KAPITEL 2

Selbstbeherrschung ist eine Illusion

Alles begann mit Kopfschmerzen.1

»Elliot« war ein erfolgreicher Mann, Manager bei einem erfolgreichen Unternehmen. Bei Kollegen und Nachbarn war er beliebt. Er konnte charmant und entwaffnend witzig sein. Er war Ehemann und Vater und Freund und machte zünftigen Strandurlaub.

Nur hatte er Kopfweh, und zwar regelmäßig. Und zwar nicht handelsübliches Kopfweh, das nach Aspirin verlangt, und gut ist. Es waren geistzermalmende, schlagbohrende Kopfschmerzen, ähnlich einem Abrissbagger, der von innen gegen die Augenhöhlen rammt.

Elliot nahm Medikamente. Er machte Nickerchen. Er versuchte, Stress abzubauen, zu entspannen, zu relaxen, zu verdrängen und sich zusammenzureißen. Aber das Kopfweh ging nicht weg. Es wurde sogar schlimmer. Bald war es so schlimm, dass Elliot nachts nicht schlafen und tags nicht arbeiten konnte.

Endlich ging er zum Arzt. Der Arzt machte Ärztekram, führte Ärztetests durch, bekam die Ergebnisse und hatte am Ende eine schlechte Nachricht: Elliot hatte einen Hirntumor, mitten auf dem Stirnlappen. Genau da. Sehen Sie? Der graue Fleck da vorne. Und Mann, ist der groß. Baseballgroß, würde ich sagen.

Der Chirurg schnitt den Tumor heraus, und Elliot kehrte nach Hause zurück. Kehrte zur Arbeit zurück. Kehrte zurück in den Familien- und Freundeskreis. Alles schien in Ordnung und normal zu sein.

Dann ging alles entsetzlich schief.

Elliots Arbeitsleistung litt. Aufgaben, die er früher mit links erledigt hatte, erforderten auf einmal Berge an Konzentration und Anstrengung. Einfache Entscheidungen, beispielsweise ob er einen blauen oder schwarzen Stift benutzen sollte, beschäftigten ihn stundenlang. Er machte simple Fehler und ließ sie wochenlang unbehoben. Er wurde zu einem schwarzen Loch für Termine, verpasste Besprechungen und Abgabetermine, als wären sie eine Zumutung für den Zusammenhalt von Raum und Zeit.

Zunächst tat er seinen Kollegen leid, und sie hielten ihm den Rücken frei. Schließlich hatte der Kerl gerade einen Tumor vom Umfang einer kleinen Müslischüssel aus dem Kopf geschnitten bekommen. Aber dann wurden ihnen das Rückenfreihalten zu viel und Elliots Ausreden zu absurd. Du hast ein Investorengepräch verpasst, weil du einen neuen Tacker gekauft hast? Elliot? Geht’s noch? Was hast du dir dabei gedacht?2

Nach Monaten voller verpasster Termine und anderem Mist war es nicht mehr abzustreiten: Elliot hatte bei der OP neben dem Tumor noch etwas eingebüßt, und in den Augen der Kollegen war dieses Etwas ein Riesenhaufen firmeneigenes Geld. Also wurde Elliot gefeuert.

Währenddessen ging es zu Hause nicht viel besser. Man nehme einen schluffigen Vater, verpflanze ihn aufs Sofa, besprenkle ihn mit Familienduell-Wiederholungen und backe ihn rund um die Uhr bei 180 Grad. Das war Elliots neues Leben. Er verpasste die Baseballspiele seines Sohnes. Er ging nicht zum Elternabend, weil im Fernsehen James Bond lief. Er vergaß, dass seine Frau es ganz gern hatte, wenn er mehr als einmal in der Woche mit ihr sprach.

Ehestreitigkeiten brachen an neuen und unerwarteten Frontlinien aus – allerdings konnte man sie kaum Streitigkeiten nennen. Für Streitigkeiten ist es nötig, dass zwei Menschen einen Standpunkt haben. Aber wenn seine Frau vor Wut kochte, konnte Elliot kaum folgen. Statt eifrig Änderungen oder Besserungen vorzunehmen und damit seine Liebe und Fürsorge für die Seinen zu zeigen, blieb er abwesend und gleichgültig. Es war, als lebte er auf einem anderen Planeten.

Irgendwann hielt es seine Frau nicht mehr aus. Elliot hätte man außer dem Tumor noch etwas anderes entfernt, schimpfte sie. Und dieses Etwas wäre sein verdammtes Herz gewesen. Sie ließ sich scheiden und nahm die Kinder mit. Und Elliot war allein.

Entmutigt und verwirrt suchte Elliot nun nach einem beruflichen Neuanfang. Er ließ sich zu mehreren üblen Geschäftsideen überreden. Ein Betrüger brachte ihn um einen Großteil seiner Ersparnisse. Eine gewiefte Frau verführte ihn, zerrte ihn vor den Traualtar, ließ sich ein Jahr später scheiden und sicherte sich die Hälfte seines Vermögens. Er gammelte herum, zog in immer billigere und schäbigere Wohnungen, bis er am Ende praktisch obdachlos war. Sein Bruder nahm ihn auf und begann, ihn zu unterstützen. Freunde und Familienmitglieder mussten fassungslos mitansehen, wie ein Mensch, den sie einst bewundert hatten, innerhalb weniger Jahre sein Leben wegwarf. Niemand konnte sich einen Reim darauf machen. Zweifellos hatte sich in Elliots Innern etwas verändert; das lähmende Kopfweh hatte mehr als Schmerzen verursacht.

Die Frage war: Was war anders?

Elliots Bruder brachte ihn von einem Arzttermin zum nächsten. »Er ist nicht mehr er selbst«, sagte der Bruder. »Er hat ein Problem. Er wirkt normal, aber er ist es nicht. Glauben Sie mir.«

Die Ärzte machten ihren Ärztekram und erhielten Ergebnisse und stellten leider fest, dass Elliot vollkommen normal war – zumindest nach ihrer Definition von normal –, ja, er war sogar überdurchschnittlich normal. Die Tomografien sahen gut aus. Sein IQ war immer noch hoch, sein Denkvermögen solide, sein Gedächtnis hervorragend. Er konnte die Aus- und Nachwirkungen seiner Fehlentscheidungen ausgiebig erörtern und sich humorvoll und charmant über allerlei Themen unterhalten. Sein Psychiater fand, dass Elliot nicht depressiv sei. Im Gegenteil, er hatte ein starkes Selbstbewusstsein und keinerlei Anzeichen von Stress oder Angststörungen. Im Auge des Hurrikans, den er selbst durch Nachlässigkeit bewirkt hatte, stellte er fast schon Zen-hafte Gelassenheit zur Schau.

Sein Bruder gab sich nicht zufrieden. Da stimmte doch etwas nicht. Irgendwas fehlte Elliot.

Schließlich wurde Elliot mangels Alternative an einen berühmten Neurologen namens António Damásio verwiesen.

Zuerst machte António Damásio den gleichen Kram wie die anderen Ärzte: Er unterwarf Elliot einer Reihe von kognitiven Tests. Gedächtnis, Reflexe, Intelligenz, Persönlichkeit, Raumwahrnehmung, Moralempfinden – alles passte. Elliot bestand mit Bravour.

Dann machte Damasio etwas mit Elliot, auf das bisher kein anderer Mediziner gekommen war: Er sprach mit ihm – also so richtig. Er wollte alles wissen: jeden Fehltritt, jeden Irrtum, jeden Missgriff. Wie hatte er seinen Job verloren, seine Familie, sein Haus, sein Erspartes? Damásio wollte alles wissen, Schritt für Schritt jede Entscheidung erläutert haben, den ganzen Denkprozess verstehen (oder in diesem Fall eher den fehlenden Denkprozess).

