Shakespeare sagt in Julius Caesar: „Das Böse, das die Menschen tun, lebt nach ihnen fort; das Gute wird so oft mit ihren Knochen begraben.“147 So war es auch mit Kleopatra; dafür sorgten ziemlich schnell Octavian und seine Lakaien im römischen Senat. Schon bevor die triumphierende Armee in die Hauptstadt des Römischen Reichs zurückkehrte, vernahm man die schadenfrohen Stimmen der Sieger. Doch bereits als sie die offizielle (wenn auch unwahrscheinliche) Version von Kleopatras Tod verbreitet wurde – dass sie Selbstmord durch Schlangenbiss beging –, zollten viele Menschen dem, was sie für königlichen Edelmut hielten, ein gewisses Maß an Respekt.
In den Tagen und Wochen, nachdem die Nachricht vom Tod Kleopatras in Rom eintraf, mag der Dichter Horaz einer der Ersten gewesen sein, die reagierten. Seine Ode (die mit den berühmten Worten nunc est bibendum beginnt) bietet eine beklemmende Mischung aus Jubel, Xenophobie und Mitgefühl:
„Aegypto Capta“ („Ägypten ist erobert“): Ägypten wird als Krokodil dargestellt. Silberdenar von Octavian (Augustus), geprägt in Italien, 28 v. Chr. Durchmesser 1,9 cm. British Museum, 1866,1201.4189
Lasst uns nun trinken, lasst uns nun mit leichtem Fuß auf den Boden stampfen, es ist an der Zeit, die Liegen der Götter mit üppigen Opferspeisen zu schmücken, meine Freunde! Vor kurzem noch war es ein Frevel, den Caecuber-Wein aus dem uralten Keller zu holen, als die wahnsinnige Königin das Kapitol zu zerstören und das Reich zu stürzen drohte mit ihrer von Krankheit befleckten Schar schändlicher Männer, so maßlos, dass sie auf alles hoffte, und betrunken von süßem Glück. Doch minderte dann ihre Raserei ein Schiff, das gerade soeben unversehrt dem Feuer entfloh; und ihren durch mareotischen Wein verrückt gewordenen Verstand versetzte Caesar richtiggehend in Schrecken, der aus Italien sie mit schnellen Rudern bedrängte – wie ein Falke als Jäger die sanften Tauben oder den schnellen Hasen auf den verschneiten Feldern Thessaliens –, auf dass er die Ketten anlegte dem Unheil bringenden Monster: Doch auf ganz edle Weise wollte sie sterben (gar nicht wie Frauen sonst) und schreckte nicht vor dem Schwert zurück und steuerte nicht mit ihrer schnellen Flotte geschützte Küsten an; sie wagte es sogar, mit heiterer Miene den in Trümmern liegenden Königspalast zu betrachten und ergriff mutig wilde Schlangen, damit sie mit dem Körper das schwarze Gift aufnähme, noch kühner wurde sie durch den freiwilligen Tod: Diese nicht unbedeutende Frau wollte nämlich nicht, dass die grausamen Liburner sie, aller Funktionen beraubt, im stolzen Triumphzug mit sich führten.148
Bereits hier zeichnet sich ein „offizielles“ Bild von Kleopatra ab: „maßlos“, „betrunken“, „verrückt“, sie will ganz Rom zerstören und geht lieber in den Freitod als zu fliehen. Antonius wird überhaupt nicht erwähnt.
Zur gleichen Zeit beeilte sich der Senat, zu Ehren des Siegs seines neuen Herrn bei Actium so viele Resolutionen zu verabschieden wie möglich:
Sie gewährten ihm einen Triumphzug über Kleopatra, einen mit Trophäen dekorierten Ehrenbogen in Brundisium und einen weiteren auf dem Forum Romanum. Darüber hinaus verfügte der Senat, dass das Fundament des Schreins von Julius Caesar mit den Schnäbeln der erbeuteten Schiffe geschmückt würde; dass alle vier Jahre ein Fest zu Ehren Octavians gefeiert würde; dass ein Dankesfest an seinem Geburtstag gefeiert würde und am Jahrestag der Verkündigung seines Siegs; und dass, wenn er die Stadt betrat, alle Vestalinnen und der Senat und das Volk mit seinen Frauen und Kindern hingehen sollten, um ihn zu begrüßen.149
In einer solchen Atmosphäre der bedingungslosen Vergötterung Octavians schaukelte sich die Propaganda gegen Kleopatra, als Person wie als feindliche Königin, immer weiter hoch. Bei Caesars Triumphzug für seinen Sieg im Alexandrinischen Krieg musste man noch vorsichtig sein – immerhin war Ägypten damals weiterhin ein Verbündeter Roms (siehe S. 61). Bei Octavian (29 v. Chr.) war das nun ganz anders. Mit seinem Sieg über Antonius und Kleopatra hatte Octavian das Ptolemäerreich ein für alle Mal unterworfen. Um irgendwelche Befindlichkeiten musste er sich nun nicht mehr kümmern, er konnte seinen Triumphzug in vollen Zügen genießen.
