Niederlage bei Actium kann keiner von beiden verdrängt haben, und dass sie in Tainaron (Kap Matapan) vor Anker lagen, mag ihre düsteren Vorahnungen noch verstärkt haben. Denn hier, an der Spitze des zentralen südlichen Vorgebirges der Peloponnes (ein Landstrich, den man heute Mani nennt), verortete man seit vielen Jahrhunderten in einer Höhle unter dem Meeresspiegel den Eingang zum Hades, der Unterwelt, dem Reich der Toten. Diese unglückverheißende Konnotation kann Antonius nicht verborgen geblieben sein. Wenn überhaupt, wird sie seine trostlose Stimmung noch verstärkt haben.

Mit der Ankunft ein paar weniger Transportschiffe und anderer Boote, die aus Actium entkommen waren, wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich. Um vier Uhr nachmittags hatte Antonius’ Flotte sich ergeben. Dreihundert seiner Schiffe waren gekapert oder zerstört worden; fünftausend seiner Männer waren ums Leben gekommen. Unmittelbar nach der Schlacht waren viele von Antonius’ Soldaten verwirrt. Viele hatten nicht einmal mitbekommen, dass ihr General geflohen war. Als sie es schließlich merkten, liefen die meisten derer, die sich nicht auf den Schiffen gewesen waren, sondern im Lager geblieben waren oder sich anders wo in Griechenland befanden, zu Octavian über: neunzehn Legionen und zwölftausend Reiter, „alle ohne besiegt zu sein“.

image

Zur Feier des Siegs: Silberdenar mit Octavian (Augustus) und der Siegesgöttin am Bug, die einen Lorbeerkranz hält. Geprägt in Italien, 29–27 v. Chr. Durchmesser 1,9 cm. British Museum, R.6168 (Revers siehe gegenüber, unten rechts) und 1901,0407.459

In seiner Verzweiflung rief Antonius seine Freunde zu sich und überhäufte sie mit Geschenken, nachdem er eines seiner reichen Transportschiffe geplündert hatte. Dann befahl er ihnen, nach Korinth zu segeln und mit Octavian Frieden zu schließen. Die meisten taten es, mehr oder weniger widerwillig.

Tief in Depression und Selbstmitleid versunken, mag Antonius sich den Luxus gegönnt haben, sich wie ein Besiegter aufzuführen. Kleopatra tat dies nicht. Schließlich war sie noch immer eine Königin, regierte noch immer ein Reich, hatte noch immer Kinder, die, wie sie hoffte, ihr dereinst auf den Thron folgen würden; für sie war alles noch offen. Schon früher war es ihr gelungen, widrige Umstände zu ihrem Besten zu wenden. Sie hatte die übelriechende Bucht von Actium hinter sich gelassen, die zuvor ständig anwesenden und (in ihren Augen) langweiligen, bevormundenden und frauenfeindlichen Kollegen von Antonius waren fort – endlich konnte sie ihre Zukunft wieder selbst in die Hand nehmen.

Kleopatra wusste, was sie zu tun hatte. Sie musste eilends nach Alexandria reisen. Und sie musste dort vor der Nachricht von Antonius’ Niederlage ein treffen. Wenn irgend möglich, musste sie eine Show abliefern, die ihren Untertanen in Alexandria, in Ägypten, im ganzen Ptolemäerreich genügend Selbstvertrauen vermittelte, um ihre Position wieder so weit zu stärken, dass sie mit Octavian verhandeln konnte – denn das war es, worauf es ankam. Vielleicht konnte auch Antonius ihr noch irgendwie von Nutzen sein, obwohl ihr im Moment sicherlich nicht klar war, wofür. Auf jeden Fall konnte Kleopatra es sich nicht leisten, diesen Trauerkloß bei sich zu haben, wenn sie nach Alexandria zurückkehrte.

So fuhr sie schnell in Richtung Süden und setzte Antonius westlich der Hauptstadt an Land ab, mit der Mission, nach Libyen zu reiten, um dort Truppen zu sammeln. Dann wandte Kleopatra ihre Flotte nach Alexandria. Schon färbte sich das Wasser des Meeres braun vom fruchtbaren Schlamm des Nil; schon lag der Duft Ägyptens in der Luft; schon schimmerte der Leuchtturm von Pharos unwirklich in der Ferne, schon wurde sein Feuer von der aufgehenden Sonne verschluckt: Da bekränzten die königlichen Sklaven den Bug mit Blumen, an Deck begannen die Flötenmädchen zu spielen, und Kleopatra ließ sich in der Kabine von ihren Dienern anziehen und zurechtmachen.

Bald rief man am Ufer einander zu, dass die königlichen Schiffe sich näherten. Viele Tausende sahen gespannt zu, wie das erste einer ganzen Flotte stolzer, aufwendig bemalter Kriegsschiffe, mit Girlanden aus frischen Blumen geschmückt, in den königlichen Hafen einfuhr. Seine Ruder hoben und senkten sich im rhythmischen Schlag, wie große Flügel, während es an den Kai heranfuhr. Als die Schiffe näher kamen, mag es vorgekommen sein, dass sich auf einen bestimmten Befehl hin alle Ruder gleichzeitig zum Gruß erhoben; sie verharrten einen Moment lang hoch in der Luft, und im blendenden Licht der Sonne tropfte das Wasser von ihnen herab wie geschmolzenes Silber.

image

Trophäe auf dem Bug eines Schiffs und Octavian, auf einer Säule stehend, die mit Schiffsrammen und Ankern verziert ist. Silberdenar, Durchmesser 1,9 cm. British Museum, R.6165 und R.6168 (Avers siehe ganz oben).

Das war das Signal, auf das die Zuschauer so lange gewartet hatten, das Zeichen des Triumphs, das allen zeigte, dass Kleopatra, Königin der Könige, die, deren Söhne Könige sind, die jüngere Göttin, die den Vater liebende Göttin, die das Vaterland liebende Göttin, die letzte in der Linie der Ptolemäer, in ihre Stadt Alexandria zurückgekehrt war, um zu verkünden, dass sie und ihr Gemahl, der römische General Marcus Antonius, weit fort, bei Actium, gegen Octavian gekämpft hatten. Und gewonnen.

image

Pyramus und Thisbe, das mythische Liebespaar, dessen Geschichte die von Antonius und Kleopatra widerspiegelt, auf einer Wandmalerei aus dem Haus des Octavius Quartio (auch bekannt als „Haus des Loreius Tiburtinus“) in Pompeji. 1. Jahrhundert n. Chr.