Elliot konnte ausführlich erklären, welche Entscheidungen er getroffen hatte, aber nicht warum. Er konnte Fakten und Vorgänge mit großer Eloquenz und sogar einer gewissen Dramatik darlegen, aber sobald er seine Entscheidungsfindung analysieren sollte – warum ihm der Einkauf eines Tackers wichtiger war als ein Treffen mit Investoren, warum er James Bond interessanter fand als sein Kind –, war er aufgeschmissen. Er wusste darauf keine Antwort. Und nicht nur das, es störte ihn auch gar nicht, dass er keine Antwort wusste. Es war ihm schlichtweg egal.

Dieser Mensch hatte also durch eigene Fehlentscheidungen und Irrtümer alles verloren, hatte keinerlei Selbstbeherrschung an den Tag gelegt und war sich seines katastrophalen Scheiterns vollkommen bewusst – und dennoch zeigte er scheinbar keine Reue, keinen Selbsthass, ja nicht die geringste Beschämung. Viele Menschen haben sich durch leichtere Schicksalsschläge zum Selbstmord verleiten lassen. Elliot dagegen fand sein eigenes Missgeschick nicht nur erträglich, es war ihm gleichgültig.

Dies brachte Damásio auf eine brillante Idee: Die psychologischen Tests, die Elliot absolviert hatte, maßen allesamt seine Fähigkeit zu denken, keiner aber hatte seine Fähigkeit zu fühlen gemessen. Die Ärzte waren dermaßen mit Elliots Denkvermögen befasst, dass niemand daran gedacht hatte, dass sein Gefühlsleben beschädigt sein könnte. Und selbst wenn sie es gemerkt hätten, gab es kein standardisiertes Messverfahren für eine solche Schädigung.

Eines Tages druckte ein Kollege von Damásio einen Stapel grotesker und verstörender Bilder aus. Sie zeigten Verbrennungsopfer, grausige Mordszenen, vom Krieg zerrüttete Städte und verhungernde Kinder. Dann zeigte er Elliot die Fotos, eins nach dem anderen.

Elliot blieb völlig gleichgültig. Er verspürte nichts. Und seine Teilnahmslosigkeit war so schockierend, dass er selbst anmerkte, wie beschissen das sei. Er gab zu, dass diese Bilder ihn früher sicherlich verstört hätten, dass sein Herz vor Mitleid und Entsetzen übergeflossen wäre, dass er sich vor Abscheu abgewandt hätte. Aber jetzt? Saß er da, betrachtete die finstersten Perversionen des menschlichen Schicksals – und fühlte nichts.

Und darin lag das Problem, wie Damásio feststellte: Zwar waren Elliots Wissen und Denken intakt geblieben, aber der Tumor und/oder seine chirurgische Entfernung hatten Elliots Fähigkeit zu fühlen und Mitleid zu empfinden verkrüppelt. In seinem Innern gab es kein Hell und kein Dunkel mehr, sondern nur noch einen endlosen, grauen Nebel. Seiner Tochter beim Klavierspielen zuzuschauen, erregte in ihm so viel Glück und Vaterstolz wie der Kauf von neuen Socken. Der Verlust von Millionensummen fühlte sich für ihn genauso an wie Tanken, Wäschewaschen oder Quizshow-Gucken. Er war zu einer wandelnden Gleichgültigkeitsmaschine geworden. Und ohne ebenjene Fähigkeit, Werturteile zu fällen und Gutes von Schlechtem zu unterscheiden, hatte er, so intelligent er sein mochte, seine Selbstbeherrschung verloren.3

Das aber warf eine gewaltige Frage auf: Wenn doch seine kognitiven Fähigkeiten (Intelligenz, Gedächtnisleistung, Konzentration) allesamt perfekt in Form waren – warum konnte Elliot dann keine guten Entscheidungen mehr treffen?

Damásio und seine Kollegen standen auf dem Schlauch. Wir alle haben uns schon einmal gewünscht, keine Gefühle zu haben, denn unsere Gefühle verleiten uns oft zu irgendeinem Bockmist, den wir später bereuen. Jahrhundertelang sahen Psychologen und Philosophen die Lösung aller Lebensprobleme in der Dämpfung oder Unterdrückung unserer Gefühle. Und hier war nun ein Mann, dem jegliche Emotion und Mitgefühl abhandengekommen war, dem nur noch Intelligenz und Vernunft blieben – und sein Leben war rasant zu einem einzigen Scheißhaufen verkommen. Sein Fallbeispiel widersprach allem, was man über rationale Entscheidungsfindung und Selbstbeherrschung zu wissen glaubte.

Aber es gab noch eine zweite, ebenso knifflige Frage: Warum ging bei Elliot, der immer noch blitzgescheit war und jedes Problem durchdenken konnte, die Arbeitsleistung derart steil bergab? Warum war seine Produktivität so spektakulär nutzbringend wie eine brennende Mülltone? Warum hatte er seine Familie praktisch sitzengelassen, obwohl er wusste, was für schlimme Folgen das haben würde? Selbst jemand, dem Ehefrau oder Arbeit scheißegal sind, müsste doch verstehen, dass es trotzdem wichtig ist, sich darum zu kümmern, oder? Das kriegen doch sogar Soziopathen mit der Zeit heraus. Warum kapierte Elliot das nicht? Im Ernst, es kann doch nicht so schwer sein, ab und zu am Rand eines Baseballfelds zu erscheinen. Aber irgendwie hatte Elliot mit der Fähigkeit zu fühlen auch die Fähigkeit sich zu entscheiden eingebüßt. Er hatte die Kontrolle über sein Leben verloren.

Wir alle haben schon mal die Erfahrung gemacht zu wissen, was wir tun sollten, und es dann doch nicht zu tun. Wir alle haben wichtige Erledigungen aufgeschoben, die Bedürfnisse anderer ignoriert und gegen unser eigenes Interesse gehandelt. Und wenn wir Pflichten versäumen, schieben wir es meistens darauf, dass wir unsere Gefühle nicht ausreichend im Griff haben, dass es uns an Disziplin oder an Wissen mangelt.

Aber der Fall Elliot untergrub all diese Annahmen. Er untergrub das ganze Konzept der Selbstbeherrschung, also der Vorstellung, wir könnten uns durch Logik zu sinnvollen Handlungen zwingen, auch wenn unsere Triebe und Emotionen dagegen sprechen.

Um überhaupt Hoffnung im Leben zu haben, müssen wir das Gefühl haben, unser Leben steuern zu können. Wir müssen das Gefühl haben, dass wir aktiv Ziele verfolgen, die wir als gut und richtig erachten, dass wir hinter »etwas Besserem« her sind. Aber viele von uns haben Schwierigkeiten mit fehlender Selbstbeherrschung. Elliots Fall führte schließlich dazu, dass man dieses Problem besser verstand. Ein Mann, der arm, vereinsamt und allein war; ein Mann, der Fotos von zerschundenen Leichen und Erdbebentrümmern anstarrte, die durchaus als Metaphern für sein eigenes Leben taugten; ein Mann, der alles verloren hatte, absolut alles, und doch mit einem Lächeln davon berichtete – ein solcher Mann stellte letztendlich unser ganzes Wissen darüber auf den Kopf, wie der menschliche Geist funktioniert, wie wir Entscheidungen treffen, und wie viel Selbstbeherrschung wir überhaupt haben.

Die klassische Annahme

Einst beantwortete der Musiker Tom Waits die Frage nach seinen Trinkgewohnheiten mit einem hingemurmelten Wortspiel: »I’d rather have a bottle in front of me than a frontal lobotomy.« Dabei war er offenbar sturzbesoffen. Und im Fernsehen.4

Eine Lobotomie ist ein hirnchirurgisches Verfahren, bei dem durch die Nase ein Loch in den Schädel gebohrt wird, durch das man den Stirnlappen mit einem Eispickel durchtrennen kann.5 Die Prozedur wurde 1935 von einem Neurologen namens António Egas Moniz erfunden.6 Egas Moniz stellte fest, dass man bei Menschen mit extremen Angststörungen, suizidaler Depression und anderen seelischen Krankheiten (sprich: Hoffnungskrisen) das Hirn nur auf die richtige Weise häckseln musste, und schon waren sie total gechillt.