Die Götter gedenken Actiums: Flachbild des Guilford Puteal, eines zylindrischen Marmordenkmals, aus dem später ein Bohrlochkopf wurde, verziert mit Apollo, Artemis, Hera und anderen Gottheiten sowie Nymphen. Errichtet in Korinth als Teil eines Denkmals für Actium. 31–1 v. Chr. Höhe 50 cm, Durchmesser 160 cm. British Museum, 2003,0507.1.
Und das tat er auch. Zwei laute Tage lang zog seine Armee durch die Straßen von Rom und feierte erst ersten Sieg bei Actium, dann seinen Sieg über Ägypten.
Alle Prozessionen waren bemerkenswert, dank der Beute aus Ägypten, die so reichlich war, dass sie für alle Prozessionen genügte; aber das ägyptische Fest übertraf alles an Kostbarkeit und Pracht. Neben anderen Dingen trug man dort ein Bildnis mit der toten Kleopatra auf einem Sofa, so dass sie in gewisser Weise auch selbst, zusammen mit den anderen Gefangenen und mit ihren Kindern Alexander, genannt Helios, und Kleopatra, genannt Selene, Teil des Spektakels war und eine Trophäe in der Prozession. Danach kam Octavian, der hinter all dem in die Stadt ritt. Er tat alles in der üblichen Weise … 150
Tatsächlich war es nicht die tote, sondern die sterbende Kleopatra, deren Bild man durch die Stadt trug. Der Dichter Properz, selbst ein Augenzeuge der Triumphzugs, schreibt über die Königin (und spricht sie dabei an), wie er sah, dass „deine Arme von den heiligen Nattern gebissen wurden und deine Glieder den verborgenen Pfad des Schlafs einsogen“.151 Angefeuert von den hochwallenden Gefühlen beim Triumphzug, macht Properz dem Zorn der römischen Öffentlichkeit Luft – zweifellos mit der Stimme der Massen, die die Straßen zum Kapitol säumten:
Die Hurenkönigin aus dem inzestuösen Kanopos, Schandfleck im Geschlecht des Philippos, hat es gewagt, unserem Jupiter den kläffenden Anubis entgegenzustellen und unseren Tiber zu zwingen, die Drohungen ihres Nil zu ertragen, unsere römischen Signaltrompete durch das klappernde Sistrum abzulösen, mit den Lenkstangen ihrer Lastkähne unsere Kriegsschiffe zu verfolgen, über unseren Tarpejischen Fels ihre abscheulichen Mückennetze zu spannen und auf unserem Kapitol zwischen Marius’ Statuen und Waffen Gesetze zu verkünden.152
Umgeben von imposanten Mauern: Nikopolis, Augustus’ „Stadt des Sieges“, in der Nähe von Actium erbaut, enthielt natürlich auch ein dem Dionysos geweihtes Theater.
Inzwischen waren Octavian und seine Berater zur Erkenntnis gelangt, dass ein Sieg in einer Schlacht mehr wert war als der zwiespältige Tod einer charismatischen Königin, und so begannen sie, Actium mit immer größerer Bedeutung aufzuladen.
Zu Ehren des Datums [2. September 31 v. Chr.] weihte [Octavian] dem Apollo von Actium aus allen eroberten Schiffen ein Trireme, eine Quadrireme und je ein weiteres Exemplar aller Schiffe bis zehn Ruderreihen, und er ließ einen größeren Tempel errichten. Er führte ein alle vier Jahre stattfindendes heiliges Fest mit musikalischen und athletischen Wettkämpfen ein, einschließlich eines Pferderennens, … und gab ihm den Namen „Actia“.153
In der Zwischenzeit gründete Octavian auf der nördlichen der beiden Landzungen, die den breiten Golf von Ambrakia einschließen, eine neue Stadt,
auf dem Gelände seines Lagers, indem er einige der benachbarten Völker dort ansiedelte und andere enteignete, und er nannte sie Nikopolis [„Stadt des Siegs“]. An der Stelle, wo sich sein Zelt befunden hatte, legte er eine quadratische Ansammlung von Steinen nieder, schmückte den Ort mit erbeuteten Schnäbeln und errichtete auf ihm, zum Himmel hin offen, ein Heiligtum für Apollo.
Actium geriet auch in den Fokus des Hofdichters Vergil, der Octavians Aufstieg zur Macht im großen römischen Epos Aeneis beschreibt. In einem Zeitraum von über zehn Jahren verfasst und bis zum Tod des Autors (19 v. Chr.) unvollendet, war die Aeneis eine Hymne auf eine neue Ära, in der die Schrecken beinahe eines ganzen Jahrhunderts der Bürgerkriege von einem Zeitalter des Friedens und des Wohlstands abgelöst wurden – in einem Reich, das von einem ebenso standfesten wie wohltätigen „Ersten Bürger“ regiert wurde.
Schon in der Entstehungszeit der Aeneis (27 v. Chr.) verlieh der Senat Octavian zwei Titel. Der erste, princeps, erkannte ihn als ihren Anführer an; der zweite, augustus („Ehrwürdiger“, „Erhabener“), ging noch weiter. Er attestierte seinem Träger fast gottähnliche Qualitäten: zeitlos, olympisch, unantastbar. Es heißt, Lucius Plancus habe dies vorgeschlagen, der sich einst bei einer von Antonius’ und Kleopatras Partys blau angemalt und nackt auf dem Boden gewälzt hatte (siehe S. 131) – eine kuriose, wenn auch im größeren Zusammenhang eher irrelevante Episode. Die Macht und Bedeutung des neuen Beinamens waren so groß, dass Octavian ab dem Moment, wo ihm der Titel verliehen wurde, ausschließlich „Augustus Caesar“ genannt wurde. Selbst der Monat, in dem Octavian die Alleinherrschaft über das Römische Reich errungen hatte, wurde umbenannt, um dieses seines neuen Titels zu gedenken. Bis heute kennt man den Tag, an dem Marcus Antonius starb, als 1. August.
Und doch war es nie wirklich Augustus’ Politik, sich seines Siegs über einen römischen Mitbürger zu rühmen. In der Aeneis, wie auch anderswo, ist es Kleopatra, die als der wahre Feind herausgestellt wird. Nach etwa zwei Dritteln des Epos beschreibt Vergil einen magischen Schild, der dem mythischen Helden Aeneas überreicht wird. Diesem Schild hat der Schmiedegott Vulkan Szenen aus der (im Kontext des Gedichts) glorreichen Zukunft Roms eingehämmert. Kernstück ist eine Darstellung der Schlacht von Actium. Die Passage ist lang, aber sehr informativ, denn sie zeigt die offizielle augusteische Sicht der Geschichte:
Dazwischen zog sich weithin das goldene Bild des aufgewühlten Meers, blau mit weiß schäumenden Wellen. Rings herum im Kreis glänzten silbern Delphine, die die Flut mit ihrer Schwanzflosse peitschten und ihre Spur durch die Brandung zogen. Mittendrin sah man bronzene Flotten, die Schlacht von Actium, sah nach Mars’ Befehl ganz Leukate umkämpft und golden schimmernde Wellen. Caesar Augustus führt die Italier mit dem Senat und dem Volk, den Penaten und obersten Göttern in die Schlacht, er steht am hoch aufragenden Heck, da erscheint auf seinem fröhlichen Haupt ein doppeltes Licht, und es blitzt dort der Stern des Vaters auf. Etwas weiter entfernt, begünstigt durch Götter und Winde, führt der große Agrippa den Zug, auf der Stirn die Krone der Marine, mit Schnäbeln gespickt, ein prächtig funkelndes Kriegszeichen. Von hier führt mit barbarischer Kraft und verschiedenen Waffen Antonius, der Sieger über die Völker Auroras und die rote Küste, Ägypten und die Macht des Ostens und sogar das weit entfernte Baktra mit sich, und ihm folgt – welche Schmach – seine ägyptische Ehefrau. Alle zusammen stürzen sich hinein und das Meer schäumt, aufgewühlt durch Ruder und dreizackige Schiffsschnäbel. Sie streben auf die Höhe zu; es sieht aus, als ob die Kykladen zerstört im Meer schwimmen oder Berge gegen Berge stürzen: Mit so großer Kraft greifen die einen Schiffe die Türme der anderen an. Man gießt brennendes Pech aus, mit Eisen verstärkte Geschosse fliegen durch die Luft, und Neptuns Flut färbt sich rot vom erneuten Kampf. Inmitten der Schlacht befindet sich die Königin; mit dem ihr vertrauten Sistrum treibt sie zum Kampf an, doch dabei sieht sie nicht hinter sich die zwei Schlangen. All die monströsen, unförmigen Gottheiten und der Hundsgott Anubis kämpfen gegen Neptun, Venus und Minerva. Mars, in Eisen gewandet, wütet inmitten der Schlacht, aus dem Himmel die düsteren Furien, und die Zwietracht geht dort und freut sich, mit zerrissenem Mantel, und ihr folgt Bellona mit blutiger Geißel. Der Apollo von Actium beobachtet all das und spannt seinen Bogen; da drehen vor Schreck die Ägypter, Inder, Araber und Sabäer allesamt um. Dann sieht man, wie auch die Königin die Winde anruft, ihr in die Segel zu fahren, und die Taue löst, um zu fliehen. Dann zeigt der feuerkundige Gott, wie die bereits durch den nahenden Tod Erblichene mit dem Iapyx der Schlacht entkommt; der trauernde gewaltige Nil wirft die Falten seines wässrigen Gewands aus für die Besiegten, damit sie in seinen Hafen kommen. Caesar jedoch betritt Rom im Triumph …154
Actium wird hier zu einem existenziellen Kampf zwischen Ost und West, zwischen den „zivilisierten“ römischen Göttern und den „barbarischen“ ägyptischen.