Egas Moniz glaubte, dass die Lobotomie, sobald sie perfektioniert wäre, alle Geisteskrankheiten heilen könnte, und mit diesem Versprechen pries er sein Verfahren auch an. Ende der 1940er-Jahre war die Methode bereits ein Hit und wurde an Tausenden von Patienten in der ganzen Welt vorgenommen. Egas Moniz bekam für seine Entdeckung sogar einen Nobelpreis.

Aber im Laufe der 1950er-Jahre merkte man langsam – und jetzt wird’s verrückt, Leute –, dass es ein paar ungünstige Nebenwirkungen nach sich zieht, wenn man Menschen ein Loch ins Gesicht bohrt und im Gehirn rumkratzt wie auf einer vereisten Windschutzscheibe. Und mit »ungünstigen Nebenwirkungen« meine ich, dass die Operierten zu Gemüse wurden. Zwar waren sie von ihren extremen emotionalen Problemen »geheilt«, aber der Eingriff raubte ihnen auch jede Fähigkeit, sich zu konzentrieren, Entscheidungen zu fällen, Berufe auszuüben, langfristig zu planen oder sich abstrakt zu reflektieren. Vom Wesen her wurden sie zu geistlosen, zufriedenen Zombies. Sie wurden zu Elliots.

Ausgerechnet die Sowjetunion war das erste Land, das die Lobotomie verbot. Die Sowjets hielten das Verfahren für »menschlichen Prinzipien entgegengesetzt« und erklärten, es verwandle »einen Wahnsinnigen in einen Idioten«.7 Dies rüttelte den Rest der Welt einigermaßen wach, denn wenn dir Josef Stalin eine Moralpredigt halten kann, musst du zugeben, dass du Scheiße gebaut hast.

Nun wurde das Verfahren nach und nach auch im Rest der Welt verboten. In den 60ern war es dann überall in Verruf geraten. Die letzte Lobotomie wurde 1967 in den USA durchgeführt, mit tödlichem Ausgang. Zehn Jahre später lallte der betrunkene Tom Waits im Fernsehen seinen berühmten Ausspruch – und der Rest ist, wie man sagt, Geschichte.

Tom Waits war ein Vollalkoholiker, der während der 1970er-Jahre größtenteils kaum die Augen aufbekam und seine Zigaretten nur mit Mühe wiederfand.8 Nebenbei gelang es ihm, in dieser Ära sieben brillante Alben zu komponieren und aufzunehmen. Er war so hochfliegend wie tiefschürfend, gewann Preise und verkaufte seine gefeierten Schallplatten weltweit millionenfach. Er gehörte zu den seltenen Künstlern, deren Einsichten in das Wesen des Menschseins wirklich verblüffen.

So lustig Waits’ Lobotomie-Witz auch ist, er enthält eine verborgene Wahrheit: Dass der Trinker nämlich lieber von seiner Leidenschaft für die Flasche gebeutelt wird, als gar keine Leidenschaft zu haben; dass er lieber Hoffnung im Bodensatz findet als gar keine; dass wir ohne unsere aufsässigen Impulse nichts sind.

Wir gehen eigentlich schon immer stillschweigend davon aus, dass Gefühle die Ursache unserer Probleme sind, und dass die Vernunft zur Hilfe eilt und den Saustall ausmistet. Diese Denkweise geht bis auf Sokrates zurück, der die Vernunft zur Wurzel aller Tugend erklärte.9 Zu Beginn der Aufklärung fand Descartes, die Vernunft sei etwas von unseren tierischen Trieben Separates, und sie müsse lernen, diese zu beherrschen.10 Kant war ungefähr der gleichen Meinung.11 Freud auch, nur dass bei ihm jede Menge Penisse vorkamen.12 Und als Egar Moniz 1935 seinen ersten Patienten lobotomierte, glaubte er sicherlich, endlich das zu bewerkstelligen, was Philosophen seit mehr als zweitausend Jahren forderten: der Vernunft die Herrschaft über die aufmüpfigen Leidenschaften zu geben und der schlampigen Menschheit endlich zu mehr Selbstbeherrschung zu verhelfen.

Diese Annahme (dass wir unsere Emotionen mittels Vernunft dominieren müssen) hat sich von Jahrhundert zu Jahrhundert fortgepflanzt und prägt noch heute große Teile unserer Kultur. Nennen wir sie die »klassische Annahme«. Die klassische Annahme besagt, dass ein Mensch deshalb undiszipliniert, aufsässig oder bösartig ist, weil es ihm nicht gelingt, seine Gefühle zu unterwerfen, dass er also willensschwach oder schlicht gesagt kacke ist. Die klassische Annahme sieht in Leidenschaft und Emotionalität nur Fehler und Schwächen der menschlichen Seele, die überwunden und behoben werden müssen.

Heutzutage beurteilen wir Menschen üblicherweise nach der klassischen Annahme. Übergewichtige werden verhöhnt und verächtlich gemacht, weil man in ihrem Übergewicht ein Versagen der Selbstbeherrschung sieht. Die wissen doch, dass sie schlank sein müssten, und trotzdem essen sie weiter. Wieso? Mit denen muss doch was nicht stimmen, denken wir. Raucher – die gleiche Chose. Drogenabhängige kommen natürlich ebenfalls in die gleiche Schublade, und erhalten noch dazu das Stigma des Kriminellen.

Depressive und selbstmordgefährdete Menschen fallen auf eine Weise unter die klassische Annahme, dass es schon gefährlich ist. Ihnen wird weisgemacht, sie seien selber schuld daran, dass sie in ihrem Leben keine Hoffnung und keinen Sinn finden, sie müssten sich nur etwas mehr anstrengen, und schon verlöre der Strick an Reiz.

Wir halten es für moralisches Versagen, wenn man sich emotionalen Impulsen hingibt. Fehlende Selbstbeherrschung sehen wir als Zeichen von Charakterschwäche. Umgekehrt feiern wir Menschen, die ihre Emotionen mit Gewalt unterkriegen. Wir bekommen einen kollektiven Steifen beim Anblick von Sportlern, Unternehmern und Politikern, die die Effizienz ins Skrupellose und Roboterhafte getrieben haben. Ein Firmenchef schläft unterm Schreibtisch und trifft sechs Wochen lang seine Kinder nicht – so sieht gottverdammte Hingabe aus! Seht ihr? Jeder kann erfolgreich sein!

Ganz offensichtlich kann die klassische Annahme zu schädlichen, äh, Annahmen führen. Trifft die klassische Annahme zu, dann müssten wir durch reine Geistesanstrengung in der Lage sein, Selbstbeherrschung zu zeigen, emotionale Ausbrüche und Affekttaten zu vermeiden und Suchtverhalten und Völlerei zu unterlassen. Und jegliches Scheitern in dieser Hinsicht müsste auf einen Fehler oder Schaden in unserem Innern schließen lassen.

Aus diesem Grund entwickeln wir oft den Irrglauben, dass wir uns selbst verändern müssten. Denn da wir unsere Ziele nicht erreichen, da wir vom Gewicht her nicht abnehmen oder im Beruf nicht aufsteigen oder mit dem Lernen nicht weiterkommen, müssen wir innerlich irgendwie defekt sein. Um die Hoffnung zu bewahren, beschließen wir also, uns selbst zu ändern und ein neuer und anderer Mensch zu werden. Dieser Wunsch nach Selbstveränderung gibt uns dann wieder neue Hoffnung. Das »alte Ich« konnte das Kettenrauchen nicht lassen, aber das »neue Ich« wird damit fertig. Und alles geht von vorne los.

Das ständige Sehnen nach Selbstveränderung wird dann wiederum zur Sucht: Jede neue Runde im Wettkampf, sich selbst zu verändern, endet mit ähnlichem Scheitern der Selbstbeherrschung und führt wieder zu dem Gefühl, sich erneut selbst verändern zu müssen. Bei jeder Runde tankt man die ersehnte Hoffnung. Währenddessen wird die klassische Annahme, die eigentliche Wurzel des Problems, nie bewusst gemacht oder hinterfragt, geschweige denn aufgegeben.

In den letzten Jahrhunderten ist ein ganzer Industriezweig um das Ideal der Selbstveränderung herum aufgeblüht wie eine schlimme Akne. In dieser Industrie wimmelt es von Schlüsseln zum Glück, Erfolgsgeheimnissen und Wegen zu mehr Selbstbeherrschung. Dennoch bewirkt diese Industrie nichts weiter, als dass sie Menschen in dem Gefühl der Unzulänglichkeit bestärkt.13

In Wirklichkeit ist der menschliche Geist viel komplexer als irgendein »Geheimnis«. Verändern kann man sich nicht so einfach; und man muss es gar nicht unbedingt, behaupte ich.

Wir halten an dem Mythos Selbstbeherrschung fest, weil uns der Glaube daran, dass wir uns völlig im Griff hätten, Hoffnung gibt. Wir möchten glauben, dass wir zur Selbstveränderung einfach nur wissen müssen, was zu ändern sei. Wir möchten glauben, dass zur Tatkraft nichts weiter gehört, als dass man einen Entschluss fasst und ihn dann mit genug Willenskraft umsetzt. Wir möchten uns selbst als Herrscher unseres Schicksals sehen, bereit zu allem, was wir uns nur erträumen.

Deshalb war Damásios Entdeckung im Fall »Elliot« ein solcher Durchbruch: Sie wies nach, dass die klassische Annahme falsch ist. Wenn sie zutreffend wäre, wenn man im Leben nichts weiter lernen müsste, als die Gefühle in den Griff zu kriegen und vernunftbasiert zu entscheiden, dann wäre Elliot gewiss ein unaufhaltsamer knallharter Macher mit unermüdlicher Produktivität und eiserner Entschlossenheit gewesen. Träfe die klassische Annahme zu, dann müssten Lobotomien der letzte Schrei sein. Wir würden auf Stirnlappen-OPs sparen wie auf Nasenkorrekturen und Brustvergrößerungen.

Aber Lobotomien funktionieren nicht, und Elliots Leben ging kaputt.

Tatsächlich ist mehr als Willensanstrengung nötig, um Selbstbeherrschung zu erreichen. Tatsächlich tragen Emotionen zur Entscheidungsfindung und zur Handlungsfähigkeit bei. Allerdings merken wir das nicht immer.

Du hast zwei Gehirne, die ganz schlecht miteinander kommunizieren können

Tun wir mal so, als sei das Bewusstsein ein Auto. Nennen wir es das »Bewusstseinsauto«. Das Bewusstseinsauto fährt also über die Straße des Lebens und stößt auf Kreuzungen, Zufahrten und Abfahrten. Diese Fahrbahnen und Abzweigungen stehen für die Entscheidungen, die du während der Fahrt treffen musst, und sie bestimmen über dein Ziel.

Im Bewusstseinsauto sitzen nun zwei Passagiere: Denkhirn und Fühlhirn.14 Das Denkhirn steht für die bewussten Gedanken, für die Fähigkeit, Berechnungen anzustellen, unterschiedliche Möglichkeiten zu erwägen und Gedanken sprachlich auszudrücken. Das Fühlhirn steht für Emotionen, Impulse, Intuition und Instinkt. Während das Denkhirn ausrechnet, wie und bis wann wir aus dem Dispo rauskommen, möchte das Fühlhirn am liebsten alles verkaufen und nach Tahiti auswandern.

Beide Gehirne haben ihre Stärken und Schwächen. Das Denkhirn ist gewissenhaft, akkurat und unparteiisch. Es ist methodisch und rational, aber auch langsam. Es verlangt viel Mühe und Energie, muss wie ein Muskel nach und nach aufgebaut werden und kann durch Überanstrengung müde werden.15 Das Fühlhirn kommt dagegen schnell und mühelos zu seinen Entschlüssen. Das Problem dabei ist nur, dass es oft ungenau und irrational arbeitet. Das Fühlhirn ist auch eine kleine Drama-Queen und neigt leider zu Übertreibungen.

Wenn wir uns ein Bild von uns selbst und unseren Entscheidungsprozessen machen, gehen wir meist davon aus, dass das Denkhirn unser Bewusstseinsauto steuert, während das Fühlhirn vom Beifahrersitz aus kundtut, wo es hin will. Wir fahren vor uns hin, erledigen Dinge und finden den Weg nach Hause, und da sieht das bekloppte Fühlhirn auf einmal irgendetwas Glitzerndes oder Erotisches oder Lustiges und reißt das Lenkrad in die andere Richtung, sodass wir in den Gegenverkehr trudeln und nicht nur unser Bewusstseinsauto, sondern auch die Fahrzeuge anderer Menschen verbeulen.

Das wäre die klassische Annahme: die Vorstellung, dass die Vernunft letztendlich unser Leben beherrscht, und dass wir den Gefühlen nur beibringen müssen stillzusitzen, die Klappe zu halten und den Erwachsenen am Steuer in Ruhe zu lassen. Für diese Ingewaltnahme und Misshandlung unserer Gefühle klopfen wir uns dann auf die Schulter und gratulieren uns zu unserer Selbstbeherrschung.

Aber so funktioniert das Bewusstseinsauto gar nicht. Als Elliots Tumor entfernt wurde, stieß man das Fühlhirn bei voller Fahrt aus dem Geistesvehikel, und das bekam ihm nicht gut. In Wahrheit geriet sein Bewusstseinsauto dadurch in den Leerlauf. Bei Lobotomieopfern wurde das Fühlhirn gefesselt in den Kofferraum gesteckt, und das machte sie träge und faul und in den meisten Fällen unfähig, aus dem Bett zu kommen oder sich auch nur anzuziehen.

Tom Waits dagegen bestand die meiste Zeit zum größten Teil aus Fühlhirn, und er wurde fürstlich dafür bezahlt, betrunken in Talkshows rumzuhängen. Kann man mal sehen.

Die Wahrheit sieht so aus: Das Fühlhirn lenkt das Bewusstseinsauto. Und mir ist es egal, wie verkopft du zu sein glaubst und wie viele Doktortitel du angesammelt hast – du bist wie wir alle. Du bist ein bekloppter, fühlhirngesteuerter Fleischroboter wie alle anderen.

Das Fühlhirn lenkt dein Bewusstseinsauto, weil wir letzten Endes nur durch Emotion zum Handeln angetrieben werden. Weil nämlich Handeln Emotion ist.16 Emotion ist eine biologische Hydraulik, die den Körper in Bewegung versetzt. Furcht ist keine Zauberei, die im Gehirn entspringt. Nein, sie geschieht im Körper. Sie besteht daraus, dass der Bauch sich zusammenzieht, dass die Muskeln sich anspannen, dass Adrenalin ausgeschüttet wird, dass ein überwältigender Wunsch nach leerem Raum um den Körper herum entsteht. Während das Denkhirn ausschließlich im Arrangement der Synapsen im Schädelinnern existiert, besteht das Fühlhirn aus der Weisheit und Blödheit des ganzen Körpers. Wut treibt den Körper voran. Angst befiehlt ihm den Rückzug. Freude erhellt die Gesichtsmuskeln, während Trauer die körperliche Existenz zu überschatten sucht. Emotion löst Handeln aus, und Handeln löst Emotion aus. Beide sind untrennbar.

Das führt zu der einfachsten und naheliegendsten Antwort auf die uralte Frage, warum wir denn nicht das tun, was wir tun sollten.

Weil wir uns nicht danach fühlen.

Jedes Problem mit Selbstbeherrschung ist kein Informations- oder Disziplin- oder Vernunftproblem, sondern ein emotionales Problem. Selbstbeherrschung ist ein emotionales Problem; Faulheit ist ein emotionales Problem; Prokrastination ist ein emotionales Problem; Misserfolg ist ein emotionales Problem; Impulsivität ist ein emotionales Problem.

Das ist scheiße. Denn emotionale Probleme sind viel schwerer zu lösen als Denkprobleme. Zur Berechnung der monatlichen Ratenzahlungen für den Autokredit gibt es Gleichungen. Zur Beendigung einer schlimmen Beziehung gibt es keine Gleichungen.

Und wie dir inzwischen klar sein müsste, lassen sich deine Verhaltensweisen nicht dadurch ändern, dass du vom Kopf her verstehst, wie sie zu ändern wären. (Glaub mir, ich habe an die zwölf Bücher über Ernährung gelesen und stopfe beim Schreiben dieser Zeilen trotzdem einen Burrito in mich rein.) Wir wissen doch, dass wir mit dem Rauchen aufhören oder weniger Zucker essen oder nicht ständig über andere lästern sollten, aber wir tun es dennoch. Und zwar nicht, weil wir es nicht besser wüssten, sondern weil wir es nicht besser fühlen.

Emotionale Probleme sind unvernünftig, mit Vernunft ist ihnen also nicht beizukommen. Und daraus folgt etwas noch Schlimmeres: Emotionale Probleme können nur emotionale Lösungen haben. Das Fühlhirn hat die Sache in der Hand. Und wenn man bedenkt, wie saumäßig die meisten Fühlhirne Auto fahren, kommt einem das Gruseln.

Während all dieser Vorgänge sitzt das Denkhirn auf dem Beifahrersitz und glaubt, die Lage völlig unter Kontrolle zu haben. Wenn das Fühlhirn unser Fahrer ist, ist das Denkhirn unser Navi. Es hat einen Stapel Straßenkarten von der ganzen Welt, die es im Laufe des Lebens angefertigt und gesammelt hat. Es weiß, wie man zurücksetzt und das gleiche Ziel auf Umwegen erreicht. Es weiß, wo Abzweigungen zu meiden und wo Abkürzungen zu finden sind. Es sieht sich wahrheitsgetreu als intelligentes, rationales Gehirn und glaubt deshalb, ein Anrecht auf die Steuerung des Bewusstseinsautos zu haben. Aber da irrt es sich. Wie Daniel Kahneman es einst ausdrückte, ist das Denkhirn »eine Nebenfigur, die sich für den Protagonisten hält«.17

Auch wenn sie sich manchmal nicht ausstehen können, sind unsere beiden Gehirne aufeinander angewiesen. Das Fühlhirn bringt Emotionen hervor, die uns zum Tun bewegen, und das Denkhirn schlägt vor, worauf dieses Tun zu richten sei. Entscheidend ist hier das Wort vorschlagen. Zwar kann das Denkhirn das Fühlhirn nicht steuern, aber es kann es beeinflussen, manchmal sogar in hohem Maße. Das Denkhirn kann das Fühlhirn davon überzeugen, den Weg in eine bessere Zukunft einzuschlagen, nach einem Irrtum eine 180-Grad-Wende einzuleiten oder neue, bisher unbeachtete Routen oder Ziele anzusteuern. Aber das Fühlhirn ist störrisch, und wenn es irgendwohin fahren will, fährt es dorthin, egal wie viele Fakten und Daten das Denkhirn heranholt. Der Moralpsychologe Jonathan Haidt vergleicht die beiden Gehirne mit einem Elefanten und seinem Reiter: Der Reiter kann den Elefanten sanft in eine bestimmte Richtung lenken und bugsieren, aber letzten Endes latscht der Elefant dahin, wo er hin will.18

Das Clowns-Auto

So wunderbar das Fühlhirn auch ist, es hat auch eine dunkle Seite. Im Bewusstseinsauto ist das Fühlhirn wie ein meckernder Partner, der sich weigert, rechts ranzufahren und nach dem Weg zu fragen. Er hasst es, gesagt zu bekommen, wo es langgeht, und macht dir das Leben zur Hölle, wenn du seine Fahrtüchtigkeit anzweifelst.

Um solchen psychologischen Querelen aus dem Weg zu gehen und die Hoffnung zu bewahren, neigt das Denkhirn dazu, Straßenkarten zu entwerfen, die den Weg, den das Fühlhirn bereits eingeschlagen hat, erklären oder rechtfertigen. Wenn das Fühlhirn Eis essen will, widerspricht ihm das Denkhirn nicht mit Fakten über Industriezucker und Kalorienüberschuss, sondern beschließt: »Weißt du was, ich hab heute viel geschafft, ich hab ein Eis wirklich verdient«, und darauf reagiert das Fühlhirn mit Entspannung und Zufriedenheit. Beschließt das Fühlhirn, dass dein Lebenspartner ein Arschloch ist, und dass du nichts falsch gemacht hast, kramt dein Denkhirn sofort Erinnerungen hervor, bei denen du tatsächlich ein Paradebeispiel an Geduld und Demut abgegeben hast, während dein Partner im Geheimen deinen Ruin ausgeheckt hatte.

Auf diese Weise bauen die beiden Hirne eine ziemlich ungesunde Beziehung auf, die dich womöglich an vergangene Autofahrten mit deinen Eltern erinnert. Das Denkhirn redet irgendeinen Unsinn, den das Fühlhirn gerne hören möchte. Und im Gegenzug verspricht das Fühlhirn, nicht von der Fahrbahn abzukommen und alle umzubringen.

Das Denkhirn tappt unglaublich leicht in die Falle, einfach nur die Straßen auf der Karte einzuzeichnen, denen das Fühlhirn ohnehin folgen will. Diese Denkfalle heißt »selbstwertdienliche Verzerrung« (self-serving bias) und bildet die Grundlage für praktisch alles Widerwärtige, was die Menschheit zu bieten hat.

Üblicherweise wird man durch die selbstwertdienliche Verzerrung voreingenommen und ein bisschen selbstbezogen. Man geht davon aus, dass das, was sich richtig anfühlt, auch richtig ist. Man schüttelt Urteile über Menschen, Orte, Gruppen und Ideen aus dem Ärmel, und viele dieser Urteile sind unfair oder sogar diskriminierend.

Aber in ihrer extremen Form kann die selbstwertdienliche Verzerrung regelrecht wahnhaft werden und dazu führen, dass man an eine Wirklichkeit glaubt, die es gar nicht gibt, dass man Erinnerungen verfälscht und Tatsachen übertreibt – alles im Dienst des unersättlichen Fühlhirns. Ist das Denkhirn schwach und/oder ungebildet, oder ist das Fühlhirn aufgeputscht, dann ergibt sich das Denkhirn den unbeständigen Launen und gefährlichen Lenkmanövern des Fühlhirns. Es verliert die Fähigkeit, eigenständig zu denken und den Fehlschlüssen des Fühlhirns irgendetwas entgegenzusetzen.

So wird aus dem Bewusstseinsauto schließlich ein Auto für Clowns, eins mit großen, roten, federnden Reifen und einem Lautsprecher, aus dem Zirkusmusik dröhnt, wohin man auch fährt.19 Das Bewusstseinsauto wird zum Clowns-Auto, wenn das Denkhirn komplett vor dem Fühlhirn kapituliert, wenn sämtliche Lebensziele von Selbstbefriedigung bestimmt sind, wenn die Wahrheit zu einer Karikatur aus selbstbezogenen Annahmen verbogen ist, wenn alle Grundsätze und Prinzipien in einem Meer aus Nihilismus untergehen.

Das Clowns-Auto steuert unweigerlich auf Sucht, Narzissmus und Zwanghaftigkeit zu. Menschen, deren Bewusstsein ein Clowns-Auto ist, lassen sich leicht von einer Einzelperson oder Gruppe manipulieren, solange sich das gut anfühlt – dazu taugen Geistliche, Politiker, Gurus oder zwielichtige Internetforen. Ein Clowns-Auto überrollt mit seinen riesigen, roten Gummireifen skrupellos andere Bewusstseinsautos (sprich: andere Menschen), da sein Denkhirn einfach behauptet, sie hätten es verdient – sie wären böse, minderwertig oder Teil irgendeines eingebildeten Problems.

Manche Clowns-Autos gurken einfach nur in Richtung Spaß – es geht ihnen nur ums Saufen, Ficken, Feiern. Andere steuern auf die Macht zu. Das sind die gefährlichsten Clowns-Autos, denn ihre Denkhirne tun alles, um die Misshandlung und Unterdrückung anderer mit ausgeklügelten Theorien über Wirtschaft, Politik, Rasse, Genetik, Gender, Biologie, Geschichte und so weiter zu rechtfertigen. Manchmal folgen Clowns-Autos auch der Spur des Hasses, denn Hass bringt seine eigene Befriedigung und Selbstvergewisserung mit sich. Ein solches Bewusstsein neigt zu selbstgerechter Wut, denn ein äußeres Angriffsziel bestärkt es in seiner eigenen moralischen Überlegenheit. Unausweichlich nähert es sich der Zerstörung anderer, weil seine ausufernden inneren Triebe nur durch die Zerstörung und Unterwerfung der Außenwelt befriedigt werden können.

Sitzt jemand erst einmal in einem Clowns-Auto, bekommt man ihn nur schwer heraus. Im Clowns-Auto wird das Denkhirn vom Fühlhirn so lange gegängelt und misshandelt, dass es eine Art Stockholm-Syndrom entwickelt – es kann sich nichts anderes mehr vorstellen, als dem Fühlhirn zu gefallen und ihm recht zu geben. Ihm ist es undenkbar, dem Fühlhirn zu widersprechen oder seine Ziele infrage zu stellen, und es verachtet alle, die ihm Derartiges raten. Im Clowns-Auto gibt es kein freies Denken, keinen Sinn für Widersprüche und keine Bereitschaft zum Ändern von Meinungen und Überzeugungen. In gewissem Sinne hat ein Mensch mit Clowns-Bewusstseinsauto gar keine individuelle Identität mehr.

Aus diesem Grund ermahnen Sektenführer ihre Anhänger immer als Erstes dazu, ihr Denkhirn möglichst auszuschalten. Zuerst fühlt sich das dann großartig an, denn das Denkhirn korrigiert oft das Fühlhirn und weist es auf Irrwege hin. Die Knebelung des Denkhirns fühlt sich daher kurzfristig extrem gut an. Und man verwechselt ein gutes Gefühl gerne mit einem guten Sachverhalt.

Das metaphorische Clowns-Auto hat die Philosophen der Antike zu ihren Warnungen vor Gefühlsduselei und -vergötterung veranlasst.20 Aus Furcht vor dem Clowns-Auto lehrten die Griechen und Römer Tugendhaftigkeit; aus der gleichen Furcht heraus predigte die Kirche später Abstinenz und Selbstverleugnung.21 Sowohl die antiken Philosophen als auch die Kirche hatten die Zerstörung im Sinn, die narzisstische und größenwahnsinnige Machthaber hervorrufen. Und sie alle glaubten, das Fühlhirn sei nur dadurch zu zähmen, dass man es aushungert, dass man ihm möglichst wenig Sauerstoff zugesteht, damit es bloß nicht explodiert und alles in Schutt und Asche legt. Diese Denkweise brachte die klassische Annahme zur Welt: dass man nur dann ein guter Mensch sein könne, wenn das Denkhirn über das Fühlhirn herrscht, die Vernunft über das Gefühl, die Pflicht über die Kür.

Im Laufe ihrer Geschichte war die Menschheit die allermeiste Zeit brutal, abergläubisch und ungebildet. Im Mittelalter quälte man zum Zeitvertreib Katzen und nahm die Kinder mit zum Markt, um dort zuzusehen, wie dem stadtbekannten Einbrecher die Eier abgehackt wurden.22 Die Menschen waren sadistische, impulsive Arschgeigen. Die meiste Zeit über war die Welt kein angenehmer Wohnort, und das lag überwiegend daran, dass überall die Fühlhirne Amok liefen.23 Die klassische Annahme war oft das Einzige, was die Zivilisation von totaler Anarchie trennte.

Dann geriet in den letzten Jahrhunderten etwas in Gang. Man baute Eisenbahnen und Autos und erfand die Zentralheizung und Ähnliches. Die Wirtschaft gedieh so schnell, dass sie die Impulse der Menschen hinter sich ließ. Man brauchte keine Sorge mehr zu haben, dass man nichts zu essen bekam oder wegen Majestätsbeleidigung umgebracht wurde. Das Leben wurde bequemer und einfacher. Bald hatten die Menschen massenweise Freizeit und konnten dasitzen und über existenziellen Kram grübeln, an den sie nie zuvor gedacht hatten.

Infolgedessen kamen im späten 20. Jahrhundert mehrere Bewegungen auf, die das Fühlhirn befürworteten.24 Und die Befreiung des Fühlhirns aus der Unterdrückung durch das Denkhirn wirkte ungeheuer heilsam auf Millionen von Menschen (und tut dies bis heute).

Das Problem war, dass die Menschen damit irgendwann zu weit gingen. Hatten sie zunächst ihre Gefühle wahrnehmen und achten gelernt, gingen sie nun zu dem Glauben über, ihre Gefühle seien das Einzige, was zählt. Das traf besonders auf weiße Yuppies aus der Mittelschicht zu, die nach der klassischen Annahme erzogen waren, unglücklich aufwuchsen und sich dann in fortgeschrittenem Alter mit ihrem Fühlhirn anfreundeten. Da diese Menschen in ihrem Leben nie andere Probleme gehabt hatten, als dass sie sich mies fühlten, kamen sie zu dem Irrglauben, ihre Gefühle seien das einzig Wichtige, und die Karten des Denkhirns würden nervigerweise nur davon ablenken. Viele dieser Menschen nannten das Ausschalten des Denkhirns zugunsten des Fühlhirns »spirituelles Wachstum« und bildeten sich ein, als selbstsüchtige Ekelpakete würden sie der Erleuchtung25 näherkommen, obwohl sie in Wirklichkeit nur dem ollen Fühlhirn frönten. Es war dasselbe alte Clowns-Auto mit neuer, spirituell angehauchter Lackierung.26

Die emotionale Völlerei führt zu einer Hoffnungskrise, aber die Unterdrückung von Emotionen ebenfalls.27

Der Mensch, der das Fühlhirn verleugnet, wird taub gegenüber der Umgebung. Indem er die eigenen Gefühle ablehnt, lehnt er es ab, Werturteile zu fällen – also zu entscheiden, ob das eine besser ist als das andere. Auf diese Weise wird er dem Leben und den Folgen des eigenen Handelns gegenüber gleichgültig. Er kommt nur schwer mit anderen in Kontakt. Seine Beziehungen leiden darunter. Und schließlich führt die chronische Gleichgültigkeit zu einer Begegnung mit der unbequemen Wahrheit. Denn wenn nichts in irgendeiner Form wichtig ist, gibt es keinen Grund, irgendetwas zu tun. Und wenn es keinen Grund gibt, irgendetwas zu tun, warum soll man dann überhaupt leben?

Der Mensch dagegen, der das Denkhirn verleugnet, wird impulsiv und egoistisch und verdreht die Wirklichkeit, bis sie seinen Launen und Vorlieben entspricht, die sich aber nie befriedigen lassen. Seine Hoffnungskrise besteht darin, dass er nie genug kriegt, egal wie viel er auch frisst, säuft, herrscht und vögelt. Es wird nie wichtig genug sein, sich nie bedeutend genug anfühlen. Er rennt auf dem ewigen Hamsterrad der Verzweiflung, ohne je voranzukommen. Und sobald er anhält, holt ihn die unbequeme Wahrheit ein.

Ich weiß, ich dramatisiere schon wieder. Aber das muss ich, Denkhirn. Sonst langweilt sich nämlich das Fühlhirn und klappt das Buch zu. Schon mal überlegt, warum du manche Bücher nicht aus der Hand legen kannst? Nicht du blätterst wie besessen immer weiter, Schwachmat, es ist dein Fühlhirn. Es liegt an geschürten Erwartungen, an der Spannung, an der Freude am Neuen und an der Befriedigung, die eine Auflösung bringt. Gut schreibt nur, wer gleichzeitig beide Hirne anspricht.

Und genau das ist das Schwierige: beide Hirne anzusprechen, beide unsere Hirne zu einem kooperativen, koordinierten Ganzen zu vereinen. Denn wenn Selbstbeherrschung nur eine Illusion ist, dem aufgeblasenen Selbstbild des Denkhirns entsprungen, dann kann uns nur Selbstakzeptanz retten. Wir müssen unsere Gefühle akzeptieren und mit ihnen arbeiten, nicht gegen sie. Aber an dieser Selbstakzeptanz müssen wir noch arbeiten, liebes Denkhirn. Lass uns reden. Wir treffen uns im nächsten Abschnitt.

Offener Brief an das Denkhirn

Hallo, Denkhirn.

Wie läuft’s? Wie geht’s der Familie? Was ist aus der Steuersache geworden?

Moment. Egal. Ich vergaß – interessiert mich ja nicht.

Hör mal, ich weiß, dass das Fühlhirn dir irgendeine Sache vermasselt. Vielleicht ist es eine wichtige Beziehung. Vielleicht macht es mitten in der Nacht peinliche Telefonanrufe. Vielleicht dröhnt es sich ständig mit Substanzen zu, von denen es lieber die Finger lassen sollte. Ich weiß, dass es etwas gibt, dass du gerne in den Griff bekämst, aber du schaffst es nicht. Und vermutlich verlierst du deswegen manchmal die Hoffnung.

Aber pass auf, Denkhirn. Das, was du so sehr am Fühlhirn hasst – die Unersättlichkeit, die Impulsivität, die bescheuerten Entscheidungen? Du musst dafür irgendwie Empathie aufbringen. Denn das ist die einzige Sprache, die das Fühlhirn versteht: Empathie. Das Fühlhirn ist ein sensibles Geschöpf; immerhin besteht es aus deinem ganzen Gefühlskram. Ich wünschte, es wäre anders. Ich wünschte, du könntest ihm einfach eine Excel-Tabelle zeigen, und es würde verstehen – du weißt schon, so verstehen wie wir beide. Aber das geht nicht.

Anstatt das Fühlhirn mit Fakten und Vernunftgründen einzudecken, solltest du es mal fragen, wie es ihm geht. Sag irgendwas wie: »He, Fühlhirn! Wie würde es sich anfühlen, heute trainieren zu gehen?« oder »Wie würde es sich anfühlen, den Beruf zu wechseln?« oder »Wie würde es sich anfühlen, alles zu verkaufen und nach Tahiti auszuwandern?«

Das Fühlhirn gibt keine verbale Antwort. Nein, für Worte ist das Fühlhirn zu schnell. Stattdessen reagiert es mit Gefühlen. Ja, ich weiß, das liegt nahe, aber manchmal bist du echt schwer von Begriff, Denkhirn.

Das Fühlhirn reagiert womöglich mit einem Gefühl von Faulheit oder Angst. Vielleicht gibt es auch mehrere Emotionen, ein bisschen Erregung mit einer Prise Wut dazu. Egal was kommt, als Denkhirn (sprich: als einziger Verantwortungsträger innerhalb dieses Schädels) darfst du aufwallende Gefühle nicht verurteilen. Du fühlst dich träge? Das ist okay, wir fühlen uns alle manchmal träge. Du verspürst Selbsthass? Ist vielleicht eine Aufforderung zur Vertiefung des Gesprächs. Das Fitnessstudio kann warten.

Es ist wichtig, dass das Fühlhirn all seine fiesen, wirren Gefühle rauslassen darf. Lass sie an die Luft, wo sie atmen können, denn je mehr sie atmen, desto weniger krallen sie sich am Lenkrad des Bewusstseinsautos fest.28

Wenn du dann den Eindruck hast, dass eine Verständigung zwischen dir und dem Fühlhirn möglich ist, kannst du es in der Sprache ansprechen, die es versteht: mit Gefühlen. Denk beispielsweise an die positiven Folgen einer gewünschten Verhaltensänderung. Erwähne vielleicht die erregenden, glitzernden, lustigen Dinge, die am gesteckten Ziel warten. Erinnere das Fühlhirn daran, wie gut man sich nach dem Training fühlt, wie herrlich es sich anfühlen wird, nächsten Sommer im Badeanzug gut auszusehen, wie sehr die Selbstachtung beim Erreichen deiner Ziele steigen wird, wie glücklich du sein wirst, wenn du im Einklang mit deinen Werten lebst, wenn du deinen Lieben ein Vorbild sein kannst.

Im Prinzip musst du mit dem Fühlhirn feilschen wie mit einem marokkanischen Teppichhändler – es muss das Gefühl haben, ein gutes Geschäft zu machen, sonst gibt es nur jede Menge Gefuchtel und Geplärr ohne Ergebnis. Vielleicht willigst du ein, etwas zu machen, was dem Fühlhirn gefällt, während es auch etwas macht, was ihm nicht gefällt. Schau deine Lieblingsserie, aber nur im Fitnessstudio auf dem Laufband. Geh mit Freunden einen trinken, aber nur, wenn das Konto ausreichend im Plus ist.29

Fang sachte an. Vergiss nicht, das Fühlhirn ist hochsensibel und äußerst unvernünftig.

Bietest du ihm etwas Leichtes mit emotionalem Mehrwert (beispielsweise das gute Gefühl nach dem Workout; das gute Gefühl, einem sinnvollen Beruf nachzugehen; das gute Gefühl, von den Kindern bewundert und geachtet zu werden), wird das Fühlhirn mit einem Gefühl antworten, entweder positiv oder negativ. Ist das Gefühl positiv, wird das Fühlhirn ein Stück in die gewünschte Richtung fahren – aber nur ein Stück! Denk dran: Gefühle vergehen. Deshalb fängst du am besten klein an. Zieh heute einfach mal die Sportschuhe an, Fühlhirn. Das reicht schon. Mal sehen, was passiert.30

Fällt die Reaktion des Fühlhirns negativ aus, nimmst du das negative Gefühl einfach zur Kenntnis und schlägst einen anderen Kompromiss vor. Dann wartest du, wie das Fühlhirn reagiert. Und noch mal und noch mal.

Aber was immer du auch tust, streite dich nicht mit dem Fühlhirn. Das macht alles nur schlimmer. Erstens wirst du nie gewinnen, niemals. Das Fühlhirn ist immer am Steuer. Und ein Streit mit dem Fühlhirn darüber, dass es sich schlecht fühlt, sorgt zweitens dafür, dass es sich noch schlechter fühlt. Wozu dann das Ganze? Du bist doch eigentlich der Klügere, Denkhirn.

In dieser Weise wird sich der Dialog mit dem Fühlhirn mit Unterbrechungen über Tage, Wochen, ja sogar Monate fortsetzen. Ach was, über Jahre. Die Verständigung zwischen den beiden Hirnen will geübt sein. Manche Menschen müssen üben, die vom Fühlhirn ausgespuckten Emotionen zu erkennen. Das Denkhirn hat unter Umständen das Fühlhirn so lange ignoriert, dass es erst noch lernen muss hinzuhören.

Andere haben das entgegengesetzte Problem: Sie müssen ihrem Denkhirn beibringen, sich zu melden und eigenständige Gedanken (neue Fahrtrichtungen) vorzubringen, die von den Gefühlen des Fühlhirns abweichen. Sie müssen sich fragen: Was, wenn sich mein Fühlhirn mit diesem Gefühl irrt? – und dann Alternativen erwägen. Das ist anfangs schwierig. Aber je mehr der Dialog in Gang kommt, desto mehr hören die beiden Gehirne aufeinander. Das Fühlhirn wird andere Emotionen hervorbringen, und das Denkhirn wird ihm immer besser dabei helfen, sich im Straßennetz des Lebens zurechtzufinden.

In der Psychologie wird dies »Affektregulierung« genannt. Dabei rüstet man den Lebensweg quasi mit Leitplanken und Verkehrsschildern aus, damit das Fühlhirn nicht in die Botanik rast.31 Das ist Schwerarbeit, aber eigentlich das Einzige, was du tun kannst.

Denn du wirst deine Gefühle nicht beherrschen können, Denkhirn. Selbstbeherrschung ist eine Illusion. Sie ist eine Illusion, die dann entsteht, wenn beide Gehirne auf einer Linie sind und am gleichen Strang ziehen. Sie ist eine Illusion, die dem Menschen Hoffnung gibt. Und wenn das Denkhirn nicht mit dem Fühlhirn auf einer Linie ist, fühlt man sich machtlos, und die Welt um einen herum ist ohne Hoffnung. Die Illusion lässt sich nur dadurch verlässlich herstellen, dass man beide Hirne immer wieder miteinander kommunizieren lässt, damit sie sich auf gemeinsame Werte einigen. Das muss man lernen, so wie man Wasserpolo oder das Jonglieren mit Messern lernen muss. Es macht Mühe. Und zwischendurch geht es auch mal schief. Man schlitzt sich den Arm auf, und alles ist voller Blut. Aber da muss man eben durch.

Eine Sache hast du allerdings doch in der Hand, Denkhirn. Du hast zwar keine Selbstbeherrschung, aber dafür die Deutungshoheit. Sie ist deine Superkraft. Sie ist dein Talent. Du darfst die Bedeutung aller Impulse und Gefühle bestimmen. Du darfst sie deuten, wie du es für richtig hältst. Du darfst die Karte zeichnen. Und das gibt dir große Macht, denn die Bedeutung, die du einem Gefühl verleihst, ändert oft die Art, wie das Fühlhirn darauf reagiert.

Und so erzeugst du Hoffnung. So erzeugst du das Gefühl, die Zukunft könnte fruchtbringend und freudig werden: indem du die Scheiße, die dir das Fühlhirn entgegenschleudert, in klarsichtiger und nutzbringender Weise interpretierst. Statt die Impulse zu rechtfertigen und vor ihnen zu katzbuckeln, musst du sie prüfen und analysieren. Ihr Wesen und ihre Form ändern.

Das ist im Prinzip die Wirkungsweise einer guten Therapie. Selbstakzeptanz und emotionale Intelligenz und so. Das Ganze »Das-Denkhirn-muss-sichmit-dem-Fühlhirn-zusammenraufen-statt-es-zu-kritisieren-und-es-ein-bösartiges-Stück-Scheiße-zu-nennen« ist eigentlich die Grundlage der KVT (kognitive Verhaltenstherapie) und der ACT (Akzeptanz- und Commitment-Therapie) und anderer lustiger Abkürzungen, mit denen uns die Psychotherapeuten das Leben erleichtern wollen.

Unsere Hoffnungskrise beginnt meist mit dem Grundgefühl, dass wir uns selbst und unser Schicksal nicht im Griff haben. Wir sehen uns als Opfer unserer Umgebung oder, schlimmer noch, unseres eigenen Bewusstseins. Wir bekämpfen das Fühlhirn, um es endlich unterzukriegen. Oder wir tun das Gegenteil und folgen ihm blind. Im Glauben an die klassische Annahme verachten wir uns und verstecken uns vor der Welt. Und in vielerlei Hinsicht verschlimmert die moderne Welt mit ihrem Wohlstand und ihrer Vernetztheit das Leiden an der Illusion der Selbstbeherrschung nur noch.

Aber dies ist nun deine Mission, Denkhirn, so du sie annimmst: Sprich mit dem Fühlhirn auf Augenhöhe. Schaffe Bedingungen, unter denen das Fühlhirn seine besten Impulse und Intuitionen einbringen kann, und nicht die schlimmsten. Akzeptiere alles, was das Fühlhirn ausspuckt, und arbeite damit, nicht dagegen.

Alles andere (die Kritik, die Theorie, die Selbstverherrlichung) ist Illusion. Es war immer Illusion. Du sitzt nicht am Steuer, Denkhirn. Du hast nie gelenkt und wirst nie lenken. Aber du brauchst die Hoffnung nicht aufzugeben.

António Damásio verarbeitete schließlich seine Erfahrungen mit »Elliot« und viele andere Forschungsergebnisse in einem gefeierten Buch mit dem Titel Descartes’ Irrtum. Darin legt er dar, dass das Fühlhirn seine eigene Art von wertebasiertem Wissen besitzt, so wie das Denkhirn eine logische, faktenbasierte Form des Wissens erzeugt.32 Das Denkhirn stellt Verbindungen zwischen Fakten, Daten und Beobachtungen her. In ähnlicher Weise nutzt das Fühlhirn die gleichen Fakten, Daten und Beobachtungen für Werturteile. Das Fühlhirn bestimmt, was gut und was schlecht ist; was wünschenswert ist und was nicht; vor allem aber, was wir verdienen und was wir nicht verdienen.

Das Denkhirn ist objektiv und sachlich. Das Fühlhirn ist subjektiv und relativ. Und bei aller Mühe gelingt uns nie eine Übersetzung von der einen Wissensart in die andere.33 Das ist das wahre Problem der Hoffnung. Sehr selten verstehen wir vom Kopf her nicht, wie man die Kohlenhydratzufuhr reduziert, wie man früher aufsteht oder mit dem Rauchen aufhört. Aber sehr oft haben wir irgendwo im Fühlhirn entschieden, dass wir all diese Dinge nicht verdienen, dass wir nicht würdig sind, sie zu schaffen. Und deshalb haben wir so ein schlechtes Gewissen.

Dieses Gefühl des Unwürdigseins ist meistens die Folge irgendeiner Scheiße, die wir irgendwann durchgemacht haben. Irgendwas Schlimmes haben wir einst durchlitten, und das Fühlhirn meint, dass wir diese üble Erfahrung verdient haben. Deshalb nimmt es sich vor, dieses Leiden immer wieder neu zu erleben, auch wenn es das Denkhirn besser weiß.

Das ist das Grundproblem der Selbstbeherrschung, das Grundproblem der Hoffnung: nicht ein ungebildetes Denkhirn, sondern ein ungebildetes Fühlhirn, ein Fühlhirn also, das unzutreffende Werturteile über sich und die Welt hegt. Und das ist die Wirkung, die bei jeder Art von seelischer Heilung eintreten muss: dass wir uns über unsere inneren Werte klarwerden und sie dann auch in der Außenwelt vertreten.

Anders ausgedrückt besteht das Problem nicht darin, dass wir einem Faustschlag ins Gesicht nicht auszuweichen wissen. Das Problem besteht darin, dass wir irgendwann einmal, wahrscheinlich vor langer Zeit, einen Schlag ins Gesicht bekommen haben – und anstatt zurückzuschlagen, haben wir entschieden, dass wir ihn verdient haben.