Die Wahrheit war das erste Opfer des Kriegs, sie fiel der Propaganda zum Opfer. Doch selbst Vergil wendete die Erinnerung an Kleopatra nicht vollständig ins Negative. So wie Horaz’ Ode eine schizophrene Mischung aus Abscheu und Mitleid offenbart (siehe S. 173), mal tauch Vergil in der Aeneis mitunter ein viel weicheres, viel sympathischeres Porträt der Königin. Denn Kleopatra ist zweifellos das Vorbild für die karthagische Königin Dido, die den auf seiner Suche nach Italien herumirrenden Aeneas aufhält und ihn fast seine göttliche Mission vergessen lässt. Selbst Einzelheiten wie die von der Decke hängenden Lampen und die Trinkbecher, die bei ihrem ersten Treffen geschildert werden, erinnern den Leser an das Bankett, das Kleopatra für Antonius in Antiochia ausrichtete (siehe S. 91):
Brennende Lampen hängen von einer golden getäfelten Decke herab, Fackeln vertreiben die Nacht. Dann bittet die Königin um einen Becher, schwer von Juwelen und reich mit Gold verziert, und sie füllt ihn mit Wein …155
Und als Dido sich umbringt, wirft sie sich auf einen lodernden Scheiterhaufen – aus Liebe zu Aeneas. An dieser Stelle entsteht eine schreckliche Unsicherheit, mit welcher Figur der Leser Sympathie empfinden soll.
Im Wirklichkeit gab es auch während der Regierungszeit des Augustus immer noch eine Kleopatra, die eine afrikanische Königin war. Denn nachdem die Kinder vom ägyptischen Königshof, Kleopatra Selene und ihr Bruder Alexander Helios, im Triumphzug durch die Straßen geführt worden waren, brachte man sie in das Haus der Octavia, der früheren Ehefrau ihres Vaters Antonius, und dort kümmerte man sich um sie. Als Kleopatra Selene alt genug war, sorgte Augustus für eine reiche Mitgift und arrangierte ihre Hochzeit mit König Juba von Mauretanien, der seinerseits einmal in Ketten vor dem Wagen eines Siegers hatte laufen müssen – bei Julius Caesars Siegesfeier über Afrika (siehe S. 62).
Juba und Kleopatra Selene zeugten einen Sohn, den sie Ptolemaois nannten, nach ihren vielen Vorfahren, und der wiederum regierte, bis er, als Letzter einer langen Dynastie, durch den römischen Kaiser Caligula (reg. 37–41 n. Chr.) abgesetzt und getötet wurde – den Urenkel von Antonius und Octavia.
Aber es war der Tod des letzten überlebenden Kinds von Antonius und Kleopatra (5 v. Chr.?), der mit der meisten Bedeutung aufgeladen wurde. Denn als Kleopatra Selene starb, deren Name „Mond“ bedeutet, gab es eine Mondfinsternis. Diese Symbolik ging an niemandem vorbei. Der Dichter Krinagoras von Milet verfasste ihre Grabinschrift – sie könnte ebenso gut als Denkmal für die ganze verloren gegangene Welt stehen, die sie so viele Jahre zuvor in Alexandria hatte zurücklassen müssen:
Der Mond stieg auf, als die Sonne sank, und verdunkelte sich; in schwarze Nacht hüllte er seinen Kummer, denn er hatte zugesehen, wie seine Namensvetterin, die schöne Selene, in den Hades ging, ihres Atems beraubt. Einst hatte er mit ihrer Schönheit sein Licht geteilt; jetzt lieh er ihrem Tod seine Dunkelheit